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Full text of "Populäre biologische Vorträge"

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Populäre 
biologische Vorträge 


Von 


Dr. Hans Molisch 


o. ö. Professor und Direktor des pflanzenphysiologischen Institutes an der Universität Wien 


Zweite, durchgesehene und erweiterte Auflage 


Mit 71 Abbildungen im Text 


LIBRARY 
KEW vYoRs 
BOTANICAI 

BARDEN 


Jena 


Verlag von Gustav ‚Fischer 
1922 


LIBKART 
NEW YORK 
BOTANICAL 

GARDEN 


‚Klarheit ist die Höflichkeit derer, welche 
öffentlich reden.“ Arago. 


Vorwort zur ersten Auflage. 


Geeignete Kapitel der Biologie und neu gefundene Tatsachen 
“nicht bloß in wissenschaftlichen Zeitschriften den Fachgenossen mit- 
zuteilen, sondern auch einem größeren, gebildeten Laienpublikum 
in volkstümlicher, allgemeinverständlicher Form vorzutragen, hat 
mich stets mit Befriedigung erfüllt. So habe ich im Laufe der 
letzten zwei Jahrzehnte an verschiedenen Orten zahlreiche populäre 
Vorträge zumeist aus dem Gebiete der Biologie der Pflanze ge- 
halten, von denen ı7 ausgewählt hier in Buchform der Öffentlich- 
keit übergeben werden. 

Ich habe mich hierzu entschlossen, weil die meisten zuerst 
an Orten gedruckt wurden, wo sie nur einem kleinen Kreis von 
Naturfreunden zugänglich waren, und weil einzelne davon ver- 
griffen sind und viele Wünsche nach Sonderabdrücken laut wurden, 
die ich leider nicht. befriedigen konnte. 

Die Vorträge sind alle so gehalten, daß sie jeder gebildete 
Laie ohne weiteres verstehen kann. Vieles, was heute in populären 
Vorträgen geboten wird, ist in Wirklichkeit gar nicht dem Laien 
verständlich, weil es zu viel an speziellen Kenntnissen voraussetzt 
und in allzu gelehrter Sprache vorgebracht wird. Auch liebt man 
es leider, in volkstümlichen Vorlesungen über das Ziel hinauszu- 
schießen, um sensationell zu wirken. Solche Fehler zu vermeiden, 
war ich stets eifrig bemüht — zum Besten der Wahrheit und 
Klarheit. 

Wien, Weihnachten ı919. 
Hans Molisch. 


NOV4- 101 


Eh 


Vorwort zur zweiten Auflage. 


Wenn diese Vorträge, zwei Jahre nach ihrem Erscheinen, 
vergriffen waren, so müssen sie bei einem größeren Leserkreis 
Interesse erweckt haben. Dies gab mir den Mut, der Einladung 
meines Herrn Verlegers, eine Neuauflage vorzubereiten, Folge 
zu leisten. 

Ich war ’in der glücklichen Lage, die Vorträge um zwei 
neue zu vermehren, die vielleicht dem Leser nicht unwillkommen 
sein werden. Der eine bezieht sich auf die letzte botanische 
Arbeit Goethes über die Spiraltendenz und ihren Zusammenhang 
mit einer von Ch. Darwin geäußerten Idee über die kreisende 
Urbewegung in der Pflanze. Der andere Vortrag „das lebende 
Reagens“ beschäftigt sich mit der Verwendung des Lebewesens 
zum Nachweis bestimmter Stoffe. 

Die Zahl der Abbildungen wurde gleichfalls vermehrt, sie 
ist von 63 auf 71 gestiegen. 

Zum Schlusse kann ich es nicht unterlassen, herzlichen Dank 
zu sagen meinen 4 Assistenten, den Herren Doktoren G. Klein, 
A. Limberger, J. Kisser und H. Brunswik, desgleichen meinem 
Herrn Verleger, der keine Mühe und Kosten gescheut hat, 
meinem Buche eine trotz der schweren Zeit vortreffliche Aus- 
stattung zu geben. 


Wien 1922. 
Hans Molisch. 


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- 
° 


. Botanische Paradoxa. 


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on Nun 


19. Das lebende Reagens. 
Autorenverzeichnis 


. Goethe als Naturforscher. 


Das Leuchten der Pflanzen. 


. Ultramikroskop und Botanik. 
. Das Erfrieren der Pflanzen. 

. Über den Ursprung des Lebens. 1911 
. Das Radium und die Pflanze. Se ; 
. Der Naturmensch als Entdecker auf Koniechen Gebiete 
. Der Scheintod der Pflanze. RR : u a 
. Die Verwertung des Abnormen und Pathologischen in em en 


1919 


1921 


Inh 


1899 
. Eine Wanderung durch den javanischen Drbald‘ 


. Reiseerinnerungen aus China und Japan. 


1907 


1909 
1910 


1912 


1914 


. Die Wärmeentwicklung der Pflanze. 


alt. 


1901 


. Warmbad und Pflanzentreiberei. 1909 . 


1917 


1900 . 


. Biologie des atmosphärischen Staubes (Aöroplankton), 1916 


. Über die Herstellung von Photographien in einem Tarot: 
. Über die Kunst, das Leben der Pflanze zu verlängern. 1918 


1913 


1914 


. Goethe, Darwin und die Spiraltendenz im Pflanzenreiche. 1920 


1915 


E 
Goethe als Naturforscher’). 


Als Alexander v. Humboldt die deutsche Übersetzung: seiner 
Ideen zu einer Geographie der Pflanzen nebst einem Naturgemälde 
der Tropenländer an Goethe übersandte, fügte er dem Dedikations- 
exemplare eine von Thorwaldsens kunstgeübter Hand entworfene 
Vignette bei, welche auf die in Goethe vorhandene Vereinigung 
von Dichtkunst, Philosophie und Naturkunde anspielen und an- 
deuten sollte, daß es auch der Poesie gelingen könne, den Schleier 
der Natur aufzuheben. Wenige deutsche Dichter dürfen sich 
rühmen, dieses Talent zu besitzen. Albrecht v. Haller und Adalbert 
v. Chamisso gehörten dazu und in besonderem Grade Goethe. 

Wenn ich es versuchen will, Goethe als Naturforscher in ge- 
drängter Kürze zu schildern, geschieht dies nicht etwa in der Ab- 
sicht, Neues von wesentlicher Bedeutung über Goethe zu bringen, 
denn wer vermöchte dies bei dem großen Weimarer Dichter, der 
schon so oft und so glänzend von so vielen Gesichtspunkten aus 
beleuchtet wurde? Wenn ich über Goethes naturwissenschaftliches 
Talent spreche, so gilt es vornehmlich, den Tribut unserer Ver- 
ehrung in dem Jahre, in dem sich sein Wiegenfest zum ı50. Male 
jährt, zu zollen und die Erinnerung an den außerordentlichen Mann 
rege zu erhalten. 

Eine der hervorragendsten Eigenschaften Goethes ist sein 
Streben nach universeller Bildung. Rastlos arbeitet er sein langes 
Leben lang an seiner harmonischen Ausbildung; wo er darin eine 
Lücke bemerkt, sucht er sie zu beseitigen. IJnd eine solche Lücke 
war iin dem jungen Goethe vorhanden nach der naturwissenschaft- 
lichen Seite hin. Wir verdanken Goethe selbst eine anziehend 


!) Vortrag, gehalten in der Lese- und Redehalle der deutschen Studenten in Prag 
anläßlich der Feier des 150. Wiegenfestes Goethes 1899; zuerst erschienen in der 
Sammlung gemeinnütziger Vorträge, herausgegeben vom Deutschen Vereine zur Ver- 
breitung gemeinnütziger Kenntnisse in Prag, 1900. 

Molisch, Populäre biologische Vorträge. 2. Aufl. 1 


— I} — 


geschriebene Geschichte seiner botanischen Studien und in dieser 
bekennt er offen: „Von dem hingegen, was eigentlich äußere 
Natur heißt, hatte ich keinen Begriff, und von ihren sogenannten 
drei Reichen nicht die geringste Kenntnis.“ Und weiter heißt es: 
„In das tätige Leben jedoch sowohl als in die Sphäre der Wissen- 
schaft trat ich eigentlich zuerst, als der edle Weimarische Kreis 
mich günstig aufnahm; wo außer anderen unschätzbaren Vorteilen 
mich der Gewinn beglückte, Stuben- und Stadtluft mit Land-, 
Wald- und Gartenatmosphäre zu vertaüschen!).“ 

Der Aufenthalt im Thüringer Wald, die Jagd, der Umgang 
mit Forstmännern und Geologen weckten alsbald den schlummern- 
den Sinn für Natur und insonderheit die. Lust zur Botanik. Das 
artenreiche Geschlecht des Enzians beginnt den Dichter zu fesseln, 
Linnes Terminologie begleiten ihn auf seinen Ausflügen und 
Linnes Philosophie der Botanik wird Gegenstand seines täglichen 
Studiums. In Karlsbad bringt der junge pflanzenkundige F. G 
Dietrich ganze Bündel gesammelter Gewächse zu Goethe, noch 
bevor dieser seine Becher heim Brunnen geleert hatte, und nennt 
ihm unter lebhafter Anteilnahme des Kurpublikums die Namen. 

Solche Tätigkeit, die nur aufs Bestimmen und Beschreiben 
hinauslief, konnte Goethe nicht auf die Dauer befriedigen. „Trennen 
und Zählen“ war nicht seine Sache, und die starre Terminologie 
Linnes, welche das Ungleichartigste oft gewaltsam verband, mußte 
unseren Dichter, dem die „Mobilität und Biegsamkeit“ der Gewächse 
allmählich auffiel, bald mit Widerwillen erfüllen. 

Immer mehr sieht er sich gedrängt, dem Grundplan in der 
Architektur der höheren Pflanze nachzuspüren, denn merkwürdiger- 
weise wußte man von diesem zu einer Zeit, da der innere Bau 
der Pflanze beiläufig bekannt war, recht wenig. Die Lehre von 
der äußeren Gestalt der Pflanze, die Morphologie als wissenschaft- 
liche Disziplin, fehlte; sie als einer der ersten mitbegründet zu 
haben, ist das große Verdienst Groethes. 

Wie überall zeigt uns die Pflanze in der Ausbildung ihrer 
Organe eine überaus große Mannigfaltigkeit. An einer einjährigen 
Blütenpflanze unterscheiden wir Wurzel, Stengel, Blätter, Kelch, 

Krone, Staubgefäße und Fruchtknoten. Dem gesunden Blick 


!) Goethes Werke, herausgegeben im Auftrage der Großherzogin Sophie von 
Sachsen-Weimar. II. Abt. 6. Bd. Zur Morphologie. I. T. S. 98. 

Alle in diesem Vortrage nach Goethe zitierten Stellen beziehen sich auf diese 
Ausgabe. 


— 3 _— 


Goethes blieb die innere Verwandtschaft zwischen dem Laubblatt 
und den Blütenteilen nicht lange verborgen, er erkannte, daß Kelch, 
Krone, Staubgefäße und Fruchtknoten metamorphosierte Blatt- 
gebilde sind — eine Auffassung, die sich bis auf den heutigen Tag 
erhalten hat und die auch von dem großen Morphologen Alexander 
Braun im Goetheschen Sinne weiter verwertet wurde. 

Das Grundorgan der Pflanze ist nach Goethe das Blatt mit 
dem damit verbundenen Stengelknoten; dieses ist gewissermaßen 
der Baustein, mit dem die Pflanze operiert und mit dem sie in 
beständiger Verwandlung gleichsam „wie auf einer geistigen Leiter“ 
emporsteigend, ihre Architektur vollendet. Alle diese Veränderungen 
der Blätter, von den Kotyledonen bis hinauf zum Fruchtblatt, 
machen die Metamorphose der Pflanze aus. Auch heute noch 
wird man den Kern der Metamorphosenlehre als richtig aner- 
kennen müssen, wenngleich der Dichter die Wurzel und den Stengel 
als Grundorgan nicht erkannte und beide beiseite liegen ließ, und 
auch über den Grund der fortschreitenden Verwandlung eine un- 
haltbare Ansicht aufstellte. 

Auf dem Wege der Metamorphosenlehre kam Goethe zu dem 
Urblatt und endlich zur Urpflanze, indem er das allen Blüten- 
pflanzen Gemeinsame, also den Bauplan .abstrahiert- Nach Goethe 
ist die Urpflanze ein Modell, „nach dem man Pflanzen ins Unend- 
liche erfinden kann, die alle eine innere Wahrheit besitzen, die 
alle, wenn sie auch nicht existieren, doch existieren könnten.“ 

Die Urpflanze Goethes ist also nichts Reales, sondern, wie 
es Schiller ganz richtig bezeichnete, eine Idee. Als Goethe und 
Schiller im Frühjahre 1794, bis dahin sich noch immer kalt gegen- 
überstehend, nach einem Vortrage des Botanikers Batsch in der 
naturforschenden Gesellschaft zu Jena auf dem Heimweg sich über 
naturwissenschaftliche Dinge unterhielten, setzte Goethe Schillern 
die Metamorphosenlehre auseinander, betrat im Eifer des Zwie- 
gesprächs zum ersten Male Schillers Wohnung und entwarf ihm 
rasch eine symbolische Zeichnung der Urpflanze. „Das sei keine 
Erfahrung, das sei eine Idee,“ bemerkte Schiller, worauf Goethe 
erwiderte, „dann könne er Ideen mit Augen sehen?).“ Seit jenem 
(Grespräche datiert die Freundschaft der beiden größten deutschen 
Dichter, die für das deutsche Volk so herrliche Früchte trug. 

Goethes Urpflanze darf demnach, nicht wie manche glauben, 
als Urpflanze im deszendenztheoretischen Sinne aufgefaßt werden, 


!) Vgl. Goethe-Jahrbuch II, S. 168. 
1* 


eine solche wäre im Bereiche der Blütenpflanzen, an welche sich 
der Dichter bei seinen Studien ausschließlich gehalten hat, nicht 
zu suchen gewesen, denn, wenn es eine solche Urpflanze gibt oder 
gegeben hat, so ist dieselbe aller Wahrscheinlichkeit nach im Be- 
reiche der einzelligen Kryptogamen zu finden. In der Zelle er- 
blicken wir heute den Baustein der Pflanze und im einzelligen 
J.ebewesen sehen wir die Wurzel, aus welcher Pflanzen- und Tier- 
reich entsproß. | 

Nach Goethes Rückkehr aus Italien wurde 1790 seine Meta- 
morphose der Pflanze der Öffentlichkeit übergeben, doch der Er- 
folg, auf den der Verfasser sicher gerechnet hatte, blieb zunächst 
vollends aus. „Aus Italien, dem formenreichen, war ich in das 
gestaltlose Deutschland zurückgewiesen, heiteren Himmel mit einem 
düsteren zu vertauschen; die 'Freunde, statt mich zu trösten und 
wieder an sich zu ziehen, brachten mich zur Verzweiflung!).“ 

Abgesehen davon, daß sein früherer Verleger Göschen die 
Schrift nicht annahm, weil er an ihrem Erfolg zweifelte, fand er 
auch bei seinen Freunden kein Verständnis, hatte ja sogar einer 
seiner römischen Kunstfreunde gemeint, der Verfasser der Meta 
morphose habe die Absicht, den Künstler zu lehren, wie sprossende 
und rankende Blumenverzierungen zu erfinden sind. 

Seinen Freundinnen, die an seiner abstrakten Gärtnerei gleich- 
falls keinen Geschmack finden konnten, kommt Goethe, um sie 
zur Teilnahme zu bewegen, durch die bekannte Elegie entgegen, 
die mit den Versen beginnt: 


„Dich verwirret, Geliebte, die tausendfältige Mischung 
Dieses Blumengewühls über dem Garten umher; 

Viele Namen hörest Du an und immer verdränget 

Mit barbarischem Klang einer den andern im Ohr. 

Alle Gestalten sind ähnlich und keine gleichet der anderen; 
Und so deutet der Chor auf ein geheimes Gesetz, 

Auf ein heiliges Rätsel.“ — — —u— 


Helmholtz?) hat darauf aufmerksam gemacht, daß genial 
veranlagte Personen auf ihre bewundernswerten Leistungen, die 
sie kraft ihres Genies gewissermaßen spielend vollbringen, nicht 
selten weniger Gewicht legen, als auf ihre geringeren, doch mühe- 
volleren. So bemerkte einst Richard Wagner, er schätzte seine 


!) Goethes Werke. ].c. Morphologie I. T. S. 131. 
2) H. v. Helmholtz, Goethes Vorahnungen kommender naturwissenschaftlicher 
Ideen. Deutsche Rundschau. 72. Bd. 1892. S. 118. 


— 5 — 


Verse höher als seine Musik, und Goethe äußerte gegen Ecker- 
mann, er glaube in der Farbenlehre Bedeutenderes geleistet zu 
haben als in seinen Gedichten. Auch mit der Metamorphose hatte 
sich unser Dichter lange abgemüht, um so mehr schmerzte ihn 
daher der anfängliche Mißerfolg. 

Nach und nach jedoch begann der Widerspruch der Fach- 
gelehrten zu verstummen, und die Metamorphose übte schließlich 
einen bedeutenden Einfluß auf die Morphologie — trotzdem 
Goethes Schrift in der epochemachenden „Theoria generationis“ 
Caspar Friedrich Wolffs eine ausgezeichnete Vorläuferin hatte, die 
der Dichter aber erst nach der Veröffentlichung seiner Meta- 
morphose kennen lernte. 

Wie sehr Goethe das Studium der Pflanzengestalt fesselte, 
geht auch aus dem kurz vor seinem Tode geschriebenen Essai 
„Über die Spiraltendenz der Vegetation“ hervor. Angeregt 
durch Don, Lindley, Dutrochet und insbesondere durch einen Vor- 
trag Philipp von Martius’ in München (1827) über die Architek- 
tonik der Blüten, in welchem der berühmte Reisende und Ver- 
fasser der Flora Brasiliensis zeigte, daß die Blütenblätter oft nicht in 
Kreisen, sondern in Spiralen angeordnet sind, bemüht sich Goethe, 
an der Hand zahlreicher Beispiele zu zeigen, daß in der Pflanze 
überhaupt eine Spiraltendenz vorhanden sei. Die spiralige An- 
ordnung der Arum-, Mais- und vieler anderer Früchte um eine 
Mittelsäule, die schraubige Bewegung des Windlings, die Schrauben 
der Ranken der Leidensblume, des Weinstocks, die schrauben- 
förmige Anordnung der Blätter bei Pandanus odoratissimus, die 
Einrollung junger Farnblätter, die Schraubenwindungen eintrock- 
nender Hülsenfrüchte, der weiblichen Blütenstiele von Vallisneria, 
die schraubige Drehung vieler Baumstämme, der Holzfasern, die 
Spiralgefäße, die Bewegungen der Oszillarien — all das führte 
ihn auf die Idee einer Spiraltendenz. Neben dieser sollte auch 
eine Vertikaltendenz herrschen. „Diese ist anzusehen wie ein 
geistiger Stab, welcher das Dasein begründet und solches auf 
lange Zeit zu erhalten fähig ist. Dieses Lebensprinzip manifestiert 
sich in den Längenfasern, die wir als biegsame Fäden zu dem 
mannigfaltigsten Gebrauch benutzen; es ist dasjenige, was bei den 
Bäumen das Holz macht, was die einjährigen, zweijährigen auf- 
recht erhält, ja selbst in rankenden kriechenden Gewächsen die 
‚Ausdehnung von Knoten zu Knoten bewirkt. Sodann haben wir 
die Spiralrichtung zu beobachten, welche sich um jene herum- 


u 


schlingt!).“ An anderer Stelle betrachtet er, da der männliche 
Blütenstiel der Vallisneria gerade bleibt, der weibliche sich aber 
schraubig windet, das vertikalstrebende System als das männliche 
und das spiralstrebende als das weibliche: „So können wir uns 
die ganze Vegetation von der Wurzel auf androgynisch insgeheim 
verbunden vorstellen; worauf dann im Verfolg der Wandlungen 
des Wachstums die beiden Systeme sich im offenbaren Gegensatz 
auseinander sondern, und sich entschieden gegeneinander über- 
stellen, um sich in einem höheren Sinne wieder zu vereinigen?).“ 

Solche Äußerungen beweisen wohl deutlich, daß auch Goethe 
im Banne der Naturphilosophie Hegel-Schellings stand. Befreien 
wir aber Goethes Abhandlung über die Spiraltendenz ihres einem 
nüchternen Naturforscher ungenießbaren Gewandes, so ergibt sich 
auch hier ein gesunder Kern, der wie eine Vorahnung jener Auf- 
schen erregenden Idee erscheint, die 5o Jahre später Darwin in 
seinem „Bewegungsvermögen der Pflanze“ auf breiter induktiver 
Basis auszuführen versuchte. Denn nach des großen Briten An- 
sicht ist die kreisende Bewegung der windenden Pflanzen nicht 
bloß auf diese beschränkt, sondern als eine Urbewegung der 
Pflanze überhaupt eigentümlich. 

Wie die neueren Forschungen auf Grund des Goethe-Archivs 
ergeben haben, trieb Goethe neben Alexander v. Humboldt als 
einer der ersten auch pflanzenphysiologische Studien. Über seine 
Versuche, betreffend die Einwirkung des Lichtes auf das Wachstum 
der Pflanzen, liegen sehr ausführliche und genaue Versuchsproto- 
kolle vor. Keimlinge der verschiedensten Art, zum großen Teile 
solche, die auch in modernen physiologischen Laboratorien zu be- 
liebten Versuchsobjekten gehören, werden im Finstern, in gewöhn- 
lichem Lichte und unter farbigen Gläsern gezogen und die Ein- 
wirkung geprüft. „Das Licht, indem es auf die Farben der Pflanzen 
wirkt, wirkt zugleich auf die Form; die Pflanzen, die im Finstern 
wachsen, entwickeln die Stengelglieder länger als billig; keine 
Seitenzweige werden erzeugt; die Metamorphose der Pflanzen findet 
nicht statt. Das Licht versetzt sie sogleich in tätigen Zustand, die 
Pflanze erscheint grün und der Gang der Metamorphose bis zur 
Begattung geht unaufhaltsam fort?).“ Die ausführlichen Versuchs- 


1) Goethes Werke. I.c. 7. Bd. Morphologie II. T. S. 38. 

2) Goethes Werke. ].c. S. 67. 

3) Zitiert nach F. Cohn, Die Pflanze. Breslau 1896. II. Aufl. III. Goethe als 
Botaniker. S. 106. 


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protokolle lassen Goethe als einen ausdauernden und eine breite 
Basis liebenden Experimentator erkennen, ebenso wie bei seinen 
morphologischen, so erscheint er auch bei seinen physiologischen 
Arbeiten in Hinsicht der Arbeitsweise als ein Vorläufer moderner 
Forscher. 

Doch Goethe blieb bei der Pflanze nicht stehen. Schon 
früher wußte man und nun weiß man nach Aufschließung des 
Goethe-Archivs erst recht, daß unser Dichter nicht bloß dilettantisch 
und oberflächlich, sondern zielbewußt und ungemein intensiv 
Menschen- und Tieranatomie getrieben hat. Seine künstlerischen 
Bestrebungen, die Vorliebe für Zeichnen und Malen und das große 
Interesse für Lavaters Physiognomik, zu welchem Werke er selbst 
Beiträge lieferte, führten ihn zu Anfang der achtziger Jahre zur 
Knochenlehre und zu ernsten Untersuchungen darüber unter An- 
leitung des Jenenser Professors Loder. Zahlreiche von Goethes 
Hand herrührende Skizzen und Zeichnungen geben Zeugnis davon, 
daß er sich bis in die kleinsten Details des Menschen- und Säuge- 
tierskeletts vertieft hat. Noch bevor ihm die Idee der Pflanzen- 
metamorphose aufgegangen war, suchte er auch im Tierkörper 
nach dem einheitlichen Bauplan oder allgemeinen Typus. Auf 
diesem Wege wandelnd, entdeckt er den Zwischenkiefer oder das 
os intermaxillare, jenen zwischen die rechte und linke Hälfte des 
Oberkiefers eingeschobenen Knochen, welcher die Schneidezähne 
der Säugetiere trägt. Bis zur Zeit von Goethes Entdeckung hielt 
man das Fehlen des Zwischenkiefers beim Menschen für den 
einzigen osteologischen Unterschied gegenüber dem Affen. Der 
Mensch hat zwar Schneidezähne, sollte aber trotzdem keinen 
Zwischenkiefer haben. Das wollte unserem Anatomen nicht in den 
Sinn. Überzeugt von dem gemeinsamen Bauplan beim Menschen 
und den Säugetieren, deduziert er den Zwischenknochen auch für 
den Menschen und sucht nun mit geradezu leidenschaftlichem Eifer 
danach. Schädel der verschiedensten Art werden verglichen, von 
Sömmering in Cassel erbittet er einen Elefantenschädel und 
bei der Nachricht, in Braunschweig befände sich ein Elefanten- 
fötus in Spiritus, erwacht das Verlangen, dahin zu fahren, um 
„ihm in’s Maul sehen“. Bezeichnend für Goethes Naturell und für 
seine Freude am Forschen und Finden ist der Ausruf, den er 
nach der Entdeckung an Herder richtet: „Ich habe gefunden — 
weder Gold noch Silber, aber was mir unsägliche Freude bereitet, 
das os intermaxillare am Menschen.“ 


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1785 gelangte das Manuskript, das in jeder Beziehung auch 
strengen modernen Anforderungen genügt, durch Merck an den 
berühmten Anatomen Camper. Doch Beifall und Anerkennung 
blieben zunächst ebenso wie bei der Metamorphose der Pflanze 
aus. Abgesehen von Loder, seinem wissenschaftlichen Beirat, der 
von der Arbeit und von der Präzision der anatomischen Beschreibung 
ganz entzückt ist und allen Ernstes bedauert, daß Goethe leider 
Minister und nicht Professor anatomiae ist, verhielten sich die 
Herrn von der „Gilde“ ablehnend. Camper rühmt zwar das ele- 
gante Manuskript, die wunderbare Handschrift, die Sauberkeit der 
Tafeln, die sorgfältige Untersuchung, kann sich jedoch mit der 
Anwesenheit des Zwischenkiefers nicht einverstanden erklären. 

Indes die Zustimmung sollte zur Freude des gekränkten 
Dichters schließlich nicht ausbleiben, denn als seine Arbeit mit 
den Originalzeichnungen in der Leopoldinischen Akademie ver- 
öffentlicht worden war, stellten sich die meisten Osteologen auf 
seine Seite. 

Schon in den aufgefundenen Materialien zur Zwischenkiefer- , 
arbeit finden sich Hinweise darauf, „daß auch andere Knochen des 
Schädels, so das das innere Gehörorgan umschließende Felsenbein, 
ferner die vor dem Schläfenbeine, an der Basis des Schädels ge- 
legenen Flügelbeine in mehrere Elemente aufgelöst werden 
müßten — wie es die vergleichende Anatomie und Entwickelungs- 
geschichte inzwischen getan hat“!'). 

Doch die Entdeckung des Zwischenkiefers war nur ein 
wichtiges Ergebnis in Goethes groß angelegten Knochenstudien, 
das zweite noch wichtigere war die Begründung der Wirbeltheorie 
des Schädels. Sowie das Gehirn als eine höhere Entfaltung des 
Rückenmarkes angesprochen wird, so erblickt auch unser Forscher 
in der Schädelkapsel die Fortsetzung der Wirbelsäule und in den 
Knochen des Schädels verwandelte Wirbel. „Es entsteht“ sagt 
Goethe, „die Frage, ob man denn wirklich die Schädelknochen 
aus Wirbelknochen ableiten und ihre anfängliche Gestalt, ohnge- 
achtet so großer und entschiedener Veränderungen, noch aner- 
kennen solle und dürfe? Und da bekenne ich denn gerne, daß ich 
seit 30 Jahren von dieser geheimen Verwandtschaft überzeugt bin, 
auch Betrachtungen darüber immer fortgesetzt habe.“ 


ı) K. v. Bardeleben, Goethe als Anatom. Goethe-Jahrbuch XIII. Bd. 1892. 
S. 165—166. 


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Goethe nahm 6 Schädelwirbel an, wovon sich 3 bereits am 
Gesichtsskelett beteiligen. „Mit Sicherheit kann man“, sagt Virchow, 
„nur jene 3 Schädelwirbel aufstellen, welche Goethe, wie es scheint, 
bis 1790 der Hauptsache nach erkannt hatte; sehr zweifelhaft ist 
es schon, ob man noch einen vierten, rudimentären Wirbel zulassen 
darf, der in die Nasenbildung mit eingeht“). 

Wie Goethe selbst in einem Brief vom 4. Mai 1790 an Herders 
Gattin aus Venedig schreibt, kam er auf die Idee der Schädel- 
theorie, als ihm auf einem Friedhofe sein Diener einen Schafs- 
schädel vorwies. Der Dichter behielt jedoch vorläufig den Gedanken 
bei sich und sprach höchstens mit vertrauten Freunden davon. Es 
mußte ihm daher ungelegen kommen, als 1807 der berühmte 
Naturforscher Oken bei der Übernahme seiner Jenaer Professur 
die Wirbeltheorie des Schädels verkündete — in vielen Punkten 
über das Ziel hinausschießend und sich durchaus nicht in jener 
maßvollen Weise äußerte, wie dies später Goethe tat. Beiden 
Forschern gebührt jedoch das Verdienst, ganz unabhängig von- 
einander auf den Gedanken der Wirbeltheorie des Schädels ge- 
kommen zu sein, der in der Folgezeit in der vielumstrittenen 
Lehre vom Kopfskelett so anregend und fruchtbringend ge- 
wirkt hat. 


Das große Interesse für Natur und die reiche Veranlagung 
seines Geistes brachten Goethe nicht bloß mit den organischen 
Naturwissenschaften in Berührung, sondern leiteten ihn auch zur 
Meterologie, Mineralogie, Geologie und endlich auf rein physi- 
kalisches Gebiet, auf die Farbenlehre. Nicht weniger als drei 
stattliche Bände füllen seine Untersuchungen und Erwägungen 
über die drei zuerst genannten Wissenszweige und einen noch 
größeren Umfang nehmen seine Farbenstudien ein. Auf keines 
von seinen naturwissenschaftlichen Werken verwendete er so viel 
Mühe und Eifer, wie gerade auf die Farbenlehre. Er schreibt ihre 
Geschichte mit rühmenswerter Gründlichkeit, er beweist darin eine 
außerordentliche Belesenheit, er ist unerschöpflich in der Anstel- 
lung von Versuchen, deren Richtigkeit niemand bestreitet, wenn 
auch ihrer Interpretation eine falsche Theorie zugrunde liegt. Be- 
kanntlich hat Newton bewiesen, daß das weiße Sonnenlicht sich 
aus unzähligen Strahlen von ungleicher Brechbarkeit zusammen- 


Dr Viirchow, Rs Goethe als Naturforscher und in besonderer Beziehung auf 
Schiller. Berlin 1861. S. 104. 


setzt, welche zusammen die Empfindung von Weiß hervorrufen, 
hingegen einzeln für sich die Empfindung der Spektralfarben be- 
dingen. Von der Richtigkeit dieser Newtonschen Lehre war Goethe 
bis an sein Lebensende nicht zu überzeugen, er stellte Hunderte 
von optischen Versuchen an, um sie zu widerlegen, ja er tritt so- 
gar aus seiner gewohnten olympischen Ruhe heraus, um den großen 
britischen Forscher und seine Anhänger mit ätzender Schärfe zu 
verhöhnen. Newtons Farbenlehre zu vernichten, wird ihm sozu- 
sagen zur Lebensaufgabe. £ 
„Möget ihr das Licht zerstückeln, 
Farb’ um Farbe d’raus entwickeln, 
Oder andere Schwänke führen, 
Kügelchen polarisieren, 
Daß der Höhrer ganz erschrocken 
Fühlet Sinn und Sinne stocken. 
Nein! Es soll euch nicht gelingen, 
Sollt uns nicht beiseite bringen, 
Kräftig wie wir’s angefangen, 
Wollen wir zum Ziel gelangen !).“ 

Goethe geht in seiner Farbenlehre von seinem Urphänomen 
aus: Jedes trübe, d. h. schwach beleuchtete Medium erscheint vor 
dunkel blau, vor hell dagegen gelb bis rot. 

So erscheint Wasser in einem Trog, mit etwas Milch oder 
Mastix versetzt, vor einem dunkeln Hintergrund gesehen blau, vor 
einem hellen gelb. 

Ein Blick um Mitternacht gegen den klaren Zenith zeigt den 
schwarzen Himmelsraum, bei Tage das Himmelsblau. Ein Blick 
gegen die untergehende Sonne läßt uns dieselbe gelb bis rot er- 
scheinen. Auch hier haben wir Goethes Urphänomen vor uns; 
die trübe Atmosphäre erscheint vor dem dunkeln Weltenraum blau, 
vor der hellen Sonne gelbrot. 

Goethe kennt daher nur zwei einfache Farben: Gelb, d. h. 
Licht durch ein trübes Medium gesehen, und Blau, d.h. Dunkel- 
heit durch ein trübes erleuchtetes Medium gesehen. 

Die anderen Farben erklärt er aus seinem Prinzip der 
„Steigerung“. Durch Abschwächung des Hellen erhält man Gelb- 
(relbrot-Rot, durch geringe Aufhellung des Dunkeln entsteht 
Violett statt Blau. Rot und Violett sind nur Steigerungen von 
(relb und Blau nach dem Dunkeln hin. 


l) Goethes Werke. 1.c. II. Abt. 5. Bd. Chromätik, Zur Farbenlehre. S. 228. 


Demnach wären die Farben nur etwas „Schattiges“ oder cine 
Vermischung von weißem Licht und Dunkel. Allein schon 
Johannes Müller, der große Physiologe, hat darauf aufmerksam 
gemacht, daß die gegebene Erklärung schon deshalb nicht be- 
friedigen könne, weil weder der Schatten noch das Dunkel etwas 
Positives ist. 

In der Frage nach der Entstehung der prismatischen Farben 
hat Goethe entschieden geirrt, es hieße jedoch weit über das Ziel 
hinausschießen, wollte man, wie dies häufig geschah, all seine 
Untersuchungen über die Farbenlehre als belanglos hinstellen, 
denn kein Geringerer als Johannes Müller bemerkte, daß 
Goethes Bemühungen in Hinsicht der physiologischen Farben, der 
moralischen Wirkungen der Farben und der Geschichte der Farben- 
lehre von großer Bedeutung waren. 


Die heutige Naturforschung steht im Zeichen der Speziali- 
sierung. Fast jeder Forscher erwählt ein abgegrenztes relativ 
enges Gebiet, um es nach seinen Kräften zu bearbeiten. So gleicht 
das naturwissenschaftliche Feld einem großen, weit verzweigten 
Stromsystem, in dem die einzelnen Nebenflüsse, Bäche und Quellen 
die Spezialgebiete darstellen, deren Ergebnisse wieder dem Haupt- 
strom zugute kommen. Zu Goethes Zeiten war dies noch nicht 
in dem Maße der Fall. Goethe war kein Spezialist, sondern, wenn 
auch nicht in dem Grade wie Alexander v. Humboldt, ein 
Polyhistor. 


Bedenken wir nur, daß er auf dem Gebiete der Botanik und 
Zoologie als Morpholog und vergleichender Anatom tätig war, 
daß er fast mit Leidenschaft Physik betrieb, seiner umfangreichen 
Studien über Mineralogie, Geologie und Meteorologie gar nicht 
zu gedenken. Wer könnte es ihm da verargen, daß er — der 
unübertroffene Dichter, Beamte und Minister bei Verteilung seiner 
geistigen Kräfte auf ein so weites Feld der Naturwissenschaften 
auf dem Gebiet der Farbenlehre geirtt? Hat denn Newton, 
der auf dem Boden mathematisch-naturwissenschaftlicher Forschung 
uns wie ein Heros erscheint, nicht auch gefehlt? Hat er nicht, 
sich übereilend, die Achromasie geleugnet, nicht über die Wesen- 
heit des Lichtes falsche Vorstellungen entwickelt? 

(roethe gehört zu den vielseitigsten Naturforschern seiner Zeit, 


ein Umstand, der um so höher anzuschlagen ist, weil durch alle 
seine Arbeit ein großer gedankenreicher Zug geht. 


Er zielt nicht bloß auf Einzelbeobachtungen und begnügt 
sich nicht mit der Feststellung der Tatsache — nein, immer drängt 
es ihn, in der Vielheit die Einheit zu finden, daher das Suchen 
nach der Urpflanze, dem Urtier, dem gemeinsamen Typus und 
dem Urphänomen. 

Wer die Geschichte der Naturwissenschaften verfolgt, wer 
weiß, wie und auf welchen Wegen der Schleier der Natur ge- 
hoben wird, um ihr ein Geheimnis abzulauschen, der wird zuge- 
stehen müssen, daß die Phantasie hierbei keine geringe Rolle 
spiel. Wenn der Physiker darauf sinnt, Mittel und Wege zu 
finden, um den Durchmesser eines unsichtbaren Luftmoleküls zu 
bestimmen; wenn der Chemiker die Lagerung der Atome im 
Molekül einer Verbindung erforscht; wenn der Pflanzenphysiologe 
sich ein Bild darüber macht, wie es kommt, daß das von der 
Wurzel aufgenommene Wasser bis zu den Gipfeln turmhoher 
Bäume emporgehoben wird; wenn der Phylogenetiker aus der 
Fülle bestehender und untergegangener Formen sich den Stamm- 
baum einer Tier- oder Pflanzenreihe konstruiert — so spielt die 
Einbildungskraft hierbei, zumal wenn sie sich von gewagten 
Spekulationen fernhält und den Boden der Tatsachen nicht verläßt, 
sicherlich eine beachtenswerte fördernde Rolle. 

Bei der Lektüre Goethescher naturwissenschaftlicher Schriften 
drängte sich mir zu wiederholten Malen der Gedanke auf, daß 
die Phantasie, die dem Dichter und Künstler Goethe in so hohem 
Grade verliehen war wie selten einem anderen Menschen, den 
Charakter seiner Arbeiten, ihre Vorzüge und mitunter ihre Schatten- 
seiten bestimmte und ihn unter anderem zu der großen starke 
Phantasie erfordernden Aufgabe befähigte, aus der unendlichen 
Formenfülle blühender Pflanzen den gemeinsamen Bauplan und 
aus dem Knochenbau der höheren Tiere und des Menschen den 
einheitlichen Typus zu abstrahieren. ß 

Damit soll selbstverständlich nicht gesagt sein, daß der 
Dichter auf seine Entdeckungen gewissermaßen spielend, mühelos 
und einer momentanen Inspiration folgend kam, denn er erzählt 
uns selbst, wie er einen großen Teil seines Lebens „mit Neigung 
und Leidenschaft auf Naturstudien“ verwendete, und seine Schriften 
geben Zeugnis davon, wie sorgfältig er Beobachtung um Beob- 
achtung sammelt und auf wie breiter induktiver Basis er zu seinen 
Schlüssen gelangt. Nicht eine flüchtige Umschau, nicht ein bloßes 
Tasten, nicht ein momentanes Interesse führten ihn zu seinen Ent- 


.— 13 EN 


deckungen, sondern eine mühevolle durch Dezennien fortgesetzte, 
echt naturwissenschaftliche Arbeit. 

Ihm, der menschliches Empfinden und Denken wie selten 
‘einer in das herrliche Gewand unserer Sprache zu kleiden wußte, 
ihm, dem die deutsche Dichtkunst und Weltliteratur die herrlichsten 
Blüten verdankt, ihm verdankt auch die Naturforschung herrliche 
Gaben, und daher gilt der Lorbeer, der das olympische Haupt 
des unvergleichlichen Mannes schmückt, nicht bloß dem Dichter, 
sondern auch dem Naturforscher. 


11. 


Eine Wanderung durch den javanischen 
Urwald’). 


Im Winter 1897/98 hatte ich das Glück, auf einem der 
schönsten Punkte der Erde, auf der Perle der Sundainseln, auf 
Java zu weilen. Etwa ı!/, Eisenbahnstunden von Batavia entfernt 
befindet sich Buitenzorg, die „Stadt ohne Sorgen“. In der Nähe 
der vom Urwald bedeckten Vulkane Salak und Gede gelegen, 
mitten in einer der fruchtbarsten tropischen Landschaften, von 
Natur aus mit einem gesunden Klima bedacht, zieht diese Stadt 
jeden Besucher Javas an, insbesondere aber den Botaniker, denn 
hier haben die Holländer einen botanischen Garten geschaffen, 
der, aus kleinen Anfängen (1817) im Laufe der verflossenen letzten 
82 Jahre sich nach und nach zu dem großartigsten tropischen 
Garten der Welt entwickelt hat. Ich spreche von einem botani- 
schen Garten, aber diese Bezeichnung erscheint heute bei genauerer 
Betrachtung nicht mehr richtig, denn er ist mehr als das. Ich will 
nur daran erinnern, daß sich im Garten mehrere Laboratorien vor- 
finden: eines für Kaffeekultur, ein zweites für Tabak, ein drittes 
für landwirtschaftlich-zoologische Untersuchungen, ein viertes für 
das Studium javanischer Forstgewächse, ein fünftes für Pharma- 
kologie und ein sechstes für fremde Gelehrte. Daran reihen sich 
ein botanisches Museum mit Sammlungen und großem Herbarium, 
ein photographisches Atelier mit den für Zinkographie und Auto- 
typie nötigen Apparaten, ein agrikulturchemisches Laboratorium 
mit einem Kulturgarten für tropische Nutzpflanzen und endlich ein 
in einer Höhe von etwa 1400 m vorhandener, aus Urwald be- 
stehender Gebirgsgarten, von dem noch später die Rede sein wird. 


!) Vortrag, gehalten im Vereine „Lotos“ in Prag, 1899; zuerst erschienen in der 
Sammlung gemeinnütziger Vorträge, herausgegeben vom Deutschen Vereine zur Ver- 
breitung gemeinnütziger Kenntnisse in Prag, 1900. 


In den angeführten Laboratorien und Abteilungen, in welchen 
ungefähr 27 Europäer von namhaftem Ruf beschäftigt sind, wird 
gearbeitet und geforscht, genau so wie dies in europäischen Hoch- 
schullaboratorien der Fall ist. Das botanische Landesinstitut „s’Lands- 
Plantentuin“ zu Buitenzorg, durch die Bemühungen seiner früheren 
Leiter, insbesondere aber durch die unermüdliche Tätigkeit und 
glänzende Leitung seines damaligen Direktors Dr. M. Treub 
in ungeahntem Aufschwung begriffen, umfaßt demnach nicht bloß 
einen botanischen Garten, sondern stellt bis zu einem gewissen 
Grade eine Art naturwissenschaftliche philosophische Fakultät einer 
Universität dar, jedoch ohne Schüler und Vorlesungen. 

Lange schon sehnte ich mich, die Tropen zu schauen, und 
nun brachte mich ein gütiges Geschick gerade nach dem botanischen 
Paradiese von Buitenzorg, wo ich vorzugsweise pflanzenphysio- 
logische Untersuchungen trieb, und von wo ich in die nahe und 
ferne Umgebung eine Reihe unvergeßlicher Ausflüge machte. 
Unter diesen Exkursionen blieb mir eine, die dem heute noch 
tätigen, etwa 3000 m sich erhebenden Vulkan Gede und seinen 
Urwäldern galt, in besonders lebendiger Erinnerung. Diese will 
ich schildern. 

Am 7. Januar ı898 bestieg ich bei Tagesanbruch um 6 Uhr 
in (Gresellschaft des Direktor Treub eine kleine javanische 
Kutsche. Vor uns am Kutschbocke saß, die Zügel führend, ein 
kräftiger Chinese. Wir fuhren zunächst durch den botanischen 
Grarten, wo die tropische Vegetation von ausgiebigem Tau bedeckt 
im Glanze der Morgensonne unsere Blicke anzog. Sobald wir den 
Garten verließen, gelangten wir in das chinesische Viertel von 
Buitenzorg. Auf der Straße fallen in bestimmten Abständen blatt- 
arme Wollbäume (Eriodendron) auf, die als Telegraphenstangen . 
dienen. Chinesen stehen vor ihren niedrigen Häusern und Läden, 
Kulis (Taglöhner) eilen geschäftig hin und her, und aus den Ver- 
kaufsläden dringen, wie dies in chinesischen Ansiedlungen immer 
der Fall ist, Gerüche verschiedener, meist unangenehmer Art, 
besonders der von trockenen Fischen, dem Reisenden entgegen. 
Nun ging es auf der Landstraße an ausgedehnten Kaffee-, Tee-, 
Reis- und Manihotplantagen vorbei, in raschem Tempo vorwärts. 
Wo solche Plantagen fehlten, zeigten sich kleine Kokoswäldchen 
oder Gärtchen, in denen die kleinen, aus Bambusstämmen und 
Palmenblättern gebauten Hütten der Eingeborenen standen. Die 
Straße war ungemein belebt. Man begegnet fast fortwährend 


ee 


Malayen, die ihre Waren, zumeist Obst und Gremüse, mittels eines 
horizontal auf den Schultern liegenden Bambusstockes gewöhnlich 
in raschem Schritte der Stadt zu tragen. 

So oft ich auf Java Spaziergänge oder Ausflüge machte, fiel 
mir überall die große Zahl von Menschen auf den Straßen auf. 
Man darf eben nicht vergessen, daß Java dank der ausgezeichneten 
Verwaltung der holländischen Regierung zu den bevölkertsten 
Gebieten der Erde gehört. Am Beginn dieses Jahrhunderts hatte 
Java etwa 3 Millionen und nun zählt es bereits 25 Millionen Menschen, 
ein deutlicher Beweis, welch raschen Aufschwung die Insel in den 
letzten go Jahren genommen hat. 

Die Straße begann sich mehr und mehr zu erheben und, 
nachdem wir eine kleine Ruhepause bei einem in der Nähe einer 
Chinabaumplantage befindlichen Gasthause gemacht und die Pferde 
gewechselt, fuhren wir vierspännig bis zum Passe Puntjak hinauf, 
womit wir eine Höhe von ungefähr ı5oo m erreichten. Von hier 
führt zur Linken ein schmaler Steg durch ein mäßig ausgedehntes 
Urwäldchen zu einem kleinen, vor einem mächtigen Felsabhange 
liegenden See, an dem noch vor 30 Jahren das Nashorn regel- 
mäßig zur Tränke erschien. Von der Paßhöhe brachte uns die 
Kutsche auf steil abfallender Straße bald nach Sindanglaja (1085 m), 
einem reizend gelegenen Ort, der wegen seiner beträchtlichen Höhe 
und der kühleren Temperatur besonders Malariakranken zum Aufent- 
halte und zur Erholung dient. 

In dieser höchst behaglichen „Sommerfrische“ beschlossen wir 
zu übernachten. Derjenige, welcher die Tropen nicht kennt, wird 
vielleicht der Meinung sein, daß es mit der Unterkunft und dem 
Leben in einem javanischen Hotel ziemlich mißlich bestellt sein 
. dürfte. Gerade das Gegenteil. Kaum hielten wir vor dem Hotel, 
traten malayische Diener an den Wagen heran, um das Gepäck 
in Empfang zu nehmen und uns unsere Zimmer anzuweisen. Diese 
liegen, wie in fast allen javanischen Hotels ebenerdig, sind außer- 
ordentlich rein gehalten, weisen ein gutes Bett mit Mosquitonetz 
und ein auch höheren Ansprüchen genügendes Mobiliar auf. Hat 
man sich nach holländischer Weise durch ein Duschbad erfrischt — 
man gießt einige Kübel voll Wasser über Kopf und Körper: — 
so macht man sich’s hierauf im Lehnstuhl auf der Veranda, wo 
man gewöhnlich seine Mußestunden zubringt, bequem. Die Bedie- 
nung ist wegen der zahlreichen Diener besser als in Europa, die 
„Reistafel“ billig und gut. 


Den nächsten Morgen ritten wir auf kleinen, aber ausdauernden 
javanischen Pferden, von einigen Dienern begleitet, auf mäßig 
steilem Pfade durch die Ansiedelung der Eingeborenen unserem 
nächsten Ziele zu, nach dem am Abhange des Ged& gelegenen 
Tjibodas (Weißenbach). Hier hat die holländische Regierung am 
Rande eines großartigen Urwaldes eine Station für wissenschaft- 
liche Forschungen eingerichtet, wie sie in so bedeutender Höhe 
(1425 m) in den Tropen an keinem Punkte der Erde existiert. Die 
Station umfaßt ein geräumiges Laboratorium, ausgerüstet mit 4 
Arbeitsplätzen zum Mikroskopieren, mit den wichtigsten Glasge- 
räten, mit einem Wohn-, Speise-, 4 Schlaf- und einem kleinen Biblio- 
thekszimmer. In unmittelbarer Nähe davon befindet sich das 
Häuschen des Grärtners, der die angrenzenden Gartenanlagen und 
den hauptsächlich forstlichen Zwecken dienenden Urwaldgebirgs- 
garten beaufsichtigt, woran sich gleich die Hütten der inländischen 
(rartenarbeiter anschließen. Eine derartige Forschungsstätte am 
Rande des tropischen Urwaldes, in einer Höhe, die etwa dem 
Gipfel des Sonnwendsteins im Semmeringgebiete entspricht, ver- 
sehen mit den Mitteln zu botanisch-wissenschaftlicher Arbeit, — 
wo wäre dergleichen noch zu finden? 

Seit langer Zeit empfand ich hier wieder eine angenehme, an 
Europa mahnende Temperatur. Während unten in Buitenzorg die 
Schattemperatur abends und morgens das ganze Jahr hindurch 
etwa 24° C beträgt, zeigte das Thermometer hier in Tjibodas abends 
17°— 18°, morgens ı5—16° C. Ich fand es zeitlich früh beinahe 
kühl und nachts leistete mir mein Wintermantel als Decke gute 

Dienste. 

| Nie werde ich den Eindruck vergessen, den ich jedesmal von 
neuem erhielt, wenn ich aus dem Hause tretend meine Schritte in 
den gleich unmittelbar daran gelegenen Urwald lenkte und hier 
die Wunder tropischer Vegetation schaute. Eine Wanderung durch 
den Urwald bietet so viel des Interessanten, des Belehrenden nd 
des (renusses, daß ich den Leser einladen möchte, mir auf einem 
solchen Ausflug, der uns bis zum Gipfel des Vulkans Gede führen 
soll, zu folgen. 

Begleitet von dem Malayen Sapihin, der in der Umgebung 
des Laboratoriums die Wege des Waldes in Ordnung zu halten 
hatte, und von 3 anderen Eingeborenen, welche den Proviant, 
meine Ausrüstung und die gesammelten Pflanzenobjekte zu tragen 


hatten, brach ich am ı2. Januar ı898 bei Morgengrauen auf. 
Molisch, Populäre biologische Vorträge. 2. Aufl. 


MEER, 18 m 


Jeder — gleichgültig ob Laie oder Naturforscher — wird, 
wenn er zum ersten Male den feuchtwarmen Tropenwald betritt, 
überrascht sein von der großen Individuen- und Artenzahl von 
Pflanzen und von der außerordentlichen Üppigkeit des Pflanzen- 
wuchses. Hier, wo drei das Pflanzenwachstum in hervorragender 
Weise fördernde Faktoren zusammentreffen, Wärme, Feuchtigkeit 
und nahrhafter Boden, wuchert die Pflanze in zügelloser 
Freiheit, auch ist ihre Assimilationstätigkeit durch keinen Winter 
unterbrochen, sondern zumeist das ganze Jahr im Gange. Eine der 
charakteristischsten Eigentümlichkeiten des einheimischen Waldes 
liegt darin, daß man in ihm nach allen Seiten einen weiten 
Einblick gewinnt, weil sich im Hochwalde dem Auge nur 
die ziemlich weit auseinander stehenden Stämme entgegenstellen 
und der Blick unterhalb der Kronen wenig gehemmt erscheint. 
Ganz anders im tropischen Urwald. Es ist, als ob derselbe 
eineScheu vor dem Leeren hätte und bestrebt wäre, 
jedeLückeauszufüllen. Eine Unmasse krautartiger Pflanzen: 
Moose, Farne, Begonien, Tradescantien, Springkraut, Piper, Lobelia, 
Elettaria, Hedychium, Curculigo, Pilea, Polygonum, Nertera, Sanicula 
und Pflanzen vieler anderer Gattungen bedecken den Boden!). Dar- 
über erheben sich Musa-Arten, zierliche Baunfarne, einzelne niedrige 
Palmen, rankende und klimmende Sprosse verschiedener Kletter- 
pflanzen (Lianen), die in Form von Seilen, Tauen und Strängen 
gleich Guirlanden den Wald durchflechten, zahlreiche Sträucher 
und einen Wald über dem Walde bildend, höhere Bäume, Eichen, 
Kastanien, Ahorn, Podocarpus, zwischen deren Kronen endlich 
als höchste Spitzen des Urwaldes die berühmten Rasamalahbäume 
(Altingia excelsa), die höchsten Bäume Javas, bis zu der bedeu- 
tenden Höhe von 30 m emporragen. 

Staunend blickte ich zum ersten Male zu diesen mächtigen 
Baumriesen, empor von deren Zweigen der Baumbart (Usnea) 
reichlich herabhängt, und doch erschienen mir diese Bäume relativ 
klein, als ich einige Zeit später in Kalifornien die größten Baum- 
riesen der Pflanzenwelt, die weltberühmten Mammuthbäume (Sequoia 
gigantea u. S. sempervirens) die manchmal ein mehrtausendjähriges 
Alter und einen kolossalen Stammumfang von 35 m und eine 
Höhe bis ı44 m erreichen können, sah. 


!) Dazwischen traf ich einen alten Bekannten, das Franzosenkraut Galinsoga 
parviflora, das, ursprünglich in Peru einheimisch, seinen Weg nach Europa genommen 
und, wie ich mich überzeugte, seinen Einzug auch in den javanischen Urwald gehalten hat. 


Dieses Urwalddickicht wird noch bedeutend vermehrt, indem 
auf Baum und Strauch sich eine Unmasse von sogenannten Über- 
pflanzen (Epiphyten) ansiedeln, die die Stämme und Äste fast völlig 
überwuchern. Nicht selten findet man im Urwald gestürzte Baum- 
riesen quer über einen Bach oder über den Weg liegen und da hat 
man die beste Gelegenheit, sich von der Reichhaltigkeit der die 
Physiognomie des Urwaldes in so hohem Grade bestimmenden Über- 
pflanzen zu überzeugen. . 

Noch eine andere hervorstechende Eigentümlichkeit weist der 
tropische Urwald auf. Unser heimischer Wald setzt sich 
aus einer oder einigen wenigenBaumarten zusammen. 
Wenn wir von Eichen-, Buchen- oder Föhrenwald sprechen, so deuten 
wir dies schon an. Der Tropenwald hingegen weist eine 
Fülleder verschiedenstenBaumartenaufundhatdaher 
eine sehr komplizierte Zusammensetzung. 

Trotzdieser bedeutenden Artenzahlvon Sträuchern und Bäumen, 
trotz der Unzahl krautartiger Gewächse, welche den Boden bedecken 
und als Epiphyten die Baumstämme überwuchern, ist man im 
Urwaldüberraschtvonder Armutschöner, auffallend 
gefärbter Blüten. 

In unseren warmen Grewächshäusern, die ja meist Kinder der 
Tropen beherbergen, ist man gewöhnt, zumeist Pflanzen mit herr- 
lichen, in die Augen fallenden Blüten zu sehen. Allein man darf 
nicht vergessen, daß aus den Tropengegenden der ganzen Erde ge- 
rade die Pflanzen mit den schönsten Blumen in unsere Gewächshäuser 
getragen wurden, und in diesem die Pflanzen aller Erdteile auf kleinem 
Raume nebeneinander stehen. Im Urwald muß man längere Zeit 
suchen, bis einem eine Pflanze mit besonders schönen Blüten auffällt. 
Hie und da eine hübsche Aroidee, eine Medinilla, ein Springkraut, 
eine Orchidee und hoch oben in den Kronen der Rasamalahbäume 
die leuchtend roten Dolden von Rhododendron javanicum, das ganz 
im Gegensatz zu unseren, im Boden wurzelnden alpinen Alpenrosen 
in luftiger, feuchtwarmer Höhe als Epiphyt sein Leben fristet. Da- 
zu kommt noch ein Umstand, der die Armut schöner Blüten im Ur- 
wald erhöht. Bei uns im heimischen Klima, wo die Vegetationszeit 
in der Ebene etwa sechs Monate, auf hohen Alpengipfeln sogar nur 
drei Monate dauert, haben es die Pflanzen im allgemeinen viel 
eiliger mit dem Geschäfte des Blühens und Fruchtens, das Blühen 
muß sich in verhältnismäßig kurzer Zeit abspielen 


und dies ist der Grund, warum uns unter anderem 
2#F 


unsere Flora so auffallend blütenreich erscheint im 
Gegensatze zu der tropischen. — Im tropischen, 
feuchtwarmen Urwald sind die Bedingungen des Pflanzen- 
lebens und einer üppigen Vegetation das ganze Jahr hindurch ge- 
geben; daher verteiltsichauchdasGeschäftdesBlühens 
aufalle Monate eines Jahres und dies wird zweifellos da- 
zu beitragen, Blüten von auffallender Größe und Farbe seltener 
erscheinen zu lassen, als sie tatsächlich sind. Damen, welche den 
Urwald in der Absicht betreten, hier rasch einen schönblumigen 
Strauß zu pflücken, dürften eine Enttäuschung erleben und mit 
einer gewissen Sehnsucht der blumenreichen Frühlingswiesen 
unserer Heimat gedenken. 

Auf meiner Wanderung lernte ich bei zahlreichen Lianen 
eine Erscheinung kennen, die weiter bekannt zu werden verdient. 
Ich habe mich zu wiederholten Malen überzeugt, daß man ge- 
wisse Lianen (Cissus, Vitis pubiflora usw.) als Trinkwasser- 
quellen benützen kann. Wenn man einen nicht allzudünnen 
Stamm einer Liane mittels eines javanischen Hackmessers, wie es 
gewöhnlich jeder javanische Gartenarbeiter mit sich führt, rasch 
durchschneidet, so fließt in der Regel weder aus der unteren, noch 
aus der oberen Schnittfläche Wasser heraus. Sobald man aber in 
einer beträchtlichen Entfernung, am besten !/;,m bis 2m über der 
oberen Schnittfläche den Stamm neuerdings durchhackt und dann 
‘das abgetrennte Stammstück lotrecht hält, so tropft oder strömt 
Wasser in mehr oder minder großen Mengen, nicht selten in über- 
raschend großen Quantitäten aus der unteren Schnittfläche hervor. 
In der ersten Minute relativ viel, dann weniger und nach fünf 
Minuten zumeist nichts mehr. So konnte ich bei einer Uncaria 
acida Hunter aus cinem 3 m langen und 5,5; cm dicken Zweigstück 
im ganzen 590 ccm, also mehr als einen halben Liter Wasser auf- 
fangen. Dieses Ausströmen von Wasser ist eine bei zahlreichen, 
verschiedenen Familien angehörenden Gattungen zu beobachtende 
Erscheinung und kann auch bei einheimischen Lianen (Weinrebe, 
Waldrebe), wenn auch in geringerem Maße, konstatiert werden). — 
Nach meinen Erfahrungen kann es keinem Zweifel unterliegen, 
daß man tatsächlich unsere Lianen dazu benutzen kann, mit dem 
daraus sich ergießenden Wasser den Durst zu stillen. Sorgt man 


‘!) Näheres darüber in meinen „Botanischen Beobachtungen auf Java“ (II. Ab- 
handlung): ‚‚Über das Ausfließen des Saftes aus Stammstücken von Lianen“. Sitzungsber. 
der kais. Wiener Akad. 2. Abt. 1898. 


dafür — was übrigens gewöhnlich nicht notwendig ist — daß aus 
der aufgeschnittenen Rinde .nicht verunreinigende Bestandteile, 
wie Milchsaft, Harz usw., in deri aus den Holzgefäßen stammenden 
Wasserstrom hineingelangen, so erhält man ein außer- 
ordentlich reines, von Bakterien sicherlich voll- 
ständig freies Trinkwasser. Ich habe einige Male solches 
Lianenwasser getrunken und mich öfters damit im Urwald gelabt. 
Es wäre wünschenswert, daß die wasserspendenden Lianen mehr 
bekannt würden, da keimfreies, reines Wasser zumal im tropischen 
Urwald eine sehr begehrenswerte Sache ist, die vor mancherlei 
Krankheit behüten kann. Wenn man davon liest, wie oft Tropen- 
reisende mit Wassermangel zu kämpfen haben und sich nicht 
selten in lianenreichen Gegenden mit einem Wasser voll Schlamm 
und Unrat begnügen — ich denke dabei an eine Schilderung von 
A. R. Wallace in: „Der malayische Archipel“, deutsche Ausgabe, 
Braunschweig 1869, II. Bd., S. 315 — so muß man sehr bedauern, 
daß solchen Reisenden die Lianen als Trinkwasserquellen nicht 
bekannt waren. 

Obwohl die Temperatur gegen ıo Uhr morgens gerade nicht 
sehr hoch war (etwa 20° C) und die Sonnenstrahlen in dem dichten 
Schatten der Urwaldbäume ihre Wirkung nicht direkt äußern 
konnten, begann ich dennoch, zumal der Weg anstieg und die 
Luft mit Wasserdampf ziemlich beladen war, tüchtig zu transpirieren 
— im Gegensatz zu meinen Dienern, die nur um die Lenden ein 
leichtes Tuch geschlungen hatten und daher so gut wie nackt 
waren. Wir konnten uns glücklich preisen, einen so schönen Tag 
getroffen zu haben, denn selbst bei Sonnenschein ist es im Urwald 
Javas naß, die Blätter triefen morgens von Tau und häufig von 
ausgeschiedenem Wasser und da es zur Zeit des Westmonsums 
fast jeden Tag reichlich regnet, tropft allenthalben Wasser. Damit 
hängt eine Erscheinung zusammen, auf welche zuerst der Botaniker 
Stahl aufmerksam gemacht hat, auf den Zusammenhang 
‚zwischen Blattgestaltund Regenfall. Ihm war es aufgefallen, 
wie rasch die Blätter der meisten javanischen Urwaldpflanzen sich 
des Regenwassers entledigen. Betrachtet man die Blätter bei 
Regen, so sieht man beinahe: kontinuierliche Wasserfäden von 
der auffallend lang ausgezogenen Blattspitze herunter- 
träufeln und diese Träufelspitze — sehr schön ausgebildet bei 
Ficus religiosa, Begonia Rex, Cissus discolor, Orchideen, Araceen 
u. a. — steht offenbar im Zusammenhange mit dem raschen Ab- 


trocknen der Blätter: kurze Zeit nach dem Aufhören des Regens 
sind die Blattflächen schon wieder trocken, während australische 
und europäische Formen, die in Tjibodas kultiviert werden, noch 
ganz betropft erscheinen. 

Der feuchtwarme, regenreiche Urwald Javas stellt die Heimat 
der Träufelspitzen dar, sie bezwecken die rasche Abtrocknung 
der Blätter und ermöglichen damit den baldigen Eintritt der 
Transpiration, d. h. der Abgabe von Wasserdampf durch die 
Pflanze und hierdurch die Zuwanderung des Bodenwassers und 
der darin gelösten Nährsalze zu den Blättern. 

Ich war gerade in den Anblick der Träufelspitzen vertieft, 
als ich plötzlich oben in einer Baumkrone einen Schrei hörte. 
Ich blickte auf und sah ganz deutlich mehrere graue Affen, die 
still hielten und uns neugierig anglotzten. Im nächsten Augen- 
blicke stürzte ein ganzer Trupp von Affen in rasender Eile davon, 
von Baum zu Baum mit unglaublicher Behendigkeit sich schwingend, 
so daß der ganze Wald hierdurch in Bewegung kam. Sapihin 
blickte mich, da ich mich von meiner Überraschung noch nicht 
ganz erholt hatte, an und lächelte. 

Später konnte ich beobachten, wie Affen täglich in der Nähe 
des Laboratoriums in Tjibodas am Rande des Waldes weideten 
und der Gärtner erzählte mir, daß sie sogar in den Garten ein- 
brechen, um hier Obst und Gemüse zu naschen. 

Als ich Sapihin auf meiner Wanderung frug, ob er auch die 
Riesenregenwürmer Javas kenne, trat er zu meiner Überraschung 
tiefer in den Wald und kletterte auf einen Baum, auf welchem 
sich der bekannte Nestfarn (Asplenium nidus) in mehreren Pracht- 
exemplaren befand. Dieses merkwürdige Farnkraut, eine der 
schönsten Zierden des Urwaldes, lebt als Epiphyt auf den Ästen 
der Bäume, bildet hier mächtige, oft über Meter breite Blatt- 
rosetten, in deren Innern sich abfallende Baumblätter "anhäufen 
und sich nach ihrer Verwesung Humus ansammelt. Eine 
solche Nestfarnrosette holte nun Sapihin vom Baume, legte sie. 
vor mir nieder und deutete darauf. Ich war nun vollends über- 
zeugt, daß er mich mißverstanden, denn daß man, um Regen- 
würmer zu holen, auf Bäume steigt, wollte mir nicht in den Kopf. 
Groß war daher mein Erstaunen, als mein Begleiter die Rosette 
zerhackte, den in derselben vorhandenen Humus zerteilte und 
nach kurzem Suchen mir zwei kolossale Regenwürmer von etwa 
3ocm Länge und etwa ı!/,cm Dicke überreichte! Dieses Vor- 


25 


kommen verdient die Aufmerksamkeit der Zoologen, denn Regen- 
würmer hoch auf Bäumen lebend, sind doch eine eigentüm- 
liche Sache. Wie mögen diese doch so schwerfälligen Tiere auf 
die Bäume hinaufkommen? Kriechen sie selbst zwischen dem die 
Stämme umgebenden Moos- und Flechtenfilz empor oder werden 
sie oder ihre Eier von anderen Tieren in die Baumkronen ver- 
schleppt ? 

So wie es an auffallend schönen Blüten ziemlich mangelte 
so waren auch, wenigstens zur Zeit meines Ausflugs im Januar, 
nicht viele bunte größere Schmetterlinge zu bemerken. Mir fielen 
im ganzen etwa 4 Formen auf, die den Waldwegen und Bach- 
ufern entlang sich hin und her bewegten. Einer von brauner 
Farbe setzte sich häufig auf den Boden nieder und war dann mit 
gefalteten Flügeln kaum zu sehen, da die Farbe der Flügel mit 
der Farbe des Bodens stimmte. Ein anderer hatte die sonderbare 
Gewohnheit, sich stets an der Unterseite von Blättern auszuruhen. 
Er scheute die Nässe. ÖOberseits sind die Blätter häufig naß, 
unterseits trocken, daher findet das Insekt hier einen trockenen 
Platz und Schutz gegen Regen. 

In den Baumkronen sah ich hier und da eine Wildkatze, 
von Tigern und Nashörnern war in diesem Urwald nichts zu 
merken, denn die auch auf Java vorschreitende Kultur drängt 
diese Tiere immer mehr zurück und auf dem Gede ist man davor 
vollkommen sicher. Relativ häufig begegnet man einem viverren- 
artigen Tiere, dem Loak (Paradoxurus musanga), dessen Kot man 
auf dem Wege von Zeit zu Zeit antrifft. Dieses Tier hat eine 
besondere Vorliebe für Kaffeefrüchte, treibt sich in den Kaffee- 
plantagen umher, und so wie sich unsere Sperlinge mit großer 
Findigkeit die süßesten Kirschen auswählen, so weiß sich auch 
der Loak die besten Kaffeefrüchte zu verschaffen. Die Samen 
(Bohnen) derselben finden sich regelmäßig in seiner Losung. All- 
gemein werden solche Bohnen als besonders gut gepriesen, sie 
werden mit Sorgfalt aufgelesen und teurer verkauft. Die Bohnen, 
welche ich in dem Kote bemerkte, hatten auffallenderweise immer 
die Form von „Perlkaffee‘“. 

Gegen ıı Uhr vormittags kamen wir zu einem höchst sehens- 
werten Punkte, der schon von weitem meine Aufmerksamkeit 
durch das Aufsteigen weißer Dampfwolken erregte. Es war die 
aus dem Fels an mehreren Stellen hervorbrechende heiße Quelle 
von Tjipanas. Auf eine ziemliche Strecke war der Weg der rasch 


abstürzenden Quelle durch aufsteigenden Dampf gekennzeichnet. 
Ich versuchte die Hand einzutauchen, aber ich mußte sie sofort, 
da das Wasser zu heiß war, zurückziehen. Ich steckte ein Thermo- 
meter hinein, es zeigte an einer Stelle 47° C, an einer anderen, 
wo es dem Fels entquoll, 48—30° C. Ich legte ein gepflücktes 
Begoniablatt hinein und sah, daß es nach kurzer Zeit verbrühte 
und seine grüne Farbe mit einer braunen vertauschte. Trotz dieser 
ziemlich hohen Temperatur war der Boden der Quelle über und 
über bedeckt mit einer dicken Lage von blaugrünen oder braunen 
Algen in üppigster Entwicklung. Wie eine spätere mikroskopische 
Untersuchung lehrte, bestand die Algenmasse vornehmlich aus 
einer außerordentlich dünnfädigen grünen und braunen Oscillariee. 

Das Vorkommen von Pflanzen in einem dampfenden, relativ 
so heißen Wasser ist jedenfalls eine merkwürdige Erscheinung. 
Die obere Temperaturgrenze des Pflanzenlebens liegt für die 
meisten Gewächse bei etwa 41—45° C, werden sie auf diese 
Temperatur gebracht, so sterben sie gewöhnlich binnen kurzer 
Zeit ab. Und nun sehen wir Algen, die sich einer so heißen 
Quelle angepaßt haben, in derselben nicht bloß leben, sondern 
geradezu wuchern. Auch im Karlsbader Sprudelwasser (Böhmen) 
lebt, wie ich mich überzeugt habe, eine ganz ähnlich aussehende 
Alge; ich habe hier im heurigen Frühjahr (1899) die Temperatur 
an solchen Stellen, wo die Alge eben aufzutreten beginnt, gemessen 
und habe merkwürdigerweise ungefähr dieselbe Temperatur ab- 
gelesen, wie auf Java, nämlich 49° C. Nachdem ich Proben von 
den Algen in Gläsern gesammelt, ging es weiter und immer höher 
in den Urwald hinan, bis zu einem etwa 2500 m hoch gelegenen 
Punkte, wo ich — den Ausblick auf den 3000 m sich erhebenden 
Gipfel des Vulkan Pangerango, dem Sitze der herrlichen Primula 
imperialis, vor mir — zu übernachten beschloß. 

Aus mitgebrachten Bambusröhren, aus rasch mit dem Hack-: 
messer gefällten Baumfarnen und anderen Stämmen hatten meine 
Träger mit wirklich bewunderungswürdiger Geschicklichkeit und 
Schnelligkeit in ı Stunde eine hübsche Hütte für mich gebaut. 
Nun wurde das Lager in der Hütte bereitet, eine Palmenmatte 
darüber gebreitet und kurze Zeit darauf hatten meine Diener auch 
schon aus Stämmen einen Tisch improvisiert, auf welchem Sapihin 
ein vortreffliches Mahl, bestehend aus Hammelbraten, Eiern, 
Schinken, Mangostinen, Bananen, Ananas und einer Flasche 
Bordeauxwein nebst Tee servierte. 


—— 2 5 — 


Als ich nach dem Mittagstisch vor die Hütte trat, fielen mir 
mehr als kindskopfgroße knollige Massen in den Zweigen eines 
mimosenartigen Baumes auf, der Albizzia montana, es waren dies 
durch einen Brandpilz hervorgerufene Gallen. Ich sammelte ferner 
neben vielen anderen Objekten ein merkwürdiges Farnkraut, dessen 
junge, aus der Knospe sich hervorschiebende Blätter mit einer 
dicken Schleimschicht bedeckt waren und war überrascht, auch 
an den Luftwurzeln eines auf Bäumen hoch emporkletternden 
Lycopodium ebenfalls klaren Schleim in dicker Lage vorzufinden, 
eine Vorrichtung, die vielleicht die genannten Organe vor dem 
Vertrocknen oder vor Tieren zu schützen hat. 

Abends nach 6 Uhr, als die Sonne eben untergegangen war, 
begab ich mich zu meinen Dienern, die wenige Schritte von meiner 
Hütte sich ebenfalls ein Lager errichtet und ein Feuer angemacht 
hatten. In Buitenzorg hatte es abends im Schatten gewöhnlich 
24°C, in Tjibodas (1400 m) etwa 17° und hier in einer Höhe von 
etwa 2500 m war das Thermometer auf ı0° gesunken. Solche 
Temperatursprünge merkt man in den Tropen in auffallender 
Weise, selbst wenn ich mich in meinen steirischen Wettermantel 
einhüllte, fröstelte ich trotzdem. Kein Wunder, daß meine halb- 
nackten Javaner vor Kälte zitterten und ihre Füße und Hände 
am Feuer wärmten. Mir taten die armen Kerle leid, ich ließ sie 
zu mir in die Hütte kommen und bot jedem ein Gläschen Kognak 
an. Allein sie zögerten zuerst, da sie durchwegs Mohammedaner 
waren, davon zu nehmen, als ich ihnen aber bedeutete, es sei 
„obak“ (Medizin), tranken sie gleich, Zwei davon kosteten zuerst 
und husteten, Sapihin aber leerte das Gläschen so rasch und 
sicher, daß es den Anschein hatte, als ob ihm Kognak nichts Un- 
bekanntes wäre. | 

Sowie die Nacht sich über den Urwald gesenkt hatte, zündete 
ich in meiner Hütte die Laterne an. Sapihin servierte mir das 
Abendessen und dann begaben wir uns alle zur Ruhe. Es war 
auffallend still. Während in der Ebene und auch noch in Tjibodas 
mit Einbruch des Abends ein tausendstimmiges Konzert beginnt 
von Myriaden von Insekten, von Grillen und Fröschen, war es 
hier in dieser bedeutenden Höhe und bei der relativ so niederen 
Temperatur fast stille. Nur dann und wann hörte man den Schrei 
eines Vogels oder das Grunzen eines Wildschweines. 

Die verschiedenen Eindrücke, die ich auf meiner Wanderung 
während des Tages empfing, der Gedanke an das einsame, von 


— 26 —— 


Menschen ferngelegene Nachtlager im Urwald, Erinnerungen an 
die Heimat, gingen mir im Kopfe herum und verscheuchten an- 
fangs den Schlaf. Während ich so hinträumte, sah ich auf dem 
Boden vor der Hütte einen eigentümlichen Lichtschein, ein grün- 
lich gelbes Phosphoreszieren. Die Sache begann mich zu inter- 
essieren, ich stand auf und fand, daß das Licht einem Stück 
faulen Rasamalaholzes entströmte. Auch bei uns in Europa gibt 
es bekanntlich leuchtendes Holz und wir wissen, daß das Leuchten 
nicht vom Holze, sondern von Pilzen herrührt, die das Holz. 
durchwuchern. 

In den Tropen ist das Leuchten von Lebewesen keine seltene 
Erscheinung. Ich habe mich dafür während meines Aufenthaltes 
auf Java besonders interessiert und habe nicht bloß leuchtende 
Tiere (Skolopendren, Johanniswürmchen usw.), sondern auch leuch- 
tende Hutpilze, leuchtendes, von Pilzen durchwuchertes Holz, und 
was von besonderem Interesse ist, auch leuchtende, in Ver- 
wesung befindliche Blätter (Bambusa, Nephelium usw.) beob- 
achtet. Ich hatte in Buitenzorg in meinem Schlafzimmer in Gläsern 
zahlreiche leuchtende Blätter verschiedener Pflanzen; wenn ich 
nachts erwachte und von meinem Bette aus durch das Mosquito- 
netz den Tisch betrachtete, wo die Blätter standen, so kam es mir 
wie in einer Geisterstube vor. Die Objekte erglänzten wie in 
einem geheimnisvollen magischen Lichte und zwar so stark, daß 
ich die benachbarten Gegenstände deutlich unterscheiden und 
meine Uhr in der Nähe des Lichtscheines ganz gut ablesen 
konnte. 

Als ich in der Frühe erwachte, sah ich zu meiner großen 
Freude blauen Himmel über mir. Rasch wurde zusammengepackt, 
und um 6 Uhr setzte sich bereits unsere kleine Karawane in Be- 
wegung, um den Gipfel des Gede zu erreichen. War mir schon 
am vorigen Tage aufgefallen, daß die Flora mit zunehmender 
Höhe sich änderte, so war dies jetzt, da wir uns dem Gipfel näherten, 
noch bei weitem mehr der Fall. Palmen, Baumfarne, Lianen, Cur- 
culigo, Elettaria, Nestfarn und viele andere tropische Gewächse, 
für den tieferen Bergwald so charakteristisch, waren nunmehr ver- 
schwunden und an ihre Stelle traten Vertreter der temperierten 
Zone: Aspidium aculeatum, ‚Pteris aquilina, der auch in Europa so 
weit verbreitete Adlerfarn, Brombeerarten, und als ich gar die 
Blüten eines Hahnenfuß, eines Veilchens, eines Enzians, eines 
Wegerichs und zahlreicher heidelbeerartiger Pflanzen und einen 


= 27 _— 


drosselartigen Vogel hier unter dem Äquator erblickte, mutete es 
mich wie ein Gruß aus der Heimat an. 

Gegen 8 Uhr morgens kamen wir zu einer Waldlichtung mit 
einem Ausblick auf den majestätisch sich erhebenden Krater des 
Gede, aus dessen Tiefe sich von Zeit zu Zeit mächtige Dampf- 
wolken erheben. In der Umgebung der Krateröffnung wird der‘ 
Pflanzenwuchs immer spärlicher; kleine Sträucher, Stauden und 
krautartige Pflanzen, deren lederartige oder behaarte Blätter gegen 
allzustarke Wasserdampfabgabe ähnlich wie bei unseren Alpen- 
pflanzen sichtlich geschützt erscheinen, bilden selbst für den Laien 
einen überraschenden Kontrast im Vergleich zur Flora der tieferen 
Regionen. Je näher dem Krater, desto schwieriger fristet die 
Pflanze auf dem jungen vulkanischen Boden ihr Leben, beim Krater 
selbst verschwinden die höheren Gewächse endlich völlig. Nun 
war der Gipfel erreicht und mit Staunen blickte ich von der Höhe 
hinab in den weiten Trichter: Drunten in der Tiefe ein Tümpel, 
in dem es „wallet, siedet, brauset und zischt“, an den Wänden 
Felsspalten, aus denen wie aus Ventilen heißer Dampf zischend 
herausfährt, die Wände selbst stellenweise ganz gelb von aus- 
blühendem Schwefel. Gerne wäre ich in den Krater hinabgestiegen, 
um das schaurige Schauspiel ganz in der Nähe zu sehen, allein 
Sapihin hielt mich schon bei den ersten Schritten zurück und 
warnte eindringlich vor den bösen Geistern der Tiefe. Diese hätten 
mich allerdings nicht abgeschreckt, aber die abschüssigen Wände 
ließen den Abstieg fast unmöglich und in hohem Grade gefährlich 
erscheinen und deshalb gab ich meine Absicht auf. 

Ganz gefangen genommen von dem Spiel der unterirdischen 
Kräfte hörte ich plötzlich hinter mir ein eigentümliches Geräusch 
von Feuergeprassel und züngelnden Flammen: meine Diener 
hatten etwa so Büsche von Gmaphalium javanicum entzündet, 
die, rasch erfaßt vom verzehrenden Feuer, ebensoviele Rauch- 
säulen hoch in die -Luft entsandten. Es ist ganz auffallend, wie 
leicht diese Büsche Feuer fangen. Gnaphalium javanicum, das 
„Edelweiß“ der Javaberge, weist mit unserem heimischen Edel- 
weiß kaum eine Ähnlichkeit auf, denn es entwickelt über ı Meter 
hohe Büsche und armdicke Stämme. Die untersten Blätter sterben 
ab, vertrocknen so, daß sie rauschen, und brennen dann wie 
Zunder. Dies wissen die Javaner sehr wohl und es macht ihnen 
offenbar viel Spaß, die Büsche zu entzünden und in Flammen 
aufgehen zu sehen. i 


Be 28 ze 


Erst jetzt bemerkte ich, welch herrlichen Fernblick der er- 
stiegene Gipfel bot. Vor mir erhob sich die riesige Kuppe des 
erloschenen Vulkans Pangerango, bis zur 3000 Meter hohen Spitze 
über und über mit dichtem Urwald bedeckt. Während bei uns in 
den Alpen Mitteleuropas die Gipfel solch hoher Berge im ewigen 
Schnee und Eis begraben liegen, reicht hier das Pflanzenleben, 
relativ üppige Strauch- und Baumvegetation, bis zu so bedeutender 
Höhe, wo die Temperatur nur in den seltensten Fällen auf den Eis- 
punkt sinkt. Gegen Norden und Osten breitete sich das Gelände 
der Preanger-Regentschaft aus, eines der fruchtbarsten Grebiete- 
der Erde. Soweit das Auge reicht: herrliche Kokoswälder, unter- 
mischt mit Kaffee-, Tee-, Zuckerrohrplantagen, Reis- und Manihot- 
feldern — ein tropisches Kulturland von paradiesischer Schönheit. 

Es war gegen ı2 Uhr mittags. Von Pangerango schob sich 
eine dunkle Wolke vor und Nebel begannen zu ziehen, die Vor- 
boten eines nahenden Gewitters. Eilig rüsteten wir zum Abstieg; 
kaum hatten wir unseren Lagerplatz von gestern erreicht, fielen 
die ersten großen Regentropfen und nun begann es unter Donner 
und Blitz zu „schütten“, daß das Fortkommen mitunter recht be- 
schwerlich wurde. Überrascht war ich von dem Eintritt des Ge- 
witters durchaus nicht, denn ausgiebige Regengüsse sind ja zur 
Regenzeit in Westjava eine fast täglich wiederkehrende Erschei- 
nung. Völlig durchnäßt kamen wir gegen 4 Uhr nachmittags in 
Tjibodas wieder an. Nun ging es an das Auspacken der gesam- 
melten Schätze, an das Trocknen und Konservieren der gesam- 
melten Pflanzen. 

Als ich abends auf der Veranda des Laboratoriums von Tji- 
bodas saß und die Abendstimmung genoß, mich dem Spiel der 
zieheiiden Nebel hingab und die herrlichen Farben des sich all- 
allmählich klärenden Himmels betrachtete, kehrten meine Gedanken 
immer wieder von neuem zu meinem eben beendigten Ausflug 
zurück und verweilten in genußreicher Erinnerung noch lange bei 
all dem, was sich der tropische Urwald erzählt. 


III. 


Reiseerinnerungen aus China und Japan’). 


Die außerordentlichen Ereignisse, die sich gegenwärtig in 
China abspielen und vor kurzem abgespielt haben: der Aufstand 
der Boxer, die Verfolgungen der fremden Europäer, der Missionäre 
und der Christen, insbesondere das eigenartige Schicksal der in 
Peking gefangen gehaltenen Gesandten sowie deren endliche Be- 
freiung — all das hat das Interesse für China auf das lebhafteste 
geweckt. Und das mit Recht. Denn abgesehen von den jetzt da- 
selbst herrschenden Kriegswirren, verdient ja dieses merkwürdige 
Land unsere volle Aufmerksamkeit. Bedenken wir, daß China eine 
bereits mehrtausendjährige Kultur aufzuweisen hat, zu den größten 
Reichen der Erde gehört, nach beiläufiger Schätzung etwa 400 Mil- 
lionen Menschen faßt und daß der Kaiser von China sich rühmen 
darf, nahezu ein Drittel der gesamten Menschheit auf unserer 
Erde zu regieren. 

Die Bevölkerung ist ungemein dicht. Obwohl Epidemien 
und elementare Ereignisse, wie Überschwemmung und Hungersnot, 
oft empfindliche Lücken in der Zahl der Menschen schaffen, werden 
die Lücken nicht bloß gestopft, sondern es wandern alljährlich 
noch viele Tausende von Chinesen aus. Mit Ausnahme von Europa 
hat sich der Auswandererstrom nach allen vier Erdteilen gewendet. 
In Afrika, Amerika, Australien und Südasien, desgleichen auf den 
benachbarten Inseln, finden sich überall chinesische Ansiedelungen 
und da der chinesische Arbeiter überaus anstellig, fleißig und an- 
spruchslos ist und da ferner der chinesische Kaufmann den Ver- 
trieb der Ware ausgezeichnet versteht und an Intelligenz nichts 
zu wünschen übrig läßt, so entpuppt sich der bezopfte Mann als 
ein unangenehmer Konkurrent. Dies ist wohl der eigentliche Grund, 


1!) Vortrag, gehalten 1901 im Prager Schriftstellerverein ‚‚Concordia“. Zuerst 
gedruckt im Prager Tageblatt, Jahrgang 1901. 


warum die Holländer in Niederländisch-Indien und die Amerikaner 
in den Vereinigten Staaten, die sonst jedem die Tore gastlich 
öffnen, die Einwanderung der Chinesen beschränkt und erschwert 
haben. 

Vor etwa drei Jahren, 1897/98, machte ich eine Reise um die 
Erde. Pflanzenphysiologische Studien führten mich zunächst nach 
Java. Auf dem Wege dahin lernte ich bereits in Penang eine vor- 
wiegend chinesische Stadt kennen, Singapore; dieser Knotenpunkt des 
Welthandels und der Weltschiffahrt machte geradezu den Eindruck 
einer chinesischen Tropenstadt und in größeren Städten der Sunda- 
inseln finden sich allerorts ausgedehnte, fast ausschließlich von 
Chinesen bewohnte Stadtviertel. So hatte ich in Batavia, besonders 
aber in Buitenzorg Monate hindurch Gelegenheit, mit Chinesen zu 
verkehren ‘und ihre Sitten und Gebräuche kennen zu lernen. Das 
erwachende Interesse für diesesmerkwürdige und wahrhaft originelle 
Volk führte mich später nach China selbst und von hier in das 
Land der aufgehenden Sonne, nach Japan. In China besuchte ich 
Hongkong, Canton, Macao und Shanghai. Bei dem gegenwärtigen 
aktuellen Interesse für China erlaube ich mir den Leser einzuladen, 
mich im Geiste auf meinen Wanderungen daselbst zu begleiten, 
mit mir zu schauen und zu beobachten und die gewonnenen 
Eindrücke zu analysieren. Zwischen Hongkong und Canton findet 
regelmäßig jeden Tag ein Dampferverkehr statt. Wir benützen 
zur Fahrt nach Canton einen englischen Dampfer und machen es 
uns darauf bequem. Bei der Musterung des Dampfers fällt 
uns die etwas kriegerische Ausrüstung auf. Im Salon I. Klasse 
finden sich allerlei Waffen vor: Säbel, Bajonette, Revolver und 
Gewehre. Der Deckraum, auf welchem sich gegen hundert Chinesen, 
zumeist Kulis (Taglöhner), eingefunden haben, ist durch ein eisernes 
Gitter von den Europäern abgetrennt und vor dem Gitter hält 
ein bewaffneter Matrose Wache. Noch vor nicht langer Zeit kam 
es nicht selten vor, daß Passagierdampfer von Piraten überfallen 
wurden und daß sich Seeräuber als Kuli verkleidet auf dem Dampfer 
einschmuggelten, um einen Überfall um so wirksamer gestalten zu 
können. Nach mehrstündiger Fahrt auf dem mächtigen, durch 
lehmgelbe Färbung ausgezeichneten Pearl- oder Cantonfluß 'ge- 
langen wir nach Canton. Schon von weitem gibt sich diese 
kolossale Stadt durch die mächtige, zweitürmige Kathedrale zu 


erkennen, die wie eine feste Burg des Christentums alle anderen 
Grebäude Cantons hoch überragt. 


Canton, eine Stadt von etwa ı!/, Millionen Einwohnern, ist 
eine typische Chinesenstadt, die wie kaum eine andere in Südchina 
von chinesischer Eigenart, chinesischem Leben, von der hier aus- 
gebildeten Kunst einen Begriff zu geben vermag. Was aber Canton 
besonders auszeichnet, ist eine hier vorhandene Vorstadt, deren 
Bewohner — etwa 300000 an Zahl — ständig auf dem Flusse 
wohnen. In einer Ausdehnung von etwa 6—8 Kilometer befinden 
sich etwa 80 000 Boote und Flöße, die diesen Flußbewöhnern zum 
Aufenthalte dienen. Der Hafen von Canton bietet infolgedessen 
ein ungemein fesselndes Bild. Dschunken und Samyane gleiten 
beladen mit Obst, Gemüse, Reis, Indigo oder Öl, vor unseren 
Blicken dahin. Zwischen den beiden Ufern des Flusses vermitteln 
Fahrboote den Verkehr. Von weitem fallen größere, durch grün 
angestrichene Jalousien ausgezeichnete „Bettboote“ (Tanpu) auf. 
In Canton werden die Stadttore abends bald geschlossen. Ein spät 
am Abend ankommender Reisender würde in der Stadt keine 
Unterkunft mehr finden, es ist ihm daher sehr willkommen, gleich 
im Hafen, in den Bettbooten übernachten zu können. 

Die Flußbewohner werden von den Landbewohnern als Parias 
angesehen. Das Betreten des Landes wird ihnen von diesen ver- 
wehrt. Daher bringen denn die Flußbewohner ihr ganzes Leben 
auf ihren Booten und Flößen zu. Sie werden hier geboren, leben 
und sterben darauf. Die kleinen Kinder werden angeseilt, oder 
mit einem Brettchen am Rücken versehen, damit sie, falls sie über 
Bord fallen, leichter von den Angehörigen gerettet werden können. 
Wehe dem Kinde, das ins Wasser fällt, wenn die Eltern nicht da 
sind. Ein solches Kind ist verloren, denn kein fremder Chinese 
würde den Finger rühren, um es zu retten. Der Chinese lebt in 
dem Aberglauben, daß die Seele eines Ertrunkenen ruhelos über 
dem Wasser umherirrt, bis es ihr gelingt, einen Menschen zu er- 
tränken und dadurch die Ruhe wieder zu gewinnen. Würde man 
den Geist des Verstorbenen daran hindern, so hätte man seine 
Rache zu gewärtigen, und daher läßt man den ins Wasser Fallenden 
einfach ertrinken. 

In Canton weilend, konnte ich es mir nicht versagen, die im 
Hafen verankerten berühmten Blumenboote zu besuchen. Diese 
stellen eine Art schwimmender Restaurants dar, die durch ihre 
elegante Einrichtung, bedeutende Größe, durch den architekto- 
nischen Schmuck und abends durch ihre grell leuchtenden Arm- 
luster das Auge jedes Fremden auf sich ziehen. Der Chinese ladet 


seine Freunde zum Mahle nicht in sein Haus, sondern in den Fluß- 
städten auf ein Blumenboot. Hier kommen die reichen Chinesen 
in ihren seidenen blumengestickten Gewändern zusammen, begrüßen 
sich unter nicht endenwollenden Verbeugungen, plaudern und geben 
sich den Tafelfreuden hin, während kleine chinesische Mädchen 
von Zeit zu Zeit Lieder vortragen und ihre unangenehm klingende 
Stimme mit einer ebenso unangenehmen kleinen Guitarre begleiten. 
Die Chinesen versicherten mir, diese Mädchen seien sehr schön. 
Sie behaupteten, sie hätten „Wangen wie Mandelblüten, Lippen wie 
Pfirsichblüten, Augen glänzend wie die Welle im Sonnenglanze 
und Füße wie die Fußstapfen von Lotosblumen“. Ich habe von 
diesen Schönheiten nichts bemerkt. Ich sah nur, daß die Mädchen 
eine unansehnliche Gestalt besaßen, im Gesichte grell geschminkt 
waren und verkrüppelte Füße hatten. Doch verlassen wir den 
Flußhafen und wenden wir uns der Stadt selbst zu. 

Mein Führer, ein gebildeter Chinese, der der englischen 
Sprache ziemlich mächtig war, bestellte für uns zwei Sänften mit 
je vier Kulis, und so wurden wir denn von diesen durch Canton 
getragen, um die Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. 

Die Straßen erscheinen zumeist auffallend schmal, gerade 
breit genug, um zwei sich begegnenden Sänften das Ausweichen 
zu gestatten. Selbstredend kommt es in so schmalen Gäßchen zu 
einem dichten Menschenstrom, allein trotzdem wir uns in einer 
Riesenstadt befinden, kommt es zu keinem Gedränge, und nur an 
den Kreuzungsstellen wird es lebendiger und lärmender, weil die 
hier zusammentreffenden Lastträger sich anrufen, um nicht zu- 
sammenzustoßen. Chinesische, zumeist aus Kaufmannsläden be- 
stehende Gassen haben immer etwas von Illuminationsstimmung. 
Die oft reich verzierten Auslagen, die bunten Lampions und die 
in grellen Farben leuchtenden Schilder, welche im Gegensatz zu 
den unseren nicht quer über dem Laden hängen, sondernin breiten 
Bändern, versehen mit den uns rätselhaften hieroglyphenartigen 
Schriftzeichen, oft mehrere Meter vertikal herabreichen, bieten ein 
lebendes Bild. Und was läßt sich hier nicht alles beobachten! 
Hicr ein Fleischerladen, in dem uns neben appetitlich hergerichteten 
Spanferkeln auch abgehäutete Katzen, Hunde und Ratten auf- 
fallen, dort eine Rasierstube, in der sich Chinesen ihre Haupthaare 
rasieren lassen, hier eine Werkstätte, in der Arbeiter in unermüd- 
lichem Fleiße bis spät in die Nacht tätig sind, hier ein Geldwechsler, 
dort ein Wahrsager und manches andere. Einen wahren Genuß 


a 


gewährt es dem Fremden, Straßen mit eleganteren Läden durch- 
wandern zu können. Hier haben wir Gelegenheit, die Erzeugnisse 
der Seiden-, Atlas- und Porzellan-Industrie, ferner Elfenbeinschnitze-. 
reien, Nephritwaren, zierliche Schwerter und dergleichen mehr 
besichtigen zu können. China ist ja das Land der Seide und Kanton 
der Mittelpunkt der Seidenmanufaktur. 

Wir betreten einen Seidenladen. Bei der Türe fallen uns 
rote Zettel mit verschiedenen Sprüchen auf: „Reelle Ware“, „Fixe 
Preise“, „Dein Aus- und Eingang möge sich glücklich gestalten“, 
„Tausend Verdienste machen Reichtum“. Im Hintergrunde des 
Ladens steht der reich verzierte Ahnenaltar, in dem die Ahnen- 
täfelchen mit Namen der Vorfahren unseres Kaufmanns aufbe- 
wahrt und angebetet werden. Der Kaufmann empfängt uns auf 
das Zuvorkommendste, er wird nicht müde, uns die verschiedensten 
Waren: Kragen, Schärpen, Theater-, Mandarinanzüge, Polster, 
Wandschirme und anderes zu zeigen, uns auf die Schönheiten 
aufmerksam zu machen und die Preiswürdigkeit anzupreisen. Um 
uns länger an sein Geschäft zu fesseln, wird auch Tee in kleinen 
Täßchen angeboten. Die Kaufleute, mit denen ich in Kanton zu 
tun hatte, machten einen guten Eindruck auf mich. Der geforderte 
Preis schien mäßig und war in der Regel fix. Man muß sich 
jedoch hüten, solche Einzelbeobachtungen zu verallgemeinern. In 
Java habe ich ganz andere Wahrnehmungen gemacht. Sowie man 
in einem javanischen Hotel angekommen ist, sich durch ein Bad 
erfrischt und auf der Veranda Platz genommen hat, erscheint der 
erste Besuch in Gestalt eines chinesischen Hausierers. Er bietet 
Tropenanzüge, Zahnbürstchen, Wäsche oder japanische Schwerter 
an, und wenn er für ein solches Schwert ı2 holländische Gulden 
fordert, so kann man sicher sein, daß er es binnen kurzem um 
- ı Gulden hergibt. 

Neben den Seidenläden ziehen hauptsächlich die Porzellan- 
waren unsere Aufmerksamkeit auf sich. Haben ja doch die Chinesen 
das Porzellan erfunden, reicht doch die Erzeugung dieses für die 
Keramik so wichtigen Körpers in China schon ins 9. Jahrhundert 
unserer Zeitrechnung zurück, während das Porzellan in Europa erst 
am Beginne des ı8. Jahrhunderts das Licht der Welt erblickt hat. 

Wer in Kanton verweilt, versäumt es nicht, auch der Exa- 
minationshalle einen Besuch abzustatten. Indem wir mehrere Tore 
passieren, gelangen wir auf einen großen Platz, auf welchem sich 
ein Wachtturm mit dem Grotte der Literatur befindet. Um diesen 

Molisch, Populäre biologische Vorträge, 3 


Turm liegen etwa ı000 ein Meter breite und zwei Meter lange 
gemauerte Zellen, es sind die Prüfungszellen für die Studenten. 
Alle 3 Jahre versammeln sich hier oft bis achttausend Kandi- 
daten, um hier die Prüfungen zur Erlangung des 2. literarischen 
Grades abzulegen. Bevor der Student die Zelle betritt, wird er 
einer genauen Leibesvisitation unterzogen, damit er sich nicht un- 
erlaubter Hilfsmittel bediene. Bei Tagesanbruch erhält er sein 
Thema und den nächsten Tag hat er um dieselbe Zeit seine Arbeit 
abzuliefern, um sodann neue Klausurarbeiten durchzuführen. Aus 
der großen Zahl der Kandidaten ist es relativ wenigen beschieden, 
die Prüfung zu bestehen, da diese an das Gedächtnis große An- 
forderungen stellt. Das Auswendiglernen spielt eben in China 
eine bedeutende Rolle. Schon der 6jährige Chinese, der die Schule 
betritt, wird gleich im Auswendiglernen gedrillt. Die chinesische 
Schrift hat ja keine Buchstaben, sondern nur Bilder und damit 
werden hohe Anforderungen an das Gedächtnis gestellt. Der 
kleine Junge muß, um Schreiben und Lesen zu lernen, eine Un- 
zahl von Bildern durchpausieren und auswendig lernen und, da 
‚das letztere immer laut geschieht und jeder für sich etwas anderes 
lernt, so herrscht in einer Chinesenschule gewöhnlich ein Heiden- 
spektakel. Doch das geniert die Chinesen nicht, sie haben ja 
keine Nerven, ihr Empfindungsvermögen scheint wirklich graduell 
von unserem verschieden zu sein. Bei den Prüfungen um einen 
literarischen Grad hat der Student hauptsächlich seine Vertraut- 
heit mit den Problemen der Moralphilosophie, mit den Büchern 
des weisen Konfuzius, seiner Schüler und anderer chinesischen 
Philosophen zu beweisen und auch zu zeigen, daß er Gedichte 
machen kann. Die wenigen, welche einen oder mehrere literarische 
Grade erreichen, werden von ihren Eltern und sämtlichen Ver- 
wandten beglückwünscht und auch bei dem Volke steht der Be- 
sitzer von literarischen Graden hoch im. Ansehen; denn nur durch ° 
solche kann man zu Beamten-, Ehrenstellen und den höchsten 
Staatsämtern gelangen. Geht alles seinen normalen Weg und 
finden nicht Bestechungen statt, so entscheiden in China bei Ver- 
leihung von Ämtern Kenntnisse, Geburtsrechte oder einen Ge- 
burtsadel gibt es hier nicht. 

Von der Prüfungshalle begab ich mich in das Kantoneser 
Gefängnis. Wer China von verschiedenen Schattenseiten kennen 
lernen will, der hat hier reichlich Gelegenheit. Da finden wir 
keinen soliden Bau, in dem auch die Hygiene und die Humanität 


[@ >} 
1 


zur Geltung kommen; wir finden hier keine menschenwürdige Be- 
handlung der Gefangenen, sondern allerlei Grausamkeiten und ent- 
setzliche Folterqualen, wie sie im Mittelalter bei uns leider auch 
vorhanden waren. Ein kleines Trinkgeld veranlaßt den Gefängnis- 
wärter, uns eine große Zelle, eine Art Schupfen zu öffnen. Mitten 
auf einer Plattform saßen etwa ı5 Gefangene, teilweise an Händen 
und Füßen mit Ketten gefesselt und mit dem sogenannten „Cangue“ 
oder Holzkragen versehen. Es ist dies ein um den Hals gelegtes 
viereckiges Brett, welches dem Gefangenen viel Pein verursachen 
- muß. Es ermüdet ihn beim Stehen, beim Sitzen und im Schlafen 
und verhindert ihn, die Hände zum Munde zu führen. Nur wenn 
es dem Verbrecher gelingt, sich teilweise in die Erde einzuscharren, 
gelangt er in eine leidlich bequeme Lage. Die Leute sehen 
schrecklich aus. Seife und Kamm scheinen hier unbekannte Dinge 
zu sein, an Schmutz und Ungeziefer ist kein Mangel. Da die Ge- 
fangenen ihre Kopfhaare, wie dies sonst in China allgemein üblich 
ist, nicht rasieren, sondern wild durcheinander wachsen lassen, so 
sehen sie ungemein wild aus. Ich werde nie den grausigen An- 
blick vergessen, den mir diese Verbrecher darboten, als ich in ihre 
Zelle eintrat und sie sich, mit ihren Ketten rasselnd, erhoben und 
mir die Hände entgegenstreckten, um zu betteln. Und überall, 
wo wir die Gefängnisgänge passierten, wurden uns hunderte Hände 
durch die Holzgitter der schuppenartigen Zellen in der Hoffnung 
auf ein Almosen entgegengestreckt. Zum Schluß wurde uns noch 
der Besuch des Richtplatzes gestattet, doch habe ich davon wenig 
zu berichten und das Wenige, was ich hier gesehen, die an einer 
hohen Mauer lehnenden roh gezimmerten Kreuze, auf welchen 
Verbrecher erdrosselt werden, bewog mich nur, um so rascher 
diese traurige Stätte des Elends zu verlassen. EN. 

Zu den sehenswertesten Tempeln in Kanton gehört der „Wa- 
Lam-Tsz“ oder „der Tempel der 300 Gottheiten oder Genien“. 
Im allgemeinen darf man sich unter chinesischen Tempeln keine 
gewaltigen umfangreichen Bauten vorstellen. Monumentalgebäude 
fehlen ja in China nahezu ganz. Ebenso haben sich solche auch 
aus älterer Zeit wegen des unsoliden Baumateriales nicht erhalten. 
Man gelangt zunächst zu einem Tempelgebäude mit drei mäßigen 
Buddhastatuen, sodann zur siebenstöckigen Marmorpagode und 
endlich in den eigentlichen Tempel, der 300 Holzfiguren, die 
300 Schüler Buddhas, enthält. Unter diesen zum Teil reich ver- 


goldeten und mitunter komisch aussehenden Statuen haben meine 


Aufmerksamkeit hauptsächlich drei gefesselt. Zunächst die des 
großen Venetianers Marco Polo, der, ein zweiter Odysseus, weite 
Reisen unternahm, bereits im ı3. Jahrhundert Asien der Länge 
nach durchquerte und sich in China solcher Beliebtheit erfreute, 
daß er es hier -bis zum Statthalter brachte. Die Fußbekleidung 
macht in der Figur den Europäer leicht kenntlich. Eines großen 
Zuspruches erfreut sich auch die Figur des weißen Confucius, des 
Gottes der Gelehrsamkeit, und förmlich umschwärmt von chine- 
sischen Männlein und Weiblein erscheint die Statue des Gottes der 
Fruchtbarkeit. Auf seinem Haupte, seinen Schultern, Armen und 
Knien trägt er kleine Kinder. Reichliche Opfer fließen gerade 
diesem Gotte zu, denn eine zahlreiche männliche Nachkommen- 
schaft ist das Ziel und die Sehnsucht jedes Chinesen, gleichgültig 
ob arm oder reich. Ich sage männliche. Die Geburt eines Mädchens 
gilt nicht als etwas Erfreuliches, eher als ein notwendiges Übel. 
Die ganze Familie wird hierdurch deprimiert, und in vielen Fällen 
geht die Mißstimmung der Eltern so weit, daß sie sich in der Tötung 
und Beseitigung des unschuldigen Geschöpfes Luft macht. 

Auch sonst ist die Stellung der Frau in China gewöhnlich 
eine höchst beklagenswerte. Gehört das Mädchen einer besseren 
Familie an, so werden ihre Füße frühzeitig einbandagiert und 
infolgedessen derart verkrüppelt, daß ihr das Gehen schwer fällt 
und sie für das ganze Leben an das Haus gefesselt wird. Will 
sie einen Besuch machen oder im Tempel die Götter anbeten, so 
muß sie sich in einer Sänfte tragen oder auf dem Rücken einer 
Sklavin dahinbringen lassen. Bei ihrer Verheiratung hat sie keine 
freie Wahl. Sie sieht an ihrem Verlobungstage ihren künftigen Mann, 
der ihr von ihren Eltern bestimmt wurde, in der Regel zum ersten 
Male. Als ich auf Java einmal einen alten, reichen Chinesen fragte, 
warum man denn den jungen Leuten bei der Vermählung nicht 
freie Wahl lasse, war er über meine Frage höchst erstaunt und 
meinte: Das sei ganz in der Ordnung, denn eine Heirat sei eine 
sehr ernste Sache und es gehöre viel Weisheit und Überlegung 
dazu, zu bestimmen, ob zwei fürs Leben zusammen passen, und 
darauf verstünden sich die Eltern besser als junge unerfahrene 
Leute. Und ist die Chinesin nun Frau geworden, so winkt ihr 
gerade auch kein freundliches Los. Sowie sie das Haus ihres Gatten 
bezieht, muß sie sich nicht bloß diesem, sondern auch seinen 
Eltern und deren Kindern unterordnen. Es kommt. gar nicht 
selten vor, daß die Frau nicht mit ihrem Gratten, ja nicht einmal 


mit ihren Söhnen zusammensitzen darf, sondern ihr Mahl in einer 
Zimmerecke allein für sich nehmen muß. — Wenn wir uns nun 
fragen, was die Ursache dieser so erniedrigenden Behandlung der 
Frau in China ist, so liegt dieselbe hauptsächlich in der bei den 
Chinesen so hoch im Ansehen stehenden Ahnenverehrung. Um 
dies verständlich zu machen, gestatte mir der Leser folgende 
Betrachtung. Die Chinesen glauben an ein Leben nach dem Tode. 
Sie haben auch die Ansicht, daß ‘die Seelen der Verstorbenen 
Einfluß nehmen auf das Wohl und Wehe der Hinterbliebenen 
und daß diese durch Gebete und Opfer, d.h. durch eine liebevolle 
Ahnenverehrung das Schicksal der Verstorbenen im Jenseits 
besser gestalten könnten. So empfiehlt sich schon aus egoistischen 
Gründen die Verehrung und Anbetung der Ahnen, und in der 
Tat spielt diese in China eine das ganze Familienleben beherrschende 
große Rolle. 

Wenn ein Chinese stirbt, so wird er zunächst in den Sarg 
gelegt. Handelt es sich um einen Greis, so hat er sich den Sarg 
entweder schon bei Lebzeiten angeschafft oder er wurde ihm von 
seinen Kindern zu seinem 60. Geburtstag zum Geschenk gemacht. 
Sodann wird ein Priester geholt und dieser sucht zunächst die 
eine von den drei Seelen, welche in jedem Chinesen vorhanden 
sein sollen, durch Gebete zu veranlassen, ihren Weg ins Elysium 
zu nehmen. Ist dies geschehen, so wird der Geomant oder Erd- 
wahrsager gebeten, einen möglichst passenden Grabplatz aus- 
findig zu machen. Darauf wird in China großes Gewicht gelegt; 
der Erdwahrsager sucht mit dem Kompaß in der Hand oft wochen-, 
ja mitunter auch monatelang nach einem solchen Platze. Die 
Chinesen leben in dem Aberglauben, daß ein an einem un- 
günstigen Orte befindliches Grab für die Nachkommen von Un- 
heil sei, und deshalb behandeln sie die Erdwahrsager mit großer 
Aufmerksamkeit und beschenken sie reichlich, damit sich diese 
beim Aufsuchen einer glückbringenden Begräbnisstätte möglichst 
viel Mühe geben. Während dieser Zeit bleibt der Verstorbene 
entweder im verschlossenen Sarge zu Hause liegen oder er wird 
vorläufig in einem Totenaufbewahrungshaus deponiert, bis der 
Geomant seine Aufgabe gelöst hat. Am Grabe werden papierne 
Nachahmungen von Gold, Dienern, Palankins, Pferden und Wagen 
verbrannt, damit diese dem Toten im Jenseits zugute kommen 
mögen; der Priester betet, daß die 2. Seele des Verstorbenen in 
der Leiche verbleibe und die 3. sich in dem Ahnentäfelchen nieder- 


lasse. Dieses wird zunächst bis zum hundertsten Trauertage in 
einem Zimmer des Hauses aufbewahrt und jetzt erst wird es auf 
den Ahnenaltar niedergelegt. Damit ist aber die Trauerzeit keines- 
wegs beendet, denn diese währt über zwei volle Jahre. 

Da die Frau in China von diesen so überaus wichtigen 
7/eremonien der Ahnenverehrung so gut wie ausgeschlossen ist 
und die Anbetung in erster Linie von den Söhnen besorgt wird, 
so wünscht sich schon aus diesem Grunde der Chinese eine männ- 
liche Nachkommenschaft, weil er damit eine Art Garantie erhält, 
daß auch im Jenseits für sein Wohl gesorgt werden wird. 

Von Kanton etwa 20 Meilen entfernt, liegt an der Mündung 
des Pearlflusses die uralte portugiesische Stadt Macao. Schon von 
weitem zieht diese Stadt durch ihre reizende Lage, durch ihre 
zahlreichen Klöster und Kirchen sowie durch den prächtigen 
Hafen die Blicke des Reisenden auf sich. Allein dieser Hafen, 
der einst nahezu allein den Seehandel ‘zwischen Ostchina und 
Europa vermittelte, ist ziemlich still geworden, seitdem die Eng- 
länder aus Hongkong, einem elenden Fischernest, eine herrliche, 
man kann sagen, eine europäische Stadt gemacht und den ganzen 
Handel hierdurch an sich gerissen haben. 

Auf einer Anhöhe von Macao, in einem herrlichen Garten, 
liegt die berühmte Grotte, wo der größte portugiesische Dichter 
Camoens seine Lusiaden schuf, jenes herrliche epische National- 
gemälde, das portugiesisches Heldentum in so wunderbarer Weise 
feiert. A 

Als ich eines Abends.in den Straßen Macaos spazieren ging, 
fiel mir ein grell beleuchtetes Haus auf. Es war, wie ich erfuhr, 
die bekannte Spielhölle Macaos. Rasch entschlossen trat ich ein. 
In einem kleinen Zimmer saßen um einen Tisch einige spielende 
Chinesen, der Croupier und seine beiden Gehilfen. Der eine Gehilfe 
prüft das Gewicht und die Echtheit der Einsatzmünzen, der andere 
bucht die Einsätze und zahlt die Gewinste aus. Bei dem 
»Tschingtau« — dieses bei den Chinesen sehr beliebte Hasardspiel 
wurde gerade gespielt — legt der Croupier einen Haufen von 
Münzen auf den Tisch und bedeckt dieselben sofort mit einem 
Becher. Die Spieler setzen nun auf die Zahlen ı, 2, 3 undy. So- 
dann hebt der Croupier den Becher von dem Haufen und sondert 
mit einem Stäbchen je vier Münzen ab. Bleibt nun kein Bruch- 
teil übrig, so gewinnt der, welcher auf die Zahl 4 gesetzt hat. 
Bleiben ı, 2 oder 3 Münzen übrig, so gewinnen die, welche die 


— 39 — 


entsprechenden Zahlen gewählt haben. Nachdem ich mich mit 
dem Spiele einigermaßen vertraut gemacht, wagte ich auch einige 
Dollars, allein das Glück war mir nicht hold, weshalb ich Rech 
wieder aufs Beobachten beschränkte. 

Die meisten Chinesen sind vom Spielteufel förmlich besessen. 
Schon die Kinder erfreuen sich am Würfelspiel und nicht selten 
kann man sehen, daß der kleine Chinesenjunge die Orange nicht 
kauft, sondern darum würfelt. Häufig wettet man, daß die Orange 
eine bestimmte Anzahl von Kernen enthält. Die Orange wird 
geöffnet und die Kerne werden gezählt. Der glückliche Errater 
erhält das Fünffache des Einsatzes und die Orange. 

Auf meiner Fahrt von Indien über China, Japan, Honolulu 
nach Amerika konnte ich oft wochenlang die chinesischen Kulis, 
von denen mancher Dampfer oft ein bis mehrere Hundert mit 
sich führt, in ihrem Leben und Treiben beobachten. Abgesehen 
vom Öpiumrauchen besteht ihr Hauptzeitvertreib im Spiel. Man 
würfelt, spielt Karten oder Tschingtau. Nach den Mitteilungen 
der Kapitäne kommt es gar nicht selten vor, daß ein Kuli seinen 
in der Fremde durch mehrere Jahre mühsam erworbenen Lohn auf 
dem Schiffe verspielt und aus Verzweiflung darüber den Tod in 
den Wellen sucht. Großes Interesse bekundet der Chinese, besonders 
im Süden, für die Kämpfe der Grillen, der Wachteln, der Wild- 
tauben und Hähne, dagegen fehlt ihm für körperliche Übungen wie 
Boxen, Turnen, Ringen, Tennis, Fußballspiel und anderes der Sinn. 
Ein Chinese kann nicht begreifen, wie man stundenlang Tennis spielen 
kann, ohne dafür bezahlt zu werden. Nur ein einziges Spiel 
erfreut sich großer Beliebtheit, das Werfen des Federballs. Sonder- 
barerweise werfen die Chinesen den Federball nicht mit dem 
Racket, sondern mit den Füßen, und hierin bekunden sie so großes 
Geschick, daß sie den Ball minutenlang in der Luft erhalten können. 

Ich muß es mir an diesem Orte versagen, meine Erinnerungen aus 
Hongkong und Shanghai wiederzugeben, und ich wende mich da- 
her gleich zu dem zweiten Wunderland des Ostens, zu Japan. Um 
dahin zu gelangen, benützte ich den Dampfer „China“ der Pacific 
Mail, einen der größten und schönst eingerichteten Passagierdampfer, 
der mir auf meiner Reise um die Erde untergekommen ist. In Eu- 
ropa herrscht vielfach die Meinung, daß eine derartige Reise eine 
‚ununterbrochene Kette von Entbehrungen, von Widerwärtigkeiten 
und von Gefahren mit sich bringe. Im allgemeinen ist dies nicht 
richtig. Wenn man von Haus aus gesund und nicht anspruchs- 


voll ist, wenn man ein offenes Auge für Land und Leute und die 
Natur behält, dabei vernünftig lebt, so werden die relativ geringen 
Reisestrapazen reichlich aufgewogen durch die vielen Genüsse der 
verschiedensten Art, die eine solche Reise gewährt. Auf dem 
Dampfer „China“ — und dies gilt ja für die meisten Ozeandampfer 
guten Rufes — ist für Komfort nach jeder Richtung gesorgt. 
Man hat eine hübsche Kabine mit gutem Bett, das Schiff birgt 
einen Salon, ein Musik-, Spiel-, Rauch- und Bibliothekszimmer und 
einen großen Speisesaal. Für die Verköstigung ist, da ja Essen 
und Trinken auf einer langen Seereise eine wichtige, für viele 
sicherlich die wichtigste Rolle spielt, in ausgezeichnetster Weise 
gesorgt. 

Manche Kapitäne verstehen es, die Geselligkeit zu fördern; 
sie veranstalten Wettspiele, regen gymnastische Übungen an, ja 
auf der Fahrt nach Honolulu improvisierte der Kapitän sogar eine 
Kegelbahn auf dem etwa 100 Schritte langen Deck, die uns viel 
Vergnügen machte. Auch die umgebende Natur gibt Anlaß zu 
interessanten Betrachtungen: wie gerne ruht das Auge auf dem 
Wellen- und Farbenspiel des Meeres, bei Tag ergötzt man sich 
an dem Fluge der Möven, an dem Spiel der Delphine, an der 
Flucht der aufgescheuchten fliegenden Fische, an dem Treiben 
der Quallen und nachts an dem Leuchten des Meeres. Indes, 
wenn die Fahrt lange währt, so fühlt man sich doch auf dem 
Schiffe, das einem großen schwimmenden Hotel gleichkommt, 
gelangweilt und eine unaussprechliche Sehnsucht nach dem Lande 
erwacht. So erging es auch uns, als wir uns dem Lande der 
aufgehenden Sonne näherten und die Küste des japanischen Insel- 
reiches vor unseren Blicken auftauchte. Immer deutlicher wurden 
die Umrisse der Küste, und endlich passierten wir die Insel Papen- 
berg, jene blutige Stätte, auf welcher zur Zeit der Christen- 
verfolgungen in Japan Tausende von Christen den Märtyrertod 
erlitten, und fuhren dann in den Hafen von Nagasaki ein. 

Gleich Rio de Janeiro und Hongkong darf auch Nagasaki 
sich rühmen, einen der schönsten Häfen der Welt sein eigen zu 
nennen. Die binnenseeartige Bai, der terassenförmige Aufstieg 
der Stadt, der Abschluß durch eine stimmungsvolle Berglandschaft 
und das Leben im Hafen selbst nehmen den Ankommenden ganz 
gefangen. Unter dem Heer von Schiffen fesseln uns vor allem 
die riesigen englischen Dampfer, die japanischen Kriegsschiffe 
und die in ein düsteres Rauchgrau gehüllten russischen Kriegs- 


dampfer. Dazwischen ein Wald von Seglern, von Booten und 
zierlichen hin und her gleitenden Propellern. Kaum war unser 
Dampfer verankert, so war er bereits umringt von zahlreichen 
Kohlenbooten; Japaner und Japanerinnen bildeten eine auf- 
steigende Kette von den Booten zu dem Kohlenraum des Dampfers 
und nun flogen die Kohlenkörbe von Hand zu Hand mit einer 
‚Schnelligkeit und Geschicklichkeit, die unser Staunen erregte. 

Was unser Interesse auf einer Reise in ferne Länder stets 
in ganz besonderem Grade erregt, ist der Mensch. Zumal in China 
und Japan, wo alles so eigenartig und originell ist, tritt uns der 
Mensch ebenso wie im Tropengürtel gewissermaßen als eine neue 
Spezies entgegen. Und so wie der Naturforscher sich an einer 
neuen Pflanzen- oder Tierart erfreut und sie staunend betrachtet, 
so fühlt sich wohl jedermann auch angeregt, eine ihm entgegen- 
tretende Menschenrasse zu analysieren. 

In Japan lassen sich leicht zwei Typen unterscheiden. Bei den 
mehr im Norden lebenden Japanern tritt der mongolische Typus 
deutlicher hervor: die dunklere Hautfarbe, die vorstehenden Backen- 
knochen, die niedrige Stirn, die mehr gerade liegenden Augen 
und der stärkere Körper erinnern an die angeblichen Ureinwohner 
Japans, an die Ainos. Der mehr im Süden vorherrschende Typus 
hat eine hellere Hautfarbe, schmaleres Gesicht, höhere Stirn, eine 
leicht gekrümmte Nase, sehr schwachen, fast nur aufs Kinn be- 
schränkten Bartwuchs und eine schmächtigere Gestalt. Der Japaner 
hat nach unseren Begriffen unschöne Gesichtszüge. Die ihm eigen- 
tümliche Intelligenz verrät sich jedenfalls in seinem Antlitze nicht. 
Dasselbe läßt sich durchaus nicht von der Japanerin sagen. Man 
findet oft reizende Gestalten mit feiner Modellierung der Formen 
und besonders feiner Gliederung der Hände und Füße. Mitunter 
mahnt das feingeschnittene Gesicht mit der sorgfältig gehaltenen 
Frisur und den dunklen seelenvollen Augen an europäische Schön- 
heiten. Tadeln möchte ich an den japanischen Mädchen die etwas 
vorgebeugte Haltung, die in der hier so allgemein üblichen hocken- 
den Stellung auf dem Boden ihren Grund haben dürfte. Seine helle 
Freude kann man in Japan an den Kindern haben. Man nennt 
Japan das Paradies der Kinder und sagt, daß die Kinder hier nie 
weinen. Tatsache ist, daß die Kinder sich glücklich fühlen und 
mit lächelndem Gesicht in die Welt blicken ebenso wie die Eltern, 
deren Frohnatur ja bei vielen Gelegenheiten zutage tritt. Was bei 
den Kindern besonders auffällt, ist der ausgesprochene Sinn für 


Gehorsam. Im Gegensatz zu den Chinesen machen die Japaner 
keinen Unterschied zwischen Knaben und Mädchen, behandeln 
beide mit gleicher Liebe und Sorgfalt und sorgen auch für das 
Vergnügen und die Spiele ihrer Kleinen. Ball-, Kreisel- und Papier- 
drachenspiel gehören zu den Hauptergötzungen der Jugend. 
Wenn man in.Japan sich nicht bloß mit dem Besuche der 
Küstenorte Nagasaki, Kobe, Tokio und Yokohama begnügt, sondern 
auch das Innere des Landes kennen lernen will, so bedarf es eines 
speziellen japanischen Passes. Als ich in Kobe landete, war es 
daher meine erste Sorge, mir einen solchen Paß für das Inland 
zu verschaffen. Zu meinem großen Bedauern mußte ich nun in 
Kobe erfahren, daß Österreich hier in der Endstation des Öster- 
reichischen Lloyd kein Konsulat unterhalte und daß ich mich 
daher des Passes wegen an das englische Konsulat zu wenden 
hätte. Sowie man Europa verläßt, sieht man auf Schritt und Tritt, 
daß die Engländer in der Welt die erste Rolle spielen. Nicht mit 
Unrecht. Denn sie haben dank ihrer wunderbaren Kolonisierungs- 
kunst sich an den schönsten Plätzen unseres Erdenrunds festgesetzt, 
die wichtigsten Kohlenstationen sich angeeignet und damit eben 
die Welt erobert. Der englische Konsul in Kobe folgte mir in 
liebenswürdigster Weise einen Paß für Japan aus und mit diesem 
gelangte ich alsbald nach Kioto, der alten Hauptstadt des Reiches. 
Durch etwa 1000 Jahre herrschten die Mikados hier, bis zum 
Jahre 1865. Von diesem Zeitpunkte an gilt Tokio als Herrscher- 
sitz des Kaisers. Wer japanische Eigenart, japanische Kunst 
und das in Japan auf so hoher Stufe stehende Kunstgewerbe 
kennen lernen will, wird bei einem Besuche dieses originellen 
Landes es nicht versäumen, Kioto zu besuchen. Etwa 1000 Tempel, 
darunter 945 Buddhatempel, nennt die Stadt ihr eigen. Der alte 
historische Mikadopalast, zahlreiche Theater, eine Unzahl von 
Teehäusern, herrliche Kunstschätze und das blühende Kunst- 
gewerbe lassen auch heute noch Kioto als ehemaligen Herrscher- 
sitz erkennen. Unter den Erzeugnissen der Kunstindustrie nimmt 
neben dem Porzellan die Lackarbeit den ersten Rang ein. Für 
den Fremden bietet es einen hohen (Grenuß, die verschiedenen 
Läden oder Curioshops zu besuchen, besonders, wenn sie auch 
mit den betreffenden Werkstätten verbunden sind. Hier erst ge- 
winnt man einen tieferen Einblick in die außerordentliche Sorg- 
falt und in die Geschicklichkeit, mit welcher die Cloison&-, Damas- 
zener-, Schnitzerei-, Lack- und andere Arbeiten ausgeführt werden. 


All diese Waren üben, weil sie vielfach einen feinen künstlerischen 
Geschmack bekunden, eine so große Anziehungskraft auf uns, daß 
wir immer von neuem verlockt werden, zu kaufen. 

Wie in so vielen Punkten war auch in der Kunst China die 
Lehrmeisterin von Japan. Aber auch hier hat die gelehrige 
Schülerin die Lehrerin überflügel. Die chinesische Kunst er- 
wärmt uns nicht. Das Groteske, das Bizarre, die eigenartige 
Formgebung und das starre Festhalten an den herkömmlichen 
Motiven und Ornamenten zieht uns nicht an. Hingegen entzückt 
uns in der japanischen Kunst der frische Naturälismus und das 
liebevolle Erfassen der aus Wald und Flur, aus dem Pflanzen-, 
Tierreich und dem menschlichen Leben entnommenen Motive. 
Während die Japaner in der Musik keinerlei Talent bekunden 
und auf einer tiefen Stufe stehen, nehmen sie auf dem Gebiete 
der Malerei, obwohl sie die Verwendung des Schlagschattens und 
des Helldunkels nicht kennen, sich auf die Linearperspektive nicht 
verstehen und mit der Ölmalerei erst vor kurzem bekannt ge- 
worden sind, eine achtunggebietende Stellung ein, ja im Reiche 
des Kunstgewerbes können sie uns Europäern vielfach als Muster 
dienen. Der Einfluß der japanischen Kunst ist auch in Europa 
unverkennbar und in der Tat können wir heute fast in jeder 
modern eingerichteten Wohnung allenthalben Anklänge an Japan 
vorfinden, sei es in Form eines Paravents, eines Fächers, einer 
Cloisonearbeit, einer Waffe oder einer lackierten Teebüchse. 

Der in Japan so vielfach verwendete Lack stammt von dem 
Lackbaum Rhus vernicifera. Jeder Lackzapfer kauft vom Bauer 
einige 100 Bäume und zapft sie im Hochsommer an. Der Arbeiter 
reinigt zu diesem Zwecke den Stamm, macht mit einem Messer 
zunächst über dem Boden in die Rinde einen horizontalen bogen- 
förmigen Schnitt und sodann auf den entgegengesetzten Seiten 
des Stammes, immer um etwa 20 Zentimeter entfernt, weitere 
Ritze und zwar so hoch als er reichen kann. In derselben Weise 
werden nacheinander etwa ı5 Bäume behandelt. Dann erst kehrt 
der Zapfer zu dem ersten Baume zurück und kratzt den in der 
Ritze inzwischen hervorgequollenen Milchsaft zusammen. Der aus 
der Wunde fließende Lacksaft ist anfangs weißlich, an der Luft 
dunkelt er bald nach und wird endlich schwarz. Ein guter voll- 
ständig ausgenutzter Baum liefert beiläufig 25 bis 5o Gramm Roh- 
lack. Derselbe wird zunächst einem Klärungsprozeß, und wenn 
er für feine Lackierungsarbeit gebraucht werden soll, auch einem 


Verdampfungsprozeß unterworfen sowie mit verschiedenen Sub- 
stanzen, Perillaöl, Eisenvitriol usw. versetzt. Der japanische Lack 
ist jedenfalls ein ganz besonderer Saft, denn die japanischen 
Lackarbeiten erfreuen ebenso durch große Eleganz, schimmernden 
(Glanz, wie durch eine außerordentliche, bis an Unverwüstlichkeit 
streifende Solidität. 

Um von Kioto nach Tokio zu gelangen, benützte ich die 
Eisenbahn. Im Gegensatz zu den konservativen Chinesen haben 
die Japaner alsbald die große Bedeutung dieses europäischen 
Verkehrsmittels erkannt und in den letzten 25 Jahren über ihr 
Reich bereits ein weitverzweigtes Schienennetz gespannt. Die Be- 
haglichkeit läßt namentlich in den kalten Wintermonaten auf der 
Eisenbahn noch manches zu wünschen übrig. Die Warteräume 
mögen im Sommer ganz angenehm sein, im Winter jedoch bleiben 
sie ungeheizt und entbehren häufig der Türen, so daß sie dem 
Reisenden keinerlei Schutz gegen die Kälte und den Wind ge- 
währen. Eine längere Eisenbahnfahrt bietet manches Interessante. 
Sobald ein Japaner oder eine Japanerin den Waggon betritt, 
werden die Sandalen oder Holzpantoffel genau wie beim Eintritt 
in ein Zimmer abgelegt. Der Passagier hebt dann die Beine auf 
die Bank und setzt sich darauf. Die meisten vertreiben sich die 
Zeit mit Plaudern und Essen. Orangen und Kakifrüchte werden 
in Menge verzehrt. Dazwischen raucht man eine Zigarette oder 
das kleine japanische Pfeifchen, das mit ein paar Zügen schon aus- 
gepafft ist. In den größeren Stationen werden bei den Fenstern 
kleine flache Holzkistchen mit dampfendem Reis, Curri und den 
unvermeidlichen zwei Eßstäbchen hineingereicht. Von Zeit zu 
Zeit erscheint ein Bahnbediensteter, der den um den Spucknapf 
angesammelten Unrat von Speise- und Tabakresten wegkehrt, eine 
Gepflogenheit, die wirklich notwendig ist, da die im Mittelgange 
herumliegenden Örangenschalen, Zündhölzchen und _Zigarren- 
stümpfe bald ein Verkehrshindernis abgeben würden. 

Wenn ich im Waggon saß und meine Umgebung beob- 
achtete, konnte ich bemerken, daß sich viele mit meiner Person 
beschäftigten und über mich sprachen, ja zu wiederholten Malen 
ist es mir passiert, daß mir mein Nachbar, ohne mit mir früher 
ein Wort gewechselt zu haben, plötzlich ganz unvermittelt seine 
Visitenkarte zuschob, in der Erwartung, dafür auch meine zu er- 
halten. Die Neigung zu Frohsinn und Spaß kommt auch bei den 
Passagieren oft zum Durchbruch und mitunter in ganz unerwarteter 


Weise. So war ich auf meiner Fahrt nach Tokio sehr überrascht 
zu sehen, wie ein Japaner seiner Reisetasche einen Papierdrachen 
entnahm, darauf mit einem Kohlenstift einen fliegenden Kranich 
zeichnete und den Drachen dann vom offenen Waggonfenster 
hoch in die Luft steigen ließ. Zur Freude der Mitfahrenden be- 
gleitete uns der Drache während der Fahrt durch eine halbe 
Stunde Man kann daraus ersehen, daß die Schnelligkeit der 
japanischen Züge — wir benützten einen Schnellzug — ver- 
glichen mit der der europäischen, eine sehr mäßige sein muß. 

Auf der langen Fahrt von Kioto nach Tokio hat man reich- 
lich Gelegenheit, die Fruchtbarkeit und die Schönheit der Land- 
schaft zu beobachten. Obwohl ich die Fahrt zur Winterszeit im 
Februar machte, konnte ich mich vielfach überzeugen, daß der 
Acker auf das Sorgfältigste bestellt und namentlich die Düngung 
und die Bewässerung in einer Weise durchgeführt waren, an der 
man sich ein Muster nehmen könnte. Selbst im Winter bot die 
Vegetation mancherlei Interessantes und manche (regensätze: 
Hier ein Wald von Pinien, Kryptomerien, dann wieder haushohes 
Buschwerk von an den Süden gemahnender Bambusa, gleich 
darauf ein Bestand von rotblühenden Kamelienbäumen, vor den 
Bauernhöfen ein blühender Pflaumen-, Kirschbaum oder eine 
Palme, die seltsam mit dem im Norden sich erhebenden schnee- 
bedeckten Gebirge und den zeitweise fallenden Schneeflocken 
kontrastiert. Nachmittags klärte sich der Himmel und im Osten 
erhob sich der heilige Berg von Japan, der Fusi-Yama, ein wahres 
Modell eines (erloschenen) Vulkans. 3700 Meter sich erhebend, 
den größten Teil des Jahres mit Schnee bedeckt, bietet dieser in 
den Augen der Japaner ‚heilige Berg einen erhabenen Anblick 
und man begreift, daß gerade dieser Berg, der vor etwa 200 Jahren 
seinen letzten Ausbruch hatte und in alter Zeit der Erde plötzlich 
entstiegen sein soll, von den Japanern so verehrt und in der japa- 
nischen Kunst als Motiv so häufig verwertet wird. 

Endlich war Tokio erreicht und ich war glücklich, in einem 
vornehmen, europäisch eingerichteten Hotel meinen ausgefrorenen 
Körper wieder ordentlich erwärmen zu können. Tokio, an der 
Bai von Jeddo gelegen und von Yokohama nur ı!/, Eisenbahn- 
stunden entfernt, hat gegenwärtig etwa 1400000 Einwohner und 
gehört, weil in jedem Hause durchschnittlich nur vier Personen 
wohnen und innerhalb der Stadt große Gärten und Parkanlagen 
sich vorfinden, nächst London zu den ausgedehntesten Städten der 


ee 


Erde. Bei einem so großen Umfang besteht das Bedürfnis nach 
einem flinken und billigen Gefährt, und ein solches ist auch in 
wunderbarer Weise verwirklicht in dem Jinriksha. Es ist dies ein 
kleiner, zweiräderiger Handwagen, eine für ı—2 Personen be- 
rechnete Kalesche, gezogen von einem Japaner. 

Dieses kleine japanische Fuhrwerk hat sich bereits über 
Japan hinaus auch in den chinesischen Städten, in Singapore, Pe- 
nang und auf Ceylon eingebürgert. Ich erinnere mich noch heute, 
wie sehr ich überrascht war, als ich, sowie ich in Colombo das 
Land bestieg, plötzlich von einer Schar Jinrikshas oder, wie man 
kurz zu sagen pflegt, von Rikshas umringt war. Der Mensch 
trat mir hier als Zugtier, das Pferd ersetzend, entgegen und mein 
Mitgefühl sträubte sich anfänglich dagegen, ihn als solches zu be- 
nützen. Schließlich beruhigte mich der Gedanke, daß ja auch bei 
uns in Europa viele Arbeiter nicht auf Rosen gebettet sind und 
in Bergwerken oft auf Kosten ihrer Gesundheit arbeiten. Und 
da ich nun bald zu sehen Gelegenheit hatte, wie sich in Colombo 
die Europäer allgemein der Tamils und Singhalesen bedienten, um 
im rasenden Tempo im Riksha durch die Straßen zu fliegen, 
so ließ ich endlich mein Bedenken fallen und ließ mich auch von 
Menschen ziehen. Die Leistungsfähigkeit des Riksha-Kulis ist 
eine erstaunliche. Er kann ı— 2 Stunden so schnell wie ein Fiaker- 
pferd laufen. Jeder von uns hat einmal versucht, eine größere 
Strecke zu laufen und jeder weiß, daß man nach ıo Minuten schon 
ziemlich ausgepumpt ist. Der Riksha-Kuli aber läuft ı— 2 Stunden 
und zieht dazu noch einen Wagen und einen Fahrgast. Ich habe, 
als ich in der japanischen Tempelstadt Nikko weilte, englische 
Familien in Rikshas ankommen sehen, deren Kulis durch fünf 
Stunden über die mit Schnee bedeckten Straßen ihre kleinen 
Fuhrwerke zogen. Wenn auch eine derartige Inanspruchnahme 
des Menschen zu den Seltenheiten gehören dürfte — in dem er- 
zählten Falle war sie durch einen Bahnstreik bedingt — 30 kann 
doch der Beruf des Riksha-Kulis, da er Lunge und Herz in ganz 
ungewöhnlicher Weise in Anspruch nimmt, gewiß nicht als ein 
gesunder betrachtet werden. Trotzdem ergeben sich in Japan 
und den Tropen tausende Menschen diesem Erwerb und die 
Konkurrenz auf diesem Gebiete ist so groß, daß dadurch die 
Fahrten außerordentlich billig werden. 

Zu den schönsten Ausflugsorten in Tokio gehört der Uyeno- 
park. Sowie die Berliner ihren Tiergarten und die Wiener ihren 


Prater aufsuchen, um sich nach des Tages Mühen in frischer freier 
Luft zu ergehen, so strömen auch die Bewohner von Tokio der 
Erholung wegen in den Uyenopark. In diesem baumreichen, an 
stimmungsvollen lauschigen Plätzchen so reichen Parke finden sich 
einige Grabtempel ehemaliger Shogune, verschiedene andere Tempel, 
ein großartig eingerichtetes Museum, eine öffentliche Bibliothek, 
ein zoologischer Garten und zahlreiche Teehäuser nebst Restaurants: 
Was aber den Japaner besonders in den Uyenopark lockt, sind 
die Blumen und die Blumenfeste. Zur Zeit, wenn die Pflaume 
ihren Blütenschnee entfaltet, wenn die Lotosblumen im Teiche von 
Uyeno tausende ihrer Kelche öffnen und das Auge sich abwechselnd 
an dem Anblicke dieses herrlichen Blütenflors und dem in der 
Ferne grüßenden wolkenumsäumten Fusi-Yama weidet, zur Zeit, 
wenn die Blüte des Fuji (Wistaria chinensis) in Tausenden von 
blauen Blütentrauben die Veranden schmückt, die Schwertlilien in 
den verschiedensten Farben prangen und bei anbrechendem Herbst 
die Ahornbäume ihr Laub in den verschiedenen roten Tinten 
leuchten lassen, dann wandert ganz Tokio ins Freie, um die Natur 
zu genießen und sich an der Schönheit der Blumen zu erfreuen. 
Die Freude an der Natur und an den Blumen ist dem Japaner 
nicht anerzogen, sondern fußt schon im Volkscharakter: Sie kommt 
auch in den japanischen Liedern vielfach zum Ausdruck: 


„Sind erst die Blüten dahin, die Sehnsucht bringt sie nicht wieder, 
Willst Du sie brechen, so brich heute, sonst ist es zu spät.“ 


‚Die leidenschaftliche Liebe für die Wistaria-(Fuji)-blüte besingt 
der Dichter mit den Worten: 


„So wie die Woge zum Strand, so kehren die Leute stets wieder, 
Wandelnd am Hause vorbei, staunen, den Fuji sie an.“ 


In Tokio weilend, versäumte ich es nicht, meinen Fachge- 
nossen, den japanischen Pflanzenphysiologen Prof. Manabu Miyoshi, 
den ich bei der letzten Naturforscherversammlung in Wien kennen 
zu lernen die Ehre hatte, zu besuchen, unter anderem, um durch 
ihn Gelegenheit zu erhalten, die Einrichtung der kaiserlichen Uni- 
versität besichtigen zu können. Prof. Miyoshi war nicht wenig über- 
rascht, als ich in ‚seinem kleinen Stübchen plötzlich vor ihm stand. 
Er empfing mich auf das Zuvorkommendste und Herzlichste und 
lud mich für den nächsten Tag in den botanischen Garten und 
sein Laboratorium ein. Hier lernte ich auch den Direktor des 
botanischen Gartens Prof. Matsamura kennen, der in liebenswür- . 


Be 


digster Weise den Führer machte. Von den wissenschaftlichen 
Instituten kann ich nichts Originelles berichten, da dieselben genau 
so eingerichtet sind, wie die der <leutschen Universitäten. Hätte 
ich, als ich im pflanzenphysiologischen Laboratorium der kaiser- 
lichen Universität in Tokio weilte, nicht vor mir den japanischen 
Professor, die japanischen Studenten und Diener gehabt, so hätte 
ich mir auch einbilden können, in einem analogen Institut Öster- 
reichs oder Deutschlands zu sein, denn bis in die kleinste Einzel- 
heit war alles dem europäischen Muster nachgeahmt. 

In der Nachahmung erscheint der Japaner überhaupt groß und 
ganz im Gegensatz zum Chinesen. Wo immer auch der Chinese 
sich niederläßt, sei es in den Tropen, in Afrika oder Amerika, er 
wird nie seine charakteristische Kleidung, seine Haartracht, seinen 
Zopf, seine Lebensgewohnheiten, seine Anschauungen aufgeben. 
Er ist eben streng konservativ und bleibt immer originell. Der 
Japaner hingegen hat einen förmlichen Nachahmungstrieb, alles, 
was er an dem Europäer sieht, dünkt ihm der Nachahmung wert. 
Dabei ist er so klug, sich stets die besten Muster zu wählen. Zu- 
erst waren es die Amerikaner, dann die Franzosen, die Engländer 
und gegenwärtig auf sehr vielen Gebieten die Deutschen. Viele 
von den Lehrstühlen der Universität sind durch europäische Pro- 
fessoren besetzt, doch ist man durchwegs bestrebt, nach und nach 
die Lehrkanzeln durch einheimische Kräfte zu besetzen. Man 
sendet zu diesem Zwecke die tüchtigsten Japaner nach Europa, 
gegenwärtig vorwiegend nach Deutschland, zu den hervorragendsten 
Lehrern und Forschern und nach einiger Zeit kehren die Japaner, 
trefflich geschult und mit den modernsten wissenschaftlichen Me- 
thoden vertraut, in die Heimat zurück, um nun selbst als Lehrer 
und Forscher aufzutreten. Auch auf dem Gebiete des Heerwesens, 
der Justiz, der Verwaltung und der Polizei macht man sich Deutsch- 
land zum Muster, wie denn in den besseren Kreisen ‚auch die 
deutsche Sprache der englischen bedeutend Konkurrenz zu” machen 
beginnt. 

Meine japanischen Kollegen waren so liebenswürdig, mich 
in ein Teehaus zu einer echt japanischen Mahlzeit zu laden und 
mir zu Ehren einen botanischen Abend zu veranstalten. Zu 
demselben waren die Professoren Miyoshi, Matsamura, Jkeno, deren 
Freunde und Schüler, im ganzen etwa 35 Personen, erschienen. 
Nie werde ich des herzlichen Empfanges vergessen, der mir hier 
zuteil wurde. Man gab sich alle Mühe, mir die Zeit in ange- 


nehmster Weise zu vertreiben, man bewirtete mich mit japanischen 
Früchten, mit Sake und Bier. Als die Stimmung gemütlich zu 
werden begann, neigte sich Kollege Miyoshi zu mir herüber und 
bat mich, der Versammlung einen Vortrag über meine Forschungen 
auf Java zu halten. Als ich ihm darauf bemerkte, daß ich momentan 
zwar imstande wäre, einen Vortrag in deutscher, aber nicht in 
englischer Sprache zu improvisieren, da meinte er: „Um so besser, 
denn die Versammlung legt gerade Wert darauf, einen Vortrag 
in deutscher Sprache zu hören, da wir in Japan den deutschen 
Professor so überaus hoch schätzen.“ Ich hatte auf Java so viel 
des Interessanten gesehen und kennen gelernt, daß es mir nicht 
schwer fiel, darüber einen kurzen Vortrag zu halten, und ich glaube 
selten so aufmerksame Zuhörer gehabt zu haben, wie damals bei 
dem botanischen Abend in Japan. 

Der Japaner hat eine ausgesprochene Vorliebe für das Kleine: 
Er liebt ein kleines Haus, ein kleines Zimmer, kleines Eßgeschirr, 
er liebt einen kleinen Garten, darin einen kleinen Teich mit kleinen 
Goldfischen. Er liebt das Kleine, vielleicht weil er selbst klein ist. 
Ich glaube, wenn er könnte, er würde alles Große klein machen. — 
Ferner findet der Japaner großen Gefallen nicht nur an dem 
Zwerghaften, sondern merkwürdigerweise auch an dem Absonder- 
lichen, Krüppelhaften und Unnatürlichen. 

Die Japaner verstehen es meisterhaft, Zwergpflanzen zu 
kultivieren. Sie bringen es zustande, einen Föhren-, Kirsch-, Ahorn- 
oder Pflaumenbaum durch mehrere Jahrzehnte in einem kleinen 
Blumentopf zu ziehen. Ich habe in Yokohama einen Kirschbaum 
in einem kleinen Blumentopfe gesehen, der etwa ı Meter hoch 
war, einen ganz hohlen, armdicken Stamm hatte und dessen Zweige 
reichlich Blüten trugen. Der Baum war, wie man mir versicherte, 
ı5o Jahre alt. Je älter der Zwerg und je kleiner er ist, desto 
wertvoller erscheint er in den Augen des Japaners. Um derartige 
Bäumchen heranzuziehen, pflanzt man möglichst kleine Samen in 
winzige Blumentöpfe, die festgestampfte und nahrungsarme Erde 
enthalten. Werden solche Pflanzen überdies noch wenig begossen 
und häufig zurückgeschnitten, so bleiben sie im Wachstum sehr 
zurück und entwickeln sich, weil sie in einem fortwährenden 
Hungerzustande erhalten werden, höchst kümmerlich. 

Mit Vorliebe gestaltet der japanische Gärtner den Zwerg 
noch zum Krüppel. Unter Zuhilfenahme von Bleidrähten und 


Bindfäden werden die jungen, noch schmiegsamen Zweige in der 
Molisch, Populäre biologische Vorträge. 2. Aufl. + 


Form einer Zickzack- oder Wellenlinie gebunden oder die Zweige. 
werden, wenn man ein Trauerbäumchen erhalten will, nach abwärts 
gebogen. Das Gezwungene, Unnatürliche und Gekünstelte erreicht 
bei der Kultur der Pflanze seinen höchsten Grad, wenn der Japa- 
ner, wie dies häufig geschieht, ihr eine bestimmte Form gibt. 
Ich war nicht wenig verblüfft, als ich in einer japanischen Aktien- 
gärtnerei zu Yokohama zahlreiche Pflanzen sah, die in Form eines 
Storches, einer Ente, eines Hasen, einer Schildkröte gezogen waren, 
und mein Erstaunen über den sonderbaren Geschmack der Japaner 
stieg aufs höchste, als ich im Gewächshause ein kleines Zweirad 
mit dem Radfahrer am Sitz, ganz und gar aus den Zweigen eines 
Farnkrautes gebildet, vorfand. 

In wohltuendem Gegensatz zu dieser Geschmacklosigkeit steht 
die Freude an der individuellen Schönheit der Pflanze. Eine oder 
einige wenige Blüten mit möglichst langen Stielen und noch mit 
Blättern versehen geschmackvoll in eine Vase zu stecken, ist in 
Japan sehr beliebt. Blüten und Blütenzweige zierlich zu stecken 
ist eine Kunst, auf die sich gebildete japanische Mädchen treff- 
lich verstehen. Die Bukettbinderei, Europas Aneinanderreihung 
vieler Blüten zu einem runden dichten Ballen, kennt man in 
Japan nicht. 

Wenn wir uns nun zum Schlusse fragen, wie es kommt, daß 
wir in Europa, wenigstens nach unseren Begriffen, in der Kultur- 
stufe den Rekord halten, warum Japan, seitdem es Europa seit 
etwa 30 Jahren sorgfältig kopiert, so ganz unglaubliche Fort- 
schritte gemacht hat und warum China, der gewaltige asiatische 
Koloß, trotz seines mehrtausendjährigen Bestandes und seiner alten 
Kultur so tief unter uns steht, so sind sicherlich verschiedene 
Umstände daran schuld, insbesondere aber nach meiner Meinung 
der mangelnde Sinn des Chinesen für die Pflege der exakten 
Wissenschaften, der organischen und der angewandten Natur- 
wissenschaften. Durch die gründliche Pflege der Mathematik, der 
Physik und Chemie, durch die Vertiefung der biologischen Dis- 
ziplinen und den Ausbau der technischen Wissenschaften ward uns 
jene mächtige Waffe in die Hand gegeben, die uns so hoch über 
fast alle außereuropäischen Staaten erhebt. 

Was soll man auch zu einem Volke sagen, das wie das chine- 
sische noch vielfach heute der Meinung ist, daß die Erde eine Scheibe 
darstellt, in welcher sich die Sonne bei ihrem Untergange ver- 
steckt und aus welcher sie bei ihrem Aufgang wieder emporsteigt; 


daß der untergehende Mond im Meere verschwindet und der er- 
scheinende diesem wieder entsteigt und daß der Regenbogen dem 
Atem einer Riesenauster seine Entstehung verdankt? In China 
- herrscht wenig Sinn für Naturwissenschaften, sondern alles wird 
vom finsteren Aberglauben beherrscht. Um das Gesagte richtig 
zu verstehen, brauchen wir nur das letzte Jahrhundert mit dem 
vorletzten in bezug auf Europa zu vergleichen. Jenes brachte uns 
die Riesenfortschritte auf dem Gebiete der exakten Naturwissen- 
schaften und der Technik und diese verliehen ihm einen geradezu 
naturwissenschaftlichen Stempel. 

Was aber wird die Zukunft bringen, wenn China ebenso 
wie Japan seine Pforten der europäischen Kultur erschließen und 
sich aller jener technischen Errungenschaften, die uns heute eine 
so gewaltige Waffe in die Hand drücken, bemächtigen wird? 
Wird es dann die das Riesenreich belagernden Fremden in das 
Meer hinaustreiben oder wird China mit seinen ungezählten Mil- 
lionen von Menschen ein neues Mongolen -Weltreich errichten ? 
Oder werden die Nationen auf einer höheren Stufe der Kultur 
sich freundlich die Hände reichen und sich in friedlicher Symbiose 
gegenseitig fördern und nützen? Mit solchen Gedanken war ich 
beschäftigt, als ich vom Reiche der aufgehenden Sonne Abschied 
nahm und in Yokohama den Dampfer „Belgic“ bestieg, um über 
Honolulu der Heimat näher zu steuern. 


4* 


1% 
Das Leuchten der Pflanzen)). 


Wer jemals in einer warmen Juninacht die Johanniskäferchen 
gleich lebenden Irrlichtern durch die Lüfte huschen sah, wer im 
finsteren Walde einmal einem faulenden leuchtenden Baumstumpf be- 
gegnete, wer zum ersten Male im finsteren Keller leuchtendes 
Fleisch gesehen oder sich an dem herrlichen Schauspiele des Meer- 
leuchtens ergötzt hat, der wird die geheimnisvolle, zauberhafte 
Wirkung, die das Licht der Lebewesen auf den Menschen seit jeher 
ausgeübt hat, gewiß an sich verspürt haben. Und so erging es 
auch mir. Als ich im Winter 1897/98 auf Java weilte, um pflanzen- 
physiologische Studien zu treiben, hatte ich oft Gelegenheit, das 
Licht von Lebewesen zu bewundern und ich schenkte daher dieser 
merkwürdigen Erscheinung meine besondere Aufmerksamkeit. 

Auf meinen nächtlichen Spaziergängen durch die javanischen 
Bauerngärten und den tropischen Urwald suchte ich allenthalben 
nach leuchtenden Objekten aus dem Pflanzen- und dem Tierreiche. 

Gleich nach meiner Ankunft fesselte mich in der Nähe meiner 
Wohnung im botanischen Tropengarten zu Buitenzorg ein kleiner 
weißer Hutpilz (Mycaena illuminans), der sich auf den abgestorbe- 
nen Blättern einer Rotangpalme (Calamus) entwickelte und in der 
Nacht durch sein wunderbares bläulichgrünes Licht meine Aufmerk- 

samkeit hervorrief. Das Licht dieses lebenden Lämpchens war auf 
_ 20 Schritte deutlich als ein grünlicher Stern zu sehen. 

In der Nähe von Tjibodas fand ich um die Hütten der Ein- 
geborenen sehr häufig prachtvoll leuchtendes Rasamalaholz (Liqui- 
dambar Altingianum Bl), verwesende leuchtende Blätter und 
Wurzeln von Bambusa. 

Javanische Mädchen und Knaben, die bald erkannten, wofür 
ich mich interessierte; boten mir, wenn ich nach Sonnenuntergang 


1 . . . 
) Vortrag, gehalten am 12. Dezember 1906 im Vereine zur Verbreitung natur- 
wissenschaftlicher Kenntnisse in Wien. Hier 1907 erschienen. 


re 
auf der Veranda meines Wohnhauses saß, gegen kleine Geldge- 
schenke schüchtern allerlei interessante leuchtende Tiere und licht- 
entwickelnde Pilze, die ich zum Gegenstande meiner Studien 
machte. 

Um diese Objekte bequem und länger beobachten zu können, 
gab ich sie in feucht gehaltene Gläser und stellte sie in meinem 
Schlafzimmer in der Nähe meines Bettes auf. Wenn ich dann 
nachts aus dem Schlafe erwachte und mit vollständig ausgeruhtem 
Auge durch das Moskitonetz meines Bettes auf meinen leuchtenden 
Garten blickte, glaubte ich in einer Geisterstube zu sein. Ich ge- 
noß ein wunderbares Schauspiel: das nun für kleinste Helligkeiten 
empfindliche Auge weidete sich an dem milden Dämmerlichte der 
Pilze, Hölzer und Blätter, das sich ununterbrochen in die nächste 
Umgebung ergoß, und zwar mit solcher Intensität, daß ich die 
Umrisse der Versuchsgefäße und der zunächst liegenden Gegen- 
stände erkennen und in der Nähe die Zeiger meiner Taschenuhr 
ablesen konnte. 

Gepackt von dieser Erscheinung und von dem Wunsche be- 
seelt, in den Vorgang der Lichtentwicklung durch die Pflanze 
tiefer einzudringen, habe ich — nach Europa wieder zurückge- 
kehrt — ein vieljähriges Studium daran gesetzt und mannigfaltige 
Erfahrungen gesammelt, aus denen ich Ihnen nun einiges mit- 
teilen will. N 

Wenn man von leuchtenden Pflanzen spricht, so versteht 
man entweder solche darunter, die selbst Licht entwickeln, oder 
man meint Pflanzen, die aufgefangenes Licht zurückwerfen und 
dadurch scheinbar leuchtend werden. In meinem heutigen Vor- 
trage soll nur von selbstleuchtenden Pflanzen die Rede sein. 

Alle Pflanzen, die bisher als lichtentwickelnd bekannt ge- 
worden sind, gehören, wenn man von den Peridineen des Meeres 
absieht, zu den Pilzen und zwar zu den Fadenpilzen und Bakterien. 


Leuchtende Hutpilze und leuchtendes Holz. 


Lichtentwicklung wurde bei etwa vierzehn, teils dem tropischen, 
teils dem subtropischen und gemäßigten Klima angehörenden 
Hutpilzen festgestellt. So, um nur einige zu nennen, bei Agarıcus 
Gurdneri Berk., Ag. ıgneus Rumph, Ag. noctlucens Lev. Ag. 
Phosphorus Berk., Ag. Prometheus Berk. et C. N., Ag. lampas Berk. 
und Ag. ıllumınans Berk. Es sind dies durchweg exotische Pilze. 
Aber auch unter unseren einheimischen Hutpilzen sind leuchtende 


bekannt; ich erinnere an den Hallimasch, Agarıcus melleus unserer 
Wälder und an den Ag. olearıus, der in Südeuropa heimisch ist, 
in letzter Zeit aber auch in den Wäldern der Umgebung von Wien 
gefunden wurde. Bei diesen leuchtet der Strunk und der Hut, insbe- 
sondere aber die Fruchtschicht. Beim Hallimasch aber leuchtet nicht 
der Hut, sondern das strangartige Myzel, welches früher unter 
dem Namen Raızomorpha als eigene Pilzgattung beschrieben wurde. 

* Eine sehr häufige Erscheinung in unseren Wäldern ist das 
Leuchten des verwesenden Holzes. Wenn man im Walde 
die faulenden Stammstümpfe der Föhre, Fichte, Eiche und anderer 
Bäume betrachtet, insbesondere solche, deren Rinde sich leicht 
vom Holze absprengen läßt, so gewahrt man häufig an dem bloß- 
gelegten Holzkörper die schwarzen, reich verzweigten Myzelstränge 
des Hallimasch. 

Sammelt man Stücke von derartigem Holz, in dem das 
Hallimaschmyzel wuchert, so ist man in der Nacht überrascht von 
dem eigentümlichen, dem Holze entströmenden Lichte. Früher 
glaubte man, daß die in Zersetzung befindliche Holzmasse leuchtet, 
heute aber wissen wir, daß nicht das Holz, sondern der das Holz 
durchwuchernde Pilz die Lichtentwicklung hervorruft. Es ist ge- 
lungen, den Hallimasch für sich rein zu kultivieren und so den 
Beweis zu liefern, daß er der Lichterreger ist. Wenn man den 
rein gezüchteten Pilz auf Holz, Brot oder Pflaumendekokt über- 
trägt, so wächst er darauf weiter und macht diese Substrate schein- 
bar auch leuchtend. 

Ich habe vor einigen Jahren aus einem Stück leuchtenden Hol- 
zes, das ich in der Nähe von Prag im Walde auffand, den Lichter- 
reger rein gezüchtet, und dabei ein Myzel entdeckt, das, auf Brot 
kultiviert, mehrere Wochen, Monate, ja, wenn genügend Nahrung 
vorhanden ist, sogar länger als ein Jahr leuchtet. Dieses Myzelium, 
das trotz mehrjähriger Kultur noch immer keine Sporen hervor- 
bringen wollte, konnte aus diesem Grunde nicht bestimmt werden 
und wurde von mir provisorisch als Myzelium x bezeichnet. 

Der Hallimasch und das Myzelium x sind in unseren mittel- 
europäischen Wäldern gewöhnlich die Ursache des leuchtenden 
Holzes. Obwohl also nur meist zwei Pilze das Leuchten des 
Holzes bedingen, so ist faules leuchtendes Holz doch eine un- 
gemein häufige Erscheinung, da die beiden genannten Pilze, zu- 
mal der Hallimasch, Agarzcus melleus, zu den gewöhnlichsten Hut- 
pilzen unserer Wälder gehören. 


Zu den noch viel verbreiteteren Erscheinungen in unseren 
Wäldern, die bisher nahezu ganz übersehen wurden, gehört auch 


das Leuchten verwesender Blätter. 

So verlockend es für die meisten Menschen ist, sich bei Tage 
den Reizen des Waldes hinzugeben, so abschreckend ist es, den 
Wald bei Nacht zu betreten. Das ist wohl der Hauptgrund, 
warum man das Leuchten des verwesenden Laubes nicht ge- 
bührend beachtet hat. Ich selbst wurde auf das Phänomen zuerst 
in den Tropen aufmerksam. Wie ich schon bemerkte, fand ich 
auf Java abgefallene, bereits im strohigen Zustande befindliche 
Blätter von Dambusa, die im Finstern ein weißes, mattes Licht 
ausstrahlten. Später sah ich auch die Blätter anderer tropischer 
Gewächse leuchten und als ich nach Europa zurückkehrte und 
auch die Blätter des heimischen Waldes darauf untersuchte, über- 
zeugte ich mich an verschiedenen Orten, in Böhmen, Salzburg, 
Tirol, Bayern, auf der Insel Rügen und anderwärts, daß ein nicht 
geringer Bruchteil des abgefallenen Eichen- und Buchenlaubes, 
wenn es schon in einem gewissen Grade der Zersetzung ist und 
die anfangs braune Farbe einer mehr gelblichen oder weißlich- 
gelben zu weichen beginnt, leuchtet. Um das Licht zu sehen, 
erscheint es zweckmäßig, die Blätter in einem feucht gehaltenen 
Glase während der Nacht mit ausgeruhtem Auge zu betrachten. 
Man sieht dann die Blätter an einzelnen Stellen ein mattweißes 
Licht ausstrahlen, ähnlich dem des Myzelium x. Auch hier ist 
nicht die in Zersetzung befindliche Blattsubstanz, sondern der 
darin lebende Pilz der Lichterreger. 

Eine eigenartige und interessante Erscheinung ist auch 


das Leuchten des Schlachtviehfleisches. 


Es galt bisher als Seltenheit, als eine Aufsehen erregende 
Rarität, ja es ist noch gar nicht so lange her, so dachte man 
beim Anblicke leuchtenden Fleisches an allerlei Zauberei und 
Geisterspuk. Ich bin jedoch im Laufe meiner Untersuchungen 
darauf gekommen, daß leuchtendes Fleisch etwas ganz gewöhn- 
liches ist. Ursprünglich fehlte es mir an Material, da ich weder 
von hygienischen, noch von Veterinärinstituten, noch von Metzgern 
Proben von leuchtendem Fleisch erhalten konnte. Da verfiel ich 
auf den Gedanken, das Fleisch, das mir der Metzger für meinen 
Haushalt täglich lieferte, zu prüfen, und war aufs höchste über- 
rascht, als schon unter den ersten Proben einige leuchteten. 


Besonders leicht kann man sich leuchtendes Fleisch ver- 
schaffen, wenn man das vom Fleischer für die Küche überbrachte 
Rindfleisch, etwa ein faustgroßes Stück davon in eine Glasschale 
legt und mit einer dreiprozentigen Kochsalzlösung so übergießt, daß 
die obere Hälfte noch aus der Flüssigkeit hervorsieht, mit einer 
Glasplatte bedeckt und das Ganze in einem kühlen Raume (12°) 
aufstellt. Nach ı—2 Tagen tritt dann an der Oberfläche das Leuch- 
ten ein, zuerst in kleinen sternartigen Punkten, nach und nach in 
größeren Inseln und endlich oft an der ganzen Oberfläche. Von 
den nach dieser Methode geprüften vielen Hunderten Rindfleisch- 
proben leuchteten 89°/, und von den Pferdefleischproben 65°/,'). 

Sowie beim faulen Holze und den verwesenden Blättern- ist 
auch hier das Leuchten ein Lebersvorgang, denn nicht das tote 
Fleisch, sondern eine darauf vorkommende Bakterie, das Bacterıum 
phosphoreum (Cohn) Molisch, entwickelt das Licht. 

Da nun, wie wir gesehen haben, das Leuchten des Fleisches 
entgegen der bisherigen Annahme etwas ganz gewöhnliches ist, 
so muß auch der Lichterreger, die eben genannte Leuchtbakterie, 
sehr verbreitet sein. In der Tat finden wir sie in Schlachthäusern, 
Fleisch-Eiskellern und Markthallen, wo frische Fleischwaren regel- 
mäßig feilgeboten werden, sozusagen eingebürgert. Das neu hinzu- 
gebrachte Fleisch wird immer von neuem mit der Leuchtbakterie 
angesteckt und dann an verschiedene Orte, so in die Küche eines 
jeden Hauses, verschleppt. 


Das Leuchten von Soleiern und gekochten Kartoffeln. 

Unter Soleiern versteht man in Deutschland gekochte Hühner- 
eier, die der längeren Haltbarkeit halber (3 Tage) in Salzwasser 
aufbewahrt werden. Solche Eier, die in den Gasthäusern vorrätig ge- 
halten werden, sollen nicht selten leuchten. Über die Ursache der 
Lichtentwicklung habe ich in der Literatur keine bestimmten An- 
gaben gefunden; meine eigenen Untersuchungen haben ergeben, 
daß die sogenannten Soleier leuchtend werden,. wenn sie in den 
Aufbewahrungsräumen (Küche, Speiseraum) mit der Leuchtbakterie 
des Schlachtviehfleisches (Dacierrum phosphoreum [Cohn] Molisch) 
infiziert werden. 

Was in der Küche unabsichtlich geschieht, läßt 
sich mit einem hohen Grade von Sicherheit, d. h. fast 
mit jedem Ei oder mindestens mit einem hohen Pro- 


') Die Verhältnisse sind aber nicht überall gleich. In Prag war das Leuchten des 
Fleisches, wie eben bemerkt, ein verhältnismäßig häufiges, in Wien hingegen ein seltenes. 


Er ee 
zentsatze erreichen, wofern man das Ei nur für ganz 
kurze Zeit mit käuflichem rohen Rindfleisch in Be- 
rührung bringt, Man verfahre zu diesem Zwecke auf folgende 
Weise: Am Markte gekaufte Hühnereier werden acht Minuten ge- 
kocht und abgekühlt. Ihre Schale wird durch Aufklopfen zer- 
brochen, aber nicht abgenommen. Nun wird das Ei einmal über 
ein handgroßes flaches Stück Rindfleisch gerollt und hierdurch 
mit der hier regelmäßig vorkommenden Leuchtbakterie des 
Fleisches infiziert. Schließlich wird das Ei in eine Schale mit 
einer dreiprozentigen Kochsalzlösung so hineingelegt, daß das Ei 
nur ganz wenig aus der Flüssigkeit hervorragt. Bei gewöhnlicher 
Zimmertemperatur treten nach ı—3 Tagen an den zerschlagenen 
Stellen der Schale häufig Lichtflecke auf und auch die Flüssigkeit 
beginnt, besonders in der Umgebung: des Eies, zu leuchten. Das 
Licht geht hauptsächlich von der weißen, die Innenseite der Schale 
auskleidenden Haut, sowie von der Oberfläche des Weißen des 
Eies aus und kann bis zum vierten Tage recht stark werden, um 
dann wieder abzunehmen. 

Auch von gekochten Kartoffeln wird angegeben, daß sie 
mitunter leuchten sollen. Es läßt sich zeigen, daß auch die Licht- 
entwicklung gekochter Kartoffeln auf eine Infektion mit Leucht- 
bakterien zurückzuführen ist und daß man mit derselben Sicherheit, 
mit.der man sich leuchtende Hühnereier verschafft, auch leuchtende 
Kartoffeln erzielen kann, wenn man sie im gekochten Zustande 
mit käuflichem Rindfleisch in Berührung bringt und hierauf in eine 
dreiprozentige Salzlösung einlegt. 


Das Leuchten von toten Seefischen und anderen Seetieren 

ist seit langem bekannt. Die frischen, sogenannten „grünen“ Heringe, 
die von der Nord- und Ostsee in die mitteleuropäischen Städte 
versandt werden, leuchten entweder schon bei ihrer Ankunft oder 
nach ı— 2 Tagen, wenn man sie an einem kühlen Orte im feuchten 
Raume liegen läßt. Auch andcre Seefische, ferner Austern, Mies- 
muscheln und Hummern können, wenn auch nicht so häufig wie 
die Heringe, Licht entwickeln. 

Das Leuchten tritt bei diesen Tieren ebEnso wie beim Schlacht- 
viehfleisch, den Eiern und Kartoffeln ein, wenn die Zersetzung 
eben einsetzt und noch kein übler Geruch wahrzunehmen ist. 
Leuchtendes Fleisch und leuchtende Fische können ohne Schaden 
verzehrt werden, da die Leuchtbakterien, soweit unsere Erfahrungen 


reichen, keine schädliche Wirkung auf uns ausüben. Würde das 
nicht der Fall sein, dann müßten wir auf Fleisch- und Fischgenuß 
überhaupt verzichten, da Fleisch häufig leuchtet und die Fische, 
wie ich mich in Triest überzeugte, häufig schon in leuchtendem 
Zustande verkauft werden. Ich verschaffte mir hier Eintritt in 
die Keller, wo die Fischhändler ihre Waren von einem Tag zum 
andern aufbewahren. Das Schauspiel, welches sich mir hier dar- 
bot, war überraschend und wird mir in dauernder Erinnerung 
bleiben. In zahlreichen Körben, in welchen viele Hunderte großer 
und kleiner Fische der verschiedensten Art angehäuft waren, 
tauchten auf der Oberfläche der Fische gleich den Sternen am 
nächtlichen Himmel zahllose Lichtpunkte auf, die, sobald das Auge 
sich an die Finsternis gewöhnt und für kleine Helligkeiten große 
Empfindlichkeit erhalten hatte, immer deutlicher wurden, zu silber- 
weißen Flecken zusammenflossen und den Fisch nicht selten an 
seiner ganzen Oberfläche leuchtend erscheinen ließen. Die vielen 
Körbe strahlten ein eigentümliches, magisch erscheinendes, der 
Mondbeleuchtung vergleichbares Licht aus und verliehen der 
ganzen Umgebung etwas Phantastisches und Geisterhaftes, das 
nur noch gesteigert wurde, als die um mich herumstehenden 
Knaben ihre Finger durch Berührung mit den Fischen leuchtend 
machten und unter staunender Bewunderung mit den leuchtenden 
Fingerspitzen in der Luft herumfuhren. 

Alle diese leuchtenden Fische, die ich hier im Keller gesehen 
hatte, waren kurz vorher, gegen 7 Uhr abends, als der Fischmarkt 
gesperrt wurde, eben aus der Verkaufshalle in den Keller gebracht 
worden und wurden den nächsten Morgen wieder auf dem Markte 
zum Verkaufe ausgeboten. Ich kann daher sagen, daß wenigstens 
in der warmen Jahreszeit ein großer Teil der Fische im leuchtenden 
Zustande zum Genusse verkauft wird, ohne daß der Käufer eine 
Ahnung davon hat. Derartige Fische sind sozusagen noch frisch, 
haben keinen unangenehmen Geruch und befinden sich nöch nicht 
im Stadium stinkender Fäulnis. 

Interessant ist, daß, im Gegensatze zu Seefischen, tote Süßwasser- 
fische gewöhnlich nicht leuchten; wenn es vorkommt, so ist dies auf 
_ eine Infektion mit marinen Leuchtbakterien zurückzuführen, die leicht 
eintreten kann, dain den Verkaufsläden und Markthallen Süßwasser- 
fische häufig mit Seetieren direkt oder indirektin Berührung kommen. 

Als Ursache der Lichterregung bei toten Fischen sind gleich- 
falls Bakterien erkannt worden. Wir kennen bereits 26 verschiedene 


Leuchtbakterien und zweifellos gibt es deren noch viele mehr. Es 
ist gelungen, die Leuchtbakterien rein zu kultivieren, und damit 
war der Weg gebahnt, die Eigenschaften dieser Lebewesen, die 
Bedingungen des Leuchtens, die Natur des Leuchtprozesses, des 
Lichtes sowie seine Einwirkungen auf die photographische Platte 
und auf Pflanzen genauer zu studieren. 

Derartige Reinkulturen, wie Sie sie hier vor sich sehen, bieten 
im Finstern einen wunderbaren Anblick; man glaubt den nächt- 
lichen Sternenhimmel mit seinen herrlichen Lichtern und der Milch- 
straße hier im kleinen vor sich zu sehen. 

Wir wollen nun auf den Leuchtprozeß selbst etwas näher 
eingehen. Die erwähnten Fadenpilze und Bakterien leuchten nur bei 
Gegenwart von freiem Sauerstoff. Das Leuchten ist ein Oxydations- 
prozeß. Wenn Sie die Leuchtbakterien hier in dieser Stichkultur 
betrachten, so werden sie nur die an der Oberfläche oder knapp 
darunter liegenden Bakterien leuchten sehen, die tieferen aber, weil 
sie dem Sauerstoff der atmosphärischen Luft entzogen sind, nicht. 

Impft man eine Nährlösung, bestehend aus Flußwasser, 3%, 
Kochsalz, 1% Pepton und !/,%, Glyzerin, mit einer Reinkultur von 
Bacterıum phosphoreum, so leuchtet die Flüssigkeit schon nach 
zwei lagen prachtvoll. Ist das Gefäß hoch und schmal, wie ein 
Proberöhrchen, so leuchtet die Flüssigkeit nur oben, wo der Sauer- 
stoff leicht zuströmen kann, unten aber nicht. Schüttle ich aber die 
Eprouvette, so wird, da der Sauerstoff auch den tieferen Regionen 
zuströmt, die ganze Flüssigkeit sofort aufleuchten. 

In einfacher und sehr eleganter Form läßt sich die Abhängig- 
keit der Lichtentwicklung vom Sauerstoff in folgender Weise ver- 
anschaulichen. Eine ı—ı!/, m lange und etwa 8 mm breite, an 
einem Ende zugeschmolzene Grlasröhre wird mit stark leuchtender 
Bouillon nahezu ganz gefüllt, so daß an der oberen Öffnung nur 
ein !/,—ı cm langes Stück mit Luft versehen übrig bleibt. Läßt 
man nun eine so vorbereitete Röhre eine Viertelstunde stehen, so 
erlischt, da die Bakterien den Sauerstoff veratmen, die Bouillon 
mit Ausnahme der freien Oberfläche, wo der Sauerstoff die Bak- 
terien unmittelbar erreicht. Verschließt man jetzt die Röhre mit 
dem Daumen und kehrt sie um, so steigt die Luft in Form einer 
_ kleinen Blase auf und macht die ganze Flüssigkeit wieder leuch- 
tend, man glaubt im Finstern eine langsam aufsteigende Leucht- 
rakete zu sehen. Stellt man die Röhre dann wieder ruhig hin, 
so erlischt binnen einer Viertelstunde oder noch früher die Bouillon 


— han 


und der Versuch kann dann von neuem wiederholt und die Bouillon 
neuerdings leuchtend gemacht werden. 

Es ist erstaunlich, wie geringe Mengen von Sauerstoff schon 
zum Leuchten ausreichen. Bekanntlich entbinden grüne Zellen 
bei Gegenwart von Kohlensäure im Lichte Sauerstoff, eine Zelle 
natürlich nur äußerst wenig. Wenn man nun eine leuchtende 
Nährlösung in einer sehr schmalen Eprouvette mit grünen Algen 
vermischt und dann einige Zeit ins Finstere stellt, so erlischt die 
Flüssigkeit, sie wird dunkel. Bringt man die Röhre jetzt auf 
einige Sekunden ins Sonnenlicht oder zündet man vor dem Probe- 
röhrchen in der Dunkelkammer ein Zündhölzchen an, so genügt 
diese kurz andauernde Beleuchtung, um die grünen Zellen anzu- 
regen, Kohlensäure zu assimilieren, Sauerstoff zu entbinden und 
die Bakterien hierdurch wieder zum Aufleuchten zu bringen. 

Die bei einem solchen Versuche entstehende Sauerstoffmenge 
ist außerordentlich klein und mit chemischen Reaktionen kaum 
nachzuweisen. Die Leuchtbakterie verrät uns aber durch ihr Auf- 
leuchten die Gegenwart des Sauerstoffes und wird hierdurch zum 
feinsten Reagens auf diesen Körper. 

Mit Rücksicht auf die innige Beziehung von Pilzlicht und 
Sauerstoff hat man auch allgemein angenommen, daß die Licht- 
erregung mit der Atmung auf das engste zusammenhängt, ja man 
hält auch die Lichtentwicklung sogar für eine direkte Folge der 
Atmung. Dies ist möglich, mir scheint aber aus verschiedenen 
Gründen, auf welche ich hier nicht näher eingehen kann, daß vor- 
läufig kein zwingender Grund vorliegt, solche direkte Beziehungen 
anzunehmen, wenn auch damit nicht bestritten werden soll, daß 
ein indirekter Zusammenhang zwischen Atmung und Lichtent- 
wicklung besteht. | 

Zum Leuchten gehört aber nicht bloß Sauerstoff, sondern 
auch eine gewisse Menge Wasser. Legt man eine leuchtende 
hirsekorngroße Bakterienmasse auf eine Glasplatte, so hört sie, da 
sie ihr Wasser infolge der Verdampfung verliert, nach 5—ıo Mi- 
nuten auf zu leuchten. Sobald aber Wasser hinzugefügt wird, 
taucht das Licht wieder auf. Der Versuch glückt auch mit dem 
Leuchtkörper des Johanniswürmchens und läßt sich ebenso wie 
bei leuchtenden Pilzen mehrmals wiederholen. 

Unsere Erfahrungen über das Leuchten der Lebewesen drängen 
zu der Auffassung, daß es sich hier um einen chemischen 
Prozeß handelt und daß innerhalb der Zelle ein Stoff ge- 


* — 6Ii — 


bildet wird, der bei Gegenwart von freiem Sauerstoff und 
Wasser leuchtet. Wir wollen diesen Stoff „Photogen“ nennen. 
Für eine solche Annahme sprechen Beobachtungen Radziszewskis, 
aus denen hervorgeht, daß verschiedene organische Körper, z. B. 
Methylaldehyd, Lophin, Traubenzucker, Terpentinöl, Rosenöl, Öl- 
säure und viele andere, wenn sie sich in alkalischer Reaktion mit 
aktivem Sauerstoff verbinden, leuchten. Damit soll nicht gesagt 
sein, daß es einer von den genannten Körpern sein muß, der auch 
in der lebenden Zelle leuchtet, denn es könnte auch ein ganz 
anderer, derzeit noch unbekannter Stoff leuchten; immerhin er- 
scheint es von Wichtigkeit, daß überhaupt organische Körper 
unter gewissen Bedingungen leuchtend werden. 

Ich möchte noch einige interessante Tatsachen anführen, die 
sehr für die Photogenhypothese sprechen. Es sei daran erinnert, 
daß nicht nur lebende, sondern auch tote Zellen und leblose Säfte 
-zu leuchten vermögen. Die unter anderem an der Nordsee und 
an der Adria vorkommende Bohrmuschel (Pholas dactylus L.) 
spritzt, wenn sie gereitzt wird, eine ziemliche Menge einer leuch- 
tenden Flüssigkeit aus, die gar keine Zellen enthält. Wenn man 
diese Absonderung eintrocknen läßt, so verschwindet das Licht, 
sic kann aber noch nach ıo Tagen durch Befeuchtung wieder 
zum Leuchten gebracht werden. 

Die Leuchtorgane von Zampyrıs noctiluca leuchten, nachdem sie 
auf das sorgfältigste getrocknet und im luftleeren Raume durch ein 
Jahr aufbewahrt worden waren, bei Benetzung mit Wasser wieder auf. 

Auch das leuchtende Sekret gewisser Tausendfüßler (Myrio- 
poden) kann, wenn auf Filtrierpapier eingetrocknet, durch Befeuch- 
tung wieder leuchtend gemacht werden. 

In allen diesen Fällen handelt es sich nicht mehr um lebende 
Sekrete oder lebende Zellen. Hier handelt es sich um leblose 
Stoffe und in ihrem Aufleuchten um einen chemischen Prozeß, 
der auch unabhängig von der lebenden Zelle eintreten kann. 
Zwar ist die Entstehung des leuchtenden Körpers an das Leben 
der Pflanze oder des Tieres geknüpft, aber das Aufleuchten kann 
in manchen Fällen noch am toten Objekte hervorgerufen werden, 
ja, wenn das Photogen nicht ein gar so labiler Körper wäre und 
nicht in gar so geringen Mengen gebildet würde, dürften wir 
hoffen, das Photogen einmal aus den Zellen zu isolieren und dann 
abgesondert von den Lebewesen studieren zu können, etwa so wie 
es bereits gelungen ist, den wirksamen Stoff der gärenden Hefe 


Ba 62 —— 


die Zymase, von der Zelle zu trennen und den Gärungsprozeß 
ohne Hefezellen mit der Zymase durchzuführen!). 


Die Eigenschaften des Pilzlichtes. 

Die Bakterien leuchten gewöhnlich in grünlichem, bläulichem 
oder bläulichgrünem, die Fadenpilze zumeist in mattweißem Lichte, 
doch kann auch hier die Farbe einen Stich ins Grünliche aufweisen. 

Im Gegensatz zu früheren Angaben in der Literatur sei be- 
tont, daß das Pilzlicht stets ein ruhiges, niemals hin- und her- 
huschendes oder wallendes ist. Auch besteht im Leuchten zwischen 
Pilzen und Tieren insoferne ein Unterschied, als die Pilze immer 
andauernd leuchten, während die Tiere, von einzelnen Ausnahmen 
abgesehen, nur ganz kurze Zeit, einige Sekunden, Minuten und 
mehr blitz- und explosionsartig auf äußere Reize hin zu leuchten 
pflegen. Ein solches Leuchten kommt, wenn wir die Peridineen 
zu den Pflanzen rechnen, nur bei diesen vor, während Bakterien- 
kulturen wochen-, monatelang ununterbrochen Tag und Nacht 
leuchten können. Das Myzelium x leuchtet, wenn für ausgiebige 
Nahrung gesorgt wird, sogar ı—2 Jahre. 

Obwobl die Intensität des „lebenden“ Lichtes im allgemeinen 
gering ist, so erscheint sie bei einzelnen Bakterien immerhin so 
groß, daß sie auf den Gedanken führte, das Licht in Form einer 
Lampe auszunützen. - 

Eine solche lebende Lampe läßt sich in folgender Weise 
herstellen. Ein ı—2 Z-Erlenmeyerkolben aus Glas wird mit etwa 
200—400 ccm Salzpeptonglyzeringelatine beschickt, mit einem 
Baumwollpfropf verschlossen und dann sterilisiert. Nach Abküh- 
lung und bevor die Gelatine wieder erstarrt, wird von einer jungen, 
gut leuchtenden Kultur des Daciersum phosphoreum mittels einer 
Platinnadel geimpft und der Kolben dann in fast horizontaler Lage 
und unter langsamer Drehung im Strahle eines Wasserleitungs- 
hahnes gekühlt, wobei die Gelatine an der ganzen inneren Ober- 
fläche nach wenigen Minuten erstarrt. Der ganze Kolben ist dann 
mit einer mehr oder minder dicken Gelatineschichte allseits aus- 
gekleidet; auch der Pfropf kann mit dem Nährsubstrat getränkt 
werden, da er ganz besonders schön leuchtet. Bei Aufenthalt des 


1) Meine Vermutung hat sich inzwischen als vollständig richtig herausgestellt, denn 
nach den Untersuchungen von Dubois und Harvey hat sich das Photogen als ein leicht 
oxydabler, wahrscheinlich eiweißartiger Stoff (Luziferin) entpuppt, der durch ein Ferment 
(Luziferase) oder gewisse andere oxydierende Körper in Gegenwart von Wasser und freiem 
Sauerstoff zum Leuchten gebracht wird. 


. en 63 Be 


Kolbens in einem kühlen Zimmer entwickeln sich schon nach ı—2 
Tagen an der ganzen Innenwand so reichlich Kolonien, daß der 
Kolben dann in wunderschönem bläulichgrünen Lichte erglänzt und 
mit seinem ruhigen matten Glanze einen herrlichen Anblick darbietet. 

Das Licht einer solchen, in Fig. ı wiedergegebenen Lampe, ist 
viel schwächer als das einer sehr kleinen Kerzenflamme, allein für 
wissenschaftliche Versuche, z. B. über Heliotropismus im Bakterien- 
lichte, für photographische Zwecke, ja auch als Nachtlampe, um 
Gegenstände im Finstern mit 
einiger Mühe zu finden, kann die 
Lampe schon jetzt verwendet 
werden. Vielleicht wird es in 
Zukunftgelingen, durch bestimmte 
Zusammensetzung des Nährsub- 
strates, durch Entdeckung noch 
intensiver leuchtender Bakterien 
und durch künstliche Zuchtwahl 
die Lichtstärke der Bakterien- 
lampe zu steigern. 

Ich habe in letzter Zeit ge- 
funden, daß die Leuchtkraft einer 
solchen Lampe sich erheblich stei- 
gern läßt, wenn man die Impfung 
der Gelatine in Form einer größe- 
ren Anzahl etwa ı cm vonein- 
ander entfernter, vom Grunde des 
Kolbens bis zu seinem Halse 
reichender Striche durchführt, der 
Gelatine anstatt einer Lösung von 
3°/, Chlornatrium Meerwasser zu- 
setzt und anstatt des Dacierrum 
phosphoreum eine Bakterie ver- 
wendet, die ich auf Seefischen auf- 
gefunden und die zu den intensivsten Leuchtbakterien gehört, die man 
derzeitkennt. Esist das die von mir beschriebene Pseudomonas lucıfera. 

Für die Skeptiker sei darauf hingewiesen, daß das Licht 
leuchtender Tiere schon seit langem ausgenützt wurde. So dienten 
gewisse Käfer, namentlich der auf den Antillen vorkommende 
stark leuchtende Pyrophorus noctılucus zur Zeit der Eroberung 
Amerikas den Eingeborenen verschiedenen Zwecken: zum Fisch- 


Fig. ı. Bakterienlampe in ihrem eigenen 


Lichte photographiert. Original. 


— 64 —— . 


fang, zur Jagd und zur Zeit des Krieges als optischer Telegraph, 
zumal das Käferlicht weder durch den Wind noch durch den 
Regen verlöscht wurde. An der Stubendecke befestigt, dienten 
sie zur Beleuchtung und zur Abhaltung von Schlangen. Bei ihren 
Festen rieben die Eingeborenen das Gesicht mit den leuchtenden 
Käfern ein und verschafften sich so eine leuchtende Maske von 
eigenartigem Eifekt. In Mexiko benützten die Frauen die Pyrophor:ı 
gleich leuchtenden Edelsteinen.als Schmuck und die ersten Missionäre 
auf den Antillen bedienten sich in Ermanglung von Kerzen der Käfer 
zum Lesen der Frühmesse Wie uns Alexander v. Humboldt 
erzählt, sind gewisse Käfer (Elateriden), von den Spaniern „Cucujos“ 
genannt, bei den Eingeborenen als Lampen im Gebrauch. „Zirka 
ein Dutzend Cucujos in einer durchlöcherten Kürbisflasche dienen 
in Hütten armer Landleute als Nachtlampen und wird das Licht 
schwächer, so darf man nur rütteln, wo durch das Irritieren der 
Tiere das Licht wieder weit stärker wird.“ Die Mütter benützen 
nach demselben Gewährsmanne dieses Licht, um den Säuglingen 
zur Nachtzeit die Brust zu reichen, Schiffskapitäne machen von 
dem Lichte Gebrauch, um zu gewissen Zeiten von gefürchteten 
Korsaren nicht beobachtet zu werden und Alexander v. Hum- 
boldt selbst benützte gelegentlich eines Besuches der Luftvulkane 
von Turbaco dieses lebende Licht als eine Art Sicherheitslampe, 
um eine Entzündung der brennbaren Gase zu vermeiden. 

Eine ungemein charakteristische Eigenschaft des Pilzlichtes 
und der Lebewesen überhaupt ist der Mangel an Wärmestrahlen. 
Es ist kaltes Licht. Während das Licht der Sonne und unserer 
gewöhnlichen Beleuchtungsapparate eine mehr oder minder große 
Menge von Wärmestrahlen enthalten, manche, wie das Leuchtgas- 
licht, sogar so viel, daß es ebensogut als Heizquelle dienen könnte, 
sehen wir, daß das Licht der Pflanzen und Tiere keine merkbare 
Wärme ausstrahlt. Was die modernen Beleuchtungstechniker als 
Ideal ansehen: ein Licht ohne Wärme zu schaffen, das hat die 
Natur im Lichte der Lebewesen bereits verwirklicht. 

So wie das Licht der Sonne aus verschiedenen Strahlen sich zu- 
sammensetzt, so ist auch das Pilzlicht nicht einfach. Die spektro- 
skopische Untersuchung hat gezeigt, daß die Spektra aller ge- 
prüften Pilze wegen der relativ geringen Lichtstärke mit einer ein- 
zigen Ausnahme (Pseudomonas lucıfera Molisch) bloße Helligkeit- 
spektra darstellen, also keine Farben zeigen, und daß die blauen und 
grünen Strahlen neben den mehr zurücktretenden gelben vorherrschen. 


Das Vorkommen solcher Strahlen macht es schon von vorne- 
herein wahrscheinlich, daß das Pilzlicht auch auf die photo- 
graphische Platte wirken wird. Ich bitte, die Tafel zu be- 
trachten. Wie sie sehen, gelingt es nicht bloß, die leuchtenden 
Kulturen der Bakterien in ihrem eigenen Lichte, sondern auch 
verschiedene Gegenstände im Bakterienlichte zu photographieren. 

Fig. 2 zeigt uns die Photographie einer Petrischale mit 
leuchtenden Kolonien des Bacierrum phosphoreum nach ı5 stündiger 

Expositionszeit. 
Man sieht nicht 
bloß die Kolonien 
als scharfe weise 
Punkte, sondern so- 
gar auch die Um- 
risse der Kultur- 
schale. 


Fig. 2. Fig. 3. 
Fig. 2. Photographie leuchtender Kolonien von Bacterium phosphoreum, in ihrem eigenen 
Lichte hergestellt. Belichtungszeit I5 Stunden. 


Mikrophotographie einer einzelnen Kolonie, in ihrem Eigenlichte hergestellt. 
Der Rand leuchtet intensiver. 


< 
Q 
[057 


Fig. 3 stellt die Mikrophotographie einer einzelnen Kolonie 
in ihrem Eigenlichte dar; sie lehrt, daß der Rand viel intensiver 
leuchtet als das Innere. 

Fig. 4 gibt die Photographie einer leuchtenden Strichkultur 
nach sechsstündiger Belichtungszeit wieder. Der leuchtende Strich, 
die Umgrenzungen der Eprouvette und der Wattepfropf sind 
deutlich zu sehen. Verzichtet man auf die Wiedergabe der Eprou- 
vette, so genügt schon’ eine viertelstündige Exposition, um den 
leuchtenden Strich zu photographieren. 


Molisch, Populäre biologische Vorträge. 2. Aufl. 5) 


Ungemein scharf erscheint das Bild der Bakterienlampe — 
Fig. ı —, photographiert in ihrem eigenen Lichte. Die einzelnen 
Kolonien und die Umrisse des Glasgefäßes treten deutlich hervor. 

Die übrigen Bilder stellen verschiedene Gegenstände dar, die 
mittels Bakterienlicht photographiert wurden, eine Schillerbüste 
Fig. 5, einen Buchdruck Fig. 7 und ein Thermometer Fig. 6. Dabei 
leistete mir die Bakterienlampe ausgezeichnete Dienste, besonders 


Fig. 4. Photographie Fig. 5. Photographie einer 
einer Strichkultur, im Schillerbüste im Bakterien- 
Eigenlichte hergestellt. lichte. > 


wenn ich gleich mehrere Lampen auf die zu photographierenden 
Objekte einwirken ließ. 


Enthält das Pilzlicht auch merkwürdige, durch dunkle Körper 
auf die photographische Platte einwirkende Strahlen? Nach Ent- 
deckung der Röntgen-, Becquerel- und anderer Strahlungen hat 
man auch das Bakterien- und Johanniskäferlicht auf dunkle Strah- 
lungen geprüft und glaubte tatsächlich solche gefunden zu haben. 


Allein eine genaue Nachprüfung ergab mir durchaus negative 
Resultate; die scheinbar positiven Ergebnisse, welche einzelne 
Forscher erhalten hatten, waren auf Fehlerquellen, wie sie durch 
die direkte Beeinflussung der photographischen Platte durch die 
bei der Photographie benützten Kartone und Metallplatten gegeben 
waren, zurückzuführen. Es wirkt also das Bakterienlicht wie ge- 
wöhnliches Tageslicht auf die photographische Platte und seine 
Strahlen vermögen dunkle Körper nicht zu durchdringen und auf 
die lichtempfindliche Schicht zu wirken. 


SEEERUFTEE 


| PRLANZENPHYSIOLOGISCHE 
ABHANDLUNGEN 


1. Bloten des Rebstockes, j 
D. Bewegungen der Mimosa pudica. 
| II. Elementarorganismen, | 
\ IV. Brennhaare von Urtica, 

Voa | 
ERNST vON-BRÜCKE. 


I6H+- 1852, 


VERLAG VON WILHELM ERGELMANN 


| 

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| 
Horausgegehcn R 
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3 

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Fig. 6. Fig} 7. 
Fig. 6. Photographie eines Thermometers, hergestellt im Bakterienlichte. 
Fig. 7. Photographie eines Buchdruckes, hergestellt im Bakterienlichte. 


Hingegen konnte ich mich überzeugen, daß dem Bakterien- 
lichte gerade so wie vielen anderen Lichtquellen physiologische 
Wirkungen zukommen. 

Die Pflanze ist dem Lichte gegenüber ungemein empfindlich. 
Stellt man Keimlinge der Wicke oder Linse in der Dunkelkammer 
etwa ı m entfernt vor einem kleinen Leuchtgasflämmchen auf, 


so krümmen sich die Stengel alsbald in nahezu rechtem Winkel 
5* 


BE: 


zu der Flamme hin, wir sagen, sie sind positiv heliotropisch. Genau 
so verhalten sich Keimlinge verschiedener Pflanzen (Erbse, Linse, 
Wicke), ferner mehrere Pilze (Xylarıa, Phycomyces), wenn man 
statt der Flamme in einer Entfernung von etwa ı—ıo cm eine 
Bakterienlampe oder eine Petrischale mit Strichkulturen aufstellt. 
Die Pflanzen wachsen dann positiv heliotropisch auf die leuchtenden 
Bakterien zu und es bietet sich der wunderbare Anblick dar, daß 
eine Pflanze durch strahlende Energie eine andere bewegt, auf sie 
zuzuwachsen und so eine anlockende Wirkung äußert (Fig. 8). 


Fig. 8. Positiver Heliotropismus von Erbsenkeimlingen, hervorgerufen durch das Licht 
mehrerer leuchtender, in einer Petrischale (rechts) befindlicher Strichkulturen von Leucht- 
bakterien. Alle Keimlinge erscheinen zum Bakterienlichte hingekrümmt. 


Während die Lichtintensität des Bakterienlichtes ausreicht, 
Heliotropismus hervorzurufen, genügt sie, wahrscheinlich wegen 
zu geringer Stärke, nicht, sichtbare Chlorophylibildung” zu ermög- 
lichen. Ich bekam, auch wenn ich mehrere Bakterienlampen auf 
die Keimlinge einstrahlen ließ, stets negative Ergebnisse. 

Die Lichtentwicklung eines Lebewesens erscheint uns so 
merkwürdig, daß man sich unwillkürlich fragt, ob denn dieses Licht 
für die Lebewesen einen bestimmten Nutzen habe. Das plötzliche 
Ausstoßen eines leuchtenden Sekretes, das funken- oder blitzartige 
Aufleuchten vieler Tiere, sowie die wunderbaren Leuchtapparate 
der Tiefseewelt deuten darauf, daß die Tiere aus der Lichtentwick- 


lung einen bestimmten Nutzen ziehen, sei es, daß sie andere Tiere 
damit anlocken oder abschrecken, sei es, daß sie in der Tiefe des 
Meeres ihre Umgebung beleuchten, um sich die Nahrung leichter 
zu verschaffen. Die Zoologen zweifeln nicht daran, daß dem Tier- 
lichte die angedeutete biologische Bedeutung zukommt. j 

Nicht so leicht ist die Frage bei den Pilzen zu beantworten. 
Der Annahme, daß die Bakterien, die auf den vom Meere ausge- 
worfenen toten Seetieren wuchern, durch die Lichterregung leichter 
verbreitet werden, weil die leuchtenden Leichen von Nachttieren 
besser gesehen und verschleppt werden, wird man wohl schwer 
beipflichten können. Für die Verbreitung der Bakterien ist ja 
durch verschiedene Umstände, besonders durch die Wellen- und 
Sandbewegung sowie durch die Meeresströmungen ohnedies in aus- 
gezeichneter Weise gesorgt. 

Bei den höheren Leuchtpilzen hatte man an eine Verbreitung 
der Sporen durch Pilzkäfer und Pilzmücken gedacht. Das von den 
Blätterschwämmen ausstrahlende Licht sollte als Anlockungsmittel 
und Wegweiser für die in der Nacht fliegenden Insekten dienen 
und indem sie von einem Pilz zum andern fliegen, sollten sie die 
Sporen verschleppen und auf ein größeres Areal verbreiten. Wenn 
nun wirklich das Pilzlicht diesen Zweck hätte, dann wäre nicht 
einzusehen, warum beim Hallimasch der Fruchtkörper mit den 
Sporen nicht leuchtet, wohl aber das unter der Wurzel- und Stamm- 
rinde den fliegenden Insekten verborgene Myzel. Solange nicht 
anderweitige Erfahrungen vorliegen, scheint es mir besser, einfach 
einzugestehen, daß wir heute keine plausible biologische Erklärung 
kennen; ja es ist nicht unwahrscheinlich, daß das Licht der Pilze 
einfach eine Folge ihres Stoffwechsels ist, die aber nicht eine 
Anpassung an bestimmte Lebensverhältnisse darstellt. 

Betrachten wir zum Schlusse!) die Entwicklung von Licht 
durch die Pflanze vom energetischen Standpunkte, so ergibt sich 
eine interessante Tatsache. Bekanntlich reduziert die grüne Pflanze 
mit Hilfe des einstrahlenden Sonnenlichtes die Kohlensäure und 
macht daraus organische Substanz. Hierbei wird die lebendige 
Kraft des Sonnenstrahles in chemische Energie umgewandelt und 
in der organischen Substanz als Spannkraft deponiert. Der farb- 
lose Pilz und das Tier nehmen organische Nahrung auf und ent- 


!) Der Leser, der sich eingehender über das Problem der Lichtentwicklung in 
der Pflanze und die einschlägige Literatur zu unterrichten wünscht, sei aufmerksam ge- 
macht auf mein Buch: „Leuchtende Pflanzen“, 2. Aufl. Jena ıgıı. Verlag von G. Fischer. 


wickeln aus der darin aufgespeicherten Spannkraft wieder Wärme 
und Licht. Wir haben also hier einen wahren Kreislauf von 
Lichtzu Lichtin der Pflanze. DasJohanniskäferchen, das einem 
beseelten Sterne gleich in der Nacht durch die Luft seine leuch- 
tenden Bahnen zieht; die Qualle, die, vom Schiffskiele oder der 
Brandung gereizt, meteorartig aufleuchtet; der Tiefseefisch, der in 
der unheimlichen Meerestiefe seine lebende Lampe entzündet; die 
Bakterie, die auf dem toten Fische in bläulichgrünem Lichte er- 
glänzt und der Hutpilz, der im einsamen Urwalde einen magischen 
Schein verbreitet — sie alle strahlen im Grunde genommen ein 
Licht aus, das als Sonnenlicht in die grüne Pflanze eintrat und 
nach vielfachen Wandlungen aus den leuchtenden Lebewesen 
wieder in die Form von Licht austritt. 


v. 
Warmbad und Pflanzentreiberei’). 


Wo wir auch immer die Vegetation betrachten mögen, auf 
sonniger Bergeshöh oder in der Tiefebene, im tropischen Urwald 
oder in der arktischen Zone, in der wasserlosen Wüste oder im 
sumpfigen Torfboden, am Strande des Meeres oder in der Steppe, 
überall erscheinen die Gewächse ihrer Umgebung, dem Klima und 
Standort aufs beste angepaßt. Die Strand-, Urwald-, Steppen-, 
Wüsten- und die Hochgebirgsflora, jede hat ihre bestimmten 
Merkmale und ein ganz charakteristisches Gepräge, jede hängt 
mit ihrer Umgebung auf das innigste zusammen und erhält durch 
sie ihren Charakter. 

Im heimischen Klima unserer gemäßigten Zone, wo der 
Wechsel der Jahreszeiten oft mit großer Schroffheit auftritt, hat 
der regelmäßig auftretende Gegensatz zwischen warmer und kalter 
Jahreszeit, zwischen Sommer und Winter im Laufe der Jahrtausende 
einen nachhaltigen Einfluß besonders auf die mehrjährigen Ge- 
wächse ausgeübt, der sich in einer ausgesprochenen Periodizität 
ihrer vegetativen Tätigkeit kundgibt. Abgesehen von den immer- 
grünen Holzgewächsen verlieren unsere Bäume und Sträucher im 
Herbst ihren Laubschmuck, verfallen in eine Art Winterschlaf, 
in einen Ruhestand, um sich im kommenden Frühling wie mit 
einem Zauberschlag in kurzer Zeit wieder zu belauben. Viele 
-unserer heimischen Pflanzen machen eine Ruheperiode durch, 
während welcher ihre Tätigkeit zwar nicht vollständig unterbrochen, 
aber im großen und ganzen auf ein Minimum beschränkt ist. Ihre 
Ruhe ist oft so fest, daß sie in ihr auch dann weiter verharren, wenn 
sie unter die günstigsten Wachstumsbedingungen gebracht werden. 
Ich will mir erlauben, dies durch einige Beispiele zu begründen. 

Der immergrüne Mistelbusch (Viscum album), der auf ver- 
schiedenen Bäumen als Parasit sein Leben fristet, trägt im Herbste 


!) Vortrag, gehalten anläßlich der Herbstausstellung der k. k. Gartenbau-Gesell- 
schaft in Wien am 14. November 1908. Erschienen in der „Österr. Gartenzeitung‘‘ 1909. 


bekanntlich weiße Beeren, in deren klebrigem Fruchtfleisch der 
Same eingebettet ist. Man kann die Mistelsamen im Monat April 
auf einem Holzbrettchen oder einer Glasscheibe bei zeitweiser Be- 
feuchtung im Lichte leicht zur Keimung bringen. Wenn man 
aber den Versuch im Herbst oder Winter macht, so gelingt er 
nicht; erst Ende März, noch besser im April und Mai, tritt die 
Keimung ein. Der Same sieht im Herbst genau so aus wie im 
Frühjahr und doch keimt er, selbst wenn man ihn den günstigsten 
natürlichen Wachstumsbedingungen aussetzt, im Herbst und Winter 
nicht; erst nachdem er eine gewisse Ruheperiode durchgemacht 
hat, erwacht der Same zu neuem Leben). 

Ähnlich verhalten sich viele Kartoffelsorten. Werden Knollen 
im Herbst, nachdem sie ihre volle Größe erreicht hatten, der Erde 
entnommen, gleich darauf wieder in Blumentöpfe gepflanzt und 
ins Warmhaus gestellt, so treiben die „Augen“ gewöhnlich nicht 
aus, während sie im Februar oder später, obwohl sie sich in- 
zwischen gar nicht verändert haben, willig treiben. 

Ähnliches läßt sich bei den Zweigen unserer Obstbäume 
beobachten. Es ist eine alte Sitte, um Barbara herum, d. i. am 
4. Dezember, Zweige der Kirsche, der Aprikose und anderer 
Bäume in ein Gefäß mit Wasser zu stellen und dann im warmen 
Zimmer zu halten. Öffnen sich nun in der Weihnachtswoche die 
ersten Blütenknospen, so gilt dies als ein glückliches Omen und 
abergläubische Mädchen sind dann überzeugt, daß ihre geheimsten 
Wünsche in Erfüllung gehen werden. Stellt man die Zweige aber 
schon unmittelbar nach dem herbstlichen Laubfall, also in der 
ersten Hälfte des Oktober, in das warme Zimmer, so öffnen sich 
die Knospen nicht und verharren lange in Ruhe. Auch die 
meisten Holzgewächse müssen eben einige Zeit ruhen und erst, 
wenn sie ihre Ruheperiode einigermaßen überstanden haben, 
zeigen sie das Streben zu treiben. Im Einklang damit stehen 
auch gewisse gärtnerische Erfahrungen. Man hört häufig darüber 
klagen, daß die Hyazinthen, die der Gärtner gerade zu Weih- 
nachten auf den Markt bringen will, ihre Blüten nicht vollkommen 
entwickeln oder ihren Blütenschaft nicht zur genügenden Streckung 


!) Vor kurzem ist aber durch Heinricher gezeigt worden, daß Mistelsamen 
schon im Dezember einige Tage nach der Aussaat zur Keimung zu bringen sind, wenn 
man sie im dunstgesättigten Raum beständig starkem elektrischen Lichte aussetzt. Danach 
sieht es so aus, als ob die Ruheperiode des Mistelsamens nicht durch innere, sondern 
durch äußere Umstände bedingt wäre, 


bringen und daß die Hyazinthen infolgedessen, wie der Praktiker 
sich ausdrückt, „sitzen bleiben“. Auch die-aiglöckchen erscheinen 


mit ihren Blüten oft nicht rechtzeitig zu Weihnachten, zum großen 
Verdruß des Gärtners. Die Ursache liegt häufig darin, daß die 
Ruheperiode noch nicht abgelaufen ist. Werden die Hyazinthen- 
zwiebeln und Maiblumenkeime schon vor Beendigung der Ruhezeit 
in die Treiberei gestellt, so entsprechen sie nicht den Wünschen 
des Gärtners und bleiben „sitzen“. Nach Neujahr, im Januar oder 
Februar, gibt es keine Schwierigkeiten mehr, dann treiben sie, 
weil die Ruheperiode ihr Ende völlig oder zum großen Teil erreicht 
hat, willig und bringen vollkommene Blumen und schönes Laub. 

Mit fortschreitender Kultur hat der Mensch ein immer stärkeres 
Verlangen danach gezeigt, Pflanzen zu ganz ungewohnten Zeiten 
blühend und fruchtend zu erhalten und seine Wohnungen auch im 
Winter mit Blumen zu schmücken. Und da eine Frühlings- oder 
Sommerblume, im Winter auf den Markt gebracht, viel besser 
bezahlt wird, so kamen die Gärtner den Wünschen des Pubiikums 
gerne entgegen und schenkten der Kunst, Pflanzen zu treiben, 
große Aufmerksamkeit. 

Nicht durch planmäßige Untersuchungen, sondern zumeist 
durch zufällige Erfahrungen oder aufmerksame Beobachtung lernten 
sie verschiedene Kunstgriffe kennen, um die Ruheperioden zu ver- 
schieben oder zu verkürzen: Langsamen Wasserentzug, Einfrieren- 
lassen, künstliche Auslese, Züchtung frühblühender Individuen und 
Kreuzung von solchen. 

Auch haben die Gärtner gelernt, gewisse Pflanzen fast zu 
jeder Zeit blühend zu erhalten, einfach dadurch, daß sie das Aus- 
treiben der betreffenden Gewächse, z. B. des Flieders und der Mai- 
glöckchen durch Kälte künstlich lange Zeit verhindern. In den 
meisten Großstädten stehen jetzt große Kühlräume für die Auf- 
bewahrung von Lebensmitteln zur Verfügung. Hier können nun 
auch gewisse ruhende Pflanzen eingestellt und viele Monate auf- 
bewahrt werden. Bei der knapp um den Eispunkt herum liegenden 
Temperatur werden die Lebensprozesse auf ein Minimum einge- 
schränkt und künstlich zurückgehalten. Entnimmtman einem solchen 
Kühlraum im Sommer oder Herbst die aufbewahrten Fliedersträucher 
und Maiglöckchenkeime, die unter normalen Verhältnissen im ver- 
flossenen Frühling zur Blüte gekommen wären, und stellt sie ins 
Warmhaus, so treiben sie, von der aufgezwungenen künstlichen 
Ruhe endlich erlöst, in kurzer Zeit mit großer Geschwindigkeit aus. 


2 


— ae 


Viele Fliederbäumchen und alle Convallarien, die wir im Oktober 
und November in den Blumenläden bewundern, werden auf die 
geschilderte Weise gewonnen. 

Die Gärtner haben ganz unabhängig von der Wissenschaft, 
ganz empirisch im Laufe der Jahrhunderte eine große Summe von 
Erfahrungen auf den verschiedensten Gebieten des Gartenbaues 
gemacht und jeder Pflanzenphysiologe kann vom Gärtner vieles 
lernen, denn hinter den praktischen Künsten und Kniffen des 
Gärtners stecken oft wichtige nnd anregende Probleme, deren 
wissenschaftliche Auswertung noch vielfach brach liegt, ja ich 
scheue mich nicht, es offen auszusprechen, daß jeder Pflanzen- 
physiologe einige Zeit zum Gärtner in die Schule gehen .sollte, 
um sich mit der Kultur der Pflanzen auch praktisch vertraut zu 
machen und dahin zu streben, die gärtnerischen Arbeiten mit seinen 
wissenschaftlichen Erfahrungen in Einklang zu bringen. 

Die Pflanzenphysiologie ist noch eine relativ junge Wissen- 
schaft und es hat eine Zeit gegeben,- wo der Gärtner und Land- 
wirt sich um diesen Wissenszweig gar nicht gekümmert hat, weil 
er sich hier keinen Rat holen konnte. Heute steht die Sache schon 
wesentlich anders, die Beziehungen zwischen Theorie und Praxis 
werden täglich innigere und die Wissenschaft gibt schon heute im 
reichlichen Maße der Praxis zurück, was sie seinerzeit von ihr 
empfangen. Das zeigt sich auch in der Geschichte der Treiberei. 

Hermann Müller (Thurgau) fand beim Studium über das Süß- 
werden der Kartoffelknollen die höchst interessante Tatsache, daß man 
die Ruheperiode der Kartoffel dadurch beseitigen kann, daß man sie 
unmittelbar nach der Ernte in einen Eiskeller bringt und hier 
ı4 Tage knapp über dem Eispunkt beläßt. Bei dieser niederen 
Temperatur häufen sie in ihrem Innern Zucker an, werden süß 
und vermögen nun, unter günstige Wachstumsbedingungen ge- 
bracht, sofort auszutreiben. Macht man diesen Versuch mit Früh- 
kartoffeln Ende Juni, so kann man im Herbste noch eife zweite 
Ernte einheimsen. 

Durch die Experimente des großen französischen Physiologen 
Claude Bernard über die wunderbaren Wirkungen des Äthers 
und Chloroforms auf Tier und Pflanze wurde der ausgezeichnete 
dänische Botaniker W. Johannsen angeregt, speziell Versuche 
über die Einwirkung des Äthers auf ruhende Pflanzen zu machen 
und fand zu seiner Überraschung, daß Flieder und einige andere 
Holzgewächse, wenn sie in der Ruheperiode ı—2 Tage Äther- 


% 


dampf ausgesetzt und dann wie gewöhnlich weiter kultiviert werden, 
aus ihrem Winterschlafe erwachen und rasch zu treiben beginnen). 
Dieses von Johannsen eingeführte „Aetherisieren“ hat sich 
in der Praxis bald eingebürgert und sehr gute Erfolge ergeben. 

Ein neues Verfahren der Pflanzentreiberei?), von mir als 
Warmbad bezeichnet, besteht im wesentlichen darin, daß man die 
noch in Ruhe befindlichen Pflanzen durch mehrere Stunden (6—12, 
zumeist 9) im Wasser von etwa 30—35° C untergetaucht läßt und 
dann wie gewöhnlich treibt. Werden solche Versuche mit Mai- 
glöckchenkeimen oder Fliederbäumchen ausgeführt, so treiben die 
gebadeten Pflanzen schon nach kurzer Zeit, während die nicht 
gebadeten noch längere Zeit in Ruhe verharren. 

Der so deutlich in Erscheinung tretende Einfluß des Lau- 
bades und die große Bedeutung dieses hochinteressanten physio- 
logischen Phänomens für die Praxis regten mich an, die Sache 
von rein wissenschaftlichem Standpunkte aus zu verfolgen. Bei 
meinen Untersuchungen, die bereits bis 1906 zurückreichen, bin 
ich zu einigen Ergebnissen gelangt, die vielleicht auch die Prak- 
tiker interessieren dürften und die ich daher heute zum Gegen- 
stande eines populären Vortrages gemacht habe. 

Es zeigte sich zunächst, daß das Warmbad nicht bloß auf 
Flieder und Konvallarien, sondern auch auf eine große Reihe 
anderer Pflanzen einwirkt, so auf ruhende: Corylus Avellana, 
Forsythia suspensa, Prunus avıum, Cornus alba, Rıbes Grossularia, 
Larix decıdua, Alnus glutinosa (Kätzchen), Rhamnus Frangula, 
Aesculus Hippocastanum, Salıx-Arten, Fraxıinus excelsior, Azalea 
mollıs und andere. 

Werden Zweige oder bewurzelte Stöcke dieser Holzgewächse 
zur Zeit ihrer Ruheperiode in warmem Wasser von 30— 35° C 
(selten bis 40°) untergetaucht und dann etwa 9—ı2 Stunden darin 
belassen und hierauf bei mäßiger Temperatur (15—ı8° C) weiter- 
kultiviert, so wird das Austreiben der Knospen in hohem Grade 
beschleunigt. Doch werden nicht alle Holzgewächse in gleicher 
Weise beeinflußt. Auf manche wirkt das Bad ausgezeichnet, auf 
manche mäßig, auf einzelne gar nicht oder erst gegen Ende der 
Ruheperiode. Zagus sılvatıca und Tila parvifolia beharren mit 


1) Johannsen, W., Das Ätherverfahren beim Frühtreiben mit besonderer Be- 
rücksichtigung der Fliedertreiberei. Jena 1905. II. Auflage 1908. 

?2) Molisch, H., Das Warmbad als Mittel zum Treiben der Pflanzen. Jena 
1909. Verl. bei G. Fischer. 


großer Hartnäckigkeit in ihrer Ruhe und erst gegen Ende der 
Ruheperiode macht sich das Bad im mäßigen Grade geltend. 

Allein auch da, wo das Laubad sich ausgezeichnet bewährt, 
hängt das Gelingen des Versuches nicht bloß von der Jahreszeit 
und von der Natur der Knospe, sondern noch von einer Reihe 
anderer Umstände ab. 

a) Von der Dauer des Bades. Ein Bad von g—ı2 Stun- 
den hat sich bei den meisten der genannten Pflanzen bewährt. 
Doch darf man nicht nach der Schablone arbeiten und glauben, 
daß dies für alle Pflanzen gilt. So erwies sich bei den männ- 
lichen Kätzchen von Corylus ein Bad von 30°C durch 6 Stunden 
als ein Optimum, schwächer wirkte ein neun- und dreistündiges. So 
war es bei einem Versuch im Anfang des Dezember. Im Oktober 
hingegen wirkt ein neunstündiges besser als ein sechsstündiges. 

Bei Flieder kann man das Bad auch auf ı5 Stunden aus- 
dehnen, doch darf man im allgemeinen das Bad nie länger als 
gerade nötig ist wirken lassen, weil die Knospen infolge der re- 
lativ hohen Temperatur zu energischer Atmung angeregt werden, 
ihr Atmungsbedürfnis aber unter Wasser, wo der Sauerstoffzufluß 
bedeutend gehemmt ist, nicht befriedigen können. Sie leiden dann 
an Atemnot, fangen vielleicht auch intramolekular zu atmen an. 
Dies halten die Knospen aber nicht lange aus; kommen sie dann 
nicht rechtzeitig aus dem Wasser heraus, so leiden sie Schaden 
oder sterben unter Braunfärbung völlig ab. 

b) Von der Temperatur des Bades. Auch bezüglich der 
Temperatur muß man das Optimum für jede Pflanzenart aus- 
probieren. Für die meisten Pflanzen, mit denen ich experimentierte, 
bewährte sich ein Bad von 30°C. So für die männlichen Kätzchen 
von Corylus, für die Knospen von Zorsythıa suspensa, Rıbes Gros- 
sularıa, ein Bad von 30—35° ergab bei Flieder die besten Resultate, 
bei Detula alba, Cornus alba und Rhamnus Frangula aber ver- 
sagte ein Bad von 30°, während ein Bad von 35—40°C ‘hier stark 
reizend wirkte. 

c) Von der Tiefe der Ruheperiode. Bei Flieder konnte 
ich schon im Monate Juli an den angelegten, für das nächste 
Frühjahr bestimmten Knospen, also lange vor dem herbstlichen 
Laubfall einen deutlichen Einfluß des Warmbades bemerken und 
die Knospen zum Austreiben veranlassen. Dagegen konnte ich 
im September gebadete Corylus-Kätzchen nicht zum Auswachsen 
und Stäuben bringen, obwohl sie sich gegen Ende Oktober schon 


recht gut, im November und Dezember aber ausgezeichnet treiben 
lassen. Bei Aesculus und Zraxınus versagt das Warmbad im 
Vorherbst, hingegen wirkt es im Dezember und Januar, besonders 
wenn man ein Laubad von etwas höherer Temperatur, von 35 
bis 40° C anwendet. 

Ist die Ruheperiode ihrem Ende nahe, so nimmt die günstige 
Einwirkung bei den Pflanzen, die sich relativ früh leicht treiben 
lassen, mehr und 
mehr ab, ja im 
Februar wirkt das 
Warmbad auf ge- 
‘wisse (Grewächse 
wie auf die männ- 

lichen Corylus- 
Kätzchen, gewisse 
Salıx-Arten, die 
Laubknospen von 
Cornus alba hem- 
mend ein, während 
es vorher einen 
ausgezeichneten 
Einfluß ausübte. 
Sehr schwer läßt 
sich die Wald- 
buche (Zagus sıl- 
vatıca) und die 
Linde/(Trha parvı- 
Jolıa) treiben, hier 

gibt merk- 

würdigerweise das 
Bad erst kurze Zeit 


vor dem normalen a b 
Austreiben gute Fig. 9. Forsythia: a der gebadete Zweig, 5b der Kontroll- 
Resultate Aus zweig, a steht ı2 Tage nach dem Bade in voller Blüte, 


b hat zu dieser Zeit noch geschlossene Blüten. 
dem Gesagten er- 


hellt, wie sehr verschieden sich die Pflanzen dem Warmbade 
gegenüber mit Rücksicht auf die Ruheperiode verhalten und wie 
auch hier. das Experiment bei jeder Art erst Klarheit verschaffen kann. 

Daß verschiedene Gattungen und Arten auf das Warmbad 
in verschiedener Weise reagieren, darf nicht wundernehmen, wenn 


man bedenkt, daß selbstan einem und demselben Zweige verschiedene 
Knospen sich ganz verschieden verhalten. So weckt das Warm- 
bad im November die männlichen Kätzchen von Corylaus rasch 
aus dem Schlafe, die weiblichen kaum und die Laubknospen gar 
nicht. Erst später, wenn die Ruheperiode auszuklingen beginnt, 
wirkt das Bad auch auf die Laubknospen. 

Um einen anschaulichen Begriff von dem wirklich über- 
raschenden Einfluß des Warmbades zu geben, seien hier einige 
Spezialversuche geschildert und illustriert. 


Fig. 10. Flieder. Das Exemplar links blüht 40 Tage nach dem Bade, während das 
ungebadete rechts noch nicht treibt. 


Versuche mit Forsythia suspensa. Am ıg. November 1907 
wurden sechs Zweige abgeschnitten. Drei davon wurden durch 
zwölf Stunden in Wasser von 25—32° C vollständig untergetaucht 
gehalten, während die drei anderen innerhalb dieser Zeit bei 
Zimmertemperatur in Luft verblieben. Hierauf wurden alle im 
Warmhaus weiterkultiviert. Der Erfolg war überraschend und 
wird durch vorstehende Fig. g versinnlicht. 


Versuch mit Flieder. Die Fig. ı0 zeigt zwei Fliederstöcke. 
Die Krone des Exemplares links wurde am 4. Dezember 1907 durch 


zwölf Stunden in Wasser von 31—37° C gebadet, der andere Stock 
nicht. Sodann verblieben beide bei mäßiger Temperatur (15 bis 
ı8°C) im Warmhaus im Lichte. Der gebadete Stock stand 
40 Tage nach dem Bade in vollem Laub- und Blütenschmucke, 
während der ungebadete noch kaum trieb. 

Treibt man den Flieder nach dem Bade, wie dies in den 
Gärtnereien gewöhnlich geschieht, im Finstern und bei relativ 
hoher Temperatur (20—28° C) 
an, so ist der Unterschied nicht 
so kraß, doch kommen die ge- 
badeten Bäumchen immer noch 
um durchschnittlich zehn Tage 
früher zur Blüte als die unge- 
badeten, was natürlich für den 
Gärtner eine bedeutende Er- 
sparnis an Heizmaterial, also einen 
großen, ökonomischen Vorteil be- 
deutet. 

Versuchmit Corylus Avel- 
/ana. Von Wichtigkeit ist es 
auch, daß bei einem Zweige nur 
die gebadeten Knospen im Trei- 
ben gefördert werden, die un- 
gebadeten aber im Winterschlafe 
verharren. Die Fig. ıı zeigt dies 
in höchst anschaulicher Weise 
bei der Haselnuß. Die eine 
Hälfte des Zweigsystems wurde 
am 27. November 1907 durch 
zwölf Stunden bei etwa 30° C 
gebadet. Am 3. Dezember, also 
sechs Tage nach dem Bade, waren Ri, ul ne A a 
die gebadeten Kätzchen in voller Sechs Tage nach dem Bade steht die 
Blüte. stäubten und hatten eine gebadete Hälfte in Blüte, die andere 

j erscheint unverändert. 
durchschnittliche Länge von 5 bis 
7!/; em erreicht, während die nicht gebadeten sich noch nicht 
merklich verändert hatten. 

Zu wiederholten Malen habe ich mit sehr schönem Erfolge 
solche Experimente über den lokalen Einfluß des Bades auch 
mit Flieder gemacht (Fig. ı2) und in der Tat vermag nichts so 


Et 
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Pr en na ut 


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sehr die „treibende Kraft“ des Bades in anschaulicher Form dar- 
zutun, wie solche halbseitig gebadete Bäumchen. Es erscheint 
wie ein Wunder, wenn man nach einiger Zeit die gebadete Hälfte 
im schönsten Laub- und Blütenschmuck, im Bilde des Frühlings 
sieht, während die andere Hälfte sich noch kaum zum Austreiben 
anschickt und uns das Bild des Winters gewährt. | 

Aus dem Verhalten dieser lokal gebadeten Pflanzen ist deut- 
lich zu ersehen, wie unabhängig voneinander physiologische Pro- 
zesse in benachbarten Stücken eines 
Zweiges verlaufen können, denn es 
ist doch höchst auffallend, daß man 
in einer Knospe eines Zweiges durch 
das Bad jene Revolution des Stoff- 
wechsels, die zum Wachstum der 
Knospe führt, hervorrufen kann, wäh-. 
rend in der ungebadeten Nachbar- 
knospe gleichzeitig alles in tiefer Ruhe 
verharrt. 

Beim Baden bewurzelter Pflanzen 
könnte man im Zweifel sein, ob man 
nur die Krone oder die ganze Pflanze 
samt dem Wurzelballen dem Bade aus- 
setzen soll. Meine Erfahrungen über 
den lokalen Einfluß des Laubades lassen 
schon vermuten, daß das Baden der 
Bee a ederbieehen. Wurzeln keinen Vorteil gewährt, zu- 
Die rechte Hälfte wurde gebadt, mal ja die vorhandenen Wurzeln für 
die linke nicht, 40 Tagenachdem die Wasseraufnahme vollkommen 'aus- 
Bade treibt die ungebadete kaum, 
die gebadete aber steht in voller reichen. Und in der Tat habe ich 

Blu mich durch speziell darauf gerichtete 
Versuche überzeugt, daß das Baden 

der Wurzeln nicht nur keinen Nutzen gewährt, sondern im Ge- 
genteil die Wurzeln häufig schädigt, weil sie im Gegensatz zu 
den ruhenden Zweigen und Knospen ein so hoch temperiertes 
Wasserbad nicht leicht ertragen. Saftige, weiche Wurzeln sind 
ebenso wie die meisten krautigen Blätter und Sprosse viel emp- 
findlicher als die widerstandsfähigeren Winterknospen. Ich gebe 
daher den Rat: niemals die Wurzeln zu baden, sondern 
nur die Krone, 

Es wird auch die Praktiker interessieren zu erfahren, daß 


on 


der Einfluß des Bades in versteckter Form wochenlang erhalten 
bleibt. Ich meine so: Wenn man gebadete Pflanzen von Corylus, 
Forsythia, Salıx und andere nach dem Bade ins Freie bringt, sie 
hier der gewöhnlichen Temperatur des Nachherbstes oder des 
Winters aussetzt, sie daselbst ı bis 6 Wochen beläßt und erst 
dann in die Treiberei stellt, so verhalten sie sich im großen und 
ganzen so, wie sie sich verhalten hätten, wenn sie unmittelbar 
nach dem Bade ins Warmhaus gestellt worden wären. Die Ein- 
wirkung des Bades bleibt, einmal hervorgerufen, lange Zeit er- 
halten, sie bleibt, wie man zu sagen pflegt, latent. Diese Tatsache 
hat vielleicht auch eine praktische Bedeutung. Man könnte, falls 
eine Gärtnerei ihre Pflanzen nicht selbst baden will, diese an 
einem anderen Orte, wo das Warmbad im Großbetrieb durchge- 
führt wird, baden lassen und dann von dort beziehen. Wie 
ich aus gärtnerischen Fachzeitschriften ersehe, ist Übereinstimmendes 
mit ätherisiertem Flieder tatsächlich geschehen: in Dresden, wo 
gewisse Spezialisten der Fliedertreiberei sich auf das Ätheri- 
sieren im großen eingerichtet haben, werden Fliederbäumchen 
ätherisiert und dann nach Ungarn und anderen Ländern ausge- 
führt. Ein derartiger Export wäre auch mit gebadeten Pflanzen 
durchführbar. 

Wenn es sich nicht um einen Großbetrieb handelt und wenn 
die Durchführung der Warmbadmethode möglichst wenig kosten 
soll, so ist es nach meinen Erfahrungen am zweckmäßigsten, die 
zu treibenden Pflanzen direkt im Warmhaus unter Zuhilfenahme 
der Warmwasserheizung zu baden. Heute sind wohl die meisten 
Warmhäuser mit Wasserheizung versehen und solche Gewächs- 
häuser enthalten auch gewöhnlich ein oder mehrere Wasserbassins, 
die durch eingeleitete Rohre leicht auf eine bestimmte Temperatur 
erwärmt werden können. Hat das Wasser den erwünschten 
Wärmegrad angenommen, so taucht man die Pflanze bloß mit 
der Krone ein und läßt die Wurzelballen in die Luftragen. Nach- 
her wird das ganze Bassin mit Brettern oder Strohdecken zuge- 
deckt, wodurch die Wassertemperatur während der Badezeit nur 
wenig sinkt. Das Verfahren ist, wie man sieht, höchst einfach, 
nur muß man sorgfältig darauf achten, daß man nicht zu warmes 
Wasser anwendet, weil sonst die Knospen leicht Schaden leiden. 
Besondere Vorsicht erheischt dieser Punkt bei Gewächsen, die 
man noch nicht ausprobiert hat und beim Treiben wintergrüner, 


also beblätterter Pflanzen, wie z. B. gewisser empfindlicher Azalea 
Molisch, Populäre biologische Vorträge. 2. Aufl. 6 


u; 32 Pen 


ındıca-Sorten, da ihre Blätter bei manchen Hybriden schon bei 
einem sechsstündigen Aufenthalt im Wasser von 30° infolge der 
gehemmten Atmung sichtlich leiden und vornehmlich an der Ober- 
seite des Blattes braunfleckig werden. Ich kann daher die An- 
wendung der Warmbadmethode für Azalea zndıca nicht empfehlen, 
zumal das Laubad auf das Austreiben der Knospen gar nicht oder 
fast gar nicht günstig wirkt. 


Wennich von den Versuchen, die ich wohl mit vielen hunderten 
von gärtnerisch unwichtigen Pflanzen nur aus wissenschaftlichen 
Gründen durchgeführt habe, absehe und mich nur auf gärtnerisch 
wichtige beschränke, so kann ich das Warmbadverfahren bisher 
wärmstens empfehlen für S'yrınga, Forsythıa, Azalea mollıs, Spiraea 
palmata und japonıca und Convallarıa. 


Flieder ist eine Treibpflanze par excellence, wird zum Treiben 
im großen kultiviert und liefert mit dem Laubad ausgezeichnete 
Resultate. 


Forsythia suspensa, dieser bekannte japanische Strauch, der 
im ersten Frühling durch seine mit gelben Glocken überschütteten 
Blütenzweige jeden entzückt, wird auffallenderweise von den Gärt- 
nern nicht als Treibpflanze kultiviert. Ich habe so ausgezeichnete Treib- 
resultate mit dieser Pflanze erhalten, daß ich die Gärtner ermuntern 
möchte, mit diesem Strauche Versuche anzustellen. Mit Hilfe des 
Warmbades wäre es ein leichtes, im Oktober, November und im 
Winter blühende Topfpflanzen oder abgeschnittene blühende Zweige 
zu erzielen und in Anbetracht der Schönheit dieses blühenden 
Strauches zweifle ich nicht, daß die Forsyihıa erfolgreich mit dem 
Flieder in Wettbewerb treten könnte und vom Publikum auch 
gerne gekauft würde. 


Sehr gute Ergebnisse liefert auch das Warmbad mit Convallaria- 
keimen. „Keime“, die am ı4. November 1904 einem 16!/,stündigen 
Warmbad von 31° C ausgesetzt wurden und dann nach’der Weise 
der Gärtner bedeckt mit Moos bei einer Bodentemperatur von 20 
bis 25° C im Warmhaus getrieben wurden, kamen sehr gleich- 
mäßig mit Laub und Blüten. Die ersten Blätter öffneten sich 
schon am 16. Dezember. Die nicht gebadeten Keime blieben viel- 
fach „sitzen“; wenn sich die Blütentrauben entwickelten, so waren 
sie häufig unvollkommen, auch blühten sie durchschnittlich 5 bis 
ıo Tage später. Wer also nicht mit sogenannten „Eismai- 
glöckchen“, die in Kühlräumen künstlich vom Austreiben zurück- 


gehalten werden, arbeiten will, wird sich mit dem Warmbad- 
verfahren auch hier bald befreunden. 

Wir wollen nun auch die Frage streifen, warum das Laubad 
einen so überraschenden Einfluß auf ruhende Pflanzen ausübt? 
Durch welche Umstände wird der chemische Stoffwechsel in solche 
Bahnen gelenkt, daß das Wachstum erfolgt? Die Beantwortung 
der Frage ist nicht so einfach wie sie auf den ersten Blick er- 
scheint, denn mit dem Bade ist nicht eine Veränderung, sondern 
ein ganzer Komplex von Veränderungen gegeben. Es wird nicht 
bloß die Temperatur geändert, sondern auch der Sauerstoffzufluß 
unter Wasser gehemmt. Überdies tritt in dem Bade Wasser in 
die Zellen ein, viele Bestandteile der Zelle: die Wand, das Plasma 
und der Kern werden infolge der gesteigerten Wasseraufnahme 
quellen und ihren Zustand verändern. Die ganze Zelle wird auch 
ihren Innendruck oder Turgor erhöhen. 

Die Atemnot, welcher die untergetauchten Zweige ausgesetzt 
werden, spielt nach Versuchen, die ich in sauerstoffreiem oder sauer- 
stoffarmem Raume ausgeführt habe, augenscheinlich keine besondere 
das Austreiben fördernde Rolle. Wenn es die höhere Temperatur 
allein wäre, so sollte man vermuten, daß das Wasserbad gar nicht 
nötig sei und daß ein dem Wasserbad entsprechender längerer 
Aufenthalt in Luft von höherer Temperatur denselben Effekt er- 
zielen würde. Dies trifft nun in der Zeit vor dem herbstlichen 
Laubfall und dann nach diesem in den Monaten Oktober, November 
und Dezember, also in der Hauptzeit des Treibens, nicht zu; da 
kann das Wasserbad nicht durch ein entsprechendes Luftbad er- 
setzt werden; ein solches warmes Luftbad nützt bei den meisten 
Gewächsen nichts oder sehr wenig, erst in der Zeit, da die Ruhe- 
periode schon auszuklingen beginnt und die Ruhe nicht mehr fest 
ist, kann auch das warme Luftbad eine ähnliche Wirkung äußern, 
ja in manchen Fällen kann es sogar vorteilhafter sein. Für die 
Praxis hat dies aber keinen Wert, der Gärtner wird sich stets an 
das Warmbad halten müssen, weil er seine Pflanzen möglichst 
bald zur Blüte bringen will und sie daher zu einer Zeit treiben 
muß, wo eben nur das Wasser- und nicht das Luftbad wirkt. 

Verschiedene Erfahrungen drängen zu der Annahme, daß in 
‚erster Linie die vielstündige Berührung mit lauem Wasser als 
Reiz wirkt, die in Verbindung mit höherer Temperatur in den 
ruhenden Knospen jene Vorgänge auslöst, die zum Treiben 


führen. — 
6* 


Re = 


Daß wir in der Warmbadmethode ein für viele Gewächse 
und auch für gärtnerisch wichtige ein ausgezeichnetes, praktisch 
verwertbares Treibverfahren besitzen, unterliegt wohl keinem 
Zweifel. Dasselbe gilt auch von dem bekannten Ätherverfahren 
W. Johannsens. Dem Theoretiker sind beide Methoden von 
höchstem Interesse, dem Praktiker bieten beide große Vorteile. 
Wegen seiner Billigkeit, Einfachheit und Gefahrlosigkeit wird 
das Warmbad mit dem Ätherbad nicht nur erfolgreich kon- 
kurrieren, sondern es wird das Warmbad wahrscheinlich das 
Ätherverfahren in der Praxis bald verdrängen. Vergleichende 
Versuche mit Syrınga und Forsythia haben mich gelehrt, daß 
das Warmbad dieselben oder bessere Resultate ergibt, wie 
der Äther. Allerdings ist es nicht ausgeschlossen, daß bei an- 
deren Pflanzen sich vielleicht wieder die Äthermethode besser 
bewähren wird. 

So sehen wir denn auf dem Gebiete der Treiberei einen ge- 
waltigen Fortschritt!),, Schon jetzt gelingt es dem Gärtner durch 
Züchtung sogenannter Treibsorten und frühblühender Rassen, durch 
vorbereitende Behandlung der Pflanzen, durch langsame Wasser- 
entziehung, durch gewisse Treibverfahren oder durch Zurückhaltung 
der normalen Vegetation infolge niederer Temperatur sich bei 
verschiedenen Gewächsen von der Jahreszeit unabhängig zu 
machen. Es ist heute möglich z. B. im Monate April gewisse 
Frühlings-, Sommer-, Herbst- und Winterpflanzen, also Grewächse 
die unter normalen Verhältnissen zu ganz verschiedenen Jahres- 
zeiten blühen und fruchten, gleichzeitig in Blüte und Frucht 
vorzuführen. Auch sind Märzveilchen, Maiglöckchen, Flieder und 
gewisse Lilien fast das ganze Jahr erhältlich. Würde die Licht- 
intensität im Herbst und Winter in Mittel- und Nordeuropa nicht 
so gering und der Tag nicht so kurz sein, so könnten die Treib- 
methoden noch auf viele andere Pflanzen angewendet werden, 
die zur Entwicklung ihrer Blüten einer relativ großen Liöhtmenge 
bedürfen. Hier wird vielleicht einmal die Elektrotechnik helfend 
einspringen, denn wenn sie uns in der Zukunft für den Garten- 
bau das Bogenlicht in genügender Intensität und billig liefern 
sollte, dann wird auch die Pflanzentreiberei neuen Erfolgen und 
Triumphen entgegengehen: wir werden dann, wenn draußen alles. 


1) Eine kurze Übersicht darüber bis in die neueste Zeit findet man in meinem 
Buche: „Pflanzenphysiologie als Theorie der Gärtnerei.“ 4.Aufl. Jena 1921. S. 177— 191. 


in Eis und Schnee starrt und die Bäume des Waldes in tiefster 
Ruhe verharren, uns mitten im Winter den Frühling oder 
Sommer in die Stube zaubern und im Anblicke dieses zu dieser 


Zeit uns doppelt erfreuenden Blütenreichtums werden wir mit 
Uhland rufen: 


„Die Welt wird schöner mit jedem Tag, 
Man weiß nicht, was noch werden mag, 
Das Blühen nimmt kein Ende.“ 


WE 


Ultramikroskop und Botanik’). 


I. Die ultramikroskopische Methode. 

Der Fortschritt der Naturwissenschaften beruht hauptsächlich 
auf neuen Entdeckungen, der Aufstellung glücklich ersonnener 
Hypothesen und Theorien und auf der Auffindung neuer und 
feiner Methoden. Eine einzige neue Tatsache, ein fruchtbarer 
hypothetischer (redanke, ein neues Verfahren vermag die Wissen- 
schaft oft um einen gewaltigen Schritt vorwärts zu bringen. Ich 
erinnere nur an die Röntgenstrahlen, an die Deszendenztheorie 
und an die Spektralanalyse. Welch großartige Fortschritte waren 
mit ihrer Einführung in die Wissenschaft verknüpft! 

Von dem Bestreben geleitet, die Leistungsfähigkeit des 
Mikroskops in der Sichtbarmachung kleinster Teilchen zu erhöhen, 
haben Siedentopf und Zsigmondy?) eine Methode eingeführt, 
die heute allgemein als ultramikroskopische bezeichnet wird und 
die großes Aufsehen erregt hat. Sie ermöglicht uns heute, Teilchen 
von einer Kleinheit zu sehen, deren Größe früher weit jenseits der 
Grenze mikroskopischer Wahrnehmung lag. 

Ich habe mir nun heute die Aufgabe gestellt, hier 
zu erörtern, was diese Methode für die Botanik bisher 
geleistet hat, ob die Hoffnungen, die man an die Er- 
findung des Ultramikroskops geknüpft hat, sich er- 
füllt haben und ob wir von ihr in Zukunft Resultate 


!) Vortrag, gehalten am I5. Dezember 1909 im Vereine zur Verbreitung natur- 
wissenschaftlicher Kenntnisse in Wien. Daselbst IgIo erschienen. 

?) Siedentopf, H., und Zsigmondy, R., Über die Sichtbarmachung und 
Größenbestimmung ultramikroskopischer Teilchen, mit besonderer Anwendung auf Gold- 
rubingläser. Annalen d. Physik, 4. Folge, Bd. 10, 1903. 

Siedentopf, H., Über die physikalischen Prinzipien der Sichtbarmachung ultra- 
mikroskopischer Teilchen. Vortrag. Berliner klin. Wochenschrift 1904, Nr. 32. 

Zsigmondy, R., Zur Erkenntnis der Kolloide. Jena: 1905. 


zu erwarten haben, die uns einen tieferen Einblick 
in den Bau und das Leben der Zelle verschaffen 
werden. 

Das Prinzip, das der ultramikroskopischen Methode zugrunde 
liegt, kann leicht an den jedermann bekannten Sonnenstäubchen 
klargemacht werden. Denken Sie, wir befänden uns in einem 
vollständig finstern Raum. Lassen wir dann durch den Spalt eines 
Fensterladens einen direkten Sonnenstrahl einfallen, so werden, 
wie bekannt, innerhalb dieses Strahles unzählige Sonnenstäubchen 
sichtbar. Diese Stäubchen finden sich in unserer Umgebung 
ständig vor, sie sind sozusagen allgegenwärtig, wir atmen sie mit 
jedem Atemzug in ungeheurer Zahl ein, aber trotz alledem sehen 
wir sie gewöhnlich nicht. Unter bestimmten Bedingungen, wie 
in dem vorhin erwähnten Versuch, treten sie wie mit einem 
Zauberschlag plötzlich in Erscheinung und erfreuen das Auge 
durch ihr ruhiges Schweben oder bei bewegter Luft durch ihren 
Wirbeltanz und durch ihr scheinbares Selbstleuchten. Die Sonnen- 
stäubchen werden sichtbar, weil das höchst intensive Sonnenlicht 
an ihnen abgebeugt wird, sie umgeben sich mit glänzenden Beu- 
gungsringen und Beugungsbüscheln, erscheinen dem Auge größer, 
als sie wirklich sind und ungemein deutlich, weil wir sie auf 
schwarzem Hintergrunde betrachten. Die Kontrastwirkung zwischen 
Hell und Dunkel spielt bei der Sichtbarmachung eine wesentliche 
Rolle. Auf dieser Kontrastwirkung beruht auch der herrliche 
Glanz des nächtlichen Sternenhimmels. Die Sterne sind auch bei 
Tage am Himmel, allein wir sehen sie nicht. Bei Tage werden 
sie vom Sonnenlichte überstrahlt, das ganze Himmelsgewölbe ist 
beleuchtet, es kommt zu keiner Kontrastwirkung, daher bleiben 
die Sterne unsichtbar. Ganz anders in der Nacht, da erscheint 
das Himmelsgewölbe schwarz und die Sterne heben sich mit 
ihrem relativ schwachen Lichte trotzdem auf dem dunklen Grunde 
leuchtend ab. 

Auch beim Mikroskope hat man von der Dunkelfeldbeleuch- 
tung schon lange Gebrauch gemacht. Sie wurde zuerst nament- 
lich von England aus empfohlen, allein sie hat sich lange keiner 
häufigeren Anwendung erfreut. J. B. Reade!) lenkte schon 1838 


!) Goring und Pritchard, Mikrographia, 1837, S. 227—231, ferner Queckett, 
John, Handbuch über Mikroskopie, 1855, beide Werke zitiert nach Siedentopf, H., 
Die Vorgeschichte der Spiegelkondensoren. Zeitschr. f. wissensch. Mikroskopie usw., 
1908, S. 382—395. 


Bee. 2 


(oder 1837?) die Aufmerksamkeit der Mikroskopiker auf eine Be- 
leuchtung, die er „Dunkelfeldbeleuchtung“, „Blackground illumina- 
tion“ nannte. Indem er das mikroskopische Objekt sehr stark und 
derart beleuchtet, daß von den beleuchtenden Strahlen nur die- 
jenigen eindringen, welche von dem Objekte in geänderter Rich- 
tung ins Mikroskop eingesandt werden, erzielt er eine grelle Be- 
leuchtung des mikroskopischen Objektes auf dunklem Untergrunde. 

Auch die Spiegelkondensoren von heute haben, wie Sieden- 
topf!) gezeigt hat, wenn auch in weniger vollkommener Form 
ihre Vorläufer gehabt. Trotz alledem hat aber die Dunkelfeld- 
beleuchtung im allgemeinen wenig Beachtung gefunden. Da trat 
im Jahre 1903 ein Wendepunkt ein. Siedentopf und Zsigmondy 
hatten durch besondere Einrichtungen am Mikroskope, durch welche 
die Dunkelfeldbeleuchtung bei möglichst gesteigerter Lichtintensi- 
tät soweit als möglich vervollkommnet wurde, es dahin gebracht, 
Teilchen sichtbar zu machen, die viel kleiner waren als die bis 
dahin gesehenen. 

Die Dunkelfeldbeleuchtung kann nun in verschiedener Weise 
bei ultramikroskopischen Beobachtungen erreicht werden. So ist 
zuerst von Siedentopf und Zsigmondy eine Anordnung am 
Mikroskope angegeben worden, bei welcher durch Abbildung 
eines Spaltes in einem festen oder flüssigen Präparate gewisser- 
maßen ein Dünnschnitt von 2—4 u?) Dicke auf optischem Wege 
hergestellt wird, der grell beleuchtet und auf dunklem Grunde 
betrachtet wird. Diese Art des Ultramikroskops ist besonders 
zur Beobachtung von Farbstofflösungen und kolloidalen Objekten 
geeignet und hat bereits zahlreichen Untersuchungen mit Erfolg 
gedient. f 

Eine zweite Methode der Dunkelfeldbeleuchtung versinnlicht 
die Abbildung des Spiegelkondensors, der von Reichert?) in 
Wien zuerst in den Handel gebracht wurde (Fig. 13). -_ 

Dieser Kondensor besteht im wesentlichen aus einer Plan- 
konvexlinse Z, von der der mittlere Teil der Krümmung abge- 


I) Siedentopf, H., Die Vorgeschichte der Spiegelkondensoren. Zeitschr. f. 
wissensch. Mikroskopie usw., 24. Bd. 1908, S. 382. 

2) Mit dem griechischen Buchstaben u bezeichnet man den tausendsten Teil eines 
Millimeters, mit zu. den millionsten Teil. 

®) Reichert, K., Neuer Spiegelkondensor zur Sichtbarmachung ultramikro- 
skopischer Teilchen usw., Sonderabdr. aus den Vierteljahrsberichten des Wiener Vereins 


zur Förderung des physikal. und chem. Unterrichtes, XI, 4. 


schliffen ist. Die dadurch entstandene Planfläche ist parallel mit 
der Frontfläche der Objektivlinse des Mikroskops und der übrig 
bleibende Teil der Krümmung der Linse ist versilbert. Reichert 
beschreibt den Strahlengang im Kondensor in folgender Weise: 
Ein von der Lichtquelle ausgehender Strahl wird vom Spiegel 
‚Sp bei d reflektiert nach Ö’ und 2’; dasselbe geschieht auch mit 
einem zweiten Strahl, der von ce kommt, dieser wird nach 5’ 
reflektiert. Die Blende 3/ schaltet alle Strahlen aus dem Beleuch- 
tungsbüschel aus, deren Apertur geringer als ı -o5 ist. Sie ist 
dicht vor die erste Planfläche der Spiegellinse gesetzt, damit keine 
störenden Reflexe auftreten können. Die Blende kann nach Bedarf 
weggeklappt und derart die gewöhnliche Spiegelbeleuchtung 
wieder hergestellt werden. Aus der 
Fig. 13 geht auch hervor, daß alle Bahl D 
Strahlen, welche in den Kondensor DB — SE 
eintreten und die Aperturen von 
1:05 bis ı-30 haben, an der Ober- 
fläche des Deckglases eine totale 
Reflexion erleiden, somit ein Ein- 
treten der beleuchtenden Strahlen N 
in das Beobachtungsobjektiv voll- 
kommen ausgeschlossen ist. Das 
Objektiv kann nur Strahlen auf- 
nehmen, welche innerhalb des Prä- 


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parates eine Ablenkung von ihrer x 
ursprünglichen Richtung durch Beu- a 
gung erfahren haben, und diese Fig. 13. Spiegelkondensor. 
abgebeugten Strahlen sind es auch, Nach Reichert (Wien). 


welche im Mikroskop wahrgenom- 

men werden. Die Spiegellinse des Kondensors entwirft von der 
Lichtquelle ein stark leuchtendes Bild in der Ebene des Prä- 
parates. 

Ich habe nicht die Absicht, näher auf die Einrichtungen für 
Dunkelfeldbeleuchtung zum Zwecke ultramikroskopischer Beob- 
achtung einzugehen; es genügt hervorzuheben, daß insbesondere 
die Mikroskopfirma Zeiß!), ferner Reichert und Leitz darin Vor- 
zügliches geleistet haben, und es ist heute (1909) bereits möglich, sich 

!) Für die gütige Beistellung vorzüglicher ultramikroskopischer Hilfsapparate zum 


Zwecke meines Vortrages erlaube ich mir, der Firma Zeiß meinen besten Dank aus- 


zusprechen. 


um einen verhältnismäßig geringen Preis — ein Spiegelkondensor 
kostet etwa 40—50 Kronen — eine Einrichtung für Ultramikro- 
skopie zu verschaffen‘). 

Wie aus dem Gesagten hervorgeht, beruht das Ultramikroskop 
auf einer vollkommenen Ausnützung der Dunkelfeldbeleuchtung, 
die gestattet, die mikroskopischen Objekte hell auf dunklem 
Grunde abzubilden. Durch diese Kontrastwirkung werden die 
Sichtbarkeitsbedingungen, aber nicht das Auflösungsvermögen 
erhöht. Das sogenannte Ultramikroskop ist daher nicht, wie das 
vielfach in Laienkreisen angenommen wird, ein neues, auf einem 
bisher unbekannten Prinzip beruhendes Mikroskop, sondern ein 
gewöhnliches Mikroskop, bei dem nur die Dunkelfeldbeleuchtung 
unter Zuhilfenahme möglichst starker Lichtquellen in vorzüglicher 
Weise zur Anwendung kommt. 

Die Leistungsfähigkeit der besten Mikrageede bei durch- 
fallendem Lichte ist eine beschränkte. Die Grenze der mikro- 
skopischen Wahrnehmung läßt sich aus Abbes Theorie direkt ab- 
leiten, sie beträgt bei Anwendung der besten aus der Zeißschen 
Werkstätte herrührenden Mikroskope praktisch genommen t/, u, 
bei schiefer Beleuchtung und unter Zuhilfenahme von einer Mono- 
bromnaphtalinimmersion und violettem Lichte als äußerste Auf- 
lösbarkeitsgrenze 0 - ı2 u. Was darunter liegt, bezeichnet man 
als ultramikroskopisch. 

Mit Hilfe des Ultramikroskops wurde ein Riesenschritt in das 
Reich des Unsichtbaren gemacht, denn nach Siedentopf kann 
man mit dem Ultramikroskop noch Teilchen sehen, die nur einen 
Durchmesser von 4 uu haben, das ist aber eine Größe, die bereits 
in das Gebiet der molekularen Dimensionen der Eiweißmoleküle fällt. 

So eröffnet sich für den Forscher bei eventueller noch weite- 
rer Steigerung der Lichtintensität die Aussicht, im Dunkelfeld des 
Ultramikroskops jene theoretisch erschlossenen Teilchen, die unserem 
Auge für immer entrückt zu sein schienen, ich meine die Mole- 
küle, wenigstens die großen, zu sehen und ihre Bewegungen, 
d.h. das Spiel ihrer anziehenden und abstoßenden Kräfte sichtbar 
zu verfolgen. 

Bei alledem dürfen wir aber die große Schattenseite des 
Ultramikroskops nicht vergessen, daß es keine genaue geometrische 
Abbildung gibt und uns namentlich sehr kleine Teilchen nur an 


!) Siehe das Preisverzeichnis der Firma C. Zeiß über Einrichtungen für Ultra- 
mikroskopie und Dunkelfeldbeleuchtung, 3. Ausgabe, 1907. 


ihren Beugungsscheibchen und Beugungsbüscheln zu erkennen 
gibt, so daß sich die wahre Gestalt der Ultramikronen oft nur 
schwer und beiläufig beurteilen läßt. 

Wir wollen nun im folgenden erörtern, welche Dienste dieses 
in gewisser Beziehung so ausgezeichnete Instrument der Botanik 
geleistet hat, und wollen zunächst zeigen, daß es bereits in einem 
sehr wichtigen Punkte, nämlich in der Frage nach der Existenz 
von unsichtbaren Lebewesen oder Ultramikroorganismen sehr 
wichtige Aufschlüsse gebracht hat. 

Die Ergebnisse der Ultramikroskopie in anderen Wissens- 
zweigen bis zum Jahre 1906 finden sich zusammengestellt in dem 
vortrefflichen Buche von Cotton und Mouton!) über die Ultra- 
mikroskope und die ultramikroskopischen Objekte. 


II. Gibt es unsichtbare, das heißt ultramikroskopische Lebewesen? 


Schon vor Einführung der ultramikroskopischen Methode 
hat man die Frage aufgeworfen, ob es nicht vielleicht Lebewesen 
gibt, die unsichtbar sind, d. h. die mit unseren besten optischen 
Hilfsmitteln bei gewöhnlicher Beleuchtung nicht gesehen werden 
können, weil solchen Mikroskopen in ihrer Leistungsfähigkeit eine 
Grenze gezogen war. Die Möglichkeit, daß es solche Organismen 
jenseits der Grenze der gewöhnlichen mikroskopischen Wahrneh- 
mung gibt, ist nicht von der Hand zu weisen und erfordert ein- 
gehende Prüfung. Die Frage ist tatsächlich von großer Wichtig- 
keit, denn der Biologe möchte gerne wissen, bis zu welcher Klein- 
heit Zellen herabsinken können, ob nicht gewisse Krankheiten der 
Pflanzen, die man bisher noch auf kein Lebewesen hat zurück- 
führen können, wie die Mosaikkrankheit des Tabaks, die infektiöse 
Panaschüre der Malvaceen und anderer (Grewächse, vielleicht 
durch mikroskopische Lebewesen hervorgerufen werden. Und 
auch der Mediziner hat ein großes Interesse daran, zu erfahren, 
ob gewisse Krankheiten der Tiere und des Menschen, wie die 
Maul- und Klauenseuche, die Pocken, der Scharlach und andere 
nicht vielleicht durch Lebewesen bedingt sind, die im Bereiche 
des Ultramikroskopischen liegen. Auch wäre es ja von vorne- 
herein nicht unmöglich, daß — die Existenz von Ultramikroben 
vorausgesetzt — diese bisher unsichtbar gebliebenen Lebewesen 


!) Cotton, A., et Mouton, H., Les ultramicroscopes et les objets ultramicro- 
scopiques. Paris 1906. 


von einer neuen, noch nie geschauten Organisation wären und 
daß sie neue Gruppen von Organismen bilden. 

Ich habe diese Fragen schon früher auf Grund eigener Unter- 
suchungen und Erwägungen behandelt und meine Ergebnisse in 
einem Artikel „Über Ultraorganismen“ zusammengestellt!). Die 
folgenden auf ultramikroskopische Lebewesen bezugnehmenden 
Angaben stützen sich vornehmlich auf diese Abhandlung, ja sind 
ihr zum Teile wörtlich entnommen. 

Bekanntlich gehören die Bakterien zu den kleinsten Lebe- 
wesen und manche unter ihnen nähern sich schon der Grenze der 
mikroskopischen Wahrnehmung. Eine der kleinsten Bakterien 
ist der Influenzabazillus mit ı-2 « Länge und o-4 u Dicke. Die 
von Esmarch vor nicht langer Zeit entdeckte Schraubenbakterie 
(Sperillum parvum) hat bloß eine Dicke von o-1-0:3 «u und 
passiert Berkefeld- und Chamberlandfilter. Mzerococcus progrediens 
soll nur 0-15 « dick und ZPseudomonas indıigofera sogar nur 
0-08 u dick und 0-18 « lang sein; ich möchte jedoch auf die 
letzteren Messungen kein großes Gewicht legen, weil bei so kleinen 
Objekten die subjektive Schätzung schon eine zu große Rolle 
spielt und die Messung daher ungenau sein muß. Auch werden 
so kleine Bakterien gewöhnlich nicht in lebendem Zustande ge- 
messen, sondern häufig in geschrumpftem oder in gequollenem 
(gebeiztem), man erhält daher in dem einen Falle zu geringe und 
in dem anderen zu große Werte. Der vorhin angegebene Wert 
0:06 u für Pseudomonas kann ja gar nicht richtig sein, weil dieser 
Organismus dann schon ultramikroskopische Dimensionen hätte. 
Aber alle die erwähnten winzigen Bakterien wurden mit gewöhn- 
lichen Mikroskopen ohne Dunkelfeldbeleuchtung, ohne ultramikro- 
skopische Methodik entdeckt und gemessen, sie müssen daher noch 
von mikroskopischer Dicke sein. 

Ich will nun eine Reihe von Fällen betrachten, wo noch am 
ehesten ultramikroskopische Lebewesen gefunden werden könnten, 
und möchte zunächst die Aufmerksamkeit auf die Untersuchungen 
von Nocard und Roux über den Erreger der Lungenseuche 
der Rinder lenken. Die beiden Forscher züchteten den Erreger 
dieser Krankheit in Kollodiumsäckchen, die in der Bauchhöhle 
lebender Tiere (z. B. Kaninchen) untergebracht wurden. Später 
gelang ihnen die Kultur unter Anwendung der Peptonbouillon 


l) Molisch, H., Über Ultramikroorganismen. Botan. Zeitg. 1908, I. Abt., 
S. 131—139. Hier auch die einschlägige Literatur. 


Martins, der noch Serum von der Kuh oder vom Kaninchen 
zugesetzt worden war, im Glase. Er verleiht der Kulturbouillon 
ein opalisierendes Aussehen und gibt sich bei sehr starken 
mikroskopischen Vergrößerungen in beweglichen, lichtbrechenden 
Pünktchen von solcher Kleinheit zu erkennen, daß es selbst nach 
durchgeführter Färbung schwer ist, ihre Form zu bestimmen. 
Nach dem Gesagten hätten wir es also hier mit einem außer- 
ordentlich kleinen Organismus zu tun, der zwar an der Grenze 
der mikroskopischen Wahrnehmung steht, der aber als Pünktchen 
eben noch gesehen werden kann. Es ist daher den Tatsachen 
nicht entsprechend, wenn der Erreger der Pleuropneumonie als 
unterm Mikroskop nicht mehr erkennbar, also gewissermaßen als 
ultramikroskopisch hingestellt wird. Nocard und Roux sagen 
ja ausdrücklich, daß der erwähnte Organismus noch als Pünktchen 
(ohne Ultramikroskop) zu erkennen ist, und sie schließen nur aus 
dem Vorkommen dieses überaus kleinen Lebewesens, daß es viel- 
leicht andere Organismen gibt, die ihrer Kleinheit wegen für das 
bewaffnete menschliche Auge unsichtbar sind. 

Von größtem Interesse für unsere Betrachtungen erscheint 
auch die Maul- und Klauenseuche, deren Ansteckungsstoff vielleicht 
ein ultramikroskopisches Lebewesen ist. Nach den sorgfältigen 
Untersuchungen von Löffler und Frosch verliert die Lymphe, 
die die Klauenseuche hervorzurufen imstande war, diese Fähigkeit 
nicht, wenn sie durch Filtration von den in ihr enthaltenen körper- 
lichen Teilchen befreit worden war. Wenn die Lymphe 2—3mal 
durch sterilisierte Kieselgurkerzen filtriert war, so konnten mit 
dieser Lymphe die Tiere (Kälber, Schweine) ebenso angesteckt 
werden wie mit nicht filtrierter. Würde es sich um ein Gift 
handeln, so müßte dieses von einer geradezu erstaunlichen Wirk- 
samkeit sein, von einer derartigen, daß sie, wie Berechnungen 
ergaben, von vorneherein die Annahme eines Giftes unwahrscheinlich 
machen. „Es läßt sich deshalb die Annahme nicht von der Hand 
weisen, daß es sich bei den Wirkungen der Filtrate nicht um die 
Wirkungen eines gelösten Stoffes handelt, sondern um die Wirkung 
vermehrungsfähiger Erreger. Diese müssen dann freilich so klein 
sein, daß sie die Poren eines auch die kleinsten Bakterien bisher 
zurückhaltenden Filters zu passieren vermöchten. Die kleinsten 
bisher bekannt gewordenen Bakterien sind die von Pfeiffer auf- 
gefundenen Bazillen der Influenza. Sie haben eine Länge von 
0,5—ı u. Wären die supponierten Erreger der Maul- und Klauen- 


seuche nur 1/,, oder selbst nur !), so groß wie diese, was ja 
durchaus nicht unmöglich wäre, so würden sie nach der Berech- 
nung des Professors Abb& in Jena über die Grenze der Leistungs- 
fähigkeit unserer Mikroskope auch mit den besten Immersion- 
systemen nicht mehr erkennbar sein“. Der Erreger der Maul- 
und Klauenseuche wäre also nach der Annahme von Löffler 
und Frosch ein Organismus, und zwar ein ultramikroskopischer. 
Obwohl ich die Möglichkeit der Existenz eines solchen Lebewesens 
ohne weiteres zugeben muß, so ist doch vorläufig zu berücksichtigen, 
daß noch niemand den Erreger der Maulseuche gesehen hat und 
daß noch andere Erklärungen für die Ansteckung und Übertragung 
dieser Krankheit möglich sind, analog wie bei dem Zustande- 
kommen der infektiösen Panaschüre der Malvaceen und bei der 
Mosaikkrankheit des Tabaks. Dasselbe gilt von anderen an- 
steckenden Krankheiten, deren Erreger oder deren Ursache noch 
zweifelhaft ist. Ich erinnere an die afrikanische Pferdesterbe 
(Horse sıckness), an das vırus myxomaleux der Kaninchen, an das 
Gelbfieber, die Rinderpest und an die Schafpocken. 

Bekanntlich besitzt Abutzlon Thompson: grünscheckige Blätter, 
deren Fleckigkeit sich auf rein grüne Blätter anderer Abutilon- 
Arten, ja sogar auf andere Gattungen von Malvaceen durch 
Pfropfung übertragen läßt. Wir verdanken über die Infektion 
dieser Buntblättrigkeit Lindemuth und in jüngster Zeit Baur 
sehr lehrreiche Versuche, aus welchen mit ziemlicher Sicherheit 
hervorgeht, daß die von Baur als infektiöse Chlorose bezeichnete 
Krankheit des Abutilon nicht durch einen Organismus hervor- 
gerufen wird. Ich habe selbst die gelbgrün gefleckten Blätter 
einer genaueren mikroskopischen "Untersuchung unterworfen, sie 
im lebenden, im fixierten und gefärbten Zustande auf das ge- 
naueste untersucht, aber von einem Organismus keine Spur ge-. 
funden. Von dem Gedanken ausgehend, es könnte doch ein Lebe- 
wesen, aber ein unsichtbares, vorhanden sein, habe ich Entweder 
sehr kleine Gewebestückchen des scheckigen Abutilonblattes oder 
den Saft eines solchen auf verschiedene feste Nährböden, dem 
noch Extrakte von Abutilonlaub zugesetzt waren, überimpft, auf 
diese Weise aber niemals Kolonien eines ultramikroskopischen 
Organismus bekommen, sondern nur Kolonien von gewöhnlichen 
Bakterien, die natürlich von der Blattoberfläche herrührten. Wenn 
in diesen Beobachtungen auch noch kein Beweis für die Ab- 
wesenheit eines ultramikroskopischen Erregers liegt, denn es wäre 


ja möglich, daß meine Nährmedien dem fraglichen Erreger nicht 
zusagten, so sprechen doch meine Ergebnisse sehr zugunsten der 
von Baur auf ganz anderem Wege gewonnenen Ergebnisse, die 
dahin lauten, daß die infektiöse Chlorose durch einen Organismus 
nicht veranlaßt wird. 

Als Ursache dieser Ansteckung könnte nach Baur ein Stoff- 
wechselprodukt der Pflanze selbst bezeichnet werden, das die 
jungen Chlorophylikörner beeinflußt und gleichzeitig veranlaßt, 
das Stoffwechselprodukt wieder zu erzeugen. Dieselbe Möglich- 
keit nahm später auch Hunger für das Zustandekommen der 
Mosaikkrankheit des Tabaks an. Es ist das eine der gefährlichsten 
Krankheiten der Tabakpflanze. Sie ist dadurch gekennzeichnet, 
daß die erkrankenden Pflanzen zunächst am Blattrande scharf ab- 
gegrenzte saftgrüne und dunkelgrüne Flecken erhalten. Bei durch- 
fallendem Lichte erscheinen die Farbenunterschiede noch deut- 
licher, auch läßt sich schon mit den Fingerspitzen feststellen, daß 
die dunkelgrünen Stellen etwas dicker als die bleichen sind. Diese 
Krankheit hat sich als sehr ansteckend erwiesen. 

Die Ansteckung kann in verschiedener Weise, unter anderem 
auch durch die Arbeiter erfolgen, wenn sie beim Ausbrechen der 
Seitenzweige (Ausgeizen) Wundstellen erzeugen und den Saft 
.kranker Pflanzen auf die Wunden gesunder mit ihren Händen 
übertragen. 

Bakterien oder andere Lebewesen scheinen nach exakten 
Untersuchungen nicht die Ursache der Krankheit zu _ sein. 
Hunger glaubt, daß in den mosaikkranken Pflanzen ein Stoff 
entsteht, der zwar auch in der normalen Pflanze auftritt, sich 
aber bei gesteigertem Stoffwechsel anhäuft, dadurch zu einem 
Gift wird und in jungen Zellen die Entstehung desselben Giftes 
hervorruft. 

Wie dem auch sei, für meine Zwecke genügt es zu wissen, 
daß wir allen Grund haben, anzunehmen, daß es sich weder bei 
der infektiösen Chlorose, noch bei der Mosaikkrankheit um einen 
Organismus handelt, auch nicht um einen ultramikroskopischen, 
und es ist klar, daß auch die Maul- und Klauenseuche in die 
Kategorie der Stoffwechselkrankheiten gehören könnte. Gleich 
nach Erfindung des Ultramikroskops kam mir der Gedanke, daß 
jetzt die Frage nach der Existenz von Ultramikroben einer Lösung 
entgegengeführt werden könnte, denn durch die ultramikrosko- 
pische Methode wurde ein Riesenschritt in der Sichtbarmachung 


kleinster Teilchen nach vorwärts gemacht, sind wir doch wie 
bereits bemerkt, nach Siedentopf und Zsigmondy bereits 
imstande, die Sichtbarmachung kleinster Teilchen bis zur 
Grenze von etwa 4 uu möglich zu machen. Mit dem Ultra- 
mikroskope könnten daher Ultramikroben, falls solche existieren 
sollten, leicht gesehen werden. 

In der Tat glaubte Raehlmann!) in faulenden Eiweiß- 
lösungen mehrere Arten bisher unbekannter ultramikroskopischer 
Lebewesen nachgewiesen zu haben, von denen mehrere typische 
Veränderungen ihrer Körperform erkennen ließen. Er glaubte, 
daß es sich in einzelnen Fällen nicht eigentlich um Bakterien, 
sondern vielleicht um höher organisierte Plasmodien handelt. Auch 
Gaidukov?) glaubt den Nachweis erbracht zu haben, daß Mikroben 
von ultramikroskopischer Größe sehr häufig, ja sozusagen allge- 
mein verbreitet seien. „Es genügt“ — sagt er — „in einen Tropfen 
ganz optisch leeren, destillierten Wassers ein lebendes Objekt (Algen, 
Flagellaten, Pilzzellen, Pflanzengewebeschnitte usw.) zu legen, um 
die ultramikroskopischen Wesen zu sehen. Die ultramikrosko- 
pischen Wesen gehen gleich ins Wasser oder sie befinden sich 
innerhalb der Zellen der genannten Körper. Als ultramikro- 
skopisch kann ich gewiß nur solche Organismen bezeichnen, die 
ich bei Dunkelfeldbeleuchtung gesehen habe, bei der gewöhnlichen 
Beleuchtung mit Hilfe der stärksten Vergrößerung (Zeißsches 
Ölimmersionsystem 2 mm, Komp.-Ok. 18, 2250fache Vergrößerung), 
die mir zur Verfügung stand, aber nicht konstatieren konnte. 
Meistens hatten diese ultramikroskopischen Wesen die schon oben 
beschriebene Form (Doppelförmigkeit der flachen Seite und ty- 
pischer Beugungsbüschel,. Wenn sogar diese Wesen sich nicht 
im Fokus befanden, so zeigten doch die schönen Beugungsbüschel 
das Vorhandensein der ersteren. Sie sind auch stets beweglich. 
Daraus schließe ich, daß die Mehrzahl der ultramikroskopischen 
Organismen zu den Bakterien gehört und eine ähnliche Form hat 
wie die mikroskopischen Bazillen und die Mikrospiren. Die 
anderen ultramikroskopischen Wesen sind faden- oder stabförmig, 


!) Raehlmann, E., Die ultramikroskopische Untersuchung nach H. Sieden- 
topf und R. Zsigmondy und ihre Anwendung zur Beobachtung lebender Mikroorga- 
nismen. Münchener mediz. Wochenschr., 51. Jahrg. 1904, S. 59—60. 

?) Gaidukov, N., Über die ultramikroskopische Untersuchung der Bakterien 
und über die Ultramikroorganismen. Zentralbl. f. Bakteriologie usw., II. Abt., Bd. 16, 
1906, S. 667. 


beweglich oder unbeweglich und ähneln vollständig den ebenso 
aussehenden langen Bakterien aus der Myxomyzetenkultur.“ 

Es sei nun gleich bemerkt, daß meine Bemühungen, Ultra- 
mikroben aufzufinden, im Gegensatze zu Raehlmann und 
Gaidukov zu einem durchwegs negativen Ergebnisse geführt 
haben, obwohl ich dieselben Behelfe dazu verwendet habe, wie der 
zuletzt genannte Forscher. 

Betrachtet man einen Wassertropfen aus einem Heu- oder 
Algeninfus mit dem Ultramikroskop, so sieht man darin sehr ver- 
schiedene Lebewesen: Infusorien, Flagellaten, Algen und Bakterien 
von relativ großen bis zu sehr kleinen herab. Nie habe ich aber 
Organismen gesehen, die nicht auch mit den stärksten Objektiven 
eines gewöhnlichen Mikroskops ohne Dunkelfeldbeleuchtung sichtbar 
gemacht werden können. Es gehört eine gewisse Übung, speziell 
in der Beobachtung sehr kleiner lebender Bakterien, dazu, um so 
kleine Organismen nicht zu übersehen. Im Ultramikroskop treten 
kleine Teilchen und Organismen wegen der Kontrastwirkung 
zwischen dem Dunkelfeld und den grellen Beugungsscheibchen 
oder Beugungsbüscheln des wie selbstleuchtend erscheinenden 
Objektes viel deutlicher hervor. Wenn sehr kleine Lebewesen 
mit einem gewöhnlichen Mikroskope betrachtet werden, so können 
sie bei oberflächlicher Betrachtung in ungefärbtem Zustande, be- 
sonders wenn sie nur vereinzelt vorkommen und sich infolge ihrer 
Bewegungen auf verschiedene optische Ebenen verteilen, sehr 
leicht übersehen werden. Wenn ich im Tropfen außerordentlich 
kleine Bakterien mittels der ultramikroskopischen Methode sah, 
so konnte ich diese bei sorgfältiger Beobachtung auch stets wieder 
mit einem gewöhnlichen Objektiv im durchfallenden Licht auf- 
finden. Gaidukov sagt: „Diese ultramikroskopischen Wesen 
gehen“ — wenn man ein lebendes Objekt, z.B. eine Alge oder 
einen Pflanzenschnitt, in einen Wassertropfen legt — „gleich ins 
Wasser, oder sie befinden sich innerhalb der Zelle der genannten 
Körper.“ Wenn dem wirklich so wäre, so hätte der Genannte 
eine Entdeckung von fundamentaler Bedeutung gemacht, denn sie 
besagt nichts Geringeres, als daß innerhalb der Zellen Ultra- 
organismen allgemein verbreitet wären. Auch hier liegt zweifellos 
eine Täuschung vor. Bringt man einen Gewebeschnitt, z. B. einen 
frisch angefertigten Blattquerschnitt von Tradescantıa vırıdıs, in 
einen Tropfen optisch leeren Wassers, so sieht man bei ultra- 


mikroskopischer Beobachtung verschiedene Inhaltskörper aus den 
Molisch, Populäre biologische Vorträge. 2. Aufl. 1 


aufgeschnittenen Zellen heraustreten: Raphiden und andere Kriställ- 
chen, Chlorophylikörner und Teile von solchen, Stärkekörnchen, 
kleine Körperchen und ultramikroskopische Teilchen verschiedener 
Art. Viele dieser Partikelchen zeigen die Brownsche Molekular- 
bewegung. Diese ist auch im Ultramikroskop für den Geübten 
leicht von der aktiven Bewegung einer Bakterie oder eines anderen 
Lebewesens zu unterscheiden. Waren die Teilchen wirklich ultra- 
mikroskopisch, so habe ich nie eine aktive Bewegung an ihnen 
wahrgenommen, und zeigten die Teilchen nach Art der Bakterien 
oder Flagellaten eine aktive Bewegung, so konnte ich sie auch 
stets mit einem gewöhnlichen Mikroskop konstatieren, mit anderen 
Worten: Ultraorganismen waren auf diese Weise nie festzustellen. 
Ich habe im Laufe der letzten zwei Jahre viele Präparate ver- 
schiedener Art betrachtet: Fluß-, Sumpf- und Teichwasser, ver- 
schiedene tierische und pflanzliche Infuse, faulende Algenwässer 
und frische Pflanzenschnitte — immer mit demselben Resultate — 
von beweglichen Ultraorganismen, auch von solchen, die nur in 
der Dicke von ultramikroskopischer Größe waren, war nie etwas 
zu bemerken. Die im Ultramikroskope als leuchtende Pünktchen 
oder Stäbchen erscheinenden aktiv beweglichen Mikroben waren 
auch mit den korrespondierenden gewöhnlichen Systemen ohne 
Dunkelfeldbeleuchtung zu sehen, ich bemerke jedoch, daß sie 
von jemanden, der in der Beobachtung so kleiner Lebewesen 
nicht geübt und bewandert ist, leicht mit einem gewöhnlichen 
Mikroskope übersehen und dann für ultramikroskopisch gehalten 
werden können. 

Auch bei der Kontrolle der Raehlmannschen Beobachtun- 
gen konnte ich dartun, daß auch in faulenden Eiweiß- und Pepton- 
lösungen bei Betrachtung im Ultramikroskope verschiedenartige 
Mikroben in lebhafter Bewegung begriffen zu sehen sind, daß 
aber auch die kleinsten von ihnen mit den besten Systemen eines 
gewöhnlichen Mikroskops ohne Dunkelfeldbeleuchtung zu sehen 
waren. Es fällt mir nicht ein, aus diesen meinen Beobachtungen 
die Möglichkeit der Existenz von ultramikroskopischen Mikroben 
überhaupt zu leugnen, vom theoretischen Standpunkte muß man 
die Möglichkeit des Vorkommens solcher Wesen zugeben, denn 
die heutige Leistungsfähigkeit der Mikroskope ist ja eine unter 
anderem durch unsere technischen Hilfsmittel und unsere der- 
zeitigen Kenntnisse bedingte, und die Größe der in der Natur 
eventuell vorkommenden Mikroorganismen muß ja nicht gerade 


mit der derzeitigen Grenze der Auflösbarkeit unserer Mikroskope 
zusammenfallen. Für den Holländer Leeuwenhoek, der die 
mikroskopische Lebewelt in der zweiten Hälfte des ı7. Jahr- 
hunderts entdeckt hat, waren viele Kleinwesen, die wir heute mit 
einem gewöhnlichen Mikroskop sehen, unsichtbar, für ihn waren 
sie ultramikroskopisch und so wäre es ja auch denkbar, daß noch 
kleinere Lebewesen existieren als die, die gegenwärtig an der 
Grenze der mikroskopischen Wahrnehmung stehen. Das Ultra- 
mikroskop aber belehrte mich im Gegensatze zu den beiden ge- 
nannten Forschern, daß Ultraorganismen bis heute nicht nachzu- 
weisen waren, und daß diese, wofern sie wirklich existieren sollten, 
jedenfalls sehr selten sein müssen. Dafür spricht auch folgende 
Tatsache. Wären Ultramikroben ungemein: häufig und allgemein 
verbreitet, so müßte man bei bakteriologischen Plattenkulturen 
auch ihren Kolonien nicht selten begegnen, man hätte dann die 
Ultramikroorganismen noch vor der Erfindung des Ultramikroskops 
aller Wahrscheinlichkeit nach entdecken müssen. Während meiner 
vieljährigen bakteriologischen Praxis gingen tausende Platten- 
kulturen durch meine Hände, allein immer, wenn ich Kolonien, 
die außerordentlich kleine Bakterien vermuten ließen, mikroskopisch 
prüfte, waren diese mit einem gewöhnlichen Mikroskope ohne 
Dunkelfeld zu sehen. Man könnte nun allerdings einwenden, daß 
vielleicht alle Ultralebewesen einer künstlichen Kultur wider- 
streben oder daß wir die für sie notwendigen Kulturbedingungen 
noch nicht kennen, allein von vorneherein erscheint es doch sehr 
unwahrscheinlich, daß gerade nur die Ultramikroben trotz ihrer 
angeblichen großen Verbreitung der Kultur Schwierigkeiten be- 
reiten und niemals in Kolonien erscheinen sollten. Dieses nega- 
tive Resultat, gestützt durch Millionen Kulturversuche aller Bak- 
teriologen, harmoniert in ausgezeichneter Weise mit meinen Be- 
funden, denen zufolge das Ultramikroskop uns bis jetzt nur 
Mikroben verrät, die auch schon mit einem gewöhnlichen Mikro- 
'skop gesehen werden können. 

Errera!) weist auf eine Anzahl von angeblichen Krankheits- 
erregern wie den der Klauenseuche, der Peripneumonie der Rinder, 
der Schafblattern und anderer Krankheiten hin, die so klein sein 
sollen, daß sie mit unseren besten Mikroskopen unsichtbar bleiben, . 
und wirft die Frage auf, ob es berechtigt ist, die Existenz von 

!) Errera, L., Sur la limite de petitesse des organismes. Recueil de l’institut 
botanique L&o Errera (Universit@ de Bruxelles). T. VI 1906, S. 73. 

7 


= HI O OF 


Organismen anzunehmen, die im Verhältnis zu den gewöhnlichen 
Mikroben ebenso äußerst klein sind wie diese im Verhältnis zu 
den großen Tieren und Pflanzen. 

Bakterıum Thermo mißt 1-5 u bis 2 u in der Länge, es ist 
also linear 1000000 mal kleiner als ein Mensch und 100000000mal 
kleiner als die höchsten Bäume Eucalyptus oder Sequoia. Die 
Frage Erreras lautet nun, ob es Lebewesen gibt, die 1000000 mal 
oder auch nur 100000 oder ıoooomal kleiner sind als die ge- 
wöhnlichen Bakterien. Er berechnet aus der Größe und dem 
Gewichte der Moleküle, daß ein hypothetischer Micrococcus von 
o-ı u Durchmesser höchstens 10000, ein solcher von 0-05 u nur 
1000 Eiweißmoleküle und ein solcher von o-oı u nur ıo Eiweiß- 
moleküle enthielte. „Man muß daraus mit einem Grade von 
Wahrscheinlichkeit, welcher von der Ordnung ist wie die Wahr- 
scheinlichkeit der Molekulartheorie der Materie, schließen, daß es 
keine Organismen geben kann, welche sich zu den gewöhnlichen 
Bakterien verhalten wie diese zu den höheren Organismen.“ Errera 
fügt hinzu, daß unsichtbare Mikroben, die die erwähnten Krank- 
keiten erregen, wahrscheinlich nicht viel kleiner sind als die kleinsten 
sichtbaren Mikroben. Dazu möchte ich bemerken, daß Errera 
hierbei von der Voraussetzung ausgeht, daß es sich bei den FEr- 
regern dieser Krankheiten wirklich um Lebewesen handelt, was 
aber, wie ich früher auseinandergesetzt habe, mit Ausnahme der 
Rinderpneumonie, wo es sich zwar um einen sehr kleinen, aber 
noch mikroskopischen Organismus handelt, noch zu beweisen ist. 

Nägelit) hat gelegentlich der Besprechung des Problems 
der Urzeugung, für welche er wärmstens eintritt, den Gedanken 
ausgesprochen, daß wir nicht annehmen dürfen, daß die zuerst 
durch Urzeugung entstandenen Lebewesen die uns heute bekannten 
niedersten Organismen gewesen seien. Bakterien, Chroococcaceen 
und auch Häckels Moneren können es nicht gewesen sein, da 
sie schon eine viel zu hohe Organisation besitzen. „Die Wesen, 
die einer spontanen Entstehung fähig sind, kennen wir also nicht. 
Sie müssen eine noch einfachere Beschaffenheit haben als die 
niedrigsten Organismen, welche uns das Mikroskop zeigt; darin 
liegt zugleich auch der Grund, daß sie noch nicht entdeckt sind. 
Je einfacher die Organismen, um so kleiner sind sie auch. Da 
nun die Größe der bekannten niedrigsten Pflanzen und Tiere schon 


t) Nägeli, C. v., Mechanisch-physiologische Theorie der Abstammungslehre. 
München-Leipzig 1884, S. 86. 


>— 7, WO 2— 


an der Grenze der Sichtbarkeit sich befindet und da es so kleine 
Spaltpilze gibt, daß sie kaum gesehen und bloß durch ihre zer- 
setzenden Wirkungen sicher erkannt werden, so können, wenn es 
noch einfachere Wesen gibt, dieselben unter der mikroskopisch‘ er- 
kennbaren Größe sich befinden.“ Das durch Urzeugung entstehende 
Lebewesen muß nach Nägeli vollkommen einfach gewesen sein, es 
konnte nur aus einem Tröpfchen homogenen, sich aus Albuminaten 
aufbauenden Plasmas bestehen. Er nennt diese Urwesen Probien. 

Ich will Nägelis Spekulationen nicht weiter folgen, ich habe 
sie nur herangezogen, weil es doch von Interesse ist, alle diese 
vor der Erfindung des Ultramikroskops gemachten Annahmen 
nun mit Hilfe dieses für die Auffindung eventuell vorhandener 
ultramikroskopischer Lebewesen so wichtig gewordenen Instru- 
mentes zu überprüfen. Offenbart uns nun das Ultramikroskop 
irgendwo Ultramikroben einfachster Art? Können wir solche ultra- 
mikroskopische Vorstufen des Lebendigen, wie es Nägelis Probien 
sein sollen, heute nachweisen? Bis auf den heutigen Tag ist dies 
nach meiner Ansicht nicht gelungen. Die lebende Substanz 
scheint in Form des individuellen Lebens zum mindesten in 
der Regel über eine untere Grenze, die mit der mikroskopischen 
Leistungsfähigkeit unserer besten Immersionssysteme so ziemlich 
zusammenfällt, nicht hinauszugehen, vielleicht weil das Lebendige 
eine so komplizierte chemische Zusammensetzung und Organisation 
aufweist, daß diese nur innerhalb eines gewissen Volumens möglich 
ist, das schon an die Grenzwerte der mikroskopischen Wahr- 
nehmung knapp heranrückt oder mit ihnen zusammenfällt. Wir 
können also sagen: Wenn auch die Möglichkeit, daß 
es ultramikroskopische Lebewesen gibt, nicht bestritten 
werden soll, so wird doch die künftige Forschung 
zeigen, daß sie, falls sie überhaupt existieren sollten, 
keineswegs häufig, sondern relativ selten und daß sie 
nicht viel kleiner sein dürften als die kleinsten bisher 
bekannten. Lebewesen. Derzeit ist bisher meines 
Wissens kein einziger Ultraorganismus mit Sicherheit 
nachgewiesen und auch das Ultramikroskop hat uns 
keine kennen gelehrt. 


II. Über den Aufbau der Zelle aus Ultramikronen. 
Alle Lebewesen bestehen, wofern sie nicht einzellig sind, 
aus Zellen. Die Zelle ist der Baustein der Pflanzen und Tiere. 


—— O2 


Es wurde auch die Frage aufgeworfen, ob denn die Zelle schon 
den letzten Baustein darstellt, oder ob sie nicht vielleicht selbst 
wieder aus kleinen unsichtbaren Bausteinchen, aus physiologischen 
Einheiten von minimaler Größe besteht. Schon Brücke hat die 
Zelle als einen Organismus, als einen Elementarorganismus hin- 
gestellt und er wollte damit andeuten, daß die Zelle durchaus nicht 
so einfach gebaut ist, wie sie bei oberflächlicher Beobachtung 
erscheint. Er schrieb daher, über das direkt Sichtbare hinausgehend, 
dem Plasma einen besonderen kunstvollen Bau und eine bestimmte, 
seinen Aufgaben entsprechende Struktur zu. Der Biologen, die 
im Plasma heute nur eine Flüssigkeit oder eine Emulsion sehen, 
gibt es nicht gerade viele, die Mehrzahl neigt zur Ansicht, daß 
das Plasma aus unsichtbaren lebendigen Teilchen besteht, die assi- 
milieren, wachsen und sich durch Teilung vermehren. Ich erinnere 
an die Plasomen Wiesners und an die Biophoren Weismanns. 
Auch Nägeli denkt sich die Zellen aus unsichtbaren Teilchen 
zusammengesetzt. Nach ihm bestehen die Teile der Zelle (Wand, 
Plasma, Kern) aus unsichtbaren Molekülgruppen, die er Mizellen 
nennt. Diese stellen kristallinische oder polyedrische unquellbare 
Teilchen dar, die sich im wasserfreien Zustande berühren, im Kon- 
takte mit Wasser aber sich mit Wasserhüllen umgeben und dadurch 
die Quellung hervorrufen. Wiesner!) hat darauf mit Recht hin- 
gewiesen, daß die Fortschritte auf dem Gebiete der Zellenlehre 
immer mehr und mehr dartun, daß in der Zelle immer kleinere 
Organe entdeckt werden, die die Eigenschaften des Lebens auf- 
weisen: Wachstum, Assimilation und Vermehrung. Es sind dies 
der Zellkern, Chlorophylikörner, Leukoplasten, Stärkebildner, Chro- 
mosomen und Zentrosomen. Er sieht sich daher genötigt, anzu- 
nehmen, daß das Plasma noch andere teilungsfähige organisierte 
Lebenseinheiten birgt, ja aus solchen ganz und gar zusammen- 
gesetzt ist. Diesen Anschauungen hat sich in letzter Zeit auch 
O. Hertwig?) und M. Heidenhain angeschlossen. Ähnliche 
Gedanken über elementare‘ Lebenseinheiten äußerten Darwin, 
Spencer, de Vries, Weismann und Roux, ja es ist unver- 
kennbar, daß die moderne biologische Forschung immer mehr die 
Annahme physiologischer Individualitäten, die außerhalb des Sicht- 
baren liegen, fordert. Das Plasom Wiesners, .oder wie es Hert- 


!) Wiesner, J., Die Elementarstruktur und das Wachstum der lebenden Sub- 
stanz. Wien 1892. 


2) Hertwig, O., Allgemeine Biologie. 3. Aufl. 1909, S. 59. 


wig nennt, der Bioblast stellt die letzte Lebenseinheit der Zelle, 
das letzte Teilstück, mit dessen weiterer Teilung die Eigenschaften 
des Lebens verloren gehen, dar. Sowie der Chemiker und Phy- 
siker bei der Analyse der Materie schließlich, die Grenze des 
Sichtbaren überschreitend, zur hypothetischen Annahme von Mole- 
kül, Atom und Elektron gelangt, so ist auch der Biologe einen 
ähnlichen Weg gegangen, er bleibt bei der Zelle nicht stehen, 
sondern denkt sich aus theoretischen Gründen die Zelle aus un- 
sichtbaren Lebenseinheiten aufgebaut. 

Wiesner betrachtet im Gregensatz zu Nägeli als letzte 
physiologische Einheit nicht ein kristallisiertes Gebilde, das wie 
ein Kristall spontan entsteht, sondern Teilchen, die leben, aus 
ihresgleichen durch Vermehrung entstehen, assimilieren und 
wachsen. Ob man nun Wiesner oder Nägeli beipflichtet, beide 
stimmen in dem Punkte überein, daß sich die Zelle aus unsicht- 
baren Teilchen aufbaut, die jenseits der mikroskopischen Wahr- 
nehmung liegen. 

Bei dieser Sachlage war es gewiß wünschenswert, die theo- 
retischen Ansichten mit Hilfe des Ultramikroskops auf ihre Stich- 
haltigkeit zu prüfen. 

Die Grenze der Sichtbarmachung ultramikroskopischer Teil- 
chen ist etwa 4—6 uu. Das sind außerordentlich kleine Größen, 
die sich den molekularen Dimensionen komplizierter organischer 
Verbindungen schon nähern oder sie vielleicht sogar erreichen. 

Ein Wasserstoffmolekel hat einen hypothetischen Durchmesser 
von o » ı au (O.E. Meyer), ein Alkoholmolekel von o » 5 uu, ein 
Chloroformmolekel von 0 +8 uu (Jäger) und ein Stärkemolekel 
von 5 -+o uu (Lobry de Bruyn). 

Gaidukov!) hat meiner Meinung nach mit vollem Rechte 
den Schluß gezogen, daß die Mizellen Nägelis und, wie ich hinzu- 
fügen möchte, auch die Plasomen Wiesners, falls sie existieren 
sollten, mit Hilfe des Ultramikroskops sichtbar gemacht werden 
dürften. Und in der Tat spricht das Aussehen vieler Zellmem- 

!) Gaidukov, N., Über Untersuchungen mit Hilfe des Ultramikroskops nach 
Siedentopf. Berichte der deutsch. botan. Gesellsch. 1906, S. 107. 

Derselbe, Über die ultramikroskopischen Eigenschaften der Protoplasten. 
Ebenda S. 192. 

Derselbe, Ultramikros’sopische Untersuchungen der Stärkekörner, Zellmembranen 
und Protoplasten. Ebenda S. 581. 


Derselbe, Über die Anwendung des Ultramikroskops nach Siedentopf usw. 
Zeitschr. f. angew. Chemie, XXI. Jahrg. 1908, Heft 9, S. 393 ff. 


branen, des Plasmas und anderer Zellorgane im Ultramikroskop 
wirklich zugunsten der Ansicht, daß die Zelle aus außerordentlich 
kleinen Teilchen, aus Ultramikronen besteht. 

Nach Gaidukov, der die einschlägigen Verhältnisse zuerst 
untersucht hat, bestehen Plasma, Zellkern, Stärke- und Chlorophyli- 
körnchen aus ultramikroskopischen Teilchen. Das Plasma erscheint 
bei Anwendung der Dunkelfeldbeleuchtung, abgesehen von Mikro- 
somen, voll von beweglichen Teilchen, man glaubt den Sternen- 
himmel im kleinen zu sehen. 

Auch bei der Untersuchung der Holz- und Korkmembranen, 
von Textilfasern, wie Baumwolle, Jute und anderen Fasern fand 
der genannte Forscher, daß die Wand sich aus Ultramikronen 
aufbaut, die entsprechend den hypothetischen Annahmen Nägelis 
und Wiesners in bestimmter Weise zu Fibrillen oder Netzen 
angeordnet sind. 

Ich betrachte diese Untersuchungen keineswegs als abge- 
schlossen, es sind weitere detaillierte Beobachtungen über die 
einzelnen Zellorgane unter ständiger Beachtung der im ultrami- 
kroskopischen Bilde so störend auftretenden Beugungserscheinungen, 
die die deutliche geometrische Abbildung der Teilchen verhindern, 
notwendig, um in die angeregte Frage nach dem ultramikrosko- 
pischen Aufbau der Zelle einen tieferen Einblick zu gewinnen. 


IV. Sichtbarmachung der Geißeln lebender Bakterien 
im Dunkelfelde. 

Ursprünglich hielt man die Bakterien für geißellos. Allein 
schon Ehrenberg hat 1836 bei Monas (Chromatıum) Oken:ı am 
lebenden Objekte eine Geißel gesehen. Er entdeckte diese große 
Purpurbakterie unweit Ziegenhayn und später bei Berlin. „Die 
Bewegung geschieht mittels eines sehr feinen, die Hälfte der 
Körperlänge erreichenden Rüssels, welcher peitschenförmig be- 
wegt wird und gleichzeitig einen in getrübtem Wasser sichtbaren 
Wirbel erregt, welcher die Nahrungsstoffe zum Munde führt.“ 
Auch bei Ophrdomonas jenensıs hat Ehrenberg das Bewegungs- 
organ gesehen und als „Rüssel“ gedeutet. 

Ich habe im heurigen Herbste in Wien, im Heustadlwasser 
des Praters Chromatıum (Monas) Okeni in Gesellschaft von Beggra- 
foa, Achromatium oxalıferum Schew.!) und einem großen, Schwefel- 

!) Dieser Organismus enthält neben relativ großen farblosen Kügelchen, die aus 


- kohlensaurem Kalk (Bersa) bestehen, nach meinen Beobachtungen sicher Schwefelkörnchen 
und gehört daher in die nächste Nähe der farblosen Schwefelbakterien. 


körnchen führenden Spirillum gefunden und an dem lebenden 
Objekt ebenfalls sehr deutlich die Geißel gesehen. 


Später, nach Ehrenberg, wurden von Cohn an ‚Sparzllum 
volutans, an Ophrdomonas sanguinea, bei Monas Warmıingi und 
Rhabdomonas rosea und von Warming bei einigen Schwefelbak- 
terien Geißeln entdeckt. Koch photographierte 1877 zum ersten 
Male ungefärbte Geißeln an eingetrockneten Exemplaren von 
Sprrillum undula und an zwei Stäbchenbakterien. 

Später gelang es, durch Beizung und Färbung bei fast allen 
beweglichen Bakterien Geißeln nachzuweisen, doch war es nicht 
möglich, an ungefärbten Stäbchenbakterien, Vibrionen, Coccaceen 
oder Spirochäten Geißeln zu sehen oder ihre Bewegung, zumal 
bei den allseitig begeißelten Bazillen zu beobachten. Diese Lücke 
hat Karl Reichert!) mit Hilfe der ultramikroskopischen Methode, 
und zwar mittels des von der Mikroskopfirma Reichert (Wien) 
in den Handel gebrachten Spiegelkondensors auszufüllen versucht. 
In einer sorgfältigen Arbeit, auf die sich die folgenden Ausführungen 
stützen, hat er gezeigt, daß man mit Hilfe des Spiegelkondensors 
bei vielen Bakterien direkt am lebenden Objekte die Geißeln und 
ihre Bewegungen sieht. So bei ‚Spzrillum volutans, Bacıllus typhi, 
B. prodigiosus, proteus vulgarıs, Bacterıum coli, Pseudomonas syn- 
cyanea, Spirillum concentricum, Sp. rubrum, Sarcına mobılıs, S. 
Haeckeli, Vıbrio-Arten und anderen. 


Es hat sich herausgestellt, daß die Geißeln am lebenden 
Objekt nicht in jedem Medium zu sehen sind. Betrachtet man 
z. B. Sprrıllum volutans, das auf Agar gezüchtet wurde, in destil- 
liertem Wasser, so kann man trotz deutlich wahrnehmbarer Eigen- 
bewegungen der Bakterien von Geißeln nichtserkennen. Im Leitungs- 
wasser hingegen treten an einzelnen Individuen die Geißeln als 
lange, wellige, nach rückwärts gerichtete Fäden in Erscheinung. 
Noch besser sind sie in Salzlösungen und in Lösungen organischer 
Säuren zu sehen. Hingegen kommen in den genannten Medien 
die Geißeln der Gattung Bacillus nicht zur Anschauung, wohl 
aber im Agar-Kondenswasser. So verhält sich der Typhus- 
bazillus. 


Die Geißeln aller untersuchten Bazillenarten sind am besten 
bei lebhaft beweglichen Individuen zu sehen. Beginnt die Bewegung 


1) Reichert, K., Über die Sichtbarmachung der Geißeln und die Geißelbewegung 
der Bakterien. Zentralbl. f. Bakteriologie usw., I. Abt., Bd. 51, 1909, Heft ı. 


— 106 — 


langsamer zu werden oder kommen die Bakterien gar zur Ruhe, 
so verschwinden die Geißeln. 

Reichert hat auch eingehende Beobachtungen über die Zahl 
und die Zopfbildung der Geißeln gemacht. ‚Sfereıllum volutans 
besitzt bekanntlich Geißelbüschel, die aus einer großen Anzahl von 
Einzelgeißeln bestehen, nach Migula aus 8, nach Reichert bis 
aus 20. Am lebenden Objekte sieht man scheinbar nur eine Geißel, 
weil sich alle Geißeln zu einem Zopfe vereinigen. Unter bestimmten 
Verhältnissen entfaltet der Zopf die Einzelgeißeln. 

Auch bei Pseudomonas-Arten, Bazillen und Sarcinen, über- 
haupt bei allen Bakterien, bei denen ein Geißelbüschel ausgebildet 
wird, tritt Zopfbildung ein und durch diese Beobachtungen wurden 
manche irrige Vorstellungen über Geißeln beseitigt. 

Die Frage, warum die Geißeln in gewissen Medien zu sehen 
sind, in anderen nicht, wurde auch eingehend geprüft. Dabei hat 
sich merkwürdigerweise gezeigt, daß nicht, wie man von vorneherein 
anzunehmen geneigt war, die Lichtbrechung der verschiedenen 
Medien oder deren osmotische Wirkungen eine Rolle spielen, 
sondern die Geißeln kommen zum Vorschein, weil sie sich zu einem 
Zopfe vereinigen, und ferner, weil gewisse Stoffe der Lösung 
(Elektrolyte) auf die Geißelsubstanz in bestimmter Weise verändernd 
einwirken und so zur Sichtbarmachung beitragen. 

Die Beobachtung der Geißeln am lebenden Objekte erscheint 
auch deshalb von Wert, weil sie uns zeigt, daß die Geißeln wirklich 
Bewegungsorgane sind. Es hat eine Zeit gegeben, wo die Ansicht 
über die Bedeutung der Geißeln noch geteilt war und wo manche 
Forscher, darunter so bedeutende wie de Bary und van Tieghem, 
in den Geißeln unnütze Anhängsel sahen. Bei Betrachtung leben- 
der Geißelbakterien aber kann man sich im Dunkelfelde leicht 
überzeugen, daß die Bewegung der Bakterien immer erst eintritt, 
wenn die Geißel ihre Bewegung begonnen hat, und daß die Be- 
wegung des Bakterienkörpers ganz und gar von der Bewegung 
der Geißel abhängig ist. | 

Über die Art der Bewegung, über die Abhängigkeit der 
Schnelligkeit der Körperbewegung von den Größen des Körpers 
und den Geißeln, über das Umkehren des Bakterienkörpers bei 
der Bewegung und einiges andere gibt uns Reicherts Arbeit 
eingehende Aufklärungen, ein deutlicher Beweis, daß die ultramikro- 
skopische Methode unsere Kenntnisse über Geißeln und ihre Be- 
wegung wesentlich gefördert hat. 


V. SchluBbemerkungen. 

Im vorhergehenden habe ich in Kürze auseinandergesetzt, 
welche Ergebnisse bisher mit dem Ultramikroskop in der Anatomie 
der Pflanze und Botanik überhaupt erzielt worden sind. Auffallend 
ist die äußerst geringe Zahl von Botanikern, die die ultramikro- 
skopische Methode auf die Pflanze angewendet haben. Während 
auf dem Gebiete der Kolloidchemie und Kolloidphysik das Ultra- 
mikroskop überaus zahlreiche Freunde gefunden hat und die er- 
zielten Ergebnisse im allgemeinen als bedeutende bezeichnet werden 
können, sind die Resultate, abgesehen von den beiden Fundamen- 
talfragen nach der Existenz von Ultramikroorganismen und dem 
Aufbau der Zelle aus Ultramikronen, recht mager, es scheint gerade, 
als ob unter den Botanikern nicht bloß Gleichgültigkeit, sondern 
geradezu eine Abneigung gegen das Ultramikroskop bestünde. In 
noch höherem Maße scheint das bei den Zoologen der Fall zu 
sein, wenigstens hört man von ultramikroskopischen Untersuchungen 
zellulärer Objekte auf zoologischem Gebiete so gut wie gar nichts. 
Ich glaube, daß hauptsächlich zwei Umstände daran schuld tragen. 
Die Ultramikroskope waren, wie sie zuerst in den Handel kamen, 
recht kostspielig.. Die meisten Institute mußten, mit Rücksicht 
auf ihre im allgemeinen kärglich zugemessenen Dotationen, von 
vornherein auf die Anschaffung solcher Hilfsapparate verzichten. 
Jetzt (1909) steht jedoch die Sache in dieser Hinsicht bereits vielbesser, 
da die sehr zweckmäßigen Spiegelkondensoren relativ billig zu haben 
sind und ausgezeichnete Dienste leisten. Zweitens dürfte die Eigenart 
des mikroskopischen Bildes, welches, wie bereits bemerkt, uns keine 
genaue Abbildung der Teilchen, sondern deren Beugungsbilder ge- 
währt, dazu beigetragen haben, die Forscher abzuschrecken. In der 
Tat liegt ja für den Mikroskopiker, insbesondere für den Biologen 
und Anatomen darin ein höchst mißlicher Umstand, aber das ist 
noch kein Grund, von der Anwendung des Ultramikroskops über- 
haupt abzusehen, es wird eben das Ultramikroskop nur für gewisse 
Aufgaben herangezogen werden müssen, wie sie beispielsweise in 
den vorigen Kapiteln behandelt worden sind. 

Ich zweifle nicht, daß das Ultramikroskop noch für manche 
andere Aufgaben wird dienstbar gemacht werden können; zur Er- 
leichterung der Sichtbarmachung sehr kleiner Organismen überhaupt. 
Hierbei leistet die Dunkelfeldbeleuchtung ausgezeichnete Dienste und 
in der Tat hat man behufs leichteren Auffindens des Syphiliserregers, 
der ‚Sprrochaete pallıda, das Ultramikroskop mit Vorteil verwendet. 


— 1089 — 


Auch über die nähere Beschaffenheit gewisser Pflanzensäfte, 
der Milchsäfte!) der Pflanze und gewisser Sekrete, wird die ultra- 
mikroskopische Methode vielleicht noch nähere Aufschlüsse bringen, 
vielleicht auch über den Zellsaft selbst. Es ist nicht undenkbar, 
daß im Zellsaft mancher Pflanzen unter gewissen Bedingungen, 
z.B. bei niederen Temperaturen, nach der Nahrungsaufnahme, bei 
Wassermangel und eintretendem Welken und bei der Einwirkung 
gewisser Stoffe Fällungen entstehen, die man bei gewöhnlicher Be- 
leuchtung nicht wahrnehmen wird, wohl aber im Dunkelfeld. Solche 
Fällungen in ihrer Abhängigkeit von äußeren Faktoren in der 
lebenden Zelle konstatieren zu können, wäre gewiß von Interesse. 

Obwohl das Ultramikroskop in der Botanik bereits einige 
wichtige Resultate ergeben hat und vielleicht noch ergeben wird, 
wird man doch die Erwartungen, die man an die Einführung 
dieses Hilfsapparates in die Wissenschaft geknüpft hat, nicht allzu 
hoch spannen dürfen, und zwar hauptsächlich deshalb, weil wir 
leider im ultramikroskopischen Bilde auf die genaue Abbildung 
sehr kleiner Teilchen verzichten und uns bloß mit den Beugungs- 
bildern zufrieden geben müssen, die uns die wahre Grestalt der 
Ultramikronen mehr oder minder verschleiern. Immerhin wird 
man, wenn man das Ultramikroskop nicht bloß vom Standpunkt 
des Botanikers, sondern von dem des Naturforschers überhaupt 
betrachtet, zugeben müssen, daß es der Wissenschaft, insbesondere 
einzelnen Zweigen, wie der Kolloidchemie vorzügliche Dienste ge- 
leistet hat. Den Bau und die Struktur der Materie immer ge- 
nauer kennen zu lernen, entspricht sozusagen auch einem philo- 
sophischen Bedürfnis und hierhin hat uns das Ultramikroskop 
einen gewaltigen Schritt vorwärts gebracht, indem es uns von der 
Grenze der mikroskopischen Wahrnehmung in das Land des bisher 
Unsichtbaren, des Ultramikroskopischen geführt hat, bis in jene 
geheimnisvolle Welt des Kleinsten, in der schon die Moleküle in 
sichtbarer Form auftauchen. 


!) Wertvolle ultramikroskopische Untersuchungen über tierische und menschliche 
Milch liegen bereits vor. Siehe Kreidl, A., und Neumann, A., Über die ultra- 
mikroskopischen Teilchen der Milch (Laktokonien). Sitzber. der kais. Akad. d. Wissensch. 
in Wien, mathem.-naturw. Kl., Bd. CXVII, Abt. III, 1908. 

Dieselben, Ultramikroskopische Beobachtungen über das Verhalten der Kasein- 
suspension in der frischen Milch und bei der Gerinnung. Archiv f. d. ges. Physio- 
logie, Bd. 123. 


vo. 
Das Erfrieren der Pflanzen’). 


I. Einleitung. 

Wenn in einem warmen Gewächshause während einer kalten 
Winternacht nicht geheizt und die Temperatur auf etwa —5° C 
sinken würde, dann würden die meisten hier befindlichen tropischen 
und subtropischen Pflanzen steif gefrieren und nach dem Auftauen 
würden die Blätter und krautigen Stengel schlaff herabhängen, 
sich verfärben und sich als getötet erweisen. Unsere Holzgewächse 
aber und viele Kräuter, die dem heimischen Klima angehören, 
widerstehen im Walde viel niedrigeren Temperaturen, _ können 
beinhart gefrieren, in diesem Zustande Tage, ja Wochen verharren 
und können, wenn sie auftauen, wieder weiterwachsen. Das Gänse- 
blümchen (Bells perenn:ıs), das gemeine Kreuzkraut (.Senecıo 
vulgarıs), die Goldnessel (Galeobdolon luteum), der Efeu, die Brom- 
beere, die Tanne, Fichte, Föhre und Hunderte anderer Kräuter, 
Sträucher und Bäume vermögen sehr tiefe Temperaturen unter 
Null zu ertragen, ohne Schaden zu erleiden. Daraus geht hervor, 
daß die Pflanzen sich niederen Temperaturen gegenüber sehr ver- 
schieden verhalten und daß es vielen in unserer Flora gelungen 
ist, sich der Kälte anzupassen und ihr erfolgreich zu widerstehen. 

Das Leben kann nur innerhalb gewisser Temperaturgrenzen 
bestehen, sowohl nach oben als nach unten hin. Die meisten 
saftreichen Pflanzen sterben schon bei + 45 bis 49° C. Gewisse 
wärmeliebende (thermophile) Bakterien, die im Heu, Pferdemist 
und anderen organischen Abfällen leben, wachsen am besten bei 
Temperaturen, bei denen schon andere Pflanzen absterben, sie 
entwickeln, vermehren und bewegen sich bei + 60 bis 70° C, also 
bei einer Temperatur, bei der man sich die Finger verbrennt. 

Eine solche dampfende Nährlösung mit lebhaft beweglichen Bak- 


1) Vortrag, gehalten am 14. Dezember 1910 im Vereine zur Verbreitung natur- 
wissenschaftlicher Kenntnisse in Wien. Im Verlage des Vereins IgII erschienen. 


—I BON 


terien, die für andere Lebewesen wegen ihrer hohen Temperatur 
tödlich wäre, nimmt sich unterm Mikroskop wunderbar aus und 
stellt ein hochinteressantes Beispiel von Anpassung an extrem 
hohe Temperaturen dar. Gewisse in heißen Quellen vorkommende 
Algen sollen Temperaturen von 57, 70, 85, ja sogar bis 93° C 
ertragen. Derlei Angaben bedürfen aber einer sorgfältigen Nach- 
untersuchung, da die Temperaturbestimmungen nicht immer mit 
der nötigen Kritik durchgeführt werden. So gibt man an, daß 
die Algen, die in den aus der Erde hervorquellenden heißen 
Wässern zu Karlsbad in Böhmen ‚gedeihen, bei viel höheren 
Temperaturen vorkommen, als ich sie beobachten konnte. Da, 
wo ich in Karlsbad Oscillarien und Kieselalgen zuerst auftreten 
sah, war die Temperatur 49 bis 50°, niemals höher und dasselbe 
stellte ich in einer mächtigen heißen Quelle auf dem Vulkan 
Gedeh auf Java fest. Wenn man hier schon von weitem weiße 
Dampfwolken von der Quelle aufsteigen sah, bildete man sich 
unwillkürlich die Meinung, daß die Quelle ungemein heiß sein 
müsse. Dennoch zeigte das Thermometer bei sorgfältiger Beob- 
achtung-an den Stellen, wo eine dünnfädige, in herrlichem span- 
grünem Rasen wachsende Oscillarie wuchs, nur 49° C. — 

Lufttrockene Samen verschiedener Pflanzen, ferner gewisse 
Moose, Flechten, .Pilzsporen und Bakterien können eine oder 
mehrere Stunden allmählich auf 80 bis 100, ja sogar kurze Zeit 
auf 120° C erhitzt werden, ohne daß sie ihr Leben einbüßen. Bei 
noch höheren Wärmegraden büßen schließlich alle Pflanzen ihr 
Leben ein, jede hat ihre obere Temperaturgrenze des Lebens. 
Aber auch eine untere und mit dieser wollen wir uns heute be- 
schäftigen. 


Il. Das Erfrieren von Pflanzen bei Temperaturen knapp über dem 
Eispunkt. 

Unter Erfrieren einer Pflanze versteht man eine Schädigung 
oder ein Absterben infolge niederer Temperatur oder Kälte, unter 
Gefrieren hingegen die Erstarrung ihres Saftes zu Eis. Damit 
kann eine Schädigung verknüpft sein, es muß aber nicht der Fall 
sein. Eine Pflanze, die gefriert, muß also nicht erfrieren. 

Es kann vorkommen, daß gewisse Pflanzen schon bei Tempe- 
raturen knapp über Null erfrieren, also bei einer Temperatur, wo 
von einer Eisbildung noch keine Rede ist, und hierbei können 
wir wieder zwei Fälle unterscheiden. 


3 


—>+ ERE 


A. Das Verwelken von Pflanzen infolge von niederer 
Temperatur. 

Läßt man nach Sachs Tabak-, Kürbis- oder Schmink- 
bohnenpflanzen in Blumentöpfen in einem Zimmer stehen und 
sinkt. hier die Temperatur auf etwa + 4 bis + 2° C, so welken 
die Blätter. Wird die Temperatur der Topferde auf 18° C erhöht, 
während die Temperatur des Zimmers in der Umgebung der 
Blätter die ursprüngliche Tiefe behält, so werden die Blätter 
wieder straff. Diese Erscheinung ist so zu erklären. Wenn die 
Temperatur auf einige wenige Grade über Null sinkt, verlieren 
die Wurzeln das Vermögen, genügende Mengen Wasser aufzu- 
nehmen, die Blätter aber fahren bei dieser Temperatur fort, Wasser 
relativ reichlich durch Verdampfung abzugeben. Das Laub 
transpiriert stark, die Wurzeln nehmen wenig Wasser 
auf, daher muß es zu einem Welken und, wenn dieser 
Zustand zu lange andauert, zueinem Verwelken kommen. 
Die Pflanze vertrocknet schließlich und geht zugrunde Daß 
wirklich dieses Absterben eine Transpirationserscheinung, ein 
Welken ist, davon kann man sich leicht überzeugen, wenn man 
über die genannten Pflanzen Glasglocken stülpt und dadurch ihre 
Transpiration hemmt oder völlig unterdrückt, dann welken die 
Pflanzen trotz der niederen Temperatur nicht. 


. Bs-Das- Erfrieren -von Pflanzen. bei Temperaturen über 
dem Eispunkt bei Ausschluß der Transpiration. 


Es gibt auch Pflanzen, die knapp über Null erfrieren, ohne 
daß sie transpirieren. Ich habe diesen Gegenstand im Winter 
1896/97 eingehender studiert und namentlich in der Gesneriacee 
Epıscia bicolor Hook. (Physoderra breolor) ein geradezu klassisches 
Versuchsobjekt kennen gelernt. Bringt man eine gesunde Topf- 
pflanze dieser Art aus dem Warmhaus in das Kalthaus, dessen 
Temperatur etwa + 3°C ist, und sorgt man durch Überstülpen 
mit Glasglocken, Absperren mit Wasser und durch Bedecken 
mit Dunkelstürzen aus Pappe dafür, daß die Transpiration und 
Wärmeausstrahlung möglichst gehemmt werden, so werden die 
bei dieser niederen Temperatur stehenden Pflanzen schon nach 
12—24 Stunden geschädigt: die meisten Blätter zeigen dann 
zahlreiche meist hellergroße Flecke, diese werden immer größer 
und größer, bis das Blatt seine grüne Farbe vollends einbüßt und 
eine braune Farbe annimmt. Nach vier Tagen waren alle Blätter 


ZN 111125 —— 


ganz braun und hatten ihre Lebensfähigkeit eingebüßt, während 
die Pflanzen des Warmhauses unter sonst gleichen Verhältnissen 
ganz unversehrt blieben. 

Man kann die Versuche auch so machen, daß man die 
Epıscıa-Blätter in Eiswasser legt und dafür sorgt, daß die Tempe- 
ratur konstant o oder höchstens + ı C verbleibt. Die Blätter 
beginnen sich dann schon nach drei Stunden zu verfärben, nach 
24 Stunden waren alle großenteils oder vollständig abgestorben. 
Ebenso, jedoch graduell verschieden verhalten sich andere tropi- 
sche, auf höhere Temperatur gestimmte Pflanzen, wie ‚Sanchezıa 
nobılıs, Eranthemum trıcolor, E. Coopert, Coleus-Hybriden, Achz- 
menes und zahlreiche andere. 

Es ist daher sichergestellt, daß zahlreiche warmen Gegenden 
angehörige Pflanzen bei Temperaturen knapp über Null auch bei 
Ausschluß der Transpiration und Wärmeausstrahlung zugrunde 
gehen, und nach verschiedenen Erwägungen, auf die ich hier 
nicht näher eingehen kann, neige ich zu der Ansicht, daß dasEr- 
frieren über Null unabhängig von der Transpiration auf 
durch niedere Temperatur hervorgerufene Störungen im 
Stoffwechsel der lebenden Substanz zurückzuführen ist. 


Ill. Das Erfrieren der Pflanze nach vorherigem Gefrieren. 

Von viel größerer Wichtigkeit und einschneidenderer Be- 
deutung als das Erfrieren über Null ist der Eistod der Pflanze. 
Es wurde schon früher hervorgehoben, daß viele Pflanzen ge- 
frieren können, ohne abzusterben und daß wieder andere mit dem 
Gefrieren, mit der Eisbildung, sicher dem Tode anheimfallen. 

Das Gänseblümchen, das Löffelkraut, die Fichte und viele 
andere Pflanzen können beinhart gefrieren, nach dem Auftauen 
aber leben sie weiter. Nach Chodat werden Sporen von dem 
Schimmelpilz Mucor Mucedo durch — 110° C nicht getötet. Ge- 
wisse Diatomeen können nach Pictet auf — 200° C abgekühlt 
werden, ohne zu erfrieren. Dasselbe gilt von bestimmten Bak- 
terien. Hingegen sind Kartoffelknollen, Kürbis-, Tabakpflanzen 
und junge Nußbaum- oder Weinstockblätter rettungslos verloren, 
falls sie gefrieren. 


ı. Ein Gefrierapparat für mikroskopische Beobachtungen. 


Um einen tieferen Einblick in den Gefrierprozeß der Zellen, 
Gewebe und Organe zu gewinnen, ist es notwendig, den Gefrier- 


vorgang direkt unterm Mikroskop zu beobachten, und zu diesem 
mich des in den Figuren 14— 16 abgebildeten 


Zwecke bediene ich 


Gefrierappara- 
tes. Er besteht 
im wesentlichen 
aus einem dop- 
pelwandigen 
würfelähnlichen 
Holzkasten, 
27 cmhoch, 33 cm 
breit und ebenso 
tief (Fig. ı4). Der 
7 cm breite 
Raum A (Fig. 15) 
zwischen den bei- 
den Wänden ist 
mit Sägespänen 
gefüllt, um den 
inneren Raum 
mit einem schlech- 
ten Wärmeleiter zu 
umgeben. Der 
innere, mit Zink- 
blech ausgekleidete 
Hohlraum des 
KRastensma.Presd 
(Fig. ı5) enthält 
einen aus Zink- 
blech bestehenden, 
hauptsächlich durch 
die Säule s und 
durch den den 
Lichteinfall vermit- 
telnden Zinkblech- 
fensterkanal edg/ 
(Fig. ı5), zum Teil 
auch durch die 
Metallröhren 7 7, 


ATI 


TURN 
IE wer By 


Fig. 15. Gefrierapparat im senkrechten Durchschnitt. 


(Fig. ı5) und >,, (Fig. 16) getragenen Einsatz A A, ?_f (Fig. ı5), 


dazu bestimmt, das Mikroskop aufzunehmen. 
Molisch, Populäre biologische Vorträge. 2. Aufl. N 8 


Der zwischen dem Mikroskopraum A A, 2 / (Fig. ı5) und der 
Doppelwand des Kastens vorhandene Zwischenraum Z dient zur 
Aufnahme der Kältemischung. Mikroskop und Eisraum werden 
mittels eines Deckels D (Fig. ı4) geschlossen, der durch einen 
Ausschnitt dem Tubus und der Mikrometerschraube des Mikro- 
skops den Durchtritt gestattet und überdies ein Loch zur Auf- 
nahme eines empfindlichen Thermometers (Fig. 14) besitzt, dessen 
Kugel das gefrierende Präparat nahezu berührt. Durch passende 
Schlüssel 7 7; und 7,,ist es möglich, den Spiegel richtig einzustellen 
und das Präparat nach Belieben zu verschieben, während sich das 
Mikroskop im geschlossenen Gefrierapparat befindet. 

Wenn das Instru- 
ment während des 
Winters in einem un- 
geheizten Zimmer steht 
und der Eisraum mit 
einer passenden Kälte- 
mischung beschickt ist, 
so erreicht man in 
der Umgebung des 
Präparates leicht eine 
Temperatur von — ı2° 
und. es ist dann mög- 
lich, bei allerdings 
nach und nach sehr 

langsam steigender 
>»% Temperatur mehrere 
Fig. 16. Gefrierapparat im Querschnitt. Stunden in einem Zuge 
zu arbeiten. 


2. Das Gefrieren lebloser Körper. .„_ 


Bevor ich auf das Gefrieren von Zellen und Geweben eingehe, 
möchte ich zunächst das Verhalten lebloser Substanzen beim Gre- 
frieren besprechen, da dies für die richtige Beurteilung des Gefrier- 
vorganges in der Pflanze von Wichtigkeit ist. Wie verhalten sich 
zunächst kolloidale Körper? 

Betrachtet man eine 2proz. wässerige Gelatinelösung, die 
schon bei gewöhnlicher Zimmertemperatur eine steife Grallerte 
bildet, in einem mikroskopischen Präparat meines eben geschilderten 
Gefrierapparates, so kann man im Momente des Gefrierens folgendes 


beobachten: An zahlreichen Punkten tauchen unter Abscheidung 
von Luftblasen rundliche Eismassen auf, die, der benachbarten 
Gelatinegallerte das Eis entziehend, sich rasch vergrößern und 
dabei die immer wasserärmer werdende Gelatine ringsum zur Seite 
schieben, so daß diese, 
wenn die Eisbildung ihr 
Ende erreicht hat, als 
ein höchst kompliziertes 
Maschenwerk zwischen 
den Eisklümpchen aus- 
gespannt erscheint. Die 
ursprünglich homogene 
Gelatine ist nun in eine 
Art Schwamm umge- 
wandelt, in welchem das 
höchst verwickelte Ge- 
rüstwerk aus Gelatine, 


die Hohlräume aber aus _ e er Re 
F £ ig. 17. ässerige 2proz. Grelatinelösung gefroren 
Eis. bestehen. (Siehe und dann aufgetaut. (Vergr. etwa 300.) 


Fig. 17.) Gießt man eine 

2proz. Grelatinelösung auf einer Glasplatte in dünner Lage aus und 
läßt man dann gefrieren, so bilden sich in der Gelatine herrliche 
Eisblumen. Ich konnte sie in ihren feinsten Einzelheiten fixieren 
und dauernd aufbewahren, indem ich die Innenwand eines Erlen- 


Fig. 18. Milchsaft von Ficus elastica. (Vergr. etwa 300.) a Milchsaft frisch, db Milch- 
saft gefroren, e Eis, n Netz von zusammengedrängten Kautschuktröpfchen. 


meyerkolbens mit flüssiger 2proz. Gelatinelösung ausspülte, dann 
den Kolben, mit der Öffnung nach unten gekehrt, im Freien 
der Kälte aussetzte und schließlich, nachdem die Eisblumen ent- 


standen waren, in den Kolben absoluten Alkohol goß, um damit 
e 8* 


— 19 — 


die gefrorene Gelatine zu benetzen. Nachher wurde beim Auftauen 
das Eis herausgelöst und das Gelatinenetzwerk in Form der Eis- 
blumen gleichzeitig dauernd fixiert. Ich habe derartig fixierte 
Eisblumen, die einen wunderbaren Anblick gewähren, schon seit 
25 Jahren in Aufbewahrung, ohne daß auch nur das geringste 
Detail verloren gegangen wäre. Die Fixierung an der Innenwand 
eines Kolbens hat auch den Vorteil, daß die Eisblumen vor Staub 
und der Berührung mit den Händen geschützt bleiben. Zu ähn- 
lichen Ergebnissen wie bei der mikroskopischen Betrachtung ge- 
frierender Gelatine gelangt man auch bei anderen kolloidalen 
Körpern: Stärkekleister, Tragant, arabisches Gummi und Hühner- 
eiweiß. Es ergab sich als wesentliches Resultat, daß beim Ge- 
frieren eine Scheidung eintritt zwischen Wasser und 
Kolloid!), in dem an zahlreichen Punkten Eiskristalle 
entstehen, die mehr minder rasch (unterm Mikroskop oft 
blitzartig rasch) den gequollenen Kolloiden, bzw. ihren Lö- 
sungen das Wasser entziehen, sich auf Kosten dieses ver- 
größern und, das immer wasserärmere Kolloid vor sich 
herdrängend, als Netzwerk zwischen sich einschließen. 

Analog wie die Kolloide verhalten sich Emulsionen, Farb- 
stoff- und Salzlösungen. 

Emulsionen stellen die Milchsäfte der Pflanzen dar. Der in 
unseren Wohnungen so häufig kultivierte Gummibaum, Zzeus ela- 
stıca, enthält reichlich Milchsaft, der aus einer wasserklaren Flüssig- 
keit und darin eingebetteten, meist aus Kautschuk gebildeten 
Kügelchen besteht (Fig. ı8@).. Wenn dieser Milchsaft gefriert, 
hört die gleichmäßige Verteilung der Kügelchen auf; es entsteht 
ein aus Kautschukkügelchen bestehendes unregelmäßiges Netz, 
dessen Maschen von Eis ausgefüllt sind, in der Weise, wie es die 
Figur 1ı8Ö versinnlicht. Nach dem Auftauen gewinnt der Milchsaft 
wieder sein natürliches Aussehen. Ob wir es nun mit einer Emul- 
sion, einem Kolloid oder mit einer Lösung zu tun haben, immer 
kristallisiert reines Eis heraus, so daß es stets zu einer Scheidung 
kommt zwischen Wasser und dem betreffenden anderen Körper. 

Spielt sich dieser Vorgang unterm Deckglas ab, so entsteht ein 
kompliziertes netzartiges Grerüstwerk dieses Körpers, in dessen hohlen 
Maschen das Eis liegt. Das wachsende Eis duldet nichts Fremdes in 
Ro kryohydratischen oder eutektischen Punkt ist hier abgesehen. Man ver- 


steht darunter jene Temperatur, bei der aus einer gekühlten Salzlösung nicht mehr Wasser 
und Salz getrennt für sich, sondern der letzte flüssige Rest als einheitliches Gemisch erstarrt. 


seiner Architektur und schiebt daher, sich vergrößernd, alles Fremde 
vor sich her; da an verschiedenen nahegelegenen Punkten fast gleich- 
zeitig Eiskristalle entstehen, so schließen diese, endlich aufeinander 
treffend, den Fremdkörper als eine Art Zwischensubstanz zwischen 
sich ein. 
3. Das Gefrieren lebender Objekte. 
a) Zellen. 

Nach den mit leblosen Substanzen über das Gefrieren ge- 
machten Erfahrungen war zu erwarten, daß bei Zellen, da sie 
kolloidale Körper, Lösungen und 
Emulsionen enthalten, ähnliche Vor- 
gänge beobachtet werden dürften. 

Brachte ich eine Amöbe 
(Fig. ı9@) in den Gefrierapparat, 
der auf — 9° C eingestellt war, so 
verlangsamte sich zunächst die Be- 
wegung und nach wenigen Minuten 
setzte sie völlig aus. Nach etwa 
25 Minuten gefror die umgebende 
Flüssigkeit und gleich darauf er- 


A ER 
PH: Nuke 
De: Ol = 


us u S 


Fig. 19. Amöbe. a intakt. Die kleinen zahlreichen Körper sind Kristalle, dazwischen - 

liegen Vakuolen und Nahrungsballen. (Vergr. etwa 300.) b gefroren. Innerhalb der 

Amöbe bildet sich an zahlreichen Punkten unter Abscheidung von Luftbläschen / Eis 

auf Kosten des Plasma- und Vakuolenwassers. Dadurch wird das Plasma & samt seinen 

festen Einlagerungen zwischen die Eisklümpchen e als unregelmäßiges Gerüstwerk zu- 

sammengedrängt. c aufgetaut. Die Amöbe zeigt deutlich die Hohlräume, die vorher 
von 'Eis erfüllt waren, dazwischen das tote Plasmagerüst. 


starrte die ganze Amöbe, dabei das Aussehen eines unregel- 
mäßigen Netzes annehmend (Fig. 196). Das Netz kommt da- 
durch zustande, daß innerhalb der lebenden Substanz an zahl- 
reichen Punkten Eisschollen entstehen, die sich auf Kosten 
des das Plasma durchtränkenden und die Vakuolen erfüllenden 


— II — 


Wassers rasch vergrößern, und das nun seines Wassers beraubte 
Plasma samt seinen verschiedenen festen Einschlüssen und konzen- 
trierten Salzlösungen zwischen sich einzwängen. Die Amöbe stellt 
somit im gefrorenen Zustande ein Eisklümpchen dar, 
das von einem höchst komplizierten Gerüstwerk, be- 
stehend aus sehr wasserarmem Plasma, konzentriertem 
Zellsaft und Luftbläschen, durchsetzt ist (Fig. ı9e). 

Die aufgetaute Amöbe sieht 
ganz anders aus als die lebende. 
Während die lebende, abgesehen 
von den Vakuolen und festen Ein- 
schlüssen, ein ziemlich homogenes 
Aussehen darbietet, gleicht die 
aufgetaute einem grobporigen 
Schwamm: das im Eise einge- 
schlossene Plasmagerüst bleibt 
ziemlich erhalten und die da- 
zwischen liegenden, früher von 
Eis erfüllten Räume führen nun- 
mehr Wasser. Gefrorene Amöben 
dieser Art erweisen sich nach 
dem Auftauen als abgestorben. — 

Höchst lehrreich gestaltet 
sich der Gefriervorgang bei ‚Spzro- 
gyra, einer in unseren Weasser- 
tümpeln häufigen Alge (Fig. 20a). 
Im Gefrierapparat sieht man zu- 
erst das Einbettungswasser zu Eis 
Fig. 20. Spivogyra sp. (Vergr.etwazo0.) erstarren. Die Eiskristalle dringen 
Se en nun Wolken gleich in dem Gesichts 
dieser bildet sich kein Eis. c aufgetau. feld vor, bis sie unter reichlichem 
Zellen wieder angeschwollen, der Proto- Abscheiden von Luftbläschen die 
plast samt dem Chlorophyliband und dem i k 4 

Zellkern desorganisiert. Spirogyra völlig umschließen. 

Stellt man nun auf den Faden 
scharf ein, so bemerkt man deutlich, wie die Zellen binnen einer 
Minute oder in noch kürzerer Zeit schrumpfen, indem ihnen von 
dem die Zelle umgebenden Eis das Wasser entzogen wird. Das 
Chlorophyliband, früher samt dem Kern sichtbar, ist jetzt auf ein 
sehr enges Volum zusammengesunken und nur mehr als eine 
grüne undifferenzierte Masse kenntlich (Fig. 205). Luftblasen bilden 


sich innerhalb der Zellen nicht. Unmittelbar nach dem Auftauen 
hat die Zelle ungefähr ihr früheres Volumen angenommen, die 
Chlorophylibänder werden in vielen Zellen wieder deutlicher, aber 
während sie früher scharf begrenzt waren, erscheinen sie jetzt 
ebenso wie der Zellkern gequollen, mitunter zu Klumpen zu- 
sammengeschlossen und verraten durch ihr Aussehen nur zu deut- 
lich den eingetretenen Tod (Fig. 20c). Schon durch den bloßen 
Anblick der beim Gefrieren geschrumpften ‚S’rrogyra-Fäden erhält 
man einen deutlichen Begriff davon, wie groß die Wassermenge 
sein muß, die der Zelle entzogen wird. Eine in der angegebenen 
Weise erfrorene ‚Spzrogyra sieht einer eingetrockneten täuschend 
ähnlich. Ich will auf weitere Fälle und Einzelheiten nicht ein- 
gehen, wenn ich aber alle meine Erfahrungen zusammenfasse, so 
kann man drei Arten von Erfrierungsvorgängen der Zellen unter- 
scheiden: 

a) Die Zellen gefrieren und erstarren faktisch, indem sich 
innerhalb des Zellinhaltes Eis bildet (Amöbe, Phycomyces, Staub- 
fadenhaare von Tradescantıa). 

b) Das Erfrieren erfolgt, ohne daß die Zelle selbst gefriert. 
In diesem sehr häufigen Falle tritt Wasser aus der Zelle heraus 
und gefriert dann an der äußeren Oberfläche der Wand. Die 
dabei oft kolossal schrumpfende Zelle ist dann von einer knapp 
anliegenden, aus ihrem eigenen Wasser gebildeten Eisröhre um- 
schlossen (Sprrogyra, Cladophora, Derbesia). 

c) Es können die unter @ und 5 angegebenen Vorgänge in 
ein und derselben Zelle Platz greifen. — 

Ob nun eine Zelle in der einen oder anderen 
Weise erfriert, stets ist dies, ebenso wie bei toten 
Objekten, mit einem sehr starken Wasserentzug ver- 
knüpft. Schon aus der großen Eismenge, die sich 
innerhalb oder außerhalb der Zelle bildet, sowie aus 
der mit der Eisbildung verknüpften Schrumpfung 
des ganzen Protoplasten oder seiner Teile ist zu ent- 
nehmen, daß die Wasserentziehung eine sehr be- 
deutende, in vielen Fällen geradezu kolossale sein muß. 


b) Gewebe. 
Früher war allgemein die Meinung verbreitet, daß sich das 
Eis regelmäßig im Innern der Zellen bildet, die Zellen hierdurch 
zerrissen werden und daher absterben. Das Eis entsteht aber für 


N 


gewöhnlich gar nicht in der Zelle, sondern außerhalb. Die Zell- 
haut ist von Wasser durchtränkt, die äußerste Wasserschichte der 
Membran, die an die Zwischenräume (Interzellularen) zwischen 
den Zellen grenzt, gefriert zuerst, diese Eisschicht vergrößert sich 
auf Kosten des Zellwassers, sie kann schließlich eine so große 
Mächtigkeit erreichen, daß man zentimetergroße und noch größere 
Eisklümpchen mitten zwischen den Zellen finden kann, und das Ent- 
stehen solch mächtiger Eisbrocken ist, wenn nicht schon früher 
so ausgedehnte Interzellularen vorhanden waren, nicht selten mit 
einem Zerreißen früher geschlossener Gewebemassen verbunden. 
Diese außerhalb der Zelle stattfindende Eisbildung tritt besonders 
‘bei langsamer Abkühlung ein, bei rascher kann das Eis auch im 
Innern der Zellen entstehen. — 

Reines Wasser gefriert unter hie Verhältnissen bei o°. 
Durch gelöste Stoffe aber wird der Gefrierpunkt erniedrigt und 
da in den Zellen nie reines Wasser vorhanden ist, so folgt schon 
daraus, daß die Pflanze nicht bei Null, sondern bei einer etwas 
tieferen Temperatur (Gefrierpunkt) erstarren wird, wie H. Müller- 
Thurgau ausführlich gezeigt hat. — 

Auch die Erscheinung der Unterkühlung (Überkältung) be- 
dingt, daß das Gefrieren oft bei noch tieferen Temperaturen statt- 
hat. Bekanntlich können Wasser- oder Salzlösungen oft bedeutend 
unter ihren Gefrierpunkt abgekühlt werden, wenn Erschütterungen, 
die Berührung mit Eis oder mit Kristallen der gelösten Substanz 
vermieden werden. Der Grad der Unterkühlung kann besonders 
in Kapillaren bedeutend verstärkt werden. Wir dürfen uns da- 
her nicht wundern, daß alle diese Momente auch in der Pflanze 
eine Erniederigung des Gefrierpunktes durch eine Unterkühlung 
ermöglichen können. So liegt nach Mitteilung des genannten 
Autors bei der Kartoffelknolle der Gefrierpunkt bei — ı° C, der 
Überkältungs- oder Unterkühlungspunkt bei ungefähtfs — 3°C. 
Wenn also eine Kartoffel gefriert, so muß sie zuerst auf — 3° 
abgekühlt werden; erst dann erstarrt sie, wobei die Temperatur 
infolge der Eisbildung plötzlich auf den Gefrierpunkt von — ı° steigt. 


IV. Stirbt die gefrorene Pflanze erst beim Auftauen? 

Der Pflanzenphysiologe J. Sachs war der Meinung, die auch 
in gärtnerischen Kreisen verbreitet war, daß die Pflanze nicht im 
Momente des Gefrierens in noch gefrorenem Zustande abstirbt, 
sondern erst beim Auftauen. Eine gefrorene Pflanze könne am 


a VE 


Leben bleiben, wenn man sie ganz allmählich auftauen läßt, 
sie werde aber getötet, wenn sie rasch zum Auftauen ge- 
bracht wird. 

Ganz entgegengesetzter Ansicht war Göppert, der sich lange 
Zeit mit dieser Frage beschäftigt hat. Nach diesem Forscher tritt 
der Tod der Pflanze schon beim Gefrieren oder im Zustande des 
Gefrorenseins ein, das rasche oder langsame Auftauen spielt dabei 
keine Rolle. 

Göppert machte einen sehr hübschen Versuch. Manche 
Orchideenblüten haben milchweiße Blüten (Calanthe veratrıfolia) 
und wenn man sie zwischen den Fingern zerquetscht, werden sie 
augenblicklich blau, weil sich aus dem in den Zellen vorhandenen 
farblosen Indikan Indigblau bildet. Dasselbe zeigt sich beim (Ge- 
frieren der Blüte. Sie wird im gefrorenen Zustande alsbald dunkel- 
blau. Göppert ging von der Ansicht aus, daß der Indigo sich 
nur in der abgestorbenen Zelle entwickelt und betrachtete daher 
die Blaufärbung der gefrorenen Blüte als ein Zeichen des Todes. 
Diese Deutung wurde bestritten, aber da ich später in einer spe- 
ziellen Arbeit über den Nachweis und das Vorkommen des Indi- 
kans in der Pflanze gezeigt habe, daß in der lebenden Zelle unter 
normalen Verhältnissen niemals Indigblau auftritt und daß das 
Erscheinen des blauen Farbstoffs als ein sicheres Zeichen des 
Todes betrachtet werden muß, kann wohl an der Richtigkeit der 
Deutung Göpperts nicht mehr gezweifelt werden. Eine Bestäti- 
gung fand der eben geschilderte Versuch durch ein Experiment 
mit Begonta, das wir Detmer verdanken. Viele Degon:a-Blätter 
haben die Eigentümlichkeit, sich beim Absterben zu verfärben, 
die ursprünglich grüne Farbe geht in eine bräunliche über. Dies 
geschieht, wenn man sie durch Chloroformdampf oder durch höhere 
Temperatur abtötet. Beim Absterben werden die Chlorophyll- 
körner für die im Zellsaft reichlich vorhandenen organischen Säuren 
durchlässig und infolgedessen mißfarbig braun. Läßt man nun 
ein Begonıa-Blatt gefrieren, so tritt die Braunfärbung schon im 
gefrorenen Zustande und nicht erst beim Auftauen ein. Detmer 
fügt jedoch hinzu, daß er auch Tatsachen kennen gelernt habe, 
„durch welche die Angaben von Sachs eine Bestätigung finden, 
nach denen gefrorene Pflanzenteile, während sie infolge schnellen 
Auftauens zugrunde gehen, durch langsameres Auftauen am Leben 
erhalten werden können“. Welcher Art aber diese Beobachtungen 
waren, darüber spricht sich der genannte Forscher nicht aus. 


=— ee 


Überaus eingehend hat sich mit unserer Frage H. Müller- 
Thurgau beschäftigt, wobei er zu einem der Sachsschen Ansicht 
ganz entgegengesetzten Standpunkt gelangte. Er sagt: „Seit 
Jahren habe ich mich mit der Lösung dieser Frage beschäftigt, 
viele Hunderte von Pflanzen bei verschiedensten Temperaturen 
gefrieren und langsam auftauen lassen und — es möge dies gleich 
der Besprechung dieser Versuche vorausgeschickt werden — nie- 
mals eine Pflanze, respektive einen Pflanzenteil durch langsames 
Auftauen retten können, der bei schnellerem Auftauen zweifellos 
sich als getötet erwiesen hätte.“ 

Es ist vielfach die Meinung verbreitet, daß gefrorene Pflanzen 
im kalten Wasser von o° sehr langsam auftauen. Dies ist aber 
wie Müller-Thurgau betont und an gefrorenen Äpfeln, Birnen 
und Kartoffelknollen zeigt, nicht der Fall und aus physikalischen 
Gründen auch gar nicht zu erwarten. Im Wasser geht das Auf- 
tauen viel rascher vor sich als in entsprechend kalter Luft. Ge- 
frorene Pflanzenteile überziehen sich nämlich, in kaltes Wasser 
von 0° gelegt, rasch mit einer ziemlich dicken Eiskruste, wobei 
Wärme gebildet wird, die zum Auftauen des Eises in den Ge- 
weben führt und eben deshalb ein rascheres Auftauen im Wasser 
bedingt. 

Müller-Thurgau fand aber auch einen Fall, der tatsächlich 
lehrt, daß in gewissen Fällen die Art des Auftauens von Einfluß 
für die Rettung gefrorener Objekte sein kann. Dieser Fall be- 
trifft gefrorene Äpfel und Birnen. In möglichster Anlehnung an 
natürliche Verhältnisse wurden die genannten Früchte allmählich 
steigender Kälte ausgesetzt und zum Gefrieren gebracht. Wurde 
nachher ein Teil in lauwarmes Wasser, ein zweiter in Wasser 
von 0 gebracht, ein dritter mit den Stielen in warmer Zimmer- 
luft von 20° und ein vierter in solcher von o° aufgehängt, so er- 
gab sich folgendes: Während bei Temperaturen von »— 5° bis 
— 7° die widerstandsfähigen Sorten unbeschädigt blieben, unab- 
hängig davon, ob sie rasch oder langsam auftauten, zeigten bei 
den empfindlicheren Sorten durchgehends nur die im warmen 
oder kalten Wasser aufgetauten Früchte Schädigungen, die in 
warme oder kalte Luft gebrachten hingegen nur geringe oder 
gar keine. 

Gerade der von Müller-Thurgau aufgefundene Ausnahme- 
fall und die noch immer im Kreise der Praktiker vielfach ver- 
teidigte Anschauung, daß. die gefrorene Pflanze erst beim raschen 


Auftauen stirbt, bewog mich vor ı3: Jahren, die Frage neuerdings 
einem genaueren Studium zu unterwerfen und wenn möglich durch 
neue Experimente zu klären. 


Eigene Versuche. 


a) Mit Nefophyllum. Unter den Meeresalgen haben die Rot- 
algen oder Florideen seit jeher die Aufmerksamkeit auch der 
Laien wegen ihrer schönen Formen und ihrer in verschiedenen 
- Tönen des Rot erscheinenden Farbe auf sich gelenkt. Fine 
solche ungemein zierliche Alge ist Nifophyllum punctatum. Der 
in dieser Alge vorhandene grüne Farbstoff, das Chlorophyll, ist. 
durch einen gleichzeitig vorhandenen roten Farbstoff, das Phyko- 
erythrin, vollständig verdeckt. Der rote Farbstoff zeigt in wässe- 
riger Lösung im durchfallenden Lichte eine karminrote Farbe, im 
auffallenden hingegen eine prachtvoll orangerote Fluoreszenz. 
Nimmt man einen lebenden Rasen dieser rotgefärbten Alge aus 
dem Meerwasser und legt ihn in süßes oder destilliertes Wasser, 
so stirbt die Alge ab, der rote Farbstoff geht aus den Chlorophyli- 
körnern in den Zellsaft über, er geht in Lösung, fluoresziert und 
das ist der Grund, warum die ganze Alge nun orangerot zu fluo- 
reszieren beginnt. 


Das Auftreten der Fluoreszenz ist ein sicheres Zeichen 
des Todes. Aus diesem Grunde glaubte ich diese Alge für die 
Entscheidung der Frage verwerten zu können, ob die Pflanze 
schon in gefrorenem Zustande abstirbt oder erst beim Auftauen, 
denn wenn sie schon beim Gefrieren vom Tode ereilt wird, mußte 
sich schon bei der gefrorenen Alge der Farbenumschlag von rot. 
zu orange zeigen. Als ich die Alge in der Luft einer Temperatur 
von — 16° aussetzte, trat bei der steifgefrorenen Pflanze eine pracht- 
voll orangerote Fluoreszenz ein, ein Zeichen, daß der Tod nicht 
erst beim Auftauen, sondern schon vorher eintritt. — 


b) Mit Ageratum mexıcanum. Diese zur Einfassung von 
Teppichbeeten in unseren Parkanlagen und Stadtgärten ihrer 
schönen blauen Blüten wegen häufig verwendete Pflanze hat eine 
besondere Eigentümlichkeit: Im lebenden Zustande haben die 
Blätter keinen besonderen Duft, im toten aber duften sie intensiv 
nach Cumarin, jenem Körper, dem der Wealdmeister (Asperula 
odorata) seinen angenehmen Geruch verdankt. Läßt man einen 
lebenden beblätterten Sproß völlig verwelken oder taucht man ihn 


für ein paar Sekunden in siedendes Wasser, so duftet er einige 
Zeit nach Eintritt des Todes nach Cumarin. Dieser Geruch ist 
ein sicheres Merkmal des eingetretenen Todes dieser Pflanze. Als 
ich nun in einer kalten Winternacht eine Topfpflanze unter einem 
Glassturz einer Temperatur von — 7°C aussetzte, gefror die ganze 
Pflanze steif und bedeckte sich mit Reif. Und als ich am frühen 
Morgen bei der erwähnten Temperatur von der vollständig er- 
starrten Pflanze den Glassturz abhob, duftete der innere Luft- 
raum ebenso wie die Pflanze intensiv nach Cumarin, wieder 
ein Beweis, daß die Pflanze schon in gefrorenem Zustande ab- 
gestorben war. 


c) Mit anderen Pflanzen. Auch die anderen Versuche, 
die ich mit verschiedenen Pflanzenarten angestellt habe, stehen 
im Einklang mit denen von Nitophyllum und Ageratum. Hunderte 
der verschiedensten Objekte wurden im Laufe mehrerer Winter 
daraufhin geprüft, ob langsames oder rasches Auftauen für die 
Erhaltung des Lebens von Bedeutung ist, und übereinstimmend 
hat sich ergeben, daß es in der Regel für die Erhaltung des 
Lebens gleichgültig ist, ob man rasch oder langsam auftaut. Es 
gibt aber Ausnahmen. Wie bereits (S. i22) bemerkt wurde, hat 
Müller-Thurgau bei den Früchten gewisser Äpfel- und Birnen- 
sorten eine solche festgestellt und ich bin in der Lage, eine zweite 
Ausnahme namhaft machen zu können, die die Blätter der soge- 
nannten ıoojährigen Aloe, Agave amerrcana, betrifft. Hier zeigte 
sich, daß tatsächlich die Geschwindigkeit des Auftauens für die 
Erhaltung oder Nichterhaltung des Lebens von Bedeutung sein 
kann. Alles in allem genommen wird man aber, auch wenn noch 
weitere Ausnahmen gefunden werden sollten, doch zugeben müssen, 
daß derartige Vorkommnisse Seltenheiten sind. 


> 


V. Die Ursachen des Erfrierens. Rn 


Zum Schlusse wollen wir noch die Frage erörtern, wodurch 
denn eigentlich der Gefriertod der Pflanze herbeigeführt wird. 
Ich sehe dabei von dem Erfrieren über Null ab, da ich mich 
ja darüber bereits früher (S. ııo) geäußert habe, und will 
hier nur den mit der Eisbildung verknüpften Tod in Betracht 
ziehen. 


Die von älteren Botanikern (Duhamel, Senebier, Rafn 
und anderen) vertretene Ansicht, daß das Frfrieren eigentlich auf 


— 12353 — 


einem Zerreißen der Zellwand infolge des sich im Zellinnern 
bildenden und ausdehnenden Eises beruhe, hat wohl nur mehr 
historisches Interesse, da diese Anschauung insbesondere von 
Göppert, ferner von Caspary, Sachs und Nägeli widerlegt 
wurde. Es muß ja diese Ansicht schon deshalb aufgegeben 
werden, weil ja das Eis sehr häufig gar nicht innerhalb, sondern 
außerhalb der Zelle entsteht. Damit soll natürlich nicht gesagt 
sein, daß durch das Gefrieren nicht tatsächlich auch mechanische 
Verletzungen der Gewebe erfolgen können, denn nicht selten 
bilden sich in den Interzellularen (Lufträumen zwischen den Zellen) 
so große Eismassen, daß Gewebe sich voneinander abheben oder 
zerreißen. — 

Es ist von Sachs behauptet worden, daß das Absterben der 
Pflanze gar nicht beim Gefrieren oder im gefrorenen Zustande 
erfolge, sondern erst beim Auftauen, aber wie ich früher dargetan 
habe, ist diese Ansicht bereits widerlegt, denn das rasche oder 
langsame Auftauen ist für die Erhaltung des Lebens eines ge- 
frorenen Pflanzenteils gewöhnlich gleichgültig. 

Müller-Thurgau hat hingegen den Gedanken ausgesprochen 
und zu begründen gesucht, daß das Erfrieren eigentlich auf einen 
Wasserentzug infolge der Eisbildung hinauslaufe. „Sämtliche das 
Erfrieren betreffende Tatsachen sind mit der Anschauung, daß 
die Wasserentziehung als Todesursache zu betrachten sei, leicht 
in Einklang zu bringen; immer ist jedoch dabei zu berücksichtigen, 
daß beim Gefrieren das Wasser, wenigstens der größte Teil, rasch 
den Zellinhalten entrissen wird.“ — 

Daß der große, mit der Eisbildung verbundene Wasserverlust 
der Zelle sehr häufig die Ursache des Gefriertodes ist, geht auch 
aus meinen mikroskopischen Beobachtungen hervor. Ich sprach 
mich seinerzeit darüber folgendermaßen aus: „Mag die Eisbildung 
in der Zelle oder außerhalb der Zelle Platz greifen, immer werden 
dem Protoplasma bedeutende Wassermengen entzogen. Beobachtet 
man, wie in einer gefrierenden Amöbe oder in einem gefrierenden 
Staubfadenhaar das Zellwasser blitzschnell zu Eis erstarrt, oder 
beobachtet man, wie sich eine gefrierende ‚Sprrogyra auf Kosten 
ihres eigenen Wassers mit einer Eisröhre umgibt und wie sie in 
kaum einer Minute infolge dieses Wasserverlustes derartig schrumpft, 
daß sie mit Rücksicht auf ihre Kontraktion und auch sonst in 
ihrem Aussehen einer an der Luft verwelkten und eingetrockneten 
S’prrogyra täuschend ähnlich ist (siehe Fig. 20), so drängt sich 


— 126 — 


einem der Gedanke förmlich auf, daß der Tod hier durch Wasser- 
entzug bedingt wird... Nun ist es aber eine lange bekannte 
Tatsache, daß die lebende Substanz eine zu weitgehende Entziehung 
des Wassers in der Regel gar nicht verträgt und daß das mole- 
kulare Gefüge, die Architektur des Protoplasmas für immer zer- 
stört wird, wenn der Wasserverlust eine gewisse Grenze über- 
schreitet.“ Eigentlich ist es ja bei dem Verwelken der Pflanze 
auch so. Ein Blatt, eine Blüte oder eine Wurzel stirbt beim Ver- 
welken, weil eine gewisse Menge Wasser für die Zellen notwendig 
ist. Wenn diese der lebenden Substanz entzogen wird, so bricht 
ihre Struktur zusammen und der Tod tritt ein. Die Wasserent- 
ziehung kann noch andere Schädigungen im Gefolge haben. Infolge 
des Gefrierens können sehr konzentrierte Lösungen der Zelle ge- 
schaffen werden, die vielleicht giftig wirken, und früher gelöste 
Körper können sogar ausgeschieden werden. ‘ Durch eingehende 
Untersuchungen von Schaffnit an Preßsäften verschiedener 
Pflanzen ist auch gezeigt worden, daß mit niederer Temperatur 
Zustandsänderungen der gelösten Eiweißstoffe eintreten, wodurch 
sie ausgesalzt werden. 

Wenn der Eistod der Pfianze auf einem allzu starken plötz- 
lichen oder raschen Wasserentzug beruht, so findet man es be- 
greiflich, daß der Wassergehalt einer Pflanze oder eines Organs 
für den Gefriertod nicht gleichgültig ist. Die von den Knospen- 
schuppen umhüllten Knospenblätter sind sehr wasserarm und halten 
große Winterkälte aus. Sowie sich aber diese Blätter aus den 
Knospen hervorschieben und wasserreicher werden, werden sie 
frostempfindlich. 

Lufttrockene Samen sind beige sehr kältewiderstands- 
fähig, im gequollenen Zustande aber erfrieren sie leicht. Pflanzen, 
die ein Austrocknen vertragen, widerstehen auch der Kälte ge- 
wöhnlich ausgezeichnet. Nun scheint aber dem die Tatsache zu wider- 
sprechen, daß zwar gequollene Samen schadlos lufttrocken werden 
können, daß sie aber, wenn sie gequollen gefrieren, dennoch ge- 
tötet werden. Es darf aber nicht vergessen werden, daß beim 
langsamen Eintrocknen das Wasser langsam entzogen, beim Ge- 
frieren jedoch sehr rasch entrissen wird, was eben mit einer 
Schädigung verbunden ist. 

Mit dem Gesagten soll aber nicht behauptet ee daß 
die mit der Eisbildung verbundene rasche Wasserentziehung stets 
die Ursache des FErfrierens sein muß. Es hat Pfeffer darauf auf- 


merksam gemacht, und ich bin auch seiner Meinung, daß auch 
noch andere Ursachen hierbei eine Rolle spielen können. Er hat 
darauf hingewiesen, daß ein bestimmtes Temperaturminimum 
Schädigungen und Tötung herbeiführen kann. Diesen Gedanken 
von einem spezifischen Minimum hat dann später Mez eingehend 
durch eine feinere Methodik zu begründen versucht. Nach Mez 
erfrieren Pflanzen, die ohne Schaden Eisbildung ertragen, erst, 
wenn die steifgefrorenen Teile unter das spezifische Minimum, 
das für verschiedene Pflanzen ein spezifisches und verschiedenes 
ist, abgekühlt werden. Auch Mez’ Schüler Apelt, Bartetzko 
und Voigtländer schlossen sich mehr oder weniger ihrem Lehrer 
an, allein es wird von dem letzteren doch schon wieder zugegeben, 
daß der Wasserentzug beim Gefrieren als Todesursache häufiger 
in Betracht kommen dürfte und daß die Eisbildung kein so neben- 
'sächlicher Faktor ist, wie es Mez angenommen hat. So kommt 
Voigtländer auf Grund seiner Versuche mit Agave, Echeverıa, 
Tradescantıa, Rıcınus und TZropaeolum, bei denen mittels nadel- 
förmiger Thermoelemente und Galvanometerskala der Todespunkt 
und der Unterkühlungsgrad festgestellt wurde, zu dem wichtigen, 
aber allerdings nicht neuen Resultate, daß im Zustande der 
Unterkühlung, selbst wenn diese tief unter den Todes- 
punkt herabgetrieben wird, der Tod nicht eintritt, wohl 
aber, wenn auch die Eisbildung hinzukommt. Voigt- 
länder scheint übersehen zu haben, daß ich bereits bei den 
Staubfadenhaaren von Zradescantıa darauf aufmerksam gemacht 
habe, daß die Zellen im Zustande der Unterkühlung nicht gleich 
absterben, wohl aber sofort, wenn es in den Zellen selbst bei 
höherer Temperatur zur Eisbildung kommt. Da diese Tatsache 
für die Theorie des Erfrierens von Bedeutung ist, so will ich 
diese Stelle aus meinem Buche wörtlich anführen: „Ich habe mir 
durch direkte mikroskopische Untersuchung zahlreicher Zellen 
(Vallısneria-, Elodea-Blätter, Farnprothallien, Moose, Spzrrogyra 
usw.) den Beweis erbracht, daß die Objekte im Gefrierapparat erst 
dann eine Schädigung erlitten, wenn sie wirklich gefroren. Staub- 
fadenhaare von Tradescantıa crassula blieben, durch 6 Stunden 
einer Temperatur von —5 bis —g9° Cin Luft ausgesetzt, am Leben, 
während sie sich immer als abgestorben erwiesen, wenn sie bei 
—5° C im Wasser wirklich gefroren“ (S. 68). 

In jüngster Zeit wurde auch Schaffnit durch neue Versuche 
zu dem Ergebnis geführt, daß für den Kältetod verschiedene 


— 1238 — 


Ursachen in Frage kommen: primär Wasserentziehung, sekundär 
chemische Stoffumlagerungen und- für Pflanzen, die unbeschadet 
ihrer Lebensfähigkeit austrocknen können, auch ein spezifisches 
Minimum. 

So sehen wir denn, daß in letzter Zeit wichtige Tatsachen 
bekannt geworden sind, die uns in der Kenntnis des Erfrierens der 
Pflanze ein Stück vorwärts gebracht haben; die Frage aber, 
warum die Pflanzen der Kälte gegenüber so verschieden wider- 
standsfähig sind, warum die einen schon knapp über Null erfrieren, 
die anderen, wenn sie zu Eis erstarren, und warum wieder andere 
selbst wochen-, ja monatelang im steifgefrorenen Zustande außer- 
ordentlich tiefe Temperaturen ertragen, ist heute noch ein unge- 
löstes Rätsel und wird erst gelöst werden, wenn wir einmal einen 
tieferen Einblick in die spezifische Konstitution des Protoplasmas 
der verschiedenen Gewächse, die noch tief verschleiert vor dem 
Auge des Forschers liegt, gewinnen sollten. 

Die spezifische Zusammensetzung des Plasmas, seine Archi- 
tektur, Chemie und Physik, mit einem Worte seine Konstitution 
ist der große, noch dunkle Punkt der biologischen Forschung, vor 
dem wir in so vielen Fällen bei der Analyse der Lebenserschei- 
nungen Halt zu machen gezwungen sind. Die Frage, warum das 
Eichenblatt uns in einer ganz bestimmten Form entgegentritt, 
warum die Lilienblüte gerade 6 Blumenblätter und 6 Staubgefäße 
besitzt, warum die Sinnpflanze auf einen Berührungsreiz ihre Blätt- 
chen rasch zusammenschlägt, warum der Hopfen nach rechts, die 
Bohne nach links windet, warum die Kinder den Eltern gleichen, 
warum eine Pflanze schon über Null erfriert, die andere tief unter 
Null der Kälte erfolgreich widersteht, all das vermögen wir heute noch 
nicht klar zu durchschauen, wir wissen nur, daß es mit dem spezi- 
fischen Bau der lebenden Substanz auf das innigste zusammenhängt. 


Literatur. 


Diejenigen Leser, die sich eingehender über das Erfrieren der Pflanze zu unter- 
richten wünschen, seien auf einige in diesem Vortrage berührte Schriften aufmerksam 
gemacht, von denen meine unter I. genannte die einschlägige Literatur bis zum Jahre 
1897 enthält. . 


Molisch, Hans, Untersuchungen über das Erfrieren der Pflanzen. Jena 1897. 
—, —, Über das Gefrieren in Kolloiden. Flora 1907, S. 121. 
—, Pflanzenphysiologie als Theorie der Gärtnerei. 5. Aufl. Jena 1923. 


I. 
2. 
3- 58 3 

4. Pfeffer, W., Pflanzenphysiologie, 2. Bd., 1904, 2. Aufl. S. 297. 


Io. 


II. 


u 129 — 


. Mez, C., Neue Untersuchungen über das Erfrieren eisbeständiger Pflanzen. Flora 1905, 
. Maximow, N. A., Experimentelle und kritische Untersuchungen über das Gefrieren 


und Erfrieren der Pflanzen. Jahrb. f. wiss. Botanik. ı914. Bd. 53, S. 327. 


. Apelt, A., Neue Untersuchungen über den Kältetod der Kartoffel. Inaug.-Disser- : 


tation, Halle a. S., 1907. 


. Bartetzko, H., Untersuchungen über das Erfrieren von Schimmelpilzen. Jahrb. f. 


wiss. Bot. 1909. 


. Voigtländer, H., Unterkühlung und Kältetod der Pflanzen. Beitr. z. Biologie d. 


Pflanzen 1909. 

Schaffnit, E., Studien über den Einfluß niederer Temperaturen auf die pflanzliche 
Zelle. Sonderabdr. aus Bd. 3, Heft 2 d. Mitteilungen des Kaiser Wilhelm- 
Instituts f. Landwirtschaft i. Bromberg, S. 93. 

Fischer, H. W., Gefrieren und Erfrieren, eine physiko-chemische Studie. Beitr. 
z. Biologie der Pflanzen. X. Bd., 2. Heft, 1911. 


Die neueste Literatur über das Erfrieren der Pflanze bis zum Jahre 1921 findet 


man berücksichtigt in meinem Buche: Pflanzenphysiologie als Theorie der Gärtnerei. 
4. Aufl. 1921, p. 205—216. 


Molisch, Populäre biologische Vorträge. 2. Aufl. 9 


vIM. 


Über den Ursprung des Lebens'). 


Das eben ist das Charakteristische der Natur- 
forschung, daß sie in den gewöhnlichsten Erscheinungen 
ein Problem sieht, daß der Physiker in einer Welt der 
Rätsel wandelt, wo für den unbefangenen Menschen 
sich alles von selbst versteht. 

Dove, Über Wirkungen aus der Ferne. 


I. Die Urzeugung. 


Seit den ältesten Zeiten beschäftigt die Menschheit die Frage: 
Woher kam das Leben? Wie entstand es? Lange, lange vor 
unserer Zeitrechnung, schon bei den Naturvölkern hat man sich 
bereits darüber Vorstellungen gemacht, wie Himmel und Erde 
sich gebildet haben und wie das Leben in Erscheinung getreten 
sei. Es kommt dies in der Mythologie und in den Sagen der 
alten Völker zum Ausdruck und fast allgemein wird darin an- 
genommen, daß das Leben auf der Erde einem Schöpfungsakt 
seinen Ursprung verdanke. 

Ich will heute nicht davon sprechen, wie die Philosophen?) 
des Altertums über die Schwierigkeiten, die sich unserem Problem 
entgegenstellen, hinwegglitten. Es wird genügen, wenn ich hervor- 
hebe, daß einer der bedeutendsten, Aristoteles, auf dem Boden 
der Urzeugung stand. Nach ihm entstehen aus dem Regenwasser, 
das auf den Schlamm oder ins Meer fällt, aber nicht aus dem 
Schlamme als solchem, Würmer, Insekten und Fische. Höhere 
und niedere Tiere entstehen aus ihresgleichen durch Fortpflan- 
zung, die niedersten aber durch Urzeugung. Sein Schüler und 


!) Vortrag, gehalten am 13. Dezember ıgtıı im Vereine zur Verbreitung natur- 
wissenschaftlicher Kenntnisse in Wien. Im Verlage dieses Vereines I9I2 zuerst er- 
schienen. 

?) Die Ansichten, die die Philosophen des Altertums über die Urzeugung hatten, 
hat A. Stöhr in seinem Buche: ‚Der Begriff des Lebens“, Heidelberg 1909, S. 62, 
übersichtlich und kritisch erörtert. 


Nachfolger im Lehramte Theophrast hatte ungefähr dieselben 
Ansichten und lehrte gleichfalls die Entstehung der niedersten 
Lebewesen durch Urzeugung!). 


Dieser naiven kindlichen Auffassung, die sich der Schwierig- 
keit der Frage gar nicht bewußt ist, kann man auch heute noch 
vielfach im Volke begegnen, denn wie oft erhielt ich von einem 
Bauer, den ich frug, wie die Blattläuse auf den Gurken oder die 
Pilze auf den Rosenblättern entstehen, die Antwort: „Von selbst.“ 
Eine solche spontane elternlose Entstehung von Lebewesen aus 
lebloser Substanz bezeichnet man als Urzeugung oder als gene- 
ratıo spontanea, generatio aequivoca oder Abrogenesıs. 

Im Jahre 1675 machte der Holländer Leeuwenhoek in 
seiner Vaterstadt Delft eine Entdeckung von außerordentlicher 
Tragweite. Von lebhaftem Forschertrieb beseelt und mit großem 
Geschick begabt, beschäftigte er sich in seiner freien Zeit mit dem 
Schleifen von Mikroskoplinsen und durch Fleiß und Ausdauer 
gelang es ihm, ein einfaches Mikroskop von einer Vollendung 
herzustellen, das alles bisher Erreichte übertraf. Mit einem Mikro- 
skop oder besser gesagt mit dieser Lupe betrachtete er eines 
Tages einen Wassertropfen, den er einer im Garten stehenden 
Tonne entnahm. Er war aufs höchste überrascht, darin zahlreiche, 
überaus kleine Lebewesen verschiedener Art sich lebhaft bewegen 
zu sehen, die früher keines Menschen Auge geschaut. 


Um zu erforschen, woher wohl der brennende Geschmack 
des Pfefferpulvers rühre, übergoß er es mit Wasser und entdeckte 
einige Tage darauf in dem Pfefferaufguß gleichfalls eine Menge 
kleiner Tierchen, die wir nach diesem Versuche auch heute noch 
‘ als Infusionstierchen oder Aufgußtierchen bezeichnen. Als er 
seine Entdeckungen in begeisterten Briefen der königlichen Ge- 
sellschaft der Wissenschaften in London mitteilte, war man ge- 
neigt, an eine Täuschung zu glauben, aber als es schließlich im 
Jahre 1677 dem Sekretär dieser Gesellschaft Robert Hooke 
gelang, ein Mikroskop von ähnlicher Leistungsfähigkeit herzu- 
stellen, wie sie dem Instrumente Leeuwenhoeks zukam, sah er 
auch die „Animalcula“ und konnte sie seinen Zeitgenossen vor- 


1) Welch phantastischen Vorstellungen man bezüglich der Entstehung der Lebe- 
wesen noch im 16. Jahrhundert huldigte, geht unter anderem daraus hervor, daß der 
bekannte Chemiker van Helmont (geb. zu Brüssel 1577) mitteilt, daß in einem Gefäß, 
welches Mehl und ein schmutziges Hemd enthält, Mäuse entstehen. 


g* 


zeigen. So wurde Leeuwenhoek!) der Entdecker einer neuen 
Lebewelt, der Bakterien, Flagellaten, Infusorien, kurz aller jener 
mikroskopisch kleinen Lebewesen, die wir heute als Mikroorga- 
nismen zusammenfassen. Es dürfte wenige Entdeckungen geben, 
die für die Wissenschaft und die ganze Menschheit von so weit- 
tragender und grundlegender Bedeutung waren, wie diese Leistung 
des holländischen Forschers. Da nun in den Aufgüssen Leeuwen- 
hoeks Millionen von Wesen auftraten, ohne daß man vorher 
irgendwelche Keime gesehen hätte, war man nunmehr erst recht 
davon überzeugt, daß es eine Urzeugung gibt und daß die Auf- 
gußtierchen elternlos aus leblosem Stoff entstehen. 


Der anglikanische Geistliche John T. Needham trat 1745 
besonders energisch für die Urzeugung ein und stützte sich dabei 
auf folgendes Experiment. Er setzte in hermetisch verschlossenen 
Gefäßen einen Fleischaufguß oder Abkochungen verschiedener 
organischer Stoffe der Siedehitze aus und ließ sie darnach Tage 
oder Wochen hindurch stehen. Nach Eröffnung solcher Gefäße 
fanden sich trotz der vorhergehenden Erhitzung lebende Infusorien 
vor. Da nun nach Needhams Ansicht die vorhandenen Keime 
durch die Erhitzung getötet worden sein mußten und keine neuen 
in die Gefäße hineingelangt sein konnten, so schloß er auf eine 
Entstehung von Infusorien durch Urzeugung. 


Der italienische Geistliche Spalanzani bekämpfte 1765 Need- 
"hams Versuche und machte darauf aufmerksam, daß sich in einer 
durch ®/, Stunden in Siedehitze erhaltenen Infusion nur dann 
Tierchen entwickeln, wenn man Luft hinzutreten läßt, die vorher 
nicht der Grewalt des Feuers ausgesetzt war. Zu demselben Re- 
sultat kam 1836 Schwann. Gleichzeitig ergänzte Franz Schulze 
Spalanzanis Versuche. Er zeigte, daß es nicht gerade nötig sei, 
die zutretende Luft zu erhitzen, sondern daß sich dasselbe er- 
reichen läßt, wenn man die Luft durch konzentrierte Schwefel- 
säure oder Kalihydrat filtriert. Schröder und Dusch ließen die 
Luft durch eine Glasröhre streichen, die mit Baumwolle voll- 
gepfropft war, und erzielten damit denselben Effekt wie Schulze 
mit den erwähnten Flüssigkeiten. Hiermit war die wichtige Tat- 
sache festgestellt, daß in der Luft ein „Etwas“ vorhanden ist, das 
zur Entstehung von Lebewesen in den leblosen Aufgüssen den 
Anstoß gab; was aber dieses „Etwas“ ist, blieb vorläufig ein un- 


!) Antoni van Leeuwenhoek, Arcana naturae detecta, Delft 1695. 


gelöstes Rätsel. Obwohl aus diesen Versuchen mit der Baum- 
wolle zu entnehmen war, daß dieses „Etwas“ kein Gas ist, so 
zögerte man doch, diesen Schluß zu ziehen, da der Baumwoll- 
versuch nicht mit allen Nährlösungen, z. B. nicht mit der Milch 
gelang. Damit aber erscheinen die Versuche von Schulze wieder 
in Frage gestellt und eine Nachprüfung mit verschiedenen Flüssig- 
keiten ergab, daß die Nährflüssigkeiten bald von Lebewesen frei 
blieben, bald nicht, und dieser Umstand machte die Anhänger 
der Urzeugung um so siegesgewisser. 

Um dieser Ungewißheit ein Ende zu machen, stellte die Pariser 
Akademie der Wissenschaften die Preisaufgabe: „zu untersuchen 
durch wohlgelungene Experimente neues Licht auf die Frage von 
der Urzeugung zu werfen“. Diese Aufgabe wurde von dem be- 
rühmten Physiologen Pasteur durch ebenso einfache wie sinnreiche 
Experimente gelöst. In einer wahrhaft klassischen Abhandlung!) 
zeigte er, daß die atmosphärische Luft verschiedene Keime in an- 
sehnlicher Menge enthält. Er filtrierte Luft in großer Menge durch 
Schießbaumwolle, löste diese in Äther und Alkohol auf und unter- 
suchte den sich absetzenden Rückstand mikroskopisch. In diesem 
fanden sich stets Sporen vor, die von Schimmelpilzsporen nicht 
zu unterscheiden waren. Pasteur faßt die Ergebnisse seiner Ver- 
suche in folgenden zwei Punkten zusammen: 

ı. „In der Luft sind beständig organisierte Körperchen vor- 
handen, welche man nicht von den wirklichen Keimen der Organis- 
men aus den Aufgüssen unterscheiden kann. 

2. Wenn man die Körperchen und die amorphen Brocken, 
welche ihnen beigemischt sind, in gekochte Flüssigkeiten aussäet, 
welche in vorher geglühter Luft unverändert bleiben würden, wenn 
man diese Aussaat nicht vornähme, sieht man in diesen Flüssig- 
keiten genau dieselben Wesen auftreten, wie sie sich bei Zutritt 
von frischer Luft entwickeln.“ 

Das unbekannte „Etwas“ in- der Luft, das in keimfreien Nähr- 
lösungen das Aufkommen von Lebewesen ermöglichte, war nun 
aufgefunden: es waren lebende Keime von Pilzen und andere 
mikroskopische Lebewesen. 

Zur Erläuterung des Gesagten diene folgender Versuch, 
den ich in meinen Vorlesungen seit Jahren zeige. Vor etwa 


1) Pasteur, L., Die in der Atmosphäre vorhandenen organisierten Körperchen, 
Prüfung der Lehre von der Urzeugung, 1862. Übersetzt von A. Wieler, als 39. Bänd- 
chen in Ostwalds Klassikern der exakten Wissenschaften 1892 erschienen. 


zehn Jahren habe ich diese beiden Glasgefäße (Erlenmeyerkolben) 
mit einer guten Pilznährlösung zum Teile gefüllt, mit Wattepfropfen 
verschlossen und dann durch 2 Stunden gekocht. Bei diesem 
Vorgang wurden alle Keime, die in der Flüssigkeit oder an der 
inneren Oberfläche des Glases oder im Wattepfropf vorhanden 
waren, getötet. Nach dem Abkühlen der Lösung öffnete ich das 
eine Gefäß durch Abheben des Pfropfens auf ı5 Minuten und 
verschloß es hierauf wieder. Und heute nach zehn Jahren sehen 
Sie, daß die Nährlösung in dem nicht geöffneten Kolben voll- 
kommen klar geblieben ist, während sich in dem anderen Kolben 
eine ganze Decke verschiedener Kleinwesen entwickelt hat: Schim- 
melpilze, Bakterien, Sproßpilze und Infusorien. Das Offenlassen 
des Kolbens nur durch eine Viertelstunde genügte, um den in der 
Luft vorhandenen schwebenden Keimen Eintritt zu verschaffen 
und sie hier in dem günstigen Nährboden zum Ausgangspunkt einer 
reichen Lebewelt werden zu lassen. Aber dieser Versuch gelingt 
nicht immer. Nimmt man z. B. bei unserem Experiment anstatt der 
Pilznährlösung Milch, so kann es vorkommen, daß diese trotz 
ı—2stündiger Erhitzung infolge des Auftretens bestimmter Bak- 
terien gerinnt und fault.e. Aber schon Pasteur hat mit richtigem 
Blicke erkannt, daß es sich in diesem Falle um Keime handelt, 
die einer Temperatur von ı00° C längere Zeit widerstehen, daß 
aber auch hier eine Entwicklung von Lebewesen vollständig aus- 
bleibt, wofern man nicht auf 100°, sondern auf ıı0° erhitzt. Es gibt 
aber Keime, die noch widerstandsfähiger sind. Verwendet man 
bei dem eben geschilderten Versuch einen Heuaufguß, so bildet 
sich nach dem Sterilisieren bei 100° nach einiger Zeit eine Haut, 
die fast aus einer Reinkultur des Heubazillus, Dacıllus subhıls, 
besteht. Diese in der Natur ungemein häufige und ständig auf 
Heu vorkommende Bakterie bildet Dauersporen, die einer Tempe- 
ratur von 100° gut widerstehen und die weitere Entwicklung dieses 
Spaltpilzes ermöglichen. Erhitzt man aber den Heuaufguß auf 
150°, so bleibt die sterile Flüssigkeit klar und der Heubazillus 
taucht nicht mehr auf. 

So war durch Pasteurs Versuche, die im Laufe der Zeit 
vollständig bestätigt wurden, endgültig dargetan, daß sich nur 
dort Lebewesen entwickeln, wo früher ihre Keime vorhanden 
waren, und das geflügelte, in dreifacher Form ausgespröchene 
Wort: „omne vivum ex vivo“, „omne vivum ex ovo“ oder „omnis 
cellula e cellula“ war nun fest gestützt. Eine Urzeugung war also 


nicht nachzuweisen. Trotzdem behaupten heute noch viele Natur- 
forscher, daß es einmal eine Urzeugung gegeben hat und viel- 
leicht sogar heute noch gibt, und Haeckel ist der Ansicht, daß 
es einmal eine Urzeugung auf der Erde gegeben haben muß, 
weil nach der Entwicklungsgeschichte unserer Planeten einmal 
Zustände herrschten — hohe Temperaturen und Mangel an tropf- 
barem Wasser — die die Existenz lebender Substanz ausschlossen. 
Der Botaniker C. v. Nägeli verteidigte nach Pasteur gleichfalls 
die Urzeugung und spricht sich darüber folgendermaßen aus: 
„Die Entstehung des Organischen aus dem Unorganischen ist in 
erster Linie nicht eine Frage der Erfahrung und des Experiments, 
sondern eine aus dem Gesetze der Erhaltung von Kraft und Stoff 
folgende Tatsache. Wenn in der materiellen Welt alles in ursäch- 
lichem Zusammenhange steht, wenn alle Erscheinungen auf natür- 
lichem Wege vor sich gehen, so müssen auch die Organismen, 
die aus denselben Stoffen sich aufbauen und schließlich wieder 
in dieselben Stoffe zerfallen, aus denen die unorganische Natur 
besteht, in ihren Uranfängen aus unorganischen Verbindungen 
entspringen. Die Urzeugung leugnen heißt das Wunder verkünden. 
So wie die Abkühlung der früher feurig-heißen Erdoberfläche bis 
zu der das Leben gestattenden Temperatur fortgeschritten war, 
entstanden die ersten Organismen an den die nötigen Bedingungen 
enthaltenden Stellen; und auch später und jetzt noch muß Urzeu- 
gung überall stattfinden, wo die Verhältnisse die nämlichen sind 
wie in der Urzeit. Die dagegen vorgebrachten Beobachtungen 
und Versuche, welche das Nichteintreten der Urzeugung ergaben, 
beweisen nichts, da sie nur für bestimmte Annahmen gültig sind, 
für welche die Theorie selbst schon das freiwillige Entstehen als 
unmöglich behaupten muß!).“ 

Nach Nägeli darf man bei der Urzeugung nicht an Bak- 
terien und andere uns gegenwärtig bekannte Kleinlebewesen 
denken, weil die schon einen viel zu komplizierten Bau besitzen, 
sondern er meint, die durch Urzeugung entstandenen ersten Lebe- 
wesen müssen noch viel kleiner und viel einfacher gebaut gewesen 
sein als die. uns bekannten jetzt lebenden Bakterien. Diese Ur- 
wesen bestanden bloß aus einem Tröpfchen homogenen, sich aus 
Albuminaten aufbauenden Plasmas. Er nennt diese Urwesen 
Probien. 


1) C. v. Nägeli, Mechanisch-physiologische Theorie der Abstammungslehre, 
1884, S. 83. 


== 136 = 


Heute, nach der Erfindung des Ultramikroskops, das uns 
noch Teilchen von 4 Millionstel eines Millimeters erscheinen läßt, 
könnte man nach Probien suchen, aber, wie ich!) dargetan habe, 
gelang es bisher weder ultramikroskopische Lebewesen mit Sicher- 
heit aufzufinden, noch die Existenz von Probien zu erweisen. 

Man wird wohl Nägeli in dem Punkte beistimmen müssen, 
daß die uns bisher bekannten kleinsten Organismen viel zu kom- 
pliziert sind, als daß sie durch Urzeugung hätten entstehen können. 
Denn je weiter wir in der Kenntnis der Zelle fortschreiten, desto 
mehr zeigt sich, wie kompliziert dieser auf den ersten Blick so 
einfache Elementarorganismus gebaut ist. Aber die Annahme, 
daß die ersten Urwesen „aus Albuminaten ohne Beimengung von 
anderen organischen Verbindungen als den Nährstoffen“ bestehen, 
steht meiner Meinung nach auf schwachen Füßen, denn woher 
kamen die organischen Körper, aus denen sich die 
Probien bilden, und wo und wie entstand das erste 
Eiweiß und wie ward ihm die Kraft, zu assimilieren 
und zweckmäßig zu reagieren? Wir stehen da vor lauter 
Rätseln. 

Pflüger?), der gleichfalls die Urzeugung verteidigte, meint, 
daß zu einer Zeit, da die Erde oberflächlich noch hohe Tempera- 
turen aufwies, Cyan (CN), entstand und daß sich nach der Ab- 
kühlung aus diesem und Kohlenwasserstoffen durch Polymerisie- 
rung schließlich lebendes Eiweiß entwickelte. Aber so einfach 
dürfte wohl dieser Prozeß nicht zu denken sein, wenn man die 
kolossalen, auch heute trotz der großen Fortschritte der Chemie 
noch immer nicht überwundenen Schwierigkeiten, zu einer Syn- 
these des Eiweißes zu gelangen, berücksichtigt. Und wenn es 
auch dereinst dazu kommen sollte, Eiweiß im Glase zu bereiten, 
so wird dies eben totes Eiweiß sein, und vom totem zum lebenden 
Eiweiß ist noch eine weite Kluft. Überhaupt wird der- Abstand 
zwischen Lebendem und Leblosem mit fortschreitender Erkenntnis 
der Natur eher größer als kleiner und daher mag es wohl kommen, 
daß die Zahl der Anhänger einer Urzeugung in neuester Zeit 
immer mehr und mehr zusammenschrumpft. 


l) Molisch, H., Über Ultramikroorganismen. Botan. Zeitung 1908, I. Abteil., 
S. 131—139. 

?) Pflüger, Über die physiologische Verbrennung in den lebendigen Organismen. 
In Pflügers Archiv, Bd. X, 1875. 


Auch Reinket) hat sich zu wiederholten Malen sehr be- 
stimmt gegen eine spontane Entstehung des Lebens ausgesprochen 
und ist vielmehr der Ansicht, daß dasselbe durch eine kosmische 
Intelligenz geschaffen wurde. In der vom Menschen kon- 
struierten Maschine wirken nicht bloß die Energien, sondern es 
sind auch Zwecke und Absichten verwirklicht, die ein Ausfluß 
der Intelligenz, nämlich der menschlichen Vernunft sind. Da nun 
die Pflanzen und Tiere gleichfalls Maschinenstruktur haben, so 
muß, wie Reinke ausführt, auch hinter den Lebewesen eine trans- 
zendente Intelligenz, eine kosmische Vernunft verborgen sein 
und durch diese wurde nach Reinke das Leben geschaffen. 


II. Die Weltkeime. 

Aus dieser Ungewißheit glaubte man durch die Annahme 
herauszukommen, daß das Leben auf unserer Erde gar nicht ent- 
standen sei, sondern von anderen Weltkörpern durch Meteoriten 
auf unsere Erde verschleppt wurde. Schon der Franzose Sales- 
Guyon de Montliveult (1821) nahm an, daß vom Monde Samen 
auf die Erde gelangt sein sollen; aber erst Prof. Dr. H.E. Richter’) 
in Dresden gab dieser Idee eine schärfere Fassung. Durch die 
Lektüre von Flammarions Buch über die Mehrzahl der be- 
wohnten Welten kam er auf den Gedanken, daß im Weltenraume 
Keime seit Ewigkeit schweben und daß durch die auf unserer 
Erde anlangenden Trümmer fremder Weltkörper solche Keime 
auf die Erde gelangt seien. Er sprach sich 1865 darüber folgender- 
maßen aus: „Demnach halten wir auch das Dasein organischen 
Lebens im Weltreich für ewig; es hat immer bestanden und hat in 
unaufhörlicher Folge sich selbst fortgepflanzt, und zwar in organi- 
sierter Form, nicht als ein mysteriöser Urschleim, sondern in Ge- 
stalt lebender Organismen, als Zellen oder aus Zellen zusammen- 
gesetzte Individuen. Omne vivum ab aeternitate e cellula! Damit 
erledigt sich die Frage, auf welche Weise die ersten Organismen 
in die Welt gekommen seien. Da es deren immerdar irgendwo 
in der Welt gegeben hat, so fragt es sich bloß: Wie sind sie 
zuerst auf diesen oder jenen Weltkörper, nachdem er bewohnbar 
geworden, hingelangt? Und da antworten wir kühn: Aus dem 
Weltraume! .. .“ Nachdem Richter an die in der Erdatmo- 

1) Reinke, J., Die Welt als Tat. Berlin 1899, S. 284 und 297. 


?) Richter, H. E., Zur Darwinschen Lehre. In Schmidts Jahrb. d. ges. Med. 
CXXVI, 1865, CXLVIII, 1870 und CLI, 1871. 


sphäre vorhandenen Pilz- und anderen Keime erinnert hat, fährt 
er fort: „Wenn nun aber einmal mikroskopische Geschöpfe so 
hoch in der Atmosphäre der Erde schweben, so können sie ge- 
legentlich, z. B. etwa unter Attraktion vorüberfliegender Kometen 
oder Aörolithen, in den Weltraum gelangen und dann auf einem 
bewohnbar gewordenen, d.h. der gehörigen Wärme und Feuchtig- 
keit genießenden anderen Weltkörper aufgefangen, sich durch 
selbsteigene Tätigkeit weiter entwickeln. ... .“ 

Die Möglichkeit eines solchen Vorganges läßt sich nicht be- 
streiten und Männer wie Helmholtz und Lord Kelvin haben ihr 
beigestimmt. Sie hat zur Voraussetzung, daß im Weltenraume 
schwebende Keime existieren und daß es außer unserer Erde 
noch andere von Lebewesen bewohnte Welten gibt. 

Auf Grund der neueren Forschungen wissen wir, daß z.B. 
auf dem Mars die Bedingungen für Lebewesen gegeben sind. 
Dieser Planet hat eine Atmosphäre und ungefähr eine Temperatur 
von 10° C. Während des Winters sammeln sich an seinen Polen 
weiße Schneemassen, die im Frühling wieder durch Schmelzen 
verschwinden und sich in Wasser verwandeln. Bei solchen Ver- 
hältnissen ist Leben ganz gut möglich und yon vornherein ist es 
eigentlich doch höchst unwahrscheinlich, daß gerade nur unsere 
Erde, dieser kleine Punkt im Kosmos, Lebewesen tragen sollte. 
Solche Ansichten waren in der Zeit vor Kopernikus noch einiger- 
maßen begreiflich, aber nach der Widerlegung der geozentrischen 
Hypothese und in Anbetracht unserer derzeitigen Kenntnisse über 
die Natur der Planeten darf man die Annahme des Vorhanden- 
seins von Lebewesen auf anderen Weltkörpern, die wie Mars und 
Venus die Bedingungen des Lebens erfüllen, als berechtigt hin- 
stellen. 

Gegen die Richtersche Hypothese von den kosmischen Keimen 
ist eingewendet worden, daß die Meteoriten, sobald sie in den Be- 
reich der Atmosphäre der Erde gelangen, glühend-heiß werden 
und daß daher alle Keime, die sich an der Oberfläche der kleinen 
Welttrümmer befinden, zugrunde gehen müssen. In der Tat 
würde kein bekanntes Lebewesen die Temperatur einer schmel- 
zenden, glühend-heißen Meteoritenmasse aushalten, denn die oberen 
Temperaturgrenzen des Lebens sind recht eng gezogen. Saftreiche 
Pflanzenteile sterben gewöhnlich schon bei 45—50° C, einzelne 
thermophile Bakterien überdauern im Wasser Temperaturen von 
50o—80°, viele Samen können im trockenen Zustande ı Stunde auf 


100° C erhitzt werden und die Dauersporen vom Heubazillus 
widerstehen, wie wir gehört haben, kochendem Wasser. Aber 
‚bei 150° geht jedes Lebewesen, gleichgültig ob Tier oder Pflanze, 
zugrunde. Das ist die äußerste Grenze. Daher müssen alle Keime, 
die sich auf der schmelzenden Oberfläche eines Meteoriten be- 
finden, absterben. Aber man könnte sich wohl denken, daß, wenn 
der Meteorit sehr große Dimensionen hat, an der inneren Ober- 
fläche von Spalten und Hohlräumen eventuell vorhandene Keime 
ganz gut die Reise bis zur starren Erdrinde unversehrt überstehen, 
nach der Zertrümmerung auf der Erde frei werden und so die 
Erde besiedeln könnten. Aber wenn dem wirklich so wäre, so 
ist die Frage nach der Entstehung des Lebens nicht gelöst, sie 
scheint nur verschoben, denn wir müssen dann weiter fragen: Wie 
ist das Leben auf dem Mars, der Venus oder einem anderen Welt- 
körper entstanden? 

Preyer stellte sich sowohl in Gegensatz zur Hypothese der 
Urzeugung als zu der der kosmischen Keime und vertritt die 
paradoxe, phantastische Ansicht: „Das Leben ist nicht aus dem 
Unorganischen hervorgegangen, sondern umgekehrt das Unorga- 
nische durch Ausscheidung aus dem Lebenden.“ Er meint, indem 
er den Begriff des Lebens ganz verschiebt, das Feuer als etwas 
Lebendes und den feurig-flüssigen Erdball als einen riesigen Orga- 
nismus auffaßt, daß die anfangslose Bewegung im Weltall Leben 
ist, daß „das Protoplasma notwendig übrig bleiben mußte, 
nachdem durch die intensivere Lebenstätigkeit des glühenden Pla- 
neten an seiner sich abkühlenden Oberfläche die jetzt als an- 
organisch bezeichneten Körper ausgeschieden worden waren, ohne 
daß sie wegen fortschreitender Temperaturabnahme der Erdhülle 
in die nach und nach auch an Masse abnehmenden heißen Flüssig- 
keiten wieder eintreten konnten!).“ Ich glaube nicht, daß ich bei 
dieser Hypothese, die kaum mehr als geschichtliches Interesse be- 
ansprucht, noch weiter verweilen soll. 


II. Die Ewigkeit des Lebens. 

Die Bemühungen, die Entstehung des Lebens zu erklären, 
sind bisher insgesamt gescheitert und das ist der Grund, warum 
man heute vielfach annimmt, das Leben sei gar nicht ent- 
standen, sondern sei von Ewigkeit vorhanden gewesen wie die 


I) Preyer, W., Naturwissenschaftliche Tatsachen und Probleme. Populäre Vor- 
träge, Berlin 1880, S. 60. 


Materie überhaupt. Schon H. E. Richter verknüpfte mit seiner 
Hypothese die Annahme, daß die.Existenz von lebenden Zellen 
im Kosmos eine ewige sei. Und Helmholtz stellte die Alter- 
native: „Organisches Leben hat entweder zu irgendeiner Zeit an- 
gefangen zu bestehen oder, es besteht von Ewigkeit.“ 

Gegen die Lehre von der Ewigkeit des Lebens hat sich 
Verworn in seinem ausgezeichneten Buche „Allgemeine Physio- 
logie“!) ausgesprochen, indem er bemerkt: „Eine allgemeine Be- 
trachtung, die man über die Abstammung der lebendigen Sub- 
stanz, vor allem des Eiweißes anstellt, muß daher mit derselben 
Berechtigung in ihren prinzipiellen Gesichtspunkten auch auf die 
unorganischen Verbindungen, wie etwa die Mineralien, den Feld- 
spat, den Quarz usw., angewendet werden können.“ — Wenn 
man die Ewigkeit der lebenden Substanz annimmt, so müßte man 
nach Verworn folgerichtig dasselbe auch von den unorganischen 
Verbindungen, dem Quarz, dem Feldspat und anderen Mineralien 
voraussetzen. Und alle diese Verbindungen müßten als solche 
schon fertig aus dem Kosmos auf die Erde gekommen sein. 
Meiner Meinung nach liegt aber die Sache hier doch anders, denn 
lebende Substanz zu erzeugen oder spontane Entstehung von 
Lebendem zu beobachten, ist bisher niemandem gelungen, 
während die künstliche Erzeugung gewisser Mineralien heute 
schon eine erfolgreich überwundene Aufgabe erscheint. Man kann 
sich also ganz gut vorstellen, wie Mineralien aus einfachen Ver- 
bindungen entstehen, ein Gleiches kann man aber von der leben- 
den Substanz nicht sagen. 

Arrhenius?) hat die Lehre von den kosmischen Keimen 
unter gleichzeitiger Annahme der Ewigkeit des Lebens in neuester 
Zeit in origineller Weise weiter ausgebaut. Nach dem genannten 
schwedischen Forscher irren Lebenssamen in den Räumen des 
Weltalls umher, treffen die Planeten und besiedeln sie,”,wenn es 
hier Bedingungen des Lebens gibt. Im Gegensatz zu Richter und 
Lord Kelvin nimmt er aber nicht an, daß das Leben durch Meteo- 
riten auf die Erde gelangt sei oder gelange, sondern er glaubt, 
daß die überaus kleinen Lebenskeime, die etwa so klein gedacht 
werden können wie unsere kleinsten Bakterien, im ganzen Welten- 
raum schwebend umherirren, durch den Strahlungsdruck der Sonne 

!) Verworn, M., Allgemeine Physiologie, 2. Aufl. 1897, S. 312. 

2) Arrhenius, S., Das Werden der Welten. Leipzig 1908. Derselbe: Die 
Vorstellung vom Weltgebäude im Wandel der Zeiten. ı19II, S. 191. 


in den Weltenraum hinausgetrieben werden und dadurch zufällig 
auf Weltkörper, z. B. unsere Erde, gelangen. 

Das Licht übt einen Druck aus und obwohl er außerordent- 
lich klein ist, ist er doch durch Versuche von Lebedew gemessen 
worden. Körperchen, die einen Durchmesser von 0:-00016 mm 
haben, können vom Strahlungsdruck viel stärker beeinflußt werden 
als von der Schwerkraft und da die kleinsten bekannten Lebewesen 
etwa dieser Größe gleichkommen, so könnten diese winzigen 
Weltkeime von dem Strahlungsdruck tatsächlich bewegt werden. 
„Wenn also die Sporen der kleinsten Organismen der Erde von 
dieser loskommen könnten, so würden sie sich nach allen Seiten 
verbreiten und das ganze Universum würde sozusagen mit ihnen 
besäet werden.“ Wie aber kommen sie los und wie wird die 
Schwerkraft überwunden? Zunächst kommen sie durch die Luft- 
strömungen leicht bis an die äußersten Grenzen der Atmosphäre, 
also bis etwa ıoo km Höhe. Um nun die Keime über die At- 
mosphäre in den Weltenraum hineinzubringen, zieht Arrhenius 
elektrische Kräfte herbei. In ıoo km Höhe treten die strahlenden 
Erscheinungen des Nordlichtes auf, die auf der Entladung großer 
Mengen negativ elektrisch geladenen, von der Sonne kommenden 
Staubes beruhen. Nimmt nun ein Keim bei der elektrischen Ent- 
ladung negative Elektrizität aus dem Sonnenstaub auf, so kann 
er durch die Elektrizität der Staubpartikelchen in das Äthermeer 
gestoßen und vom Strahlungsdruck weiter getrieben werden. „Es 
ist also wahrscheinlich, daß Samen der niedrigsten uns bekannten 
Organismen fortwährend von der Erde und anderen von ihnen 
bewohnten Planeten in den Raum hinausgestreut werden. So wie 
Samen im allgemeinen, so gehen die weitaus meisten hinausge- 
förderten Sporen dem Tode entgegen im kalten, unendlichen Welt- 
raum; aber eine kleine Anzahl fällt auf andere Himmelskörper 
nieder und ist imstande, dort Leben zu verbreiten, wenn sich 
günstige äußere Bedingungen finden. In vielen Fällen trifft das 
nicht zu, manchmal dagegen fallen sie auf. guten Boden. Und 
wenn es eine oder mehrere Millionen Jahre dauern sollte, von 
dem Zeitpunkt an, da ein Planet anfangen kann, Leben zu tragen, 
bis zu dem Augenblick, da der erste Samen auf ihn fällt und 
aufsprießt, um ihn für das organische Leben in Besitz zu nehmen 
so bedeutet das wenig im Vergleich mit dem Zeitraum, während 
dessen das Leben auf dem Planeten dann in voller Blüte steht“). 

Se Arrbenins, S., |. ce. S.209% 


Der Umstand, daß der Weltenraum weder Feuchtigkeit noch 
Luft enthält und eine auffallend niedere Temperatur (— 220° C) 
besitzt, widerspricht nicht der Annahme von Arrhenius, denn 
es ist bekannt, daß Bakterien verschiedener Art so niedere Tem- 
peraturen, wie sie im Weltenraum herrschen, und auch eine so 
große Trockenheit ertragen. Aber ein Bedenken besteht doch. 
Becquerel!) machte auf die abtötende Kraft des ultravioletten 
Lichtes gegenüber Mikroorganismen aufmerksam. Es ist bekannt, 
daß man mittels ultravioletten Lichtes die im Wasser oder in der 
Milch vorhandenen Mikroorganismen in kurzer Zeit töten und 
diese Flüssigkeit steril machen kann. Nun existiert außerhalb 
unserer Atmosphäre im Weltenraum ein an ultravioletten Strahlen 
sehr reiches Licht und es entsteht die Frage, ob die kosmischen 
Keime hiedureh nicht getötet werden. Becquerel untersuchte 
nun die Wirkung des ultravioletten Lichtes einer Heraeuslampe auf 
Bakterien, Hefen und Schimmelpilzsporen im trockenen Vakuum 
und bei tiefen Temperaturen, also unter Bedingungen, wie sie sich 
im Weltenraum vorfinden, und fand, daß all die genannten Keime 
in längstens 6 Stunden getötet wurden. Er glaubt, damit der 
Hypothese von dem kosmischen Ursprung des Lebens den Boden 
entzogen zu haben. Bevor man jedoch diesen Schluß zieht, wird 
man doch erwägen müssen, ob nicht vielleicht die im Weltenraum 
schwebenden Keime, die wir ja vorläufig noch nicht kennen, der 
ultravioletten Strahlung angepaßt und ihr gegenüber besonders 
widerstandsfähig sind, denn Unterschiede sind ja in dieser Hin- 
sicht denkbar. Ich erinnere nur, daß die Bakterien sehr licht- 
empfindlich sind, daß aber die Purpurbakterien?) im direkten 
Sonnenlichte gedeihen und in der Natur im Gegensatz zu den 
meisten anderen Spaltpilzen auf das Sonnenlicht angewiesen sind. 


So hat sich der nach Aufdeckung der Naturgeheimnisse 
ringende Menschengeist bisher vergeblich bemüht, den Schleier vom 
Rätsel des Ursprungs des Lebens zu lüften. Alle die geäußerten 
Möglichkeiten: das Leben sei durch eine höhere Intelligenz geschaffen 
worden oder durch Urzeugung entstanden oder sei überhaupt nicht 
entstanden, sondern sei von Ewigkeit gewesen, lassen sich weder 


!) Becquerel, P., Die abiotische Wirkung des Ultravioletts und die Hypothese 
vom kosmischen Ursprung des Lebens. Comptes rendus 1910, S. 80—88. 

2) Molisch, H., Die Purpurbakterien usw. Jena 1907. Es wäre wünschens- 
wert, wenn Becquerels Versuche auch mit Purpurbakterien durchgeführt würden. 


bestimmt beweisen, noch widerlegen. Daher fühlen sich manche 
Naturforscher wie z. B. Wiesner!) bestimmt, die Frage nach der 
Herkunft des Lebens „als derzeit indiskutabel möglichst beiseite 
zu lassen und das Lebende gleich dem Leblosen als etwas Ge- 
gebenes zu betrachten, über dessen Anfang und Ende wir uns noch 
kein Urteil bilden können“. ; 

Ich habe mich bemüht, die Geschichte unseres Problems nicht 
etwa von einem Parteistandpunkt, sondern so objektiv als möglich 
darzustellen, und komme zu dem Ergebnis, daß die Frage nach 
dem Ursprung des Lebens derzeit unlösbar ist und vielleicht immer 
bleiben wird. Wir stehen vor einem Welträtsel. Ebenso wie wir 
heute darüber keine Sicherheit haben, worin das Wesen der Materie 
und Kraft besteht, wo der Ursprung der Bewegung lag, wie die 
Zweckmäßigkeit in der Welt der Lebewesen, die Sinnesempfindung, 
vernünftiges Denken und der Ursprung der Sprache zu erklären 
ist oder ob es eine Willensfreiheit gibt?), so bleibt auch der Schleier 
von dem Rätsel des Lebensursprunges ungelüftett.e. Und indem 
ich exakte Naturforschung und Naturphilosophie im Hinblick auf 
Schillers geflügelte Worte scheide: 


„Feindschaft sei zwischen Euch! Noch kommt das Bündnis zu frühe; 
Wenn Ihr im Suchen Euch trennt, wird erst die Wahrheit erkannt‘, 


kann ich vom Standpunkt des exakten Naturforschers auf die 
Frage nach dem Ursprung des Lebens nur antworten: „Ich 
weiß es nicht“ und von dem des Philosophen: „Vielleicht ist das 
Leben ewig.“ 


t) Wiesner, J., Die Elementarstruktur und das Wachstum der lebenden Substanz, 
1892, S.277. Vgl. ferner dessen Rektoratsrede in Wiesner, Natur— Geist— Technik, 
Leipzig 1910, S. 133. 

2) Du Bois-Reymond, E., Die sieben Welträtsel, 1880. 


IX 


Das Radium und die Pflanze’). 


I. Einleitung. 

Die Entdeckung des Radiums durch das Ehepaar Curie be- 
deutet einen Markstein in der Entwicklung der Naturwissenschaft. 
Nicht bloß in der Geschichte der Chemie und Physik, sondern 
der Naturwissenschaften überhaupt. Die Eigenschaften dieses 
Elements und seiner Verbindungen sind so auffallend, um nicht 
zu sagen wunderbar, daß sie das Staunen selbst des ruhigsten 
Naturforschers hervorrufen müssen. Das Radium sendet beständig 
unsichtbare Strahlen aus, die undurchsichtige Körper von erheb- 
licher Dicke durchdringen, nach Art der Röntgenstrahlen auf die 
photographische Platte wirken, einen Zinkblendeschirm und viele 
andere Körper im Finstern zum Leuchten bringen und die Luft 
so stark für Elektrizität leitfähig machen (ionisieren), daß man 
darauf eine der feinsten Messungsmethoden für Radiumstrahlen 
begründet hat. Körper, die solche Eigenschaften besitzen, heißen 
radioaktiv?). Es sind deren schon mehrere bekannt: das Uran, 
Radium, Polonium, Aktinium und das Thor. Obwohl diese Körper 
beständig Strahlen in Form materieller Teilchen aussenden, läßt 
sich kein Gewichtsverlust feststellen. Und was besonders be- 
merkenswert ist: das Radium entwickelt beständig Energie. Alle 
Radiumpräparate leuchten ununterbrochen, erzeugen Elektrizität 
und fortwährend so bedeutende Mengen Wärme, daß die Tem- 
peratur des Präparates die Umgebung um einige Grade über- 
treffen kann. Ein Gramm Radium gibt pro Stunde ıoo Gramm- 
kalorien Wärme ab, also eine Wärmemenge, die einen Deziliter 


!) Vortrag, gehalten am ıı. Dezember 1912 im Vereine zur Verbreitung natur- 
wissenschaftlicher Kenntnisse in Wien. Im Verlage dieses Vereines IQI3 zuerst er- 
schienen. 


2) Gruner, P., Kurzes Lehrbuch der Radioaktivität. 2. Aufl., Bern ıg11. 


Wasser um ı° C zu erwärmen vermag. Damit sind aber die 
merkwürdigen Eigenschaften des Radiums noch nicht erschöpft. 
Eine der auffallendsten ist wohl die, daß in der nächsten Um- 
gebung des Radiums alle Gegenstände radioaktiv werden oder 
sogenannte induzierte Radioaktivität annehmen. Bringt man 
in ein geschlossenes Glasgefäß eine Radiumlösung und verschiedene 
Gegenstände, Papier, Holz, eine Pflanze oder ein Tier, so werden 
alle diese Objekte radioaktiv, aber nur vorübergehend, nicht 
dauernd. Wie ein Pendel, in Schwingung versetzt, nach und nach 
wieder zur Ruhe kommt, so verlieren auch die genannten Körper 
nach einiger Zeit ihre Radioaktivität. Die Ursache dieser indu- 
zierten Radioaktivität ist ein Gas — Emanation genannt — das 
sich in sehr geringen Mengen beständig entwickelt, sich langsam 
ausbreitet und dann wieder verschwindet. 

Bis vor kurzem galt es als selbstverständlich, daß ein Element 
nicht in ein anderes überzugehen vermag. Aber Rutherford 
und Soddy wagten, um die Erscheinungen der Radioaktivität zu 
erklären, die kühne Hypothese, daß dies für die radioaktiven 
Elemente nicht gilt. “Sie haben alle ein sehr hohes Atomgewicht, 
Uran 238.5, Radium 225.97 und Thor 232-4. Ein derartiges 
Atom kann aufgefaßt werden als eine Ansammlung einer Unzahl 
kleiner Korpuskeln (Teilchen), die zwar künstlich nicht von einander 
getrennt werden können, die aber von selbst zerfallen. Bei diesem 
Zerfall, der mit Explosionskraft von statten geht, entsteht Licht, 
Wärme, Elektrizität; Elektronen werden ausgeschleudert, Emana- 
tion wird gebildet, kurz alle Erscheinungen der Radioaktivität 
treten zutage. So geht das Radiumatom unter Aussendung 
körperlicher Strahlungen und Erzeugung neuer Energien einer 
neuen Gleichgewichtslage entgegen und wandelt sich dabei in 
andere Elemente um: in Emanation, Helium, dann in einen festen 
Körper, in die sogenannte induzierte Aktivität, dann in andere 
Elemente, bis der Zerfallsprozeß mit einem stabilen Gleichgewichts- 
zustand, d. h. mit einem beständigen Element, vielleicht mit Blei, 
abschließt. 

Die vom Radium ausgehenden Strahlen sind von dreierlei 
Art: a-, f- und y-Strahlen. Durch ein senkrecht zu einem Strahlen- 
bündel wirkendes Magnetfeld werden die verschiedenen Strahlen 
in verschiedener Weise abgelenkt, die a-Strahlen relativ wenig, 
die $-Strahlen sehr stark und die y-Strahlen gar nicht. Das Durch- 


dringungsvermögen der a-, #- und y-Strahlen z. B. durch Aluminium 
Molisch, Populäre biologische Vorträge. 2. Aufl. 10 


verhält sich ungefähr wie 1:100: 10.000 und ihr Ionisierungsver- 
mögen wie 10.000:100:1 

Die a-Strahlen machen etwa °/,, der gesamten Strahlung 
aus. Sie setzen sich aus elektrisch geladenen Teilchen zusammen, 
die mit ungeheurer Geschwindigkeit vom Radium fortgeschleudert 
werden und die, wenn sie ihre positive Ladung abgegeben haben, 
Atome des Heliums sind. Ihre Geschwindigkeit beträgt 1/,,—!/ao 
der Lichtgeschwindigkeit. Sie werden sehr leicht absorbiert. 

Die 5-Strahlen bestehen aus negativ geladenen Teilchen, 
die eine dem Lichte etwa gleiche Geschwindigkeit besitzen. Sie 
haben ein großes Durchdringungsvermögen. 

Die y-Strahlen ähneln den Röntgenstrahlen und haben ein 
noch größeres Durchdringungsvermögen als die £-Strahlen. 

Experimentiert man mit in Glasröhrchen eingeschlossenen 
Radiumpräparaten, so kommen fast nur f- und y-Strahlen zur 
Wirkung, da die a-Strahlen das Glas fast nicht und die Emanation 
das Glas gar nicht zu durchdringen vermögen. 

Nach dieser orientierenden Einleitung wollen wir uns mit 
der Frage beschäftigen, ob denn das Radium, dieser in physika- 
lischer und chemischer Beziehung so merkwürdige Körper, nicht 
auch auf die Pflanze eine besondere Einwirkung ausübt. 


II. Bakterien und Schimmelpilze. 

Über den Einfluß der Radiumstrahlen auf niedere Pilze 
liegen bereits von verschiedenen Forschern (Aschkinass, Caspari, 
Hoffmann, Pfeiffer, Friedberger, Goldberg, Dixon, Wig- 
ham, Danysz, Dorn, Baumann, Valentiner, Bouchard, 
Balthazard, Omeliansky, Körnicke u. a.) Untersuchungen 
vor!). 

Die Entwicklung der Bakterien wird im allgemeinen durch 
die Radiumstrahlung gehemmt oder gar zum Stillstand gebracht. 
Je stärker das Präparat und je länger die Strahlungsdäuer, desto 
stärker die Wirkung, Der schädigende Einfluß läßt sich be- 
sonders schön bei Farbstoff- und Leuchtbakterien demonstrieren. 
Körnicke?) konnte zeigen, daß, wenn ein Radiumröhrchen aus 

!) London, E.S., Das Radium in der Biologie und Medizin. Leipzig IQII, 
Akad. Verlagsgesellschaft. Löwenthal, S., Grundriß der Radiumtherapie und der 
biologischen Radiumforschung. Wiesbaden 1912. 

2) Körnicke, M., Über die Wirkung von Röntgen- und ae auf 
den pflanzlichen Organismus. Ber, d. deutsch. bot. Ges. 1904. Fortsetzung davon ebenda 
1905, S. 324 und 404. 


Glas an seiner Oberfläche mit einer Gelatineschicht überzogen wurde, 
die mit Leuchtbakterien geimpft war, sich bei aufrechter Stellung 
im feuchten Raume die Leuchtbakterien zwar überall entwickelten, 
daß aber nach 2!/, Tagen das Leuchten unten an der Ansamm- 
lungsstelle des Radiums abnahm und am 3.Tage hier vollständig 
erlosch. Die erloschenen Bakterien blieben aber lebensfähig, denn 
als sie wieder unter normale Verhältnisse, auf frische Nährgelatine 
gebracht wurden, wuchsen und leuchteten sie weiter. 

Ähnlich wie Bakterien verhalten sich auch Schimmelpilze. 
Man beachte folgendes Experiment Körnickes. In eine kleine 
Kristallisierschale, die 2 cm hoch mit einer guten Pilznährlösung 
beschickt ist, werden die Sporen des Schimmelpilzes Aspergrllus 
nıger möglichst gleichmäßig ausgesät und knapp über der Ober- 
fläche wird ein Radiumröhrchen (5 mg Ra Br,) so befestigt, daß 
die darunterliegenden Sporen von der Strahlung getroffen werden. 
Nach 2-tägiger Kultur im Finstern hatte sich bei einer Temperatur 
von 28° C überall reichlich Myzel gebildet, nur unter dem Röhrchen 
unterblieb die Pilzentwicklung, weil die Strahlen die Keimung 
der Sporen verhinderten. . Auch nach 33 Tagen hatte sich der 
Pilz hier nicht entwickelt. . 

Als Dauphin den Schimmelpilz Mortierella, Mucor u. a. 
Radiumstrahlen aussetzte, wurde das Wachstum unterbrochen und 
die Sporenbildung verhindert. :Unter normalen Verhältnissen ent- 
wickelten sich die bestrahlten Pilze wieder weiter. 


III. Keimung der Samen. 

Läßt man Samen im gequollenen oder ungequollenen Zu- 
stande mit Radium bestrahlen, so tritt in der Regel eine Wachs- 
tumshemmung ein. Als Körnicke!) Samen von der Saubohne, 
Vicıa faba mit einem Röhrchen, das ein Radiumsalzgemisch von 
0-75 g mit etwa 4% Radium-Baryum-Chlorid enthielt, bestrahlte, 
keimten die Samen, unter günstige Wachstumsbedin gungen gebracht, 
bald. Aber schon nach 3 Tagen stellten die Wurzeln ihr Wachs- 
tum ein. Auch schon eine einstündige Bestrahlung mit 53 mg 
eines in ein Glasröhrchen eingeschlossenen Radiumbromidpräparates 
reichte aus, um später Wachstumsstillstand bei den Keimlingen 
herbeizuführen. Die Hauptwurzeln. solcher Pflanzen blieben im 
Wachstum entweder stecken oder sie nahmen später das Wachs- 


2, Körnicke,’M...2,220: 
10% 


tum wieder auf und entwickelten Seitenwurzeln. Die Spitze der 
Sprosse, der Vegetationskegel wuchs nicht mehr weiter und an 
seiner Stelle entwickelten sich in den Achseln der Keimblätter 
kräftige Seitensprosse. 

Während sich die Saubohne sehr empfindlich erwies, ver- 
hielten sich die Samen von Drassica Napus sowohl gegen Röntgen- 
wie gegen Radiumstrahlen sehr wenig beeinflußbar. Selbst eine 
3-tägige Bestrahlung mit ıo mg Radiumbromid wirkte auf die 
Keimung und die Weiterentwicklung nicht störend ein. Doch 
ließen gequollene Samen, als sie mit derselben Radiummenge be- 
strahlt wurden, eine Beschleunigung bei der Keimung, verglichen 
mit den Kontrollsamen, erkennen. Man könnte daran denken, 
daß die große Widerstandskraft der Drassica-Samen vielleicht in 
der derben Samenschale ihren Grund hat, daß sie die Strahlen 
verschluckt und sie in die tieferen Teile des Samens gar nicht 
eindringen läßt. Das ist aber nicht der Fall, da auch teilweise 
geschälte Samen sich ebenso verhielten. Ganz gefeit gegen die 
Radiumstrahlen sind auch die Drassıca-Samen nicht; denn wenn 
sie genügend lange, etwa ıo Tage im trockenen Zustande dem 
Radium (10 mg) ausgesetzt werden, tritt auch hier Keimungsver- 
spätung und schlechte Entwicklung ein. 

Sehr anschaulich gestalteten sich analoge Versuche des ameri- 
kanischen Botanikers Gager!). Auch er erzielte bei Keimlingen 
der Lupine, des Hafers und des Thimothegrases eine Hemmung, 
unter gewissen Bedingungen aber eine Beschleunigung der Ent- 
wicklung. Das letztere traf ein, als in der Mitte eines mit Hafer- 
früchten besäten Blumentopfes ein Glasröhrchen mit Radium 
(1*500,000 Aktivität) 5 mm tief in den Boden eingesteckt wurde. 
Die Samen in diesem Topfe keimten viel früher und die Keim- 
linge wuchsen rascher. Sie standen in drei konzentrischen Reihen 
im Topfe. Die in dem äußersten Kreise waren nach,einer be- 
stimmten Zeit um 5o mm, die in dem mittleren um 46 mm und 
die dem Röhrchen zunächststehenden Keimlinge um 42 mm größer 
als die entsprechenden des Kontrollversuchs. 

Die wachstumshemmende Einwirkung des Radiums auf 
Keimlinge der Saatwicke (Vrera satıwa) veranschaulicht der 
folgende Versuch, den ich gelegentlich angestellt habe. In einer 
mit Erde gefüllten Glaswanne wurden ganz junge Wickenkeim- 


') Gager, C. S., Some physiological effects of radium rays.. The American 
Naturalist 1908. vol. XLII, Nr. 504. 


linge in einer geraden Linie gepflanzt und, nachdem sie eine 
Höhe von ı—2 cm erreicht hatten, wurde das Röhrchen (46-2 mg 
reines Radiumchlorid) in der Mitte der Reihe parallel zu ihr in 
einer Entfernung von !/, cm in etwa Knospenhöhe aufgestellt. 
Das Ganze wurde noch mit einem Zinksturz bedeckt. 4 Tage 
später waren die in nächster Nähe des Röhrchens stehenden Keim- 
linge nur wenig gewachsen, die außer dem Bereiche des Röhrchens 
stehenden aber gut, und zwar um so besser, je weiter sie dem 
Röhrchen entrückt waren. (Fig. 21.) 


IV. Die Emanation. 


Wie bereits bemerkt wurde, entwickeln alle Radiumpräparate 
fort und fort ein farbloses, chemisch völlig indifferentes Gas, die 


Fig. 21. Wickenkeimlinge /(Vicia sativa) unter dem Einfluß eines Glasröhrchens 
mit Radium. Die dem Röhrchen zunächststehenden Keimlinge erscheinen im Wachstum 
außerordentlich gehemmt. 


Emanation, die schon in 3,86 Tagen auf die Hälfte ihres Anfangs- 
wertes zerfällt. Bei dem Zerfall sendet die Emanation nur «a-Strahlen 
aus und verwandelt sich in verschiedene andere Elemente, genannt 
Radium A, Radium B und Radium C, die die sogenannte induzierte 
Radioaktivität oder den aktiven Niederschlag bilden. Die Emanation 
ist, wenn auch nur in Spuren, in der Natur allgemein, im Boden, 
in der Luft, in Thermalwässern und auch sonst verbreitet. Es‘ 
erscheint daher von Interesse, zu prüfen, welchen Einfluß die 
Emanation auf die Pflanze ausübt. Es war, da es sich bei der 
Emanation um die sehr wirksamen a-Strahlen handelt, von vorn- 
herein sehr wahrscheinlich, daß die Wirkung eine sehr bedeutende 


sein dürfte. In der Tat konnte Jansen!) zeigen, daß eine Ober- 
flächenkultur der roten Farbstoffbakterie Dacıllus prodıgrosus 
durch eine Emanation von etwa 400 Macheeinheiten pro ı ccm 
getötet wird. Auch wird die Ausbildung des Farbstoffes sehr 
gehemmt, oftsin solchem Grade, daß man ganz farblose Kulturen 
erhält. Bringt man jedoch solche Bakterien wieder unter normale 
Verhältnisse, so kehrt die Farbstoffbildung wieder zurück. Über 
die Beeinflussung der höheren Pflanze durch die Emanation habe 
ich selbst?) eine Reihe von Versuchen durchgeführt, denen ich 


Fig. 22. Versuchsanstellung mit Emanation. Das Glasgefäß (links) enthält die 
Radiumlösung, die die Emanation erzeugt. -Aus diesem wird die Emanation durch ein 
Gebläse in das Versuchsgefäß (rechts) geschafft. 


folgendes entnehme. Zunächst einige Worte über die*Yersuchs- 
anstellung, die aus der Fig. 22 zu ersehen ist. 


Das Gefäß links enthält die Radiumlösung, die die Emanation 
erzeugt. Durch den Druck auf eine Kautschukbirne wird die 
Emanation in das Grefäß rechts geblasen, das als Versuchsraum, 
als Emanatorium dient. Alle 24 oder 48 Stunden wurde das 


!) Jansen, H., Untersuchungen über die bakterizide Wirkung der Radium- 
emanation usw. Ztschr. f. Hygiene usw., 19Io, Bd. 67, S. 135. 

®2) Molisch, H., Über den Einfluß der Radiumemanation auf die höhere Pflanze. 
Sitzungsber. d. kais. Akad. d. Wissensch. in Wien, 1912, Bd. CXXI, Abt. I, S. 833. 


a a! en —— 


Emanatorium wieder mit Emanation versehen. Es enthielt etwa 
1,84 oder 3,45 Millicurie Emanation. Sie wird im folgenden als 
starke Emanation bezeichnet werden. Ich arbeitete auch mit einer 
mittelstarken (0,0009 Millicurie) und einer schwachen (0,00012 Milli- 
curie) Emanation. Für den Kontrollversuch diente ein vollkommen 
gleicher Apparat, der aber keine Emanation enthielt. 


a) Keimlinge. 
Die mit Keimlingen verschiedener Art durchgeführten Ver- 
suche lehren zunächst, daß die Radiumemanation von einer ge- 


Fig. 23. Phaseolus multiflorus, Feuerbohne. Links Kontrollexemplar, rechts nach 
8. 23 P 
Einwirkung starker Emanation. Diese hemmt die Entwicklung. 


wissen Konzentration an auf wachsende Pflanzen einen schädigenden 
Einfluß ausübt. Die Keimlinge bleiben, gleichgültig, ob ihre Samen 
oder sie selbst der Emanation ausgesetzt waren, im Wachstum auf- 
fallend zurück oder hören ganz zu wachsen auf oder gehen nach 
einiger Zeit zugrunde. 

Die Schädigung ist meistens eine dauernde. Während Pflanzen, 
in anderer Weise geschädigt, z. B. durch längeren Aufenthalt in 


_— 152 _— 


einer mit Tabakrauch oder Leuchtgas verunreinigten Luft, wieder 
normal werden, wenn sie in reine Luft gebracht werden, ist dies 
bei den Emanationspflanzen meist nicht der Fall. Es tritt hier 
eine physiologische Nachwirkung ein, der zugefügte Insult wirkt 
weiter. Besonders ist es der Vegetationspunkt, der in Mitleiden- 
schaft gezogen wird. Dies läßt sich an verschiedenen Keimlingen 
beobachten. Bei denen von Zichorie (Czchorium intybus), der 
Sonnenrose (Helianthus annuus), Kürbis (Cucurbrta pepo), der 
Rübe (Beta vulgarıs) u.a. tritt nach der Einwirkung der Emanation 
oft noch gutes Wachstum der Keimblätter ein, allein die End- 
knospe bleibt sitzen und entwickelt sich nicht oder nur sehr langsam 


Fig. 24. Pisum sativum, Erbsenkeimlinge. Links Kontrollexemplare, rechts nach 
Einwirkung starker Emanation. Diese hemmt die Entwicklung. 


weiter. Ähnliches gilt von der Wurzel und ihrer Vegetationsspitze. 
Keimlinge, die unter dem Einfluß der Emanation stehen oder 
standen, zeigen noch andere Eigentümlichkeiten: sie str&cken ihre 
Spitze früher gerade als normale, sie ergrünen langsamer und 
bilden weniger Anthokyan. Manche, wie Roggen (Secale cereale) 
und Hafer (Avena satıva), scheiden an ihrer Spitze eine weiße 
kristallinische Masse aus. Zur Erläuterung sollen einige Versuche 
mitgeteilt werden. 


Feuerbohne (Phaseolus multıflorus). 


Zwei Blumentöpfe wurden mit Samen beschickt und als die 
Keimlinge den Boden eben zu durchbrechen begannen, wurden 


sie der starken Emanation durch 4 Tage im Finstern bei einer 
Temperatur von 20—22° C unterworfen. Die Pflanzen in der 
Emanationsluft waren im Wachstum bedeutend gehemmt, ihre 
unter normalen Verhältnissen nach abwärts gekrüämmte Knospen- 
spitze war fast schon ganz gerade gestreckt und die Ausbildung des 
roten und gelben Farbstoffes war behindert.” Die Stengellänge 
betrug bei den normalen Keimlingen nach 4 tätiger Versuchsdauer 
durchschnittlich 15 cm und bei den Emanationskeimlingen 7 cm 
(s. Fig. 23). Nach 24 Stunden ergrünten im Warmhaus die Blätter 
der normalen Pflanzen, während die Emanationspflanzen selbst 
nach 48 Stunden noch wenig Blattgrün gebildet hatten und daher 
bleichgrün waren. Sie wuchsen fast gar nicht weiter. 


Erbse (Prisum sativum). 

Alles wie vorher. Beginn des Versuches am 20. November ıg1r1. 
Einwirkung der starken Emanation durch 4 Tage. 

Auch hier war der Längenunterschied der Stengel in den 
beiden Kulturen sehr groß. Er verhielt sich nach 4 Tagen wie 
10:3. Die Emanation hemmt das Wachstum der Stengel und 
Wurzeln, die Bildung des gelben Farbstoffes und begünstigt die 
Geradstreckung der Endknospe. (Fig. 24.) 


Die Emanation muß aber nicht immer hemmend oder gar 
tötend auf die Pflanze einwirken, sie kann auch, wenn sie in ge- 
ringen Mengen geboten wird, eine Förderung der Entwicklung 
hervorrufen. Das war bei den Keimlingen von Maithrola ıincana 
(Sommerlevkoje), Cucurbita pepo (Kürbis) und Zelanthus annuus 
(Sonnenrose) der Fall, bei den beiden letzteren, wenn die Ema- 
nation auf den Samen und nicht erst auf den Keimling wirkte. 
Es stellt sich eine gewisse Analogie mit Giften heraus. So wie 
diese in Spuren fördernd auf gewisse Prozesse einwirken, in grö- 
ßerer Menge hemmend oder gar tötend, so auch die Emanation. 
Zur Veranschaulichung des Gesagten mögen folgende Versuche 
dienen.‘ 

Kürbis (Cucurbita pepo). 

Am og. April ı9r2 wurden Kürbissamen. in 3 Blumentöpfe 
(I, II, III) ausgesät .und dann bei einer Temperatur von 17° im 
Finstern der Emanation ausgeseszt. 

I: Kontrollpflanzen, 
II: schwache Emanation durch 5 Tage, 
III: starke Emanation durch 5 Tage. 


Am 26. April kamen die Keimblätter bei I und II aus der 
Erde hervor. Die Hälfte der Keimlinge jeder Versuchsreihe blieb 
im Topfe und wurde an einem Südfenster aufgestellt. Die andere 
Hälfte wurde ins freie Land verpflanzt. 


Fig. 25. Cucurbita pepo, Kürbiskeimlinge. Links nach Einwirkung starker, in 
der Mitte nach Einwirkung schwacher Emanation, rechts Kontrollexemplar. Die starke 
Emanation schädigt hochgradig, die schwache fördert etwas die Entwicklung. 


a. Die Pflanzen in den Blumentöpfen: am 1ı5.Mai ıgı2 war 
bei I die durchschnittliche Länge des Stengels 5,ı cm, 
10-575; » % ss 8 Be 
mr IE 5 Pe > Zn 


Fig. 26. Phaseolus multiflorus, Feuerbohne. Keimlinge links nach Einwirkung 
starker, Keimlinge in der Mitte nach Einwirkung schwacher Emanation, rechts Kontroll- 
exemplare. Die starke Emanation schädigt stark, die schwache fördert etwas. 


Schon der bloße Anblick lehrte, daß die Keimlinge von II 
größer und üppiger waren als die Kontrollpflanzen, mit anderen 
Worten, daß die Keimlinge durch schwache Emanation in ihrer 


Entwicklung gefördert wurden. Hingegen wurde durch die starke 
Emanation das Wachstum des Stengels, der Wurzel und der Koty- 
ledonen gehemmt. (Fig. 25.) Die Pflanzen III gingen nach etwa 
3 Wochen ein, ohne sichtlich weiter gewachsen zu sein, die von 
II und I wuchsen gut weiter und gelangten zur Blüte. Die Pflanzen 
II waren immer etwas stärker als die normalen, unterschieden sich 
aber sonst nicht von I. 

ß. Die Pflanzen im freien Lande: III gingen zugrunde, II 
und I gediehen prächtig bis zur Frucht, ohne irgend merkliche 
Unterschiede aufzuweisen. 


Bohne (ZPhaseolus multıflorus). 
Ein ganz analoger Versuch wurde mit Bohnen gemacht und 
die Fig. 26 zeigt, daß die schwache Emanation auch hier eine 


Fig. 27. Matthiola incana, Sommerlevkoje. Keimlinge rechts nach Einwirkung 
starker, Keimlinge in der Mitte nach Einwirkung schwacher Emanation, rechts Kontroll- 
exemplare. Die starke Emanation schädigt, die schwache fördert. 


Förderung und die starke Emanation fast eine Sistierung des 
Wachtums und schließlich ein Absterben des Pflanzen bewirkt hat. 


Sommerlevkoje (Mafthrola incana). 
Wie die Fig. 27 zeigt, war das Ergebnis im wesentlichen so 
wie im vorigen Experimente, 
Auch Winkler!) und Stoklasa?) konnten in ihren Versuchen 
eine Förderung des Wachstums durch Radium dartun: Winkler, 


!) Winkler, F. F., Über die Wirkung der Radiumemanation. Wiener mediz. 
Wochenschr., Nr. 4I, 1912, 

®) Stoklasa, J., Über den Einfluß der Radioaktivität auf die Entwicklung des 
Pflanzenorganismus. Öster. Chemiker-Ztg. 1912, S. 301. 


er 156 DER 


als er im Wasser mit Emanation Zlodea, Ceratophyllum und die 
Winterknospen von Myrrophyllum und Hydrocharıs morsus ranae 
zog, und Stoklasa, als er Uranpecherz von verschiedenem Ge- 
wichte (0,5—4 g), in Gläschen eingeschlossen, in die Knopsche 
Nährlösung brachte, wo die Pflanzen kultiviert wurden. 

Nach z2tägiger Versuchszeit betrug nach Stoklasa das 
Gewicht von 9 Maispflanzen: 


Pflanzen normal... =... 2.2, 2 2omwomes 
R mit 0,5 g Uranpecherz 36,24 „ 
I OT v 3,98: 
ar MENT, er 3,20% 
> Pe KL OJRR = 2D2uR 


Kleine Mengen bedingen also Förderung, große Hemmung. 


Stoklasa prüfte auch den Einfluß der frischen, radioaktiven 
Wässer (300—2000 Macheeinheiten) von Joachimsthal und fand, 
daß die Samen verschiedener Gewächse, die er in radioaktiven 
Wässern mazerieren (?) ließ, schon nach 24—36 Stunden keimten, 
während sie im gewöhnlichen Wasser erst nach 56—ı120 Stunden 
zu keimen begannen. 


b) Erwachsene Pflanzen. 


Die Emanation schädigt nicht bloß die Keimlinge, sondern 
auch die bereits entwickelten Organe der Pflanzen. So werden 
Blätter nach ein- bis dreitätigem Einfluß mißfarbig (Aucuba ja- 
ponica, Fuchsia globosa) oder glasig durchscheinend (Zmpatıens 
Sultanı). Die Schädigung kann schon im Emanationsraum oder 
erst später auftreten. 

c) Laubfall. 

Überraschend erscheint der Einfluß der Emanation auf den 
Laubfall. Gewisse Hülsenfrüchtler (Leguminosen) wie Caragana 
arborescens, Amorpha fruticosa, Robinia pseudacacıa und andere 
werfen in der Emanationsluft die Blätter viel früher ab als in 
reiner Luft, und zwar auch schon im Frühjahr, also zu einer Zeit, 
wenn unter normalen Verhältnissen noch gar nicht die Neigung 
zum Laubfall vorhanden ist. Als ich je zwei 10—20 cm lange 
Zweige von Caragana am 22. April im Finstern der starken Ema- 
nation aussetzte, waren nach drei Tagen bei diesen Sprossen 
245 Fiederblättchen abgefallen, während die Kontrollzweige noch 
ganz intakt waren (Fig. 28). 


Wie bereits vorhin bemerkt wurde, beeinflußt die Emanation 
den Sproßscheitel (Vegetationspunkt) in besonders hohem Grade. 
Der Vegetationspunkt gerät in eine gewisse Starre, entwickelt sich 
nicht weiter oder wird sonst in irgendeiner andern Weise alteriert. 

Wenn man die angeführten Versuche überschaut, so wird 
es nicht unwahrscheinlich, daß die Emanation chemisch auf die 
Zelle einwirkt, ähnlich wie ein Gift. Stark von der Emanation 
beeinflußte Keimlinge können, obwohl ihre Reservestoffbehälter 
von Baumaterial strotzen, nicht oder nur wenig weiter wachsen, 
weil durch den chemischen Eingriff die Reservestoffe nicht mobi- 
lisiert werden, wahrscheinlich durch Lahmlegung der Fermente. 
Mit der Behauptung, die Emanation wirke chemisch, soll nicht 


Fig. 28. Caragana arborescens-Zweige. Links normal, rechts entlaubt nach ztägiger 


Einwirkung der Emanation. 
> 


gesagt sein, daß die Moleküle nicht auch mechanisch durch das 
Bombardement der a-Strahlung und durch die Strahlung der Zer- 
fallsprodukte geschädigt und ihr Atomverband gelockert werden 
könnten. 

Die Emanationsmenge, die sich bei Anwendung der starken 
Radiumlösung im Versuchsraume befand und die auf Pflanzen 
hochgradig schädigend oder tötend wirkt, war zwar relativ sehr 
groß, aber dem Gewichte nach eine erstaunlich geringe. Sie be- 
trug 0,0000063 mg. Es dürfte wenige Gifte geben, die schon in 
so kleinen Dosen so tiefgreifende Schädigungen hervorzurufen 
vermögen wie die Radiumemanation. 


a 


V. Das Radium, ein Mittel zum Treiben der Pflanzen), - 

Die Gärtner haben sich schon lange Zeit hindurch bemüht, 
die Ruheperiode der Pflanzen zu verschieben, abzukürzen oder 
ganz aufzuheben, und ihre Bemühungen waren nicht ohne Erfolg. 
In neuerer Zeit haben sich dieser Sache auch Männer der Wissen- 
schaft angenommen und eine Reihe von ausgezeichneten Methoden 
ausfindig gemacht, um die Pflanze aus ihrer Ruhe zu erwecken. 
Ich erinnere nur an das Äther-, Warmbad-, Verletzungsverfahren 
u. a. Im Laufe der zwei letzten Jahre habe ich gefunden, daß 
auch das Radium diesem Zwecke dienstbar gemacht werden 
kann. Wenn man in der zweiten Hälfte November Zweige vom 


Fig. 29. Syringa vulgaris. Endknospen des Bündels ı -(links) durch 48 Stunden, des 

Bündels 2 durch 24 Stunden, des Bündels 3 durch ı Stunde, die des Bündels 4 (rechts) 

gar nicht mit Radium bestrahlt. Die beiden Bündel ı und 2 (links) hahen getrieben. 
Die beiden anderen (rechts) nicht. 


Flieder (S'yrınga vulgarıs) abschneidet, auf die Endknospen Glas- 
röhrchen, in denen Radiumpräparate von bestimmter Stärke ein- 
geschlossen sind, bis zur Berührung auflegt, hier ı—2 Tage beläßt 
und dann die Zweige im Warmhause im Lichte weiter kultiviert, 
so treiben die bestrahlten aus, die unbestrahlten Kontrollknospen 
aber viel später oder gar nicht. 

Zum Versuche diente unter anderem ein Röhrchen, das 


t) Molisch, H., Über das Treiben von Pflanzen mittels Radium. Sitzungsber. 
d. kais. Akad. d. Wissensch. in Wien, 1912, Bd. CXXI, S. 121. 


46,2 mg reines Radiumbromid enthielt. Als am 25. November 
ıgıo Syringaknospen durch 24 Stunden mit diesem Röhrchen 
bestrahlt wurden, trieben sie nach einem Monat aus, während an 
den unbestrahlten Kontrollknospen zu dieser Zeit und auch später 
kein Treiben zu bemerken war. Den Erfolg eines ähnlichen Ver- 
suches zeigt Fig. 29. 

Die Bestrahlung von Knospen mit Radiumröhrchen hat aber 
insofern einen großen Nachteil, als die Knospen von der Strahlung 
höchst ungleichmäßig getroffen werden. Die einzelnen Teile der 
Knospe liegen von der strahlenden Fläche verschieden entfernt, 
müssen also schon aus diesem Grunde von ungleich intensiver 


Fig. 30. Einwirkung der Radiumemanation auf Zweige von Flieder (Syringa vulgaris). 

Bündel ı (links) ist in reiner Luft, Bündel 2 durch 20, Bündel 3 durch 48, Bündel 4 

(rechts) durch 72 Stunden in Emanation gewesen. Die Kontrollexemplare (links)- treiben 
nicht, die anderen um so besser, je länger sie der Emanation ausgesetzt waren. 


Strahlung getroffen werden, der ungleichen Absorption der Strahlen 
durch die Knospenschuppen, jungen Blättchen und Blütenanlagen 
nicht zu gedenken. 

Es schien mir daher wünschenswert, auch die Wirkung der 
Radiumemenation auf die Ruheperiode zu untersuchen. Von 
dieser war von vornherein ein viel gleichmäßigerer Angriff auf 
die Knospe zu erwarten, da sie die Knospen von allen Seiten be- 
einflußt und in ihr Inneres zwischen den Knospenblättern hindurch 
einzudringen vermag. Dieser Gedanke hat sich denn auch als 
richtig erwiesen und dementsprechend war auch die Einwirkung 


— 160 — 


der Emanation auf ruhende Knospen eine viel auffälligere als die 
der Röhrchen. Als Emanationsraum diente wieder das in Fig. 22 
abgebildete Gefäß. Zur Veranschaulichung mögen die beiden 
folgenden Versuche angeführt sein: 


Flieder (Syrınga vulgarıs). 
Versuch am 27. November ıgıı. 
ı. Zweigbündei in Emanation durch 20 Stunden, 


2: = = e} „ 48 E 
3: „ „ „ ”„ 12 „ 
4. Y stets in reiner Luft (Kontrollversuch). 
Am ıo0. Dezember treibt Bündel 3, die anderen nicht. 
Dass hr ;; » 4 nicht, ı mäßig, 2 sehr gut 


und 3 ausgezeichnet. 

Am 30. Dezember treibt 4 immer noch nicht, hingegen Kälken 
alle, die der Emanation ausgesetzt waren, sehr gut getrieben. Die 
Bündel 2 und 3 am besten. Von dem Aussehen der Zweige am 
23. Dezember gibt eine gute Vorstellung die Fig. 30. 


Roßkastanie (Aesculus Hıppocastanum). 


Versuch am ı4. Dezember ıgıı. 

ı. Zweigbündel in Emanation durch ı Tag, 

3; 3 E si „.. 4 Tage 

au ” stets in reiner Luft (Kontrollversuch). 
In jedem Bündel waren 4 etwa ı5 cm lange Zweige. Am 4. Januar 
ı912 begannen dıe Knospen bei ı und 2 sich zu strecken, bei 2 
stärker als bei 1. Die Kontrollknospen waren unverändert. Am 
15. Januar waren alle Emanationsknospen den Kontrollknospen, 
die sich eben erst zu strecken begannen, weit vor, besonders die 
Knospen, die nur 24 Stunden der Emanation ausgesetzt waren. 
‘Ihre Länge betrug durchschnittlich 6,5 cm, bei Bündel 2 etwa 
4 cm und bei den Kontrollknospen 3 cm. Über die außerordent- 
liche Wirkung der Emanation vgl. die Fig. 31. 

Sowohl die Versuche mit festen Radiumpräparaten als auch 
die mit Emanation gelingen nur in einer gewissen Phase der 
Ruheperiode, d. h. etwa in der zweiten Hälfte November und im 
Dezember. Wird die Bestrahlung schon im September oder Oktober, 
also zu einer Zeit, da die Ruheperiode noch sehr fest ist, vor- 
genommen, so hat sie keinen Erfolg. Macht man die Versuche im 


— 108 — 


Januar oder noch später, wenn die Ruhezeit schon ausgeklungen 
ist, so zeigt sich entweder kein Unterschied zwischen bestrahlten 
und unbestrahlten Knospen oder es erscheinen die bestrahlten im 
Wachstum mehr oder minder gehemmt. Sie verhalten sich dem- 
nach in dieser Beziehung wie ätherisierte oder in lauem Wasser 
gebadete Zweige. 

Die Bestrahlung muß eine gewisse Zeit währen, sie darf 
nicht zu kurz und nicht zu lang dauern; im ersteren Falle zeigt 
sich kein Effekt, im letzteren wirkt die Bestrahlung hemmend, 
schädigend oder sogar tötend. Abgesehen vom Flieder und der 
Roßkastanie, gelangen die Versuche auch mit den Winterknospen 


Fig. 31. Einwirkung der Radiumemanation auf Sprosse der Roßkastanie 

(Aesculus Hippocastanum). Sprosse links in reiner Luft, Sprosse rechts 24 Stunden 

der Emanation unterworfen. Die Emanationsknospen treiben, die Kontrollknospen aber 
fast gar nicht. 


des Tulpenbaumes (Zirzodendron), der Pimpernuß (.SZaphylea) und 
einigermaßen auch mit denen vom Ahorn (Acer platanoıdes). Da- 
gegen erhielt ich negative Resultate mit den Knospen von Ginkgo, 
der Platane, der Rotbuche und der Linde, von denen die beiden 
letzten bekanntlich auch auf Äther und Warmbad nicht oder nur 
im geringen Grade reagieren. 
Der Gärtner wird zunächst fragen, ob die von mir gemachten 
Beobachtungen für die Praxis der Pflanzentreiberei von Bedeu- 
tung sind. Darauf antworte ich: derzeit nicht. Bei der außer- 


ordentlichen Kostspieligkeit des Radiums — ı mg Radiumelement 
Molisch, Populäre biologische Vorträge. 2. Aufl. 1l 


— 162 — 


kostet gegenwärtig (1912) etwa 590 Kronen — ist nicht daran zu den- 
ken, meine Befunde auch für die Praxis zu verwerten, zumal wir ja 
jetzt in dem Warmbad ein so gefahrloses, billiges und leicht zu 
handhabendes Mittel für. die Treiberei der Pflanzen besitzen !), 
Pflanzenphysiologie und Gärtnerei sind vielfach aufeinander an- 
gewiesen, und ich meine, der moderne Gärtner soll nicht immer 
ausschließlich nach dem Nutzen einer Erscheinung fragen, sondern 
sich auch ein Interesse bewahren für die Erscheinungen des 
Pflanzenlebens an und für sich. 


VI. Über Heliotropismus im Radiumlichte?). 

Die Empfindlichkeit der Pflanze für außerordentlich geringe 
Lichtintensitäten ist bekanntlich eine überraschend große. In 
jüngster Zeit wurde sogar der Nachweis gebracht (Fröschel), daß 
für einen Haferkeimling ein Lichtblitz der Sonne oder einer starken 
Lampe von nur !'500 Sekunde schon genügt, um eine heliotropi- 
sche Krümmung nach der Lichtquelle zu veranlassen. Mit Rück- 
sicht auf diese überaus große Empfindlichkeit für Licht war es 
von vornherein wahrscheinlich, daß auch das schwache Licht, 
welches von festen Radiumpräparaten beständig ausstrahlt, für 
das Zustandekommen des Heliotropismus schon ausreichen würde. 


Hafer (Avena satıva). 


Die zum Versuche verwendeten Keimlinge wurden in tiefster 
Finsternis auf Keimschalen zur Keimung gebracht, dann in eckigen 
Glaswannen in eine gerade Reihe gepflanzt und, sobald sie eine 
Länge von etwa ı—ı1, cm erreicht hatten, in der Dunkelkammer 
vor dem Radiumröhrchen aufgestellt. Das Licht des von mir 
verwendeten Röhrchens reichte für ein an die Dunkelheit ge- 
wöhntes Auge nicht aus, um die Taschenuhr abzulesen, und war 
viel schwächer als das einer Strichkultur von der Leuehtbakterie 
Pseudomonas lucifera Molisch. Das an einem Holzstäbchen in 
horizontaler Lage befestigte Radiumröhrchen wurde parallel zu 
den in einer geraden Reihe gepflanzten Keimlingen in einer Ent- 
fernung von etwa ı—3 cm so aufgestellt, daß es die Spitzen der 
Keimlinge etwas überragte. Über das Ganze stülpte ich noch, 


l) Molisch, H., Das Warmbad als Mittel zum Treiben der Pflanzen. Jena 
1909, bei G. Fischer. 

®) Molisch, H., Über Heliotropismus im Radiumlichte. Sitzungsber. d. kais. 
Akad. d. Wissensch. in Wien, ıgıı, Bd. 120, S. 312. 


— 163 — 


obwohl der Versuch in einer lichtdichten Dunkelkammer ablief, 
zur ‘Sicherheit, um ja alles Licht abzuhalten, einen Dunkelsturz. 
Bei einer Temperatur von 17— 18° C boten die Keimlinge 48 Stun- _ 
den nach Einleitung des Versuches das in der Figur 32 festge- 
haltene Bild. Sie waren sämtlich 
deutlich positiv heliotropisch, d.h. 
zum Röhrchen hingekrümmt. 
Die Fig. 33 zeigt einen ähn- 
lichen Versuch mit demselben 
Röhrchen, aber von oben gesehen. 


Aus diesen und anderen Ex- 
perimenten, die ich mit verschie- 
denen Keimpflanzen angestellt 
habe, ergab sich: 


Die von stark leuchtenden 
Radiumpräparaten ausgehenden ee. lung (doapa 


Lichtstrahlen können positiven sativa), 48 Stunden einem leuchtenden 


: . : Radiumröhrchen ausgesetzt. Alle Keim- 
Heliotropismushervorrufen. Hafer linge wachsen auf das Licht des Röhr- 
und Wickenkeimlinge krümmen chens zu, sie sind positiv heliotropisch. 
sich auf leuchtende Radiumprä- 
parate in auffallender Weise zu. Da die Lichtintensität der Radium- 


präparate im allgemeinen eine sehr schwache ist, so gelingen die 


nn 
en) 


An UNS iu 


Fig. 33. Haferkeimlinge (Avena sativa), wachsen auf das Licht des Radium- 
röhrchens zu, von oben gesehen. 


Versuche nur mit heliotropisch empfindlichen Pflanzen. Keimlinge 
der Gerste und der Sonnenblume, die eine weit geringere helio- 
tropische Empfindlichkeit besitzen als Wicke und Hafer, wurden 


durch die mir zur Verfügung stehenden Radiumpräparate niemals 
LI8 


ZE 164 er 


zu heliotropischen Krümmungen veranlaßt. — Daß der Heliotro- 
pismus nur von den leuchtenden Strahlen des Radiums hervor- 
gerufen wird, davon kann man sich leicht überzeugen, wenn man 
das Röhrchen mit einem schwarzen Papier umhüllt. Es unterbleibt 
dann jede heliotropische Krümmung; die Keimlinge wachsen dann 
gerade aufrecht weiter, da die das Papier durchdringenden f- und 
y-Strahlen nicht richtend auf die Keimpflanzen einwirken und 
die a-Strahlen in diesen Versuchen nicht in Betracht kommen, 
weil sie durch die Glaswand des Röhrchens absorbiert werden. 

Damit sind aber die Einwirkungen des Radiums auf die 
Pflanze nicht erschöpft. Es liegen bereits Versuche von Gager 
vor, die den Beweis liefern, daß durch das Radium die Stärke- 
bildung im Licht und die Atmung der Pflanze gehemmt und die 
Gärung der Hefe gefördert wird, und es unterliegt wohl keinem 
Zweifel, daß die Zukunft uns noch mit einer Reihe anderer Be- 
ziehungen zwischen der Pflanze und dem Radium bekannt machen 
wird. 

Hand in Hand mit den dem unbewaffneten Auge sichtbaren 
Veränderungen, die die Pflanze durch das Radium erleidet, gehen 
auch mikroskopische, und es scheint, daß hierbei auch der Zell- 
kern Veränderungen erleidet. Es wäre nicht unmöglich, daß 
vielleicht hierdurch der Anstoß zu neuen morphologischen und 
physiologischen Eigenschaften gegeben wird, doch haben wir 
vorläufig noch kein Recht, hierzu eine bestimmte Meinung zu 
äußern, da es an einschlägigen sicheren Tatsachen derzeit fehlt. 
Der Gegenstand bedarf spezieller Untersuchungen. 

Immerhin läßt sich jetzt schon sagen, daß das Radium, dieses 
wunderbare Element, das auf dem Gebiete der Physik und Chemie 
so revolutionär gewirkt hat und gewisse fundamentale Anschauungen, 
wie die von der Unwandelbarkeit des Elements und der Unteil- 
barkeit des Atoms umgestoßen hat, auch auf die Lebewesen ganz 
überraschende und eigenartige Wirkungen mit seiner unsichtbaren 
Strahlung ausübt. 


X. 
Der Naturmensch als Entdecker 
auf botanischem Gebiete’). 


Die Fortschritte auf dem Gebiete der Naturwissenschaften und 
der Technik haben sich in den letzten 30 Jahren derart gesteigert, 
daß sie jedermanns Erstaunen erregen müssen. Chemie, Physik, 
Biologie und Medizin wetteifern geradezu, Entdeckung auf Ent- 
deckung zu häufen. Manche von ihnen wirken geradezu ver- 
blüffend und erscheinen im ersten Augenblicke fast wie ein Wunder. 
Wir photographieren mit den unsichtbaren Röntgenstrahlen durch 
undurchsichtige Körper hindurch. Das Radium hat uns Erschei- 
nungen kennen gelehrt, die fundamentale, anscheinend festbegrün- 
dete Anschauungen über die Materie über den Haufen warfen, 
ja sogar die Lehre von der Unveränderlichkeit der Elemente 
erschütterten. Dank den genialen Untersuchungen von Hertz und 
anderen tauschen wir heute unsere Gedanken über ungeheure 
Strecken drahtlos aus; mit Hilfe elektrischer Wellen werden ohne 
jedes Kabel Telegramme zwischen England und Amerika, über 
den Atlantischen Ozean hinweg, oder zwischen Deutschland und 
Afrika gewechselt. Der alte Traum des Menschen, sich in die 
"Lüfte zu erheben und zielbewußt das Luftmeer zu durchfliegen, 
ist Wahrheit geworden. Heute fliegen Menschen in wenigen Stun- 
den von Paris nach Berlin, ja bis Petersburg und Konstantinopel, 
und vor kurzem überflog ein kühner Aeronaut zwischen Marseille 
und Tunis das Mittelländische Meer. Es klingt wie ein Märchen. 
Dazu gesellen sich Fortschritte der synthetischen Chemie über 
Flechtensäuren, Glykoside, Gerbstoffe, Indigo, Kautschuk, selbst 
die Erzeugung von Eiweiß, diesem so wichtigen Bestandteil alles 


1) Vortrag, gehalten am 10. Dezember 1913 im Vereine zur Verbreitung natur- 
wissenschaftlicher Kenntnisse in Wien. Im Verlage dieses Vereines I9I4 zuerst er- 
schienen. 


— 166 — 


Lebendigen, erscheint nicht mehr aussichtslos. Auch auf dem 
Gebiete der Biologie und Medizin und ganz insbesondere auf dem 
der Chirurgie und Chemotherapie gärt und treibt es, und jedes 
Jahr bringt große Erfolge. 

Warum häufen sich die bedeutenden Entdeckungen und Er- 
findungen des Menschen so auffallend in den letzten Dezennien? 
Ist der Mensch gescheiter geworden, hat sich seine Intelligenz 
gesteigert? Das ist sicherlich nicht der Fall. Wir dürfen nicht 
vergessen, daß der Mensch stets auf den Errungenschaften seiner 
Vorfahren weiterbaut und daß die Fundamente der Wissenschaft 
immer breiter und tiefer werden. Was die Väter ersannen, kommt 
den Epigonen zugute. Ferner arbeiten jetzt viel mehr wissen- 
schaftlich gebildete Menschen an den Fragen der Wissenschaft, 
und damit wächst auch die Wahrscheinlichkeit, daß mehr entdeckt 
und erfunden wird. Wie klein waren früher die Universitäten, 
wie gering ihre Zahl, wie klein ihre Laboratorien und wie einfach 
ihre Hilfsmittel! Heute hat sich die Zahl der Universitäten und 
technischen Hochschulen, die stets die Pflanzstätten der Forschung 
waren, wesentlich vergrößert, die wissenschaftlichen Institute ver- 
fügen über größere Mittel und über viel mehr wissenschaftlich 
geschulte Personen, die ihre Lebensaufgabe in der Förderung der 
Wissenschaft erblicken. Ja man errichtet dank der Opferfreudigkeit 
wissenschaftlicher Mäzene und der Initiative des deutschen Kaisers 
wissenschaftliche Forschungsstätten, die nicht der Forschung und 
der Lehre, sondern der Forschung allein zu dienen haben. Es soll 
darin begabten Naturforschern Gelegenheit geboten werden, sich 
ganz ungestört und enthoben von Unterrichts- und Verwaltungs- 
sorgen der Forschung hingeben zu können. 

In Anbetracht dieser überraschenden Fortschritte der Neu- 
zeit auf dem Gebiete der Naturwissenschaften und mit Rücksicht 
auf die großartigen technischen Errungenschaften derrmodernen 
Kultur erscheint uns der Zustand eines Naturvolkes, naiv und 
kindlich, und unwillkürlich drängt sich der Gedanke auf, daß es 
auch mit der Intelligenz des Naturmenschen nicht besonders 
bestellt ist, daß seine Beobachtungsgabe gering, seine Sinne stumpf 
sind und daß ihm die Fähigkeit, Entdeckungen zu machen und 
der Wissenschaft vorzuarbeiten, abgeht. 

Ich habe mir heute die Aufgabe gestellt, Ihnen für ein be- 
stimmt begrenztes Gebiet, für die Botanik, zu zeigen, daß‘ der 
Naturmensch, der nach unserer berechtigten Auffassung auf einer 


a 167 ——e 


noch sehr tiefen Kulturstufe steht und auch vor Jahrtausenden 
stand, eine Schärfe der Beobachtungsgabe entwickelt, die unser 
Erstaunen erregen muß. Er hat zahlreiche bewundernswerte Ent- 
deckungen und Erfindungen gemacht, die später wissenschaftliche 
Fortschritte angebahnt oder überhaupt erst möglich gemacht haben. 
Sie werden mich gleich verstehen, wenn ich Ihre Aufmerksamkeit 
zunächst auf 
die Entdeckung der Koffeinpflanzen 

durch die Naturvölker lenke. Nach einer beiläufigen Berechnung 
wird die Zahl äer heute bekannten Blütenpflanzen auf etwa 
150000 Arten geschätzt. Unter diesen sind bisher nur 6 Gattungen 
bekannt geworden, die das Alkaloid Koffein enthalten: ı. der 
Kaffeebaum (Co/fea arabıca und andere Arten), 2. der Teestrauch 
(Zhea mit mehreren Arten), 3. die Kolanuß (Cola acumınala), 
4. der Paraguay-Tee oder Mate (//ex-Arten), 5. die Guarana (Samen 
von Paullınıa Cupana = :P. sorbilis) und 6. der Kakaobaum (T7%eo- 
broma Cacao). | 

Cofea. Dieser zu den Rubiaceen gehörige Baum ist auf die 
Tropen der alten Welt beschränkt. Er ähnelt mit seinen meist 
karmoisinroten Früchten einem Kirschbaum. Im Fruchtfleisch 
eingebettet liegen gewöhnlich zwei Samen, die jedermann be- 
kannten Kaffeebohnen, die im gerösteten Zustande zur Kaffee- 
bereitung dienen. 

Der Tee wird von den jungen Blättern und Blattknospen des 
zu den Ternstroemiaceen gehörigen Teestrauches Thea chinensis L. 
geliefert. Ursprünglich wahrscheinlich in Assam (Asien) einheimisch, 
ist er heute eines der verbreitetsten und beliebtesten Volksgenuß- 
mittel. 

Der Baum Cola acumınala und verwandte Arten dieser zu 
den Sterculiaceen gehörigen Gattung, hauptsächlich in Westafrika 
einheimisch, liefern die als Grenußmittel hochgeschätzten Kolanüsse. 
Stücke der Nuß werden gekaut. Der Geschmack ist anfangs bitter- 
lich und nicht besonders angenehm. Später wird er süßlich. Die 
Wirkung ist ähnlich wie beim Tee und Kaffee und hängt von 
dem Alkaloidgehalt ab. 

Der Mate oder Paraguaytee, in Südamerika seit langem 
gebraucht, stammt von einer Aquifoliacee, dem Baume Zex Para- 
guayensıs St. Hil. und verwandten Arten dieser Gattung. Die 
Blätter werden ähnlich wie die Blätter des echten Tees benutzt 
und haben eine ganz analoge Wirkung. 


— 168 — 


Die Guarana wird aus den Samen der Pawullhnıa sorbilıs Mart. 
bereitet. Dies ist eine im Gebiete des Amazonenstromes heimische 
Liane, zur Familie der Sapindaceen gehörig. Die Samen werden 
verrieben, zu einem Teig angemacht und dann in verschiedene 
Formen gebracht. Die nach Europa gebrachte Guarana hat meist 
die Form längerer Zylinder. Die Masse wird mit Wasser ange- 
rührt und hat einen kräftigen bitteren Greschmack. 

Der Kakaobaum, 7heodbroma Cacao L., ist ein wahrschein- 
lich in den Küstengebieten des mexikanischen Meerbusens und 
auf den westindischen Inseln heimischer, zu den Sterculiaceen ge- 
höriger Baum. Er trägt sogenannte stammbürtige, bis 20 cm lange, 
gurkenartige Früchte: von gelber oder roter Farbe, die in einem 
süßlichen Fruchtmus zahlreicheSamen, die bekannten Kakaobohnen 
bergen. Schon vor der Ankunft der Spanier in Amerika wurde 
aus den Samen, die Koffein und die damit verwandte Purinbase 
Theobromin enthalten, von den Indianern Kakao und Schokolade 
bereitet. £ 

All die genannten Koffeinpflanzen, von denen Tee, 
Kola und Kaffee der alten, Mate, Guarana und Kakao der neuen 
Welt angehören, wurden von den Naturvölkern als nerven- 
erregende Pflanzen erkannt, obwohl der wirksame Stoff, 
das Koffein, weder riecht noch einen besonderen Ge- 
schmack besitzt. Nachdem diese Pflanzen schon seit uralter 
Zeit bei den Naturvölkern im Gebrauche waren, hat die Chemie 
in diesen Pflanzen ein und dieselbe Substanz, das Koffein, als 
wirksamen Stoff erkannt. Hätten die Naturmenschen mit ihrem 
feinen Spürsinne diese Pflanzen aus dem Heer von anderen Ge- 
wächsen nicht ausfindig gemacht, so würden wir wahrscheinlich 
von Koffein und von Koffeinpflanzen noch gar nichts wissen. 


Arzneipflanzen und technisch verwertete Rohstöfe. 

Ähnlich wie bei den erwähnten Genußmitteln verhält sich 
die Sache auch bei den Arzneipflanzen. Die meisten heute 
bei den Kulturvölkern verwendeten offizinellen Pflanzen stehen 
scit dem grauen Altertum im Gebrauch, und auf viele der ausge- 
zeichnetsten Heilmittel aus dem Pflanzenreiche sind wir durch die 
alten Völker hingewiesen worden. 

Das Opium, bekanntlich der eingetrocknete Milchsaft der 
unreifen Fruchtkapseln des Schlafmohnes (Pafaver somniferum), 
mit seinem schmerzstillenden Morphin und anderen Alkaloiden 


war schon den Alten bekannt. Das aus der Rinde von Cinchona- 
bäumen stammende Alkaloid Chinin, das sich bis auf den heutigen 
Tag als Fieberheilmittel bewährt hat, wäre vielleicht heute noch 
nicht entdeckt, wenn die Naturvölker Südamerikas die eindringen- 
den Spanier nicht auf die Fieberheilwirkung der Cinchonarinde 
aufmerksam gemacht hätten. 

Dasselbe gilt von anderen Heilalkaloiden, ferner von der 
Alo&, dem Kampfer, Harzen, Balsamen, ätherischen Ölen und 
Extrakten. Es ist nicht übertrieben, wenn ich behaupte, daß wir 
die meisten bewährten Arzneimittel aus dem Pflanzenreiche dem 
Entdeckergeiste des unzivilisierten Menschen und eigentlich nicht, 
wenigstens nicht in ihrer ursprünglichen Form, moderner, wissen- 
“ schaftlicher Forschung verdanken. Im beständigen Kampfe mit 
der Natur, gar oft dem Hunger, Krankheiten, Ungeziefer und 
den Unbilden der Witterung ausgesetzt, lehrte die Urmenschen 
die Not beobachten, prüfen und entdecken. „Vielleicht, daß sich 
bei ihnen hier und da jener Heilinstinkt geltend machte, welcher 
das Tier treibt, die Fieberhitze in kaltem Wasser zu löschen, die 
steifen Glieder an der Sonne zu erwärmen, die Wunden der Haut 
mit dem eigenen Speichel zu befeuchten und bei verdorbenem 
Magen Gras zu essen, um dadurch Erbrechen zu erregen. Der 
Organismus reagiert auf reflektorischem Wege gegen die Schmerzen 
und Leiden, von denen er ergriffen wird, und wählt dazu Mittel, 
die am, nächsten liegen.“ „In diesem Sinne erscheint die Natur 
als die erste Lehrerin der Heilkunde“ (Puschmann)!). 

Barthels sagt von den Naturvölkern: „Sie unterscheiden mit 
großer Sicherheit giftige und nützliche Gewächse; sie finden bei 
beiden die Heilwirkungen heraus und verstehen es, sie zweck- 
mäßig zu verwenden. Wir dürfen nicht vergessen, daß wir 
manche wichtige Schätze unserer Pharmakopöe den Me- 
dizinmännern der Naturvölker zu verdanken haben. Es 
sei hier nur an die Chinarinde, die Cocablätter, an Strychnos und 
Curare, an die Carıca fapaya, aber auch an die Ipecacuanha und 
die Senega erinnert. Mit großer Leichtigkeit ließe sich diese 
Liste noch erheblich (z. B. durch Sassafras und Quassıa u. a.) 
vermehren ?).“ 


t) Zitiert nach Tschirsch, A., Handbuch der Pharmakognosie. Leipzig 1909, 
S. 451. 

2) Bartels, Die Medizin der Naturvölker, 1893. Zitiert nach Tschirsch, 
Inc S:vA52. 


Viele von den Naturmenschen entdeckten Gifte wurden später 
zu Heilmitteln. Ich erinnere an das pflanzliche Pfeilgift Strophanthus, 
an Akonit, an die Calabarbohne, den Mohn, an die giftigen Solaneen 
und Umbelliferen. 

Auch auf die meisten der technisch verwendeten Rohstoffe 
des Pflanzenreiches haben uns die Naturvölker hingewiesen: auf 
die Gummiarten, die Harze, Kautschuk, Indigo, Catechu, Fette, 
Wachs, Stärke, Rinden, Algen, Flechten, Gallen, Hölzer, Fasern, 
Wurzeln, Blätter, Samen und Früchte. Mit Recht sagt v. Wiesner 
in seinem bahnbrechenden Werke!) mit Rücksicht auf die Roh- 
stoffe: „Man darf nämlich nicht vergessen, daß die Auffindung 
dieser Körper das Resultat einer mehrtausendjährigen Erfahrung 
ist, an welcher alle Völker der Erde Anteil haben, und daß ge- 
rade durch den Spürsinn unzivilisierter Völker die bedeutungs- 
vollsten Entdeckungen in bezug auf die Auffindung von Roh- 
stoffen zutage gefördert wurden. Es ist — des Tier- und Mineral- 
reiches nicht zu gedenken — das Grewächsreich in einer so tief- 
gehenden Weise auf seine Nutzbarkeit durchgeprüft, daß der 
Forschung zur Auffindung neuer nutzbarer Rohstoffe nur wenig 
Spielraum gegönnt ist.“ 


Der Palmwein. 

Ein glänzendes Beispiel für die scharfe Beobachtungsgabe 
des Naturmenschen bietet auch die Art und Weise der Gewinnung 
des Palmweines in den Tropen. Seit alten Zeiten verstehen es 
die Eingeborenen tropischer Gregenden, aus zahlreichen Palmen zu 
gewissen Zeiten Zuckersaft (Toddy) abzuzapfen, der, falls nicht 
Zucker daraus gewonnen wird, entweder direkt oder nach durch- 
gemachter Gärung als Wein getrunken oder zur Arrakbereitung 
verwendet wird. Grewöhlich fließt der Saft aus den angeschnit- 
tenen Stummeln der Blütenspindeln (Cocos) oder des ganzen 
Blütenstandes (Arenga) in reichlicher Menge hervor. Man dachte 
früher allgemein, daß das Ausfließen des Saftes auf Wurzeldruck 
zurückzuführen sei, daß also der im Wurzelkörper entstehende 
osmotische Druck den Saft bis in die Baumkrone hinaufpresse 
und hier durch die Wunden zum Ausfließen bringe. Da ich aber 
gegen diese Auffassung Bedenken trug, nahm ich mir vor, als ich 
pflanzenphysiologischer Studien halber im Jahre 1897/98 auf Java 
weilte, die Gewinnung des Palmweines vom wissenschaftlichen 


!) Wiesner, J. v., Die Rohstoffe des Pflanzenreiches usw., II. Aufl., 1. Bd., S. q. 


——— 171 — 


Standpunkte zu verfolgen. Es sei gleich bemerkt, daß nach meinen 
an Ort und Stelle durchgeführten Untersuchungen das Ausfließen 
des Saftes aus den angeschnittenen Palmblütenständen mit dem 
Wurzeldruck nichts zu tun hat, sondern daß der osmotische Herd, 
d. h. die Kraft, die den Saft hervorpreßt, im Stamme, und zwar 
in der Nähe des Blütenstandes seinen Sitz hat. Als ich meine 
Experimente auf Java begann und die Palmen in der Weise ab- 
zapfte, wie dies in den Reisebeschreibungen und anderen Büchern 
angegeben wird, wartete ich vergeblich auf ein Ausströmen von 
süßem Saft. Erst als ich einen Eingeborenen anwarb, der im 
Dienste eines Chinesen. stehend, täglich etwa 45 Kokospalmen ab- 
zuzapfen und den Saft zu sammeln hatte, hatte ich Gelegenheit, 
die Methode der Palmweingewinnung genau kennen zu lernen. 
Mein Gehilfe ging in folgender Weise vor: „Er kletterte mit über- 
raschender Gewandtheit, nur mit Füßen und Händen sich haltend 


Fig. 34. Junger amputierter Blütenkolben von Cocos nuci/era, von der Scheide befreit, 

an drei Stellen zusammengebunden. a Basis des Kolbens. b Amputationsstelle, die 

durchschnittenen Spindeln lassen Zuckersaft abtropfen. c weibliche Blüte, die männ- 
lichen Blüten sind fortgelassen. Der Blütenstand 7 mal verkleinert. 


und stützend, die Palme hinauf und suchte in der Krone nach 
solchen Blütenständen, die in der Scheide noch völlig eingeschlossen, 
aber dem Aufbrechen nahe waren. Eine solche Scheide ist etwa 
ı m lang. Ist ein passender Blütenstand gefunden, so schneidet 
er die Spitze der Spatha ab, führt in dieser von oben bis unten 
(zur Basis) mit dem Messer einen Längsschnitt und schneidet die 
Scheide, nachdem er sie aufgeklappt, ab, so daß nun der junge 
Blütenstand, dessen einzelne Verzweigungen noch der Hauptspindel 
anliegen, nackt zutage liegt. Nun wird das obere Ende des ganzen 
Blütenstandes in einer Länge von etwa 6 cm mittels eines Schnittes 
entfernt, hierauf der zurückbleibende Blütenstand mittels Kokos- 
blattfiedern an drei Stellen zusammengebunden — siehe die oben- 
stehende Figur 34 — und unter dem oberen Ende ein Bambus- 
rohr zum Auffangen des Zuckersaftes befestigt. Jeden folgenden 
Tag wird dann morgens und abends neuerdings durch einen 


Schnitt ein etwa !/, cm langes Stückchen von jeder Spindel ab- 
getragen, und dies wird durch 4—5 Tage fortgesetzt. Dann erst 
beginnt der Saft zu fließen; vor dem vierten bis fünften Tage 
bleiben die Schnittflächen der Spindeln entweder trocken oder sie 
schwitzen nur ein wenig. Ich ließ mir eine Bambusleiter an- 
fertigen und stieg auf derselben bis zur Krone hinauf, um die 
Prozedur des Abzapfens selbst kontrollieren zu können. Die Am- 
putation erfolgte bei einem Blütenstande am 5. Januar. Am 9. tropfte 
es bereits stark und den nächsten Tag noch stärker. Von jetzt an 
wurde das Bambusrohr täglich zweimal, nämlich früh und abends 
entleert, die Menge des ausgeflossenen Zuckersaftes gemessen und 
bei dieser Gelegenheit die alten Schnittflächen der Blütenspindeln 
durch Abtragen eines !), cm langes Stückes auch täglich zweimal 
erneuert!).“ Innerhalb ı4 Tagen lieferte ein Kokosblütenstand 
gegen 8 Liter süßen Saft. 

Es kommt also nach der Verletzung des Blütenkolbens nicht 
gleich zu einer Saftsekretion, sondern erst nach 4—5 Tagen, und 
zwar nur dann, wenn nach der ersten Amputation täglich je zwei- 
mal früh und abends von jedem Spindelende wieder ein etwa ı cm 
großes Stück abgetragen wird. Dieser kontinuierliche Wundreiz 
ist für das Ausfließen von wesentlicher Bedeutung. 

Analoges, nur in viel auffallenderem Grade, trifft bei der 
Zuckerpalme, der Arenga saccharıfera zu. Diese Palme erzeugt 
riesige Blütenstände. Auch hier genügt es nicht, den Blütenstand 
einfach abzuschneiden, sondern es ist auf Java üblich, den Kolben- 
stiel an seiner Basis, da, wo er noch keine Verzweigungen besitzt, 
vor der Amputation des Blütenstandes zu klopfen. Der Haupt- 
stiel des männlichen Blütenstandes wird, bevor seine Blüten sich 
öffnen, —5 Wochen, und zwar jede Woche einmal mit einem 
Holzhammer ringsherum mäßig stark geklopft und gleich darauf 
hin- und hergebogen, gewissermaßen massiert. Infolge des Klopfens 
erhält der Kolbenstiel braune Wundflächen. Sowie die Blüten 
aufzubrechen beginnen und der Kolben infolgedessen duftet, wird 
er etwa 30 cm über seiner Basis abgeschnitten, so daß nunmehr 
bloß der blütenlose Stummel am Baume verbleibt. An einer von 
mir gemieteten, mit fünf stattlichen Blütenständen versehenen 
Arenga wurde am 26. Januar ein männlicher geklopfter Blüten- 


!) Molisch, H., Botanische Beobachtungen auf Java. III. Abh. Die Sekretion 
des Palmweines und ihre Ursachen. Sitzungsber. d. kais. Akad. d. Wissensch. in Wien, 
Mathem.-naturwiss. Kl., Bd. CVII, Abt. I, 1898. 


77. Mrosle 


stand gekappt. Die Schnittwunde des Stummels tropfte sofort, in 
etwa je 2 Sekunden kam ein Tropfen süßen Saftes hervor. Nun 
wurde ein ausgeräuchertes Bambusrohr darunter befestigt, täglich 
eine neue Schnittfläche in die Wunde gemacht und der abge- 
tropfte Zuckersaft täglich zweimal, meist abends und morgens, 
gemessen. In. einem bestimmten Falle konnten innerhalb ı5; Tagen 
ı8 Liter Saft aus einem Stummel gesammelt werden. 

Die Manipulation des Klopfens in Verbindung mit der Er- 
neuerung der Wundfläche spricht dafür, daß auch hier sowie 
bei Cocos: ein Wundreiz eine wichtige Rolle spielt, der 
den im Stamme durch Auflösung der massenhaft ange- 
häuften Stärke gebildeten Zucker veranlaßt, sich gegen 
die Wundfläche zu bewegen. Wie aufmerksam muß der 
Naturmensch die Lebensvorgänge im Blütenstand beobachtet, wie 
oft muß er mit dem Blütenstand herumprobiert haben, bis er auf die 
geschilderte Manipulation gekommen ist und gelernt hat, die Palme 
erfolgreich abzuzapfen! 


Trinkwasser aus Bäumen. 
Auf meinen Wanderungen im javanischen Urwald lernte ich 
von den Eingeborenen ein Verfahren kennen, wie man sich da- 
selbst tadelloses Trinkwasser aus Pflanzen verschaffen kann!). 


Schon bei Junghuhn?), kann man lesen: „Sind die Javaner 
durstig, so hauen sie ihn (den Czss«s-Strang) in einer Höhe von 
4—5 Fuß über dem Boden durch und stellen sich mit geöffnetem 
Munde unter das abgehauene Ende, aus welchem eine solche 
Menge süßlichen Saftes hervorströmt, daß sie in wenigen Augen- 
blicken ihren Durst zu löschen vermögen.“ 


Ich will gleich bemerken, daß bei dem von Junghuhn ge- 
schilderten Verfahren kein oder so gut wie kein Wasser aus 
Lianen herausfließt, sondern daß es für das Gelingen des Ver- 
suches unerläßlich ist, in einiger Entfernung über der gemachten 
Wundfläche den Stamm nochmals zu durchschneiden. 


Eine ungemein anschauliche Schilderung von dem Ausfließen 


!) Molisch, H., Botanische Beobachtungen auf Java. II. Abh. Über das Aus- 
fließen des Saftes aus Stammstücken von Lianen. Sitzungsber. d. kais. Akad. d. Wissensch. 
in Wien, Mathem.-naturw. Kl., Bd. CVII, Abt. I, 1898, S. 977. 

2) Junghuhn, Java usw., deutsch von Hasskarl, 2. Aufl., Leipzig 1854, 
H.sAbt,, S; 126: " 


des Saftes aus Czssws-Stämmen fand ich bei Mohniket). Auf 
einer Exkursion durch den Wald im Innern des Reiches Pontianak 
auf Borneo begriffen, sieht sich Mohnike mit seiner Begleitung 
zu seinem Leidwesen ohne Trinkwasser. „Kaum hatten wir 
unserem Verdruß darüber, daß ein erfrischender Trunk Wasser 
nicht zur Hand sei, in Worten Raum gegeben, als auch schon 
einige unserer malayischen Begleiter sich in das Dickicht des 
Waldes begaben, um einige Augenblicke später mit einem wohl 
ıo Ellen langen Stücke eines abgehauenen Czssws-Stranges von 
Armesdicke, welches auf mich den Eindruck eines. Ankertaues 
machte, zu uns zurückzukehren. Gegen die Schnittfläche an jedem 
der Enden dieses Stranges wurde von ihnen, um das Ausfließen 
des Wassers aus demselben zu verhüten, ein Blatt angedrückt ge- 
halten. Als sie dieses letztere von dem nach unten gehaltenen 
Ende entfernten, ergoß sich aus ihm eine solche Menge kühlen 
und erquickenden Wassers, daß wir wiederholt unsere Feldbecher 
damit füllen und alle, Europäer wie Malayen, mehr als 30 an Zahl, 
aus diesem Strange und einem zweiten, später nachgeholten, voll- 
kommen unseren Durst löschen konnten. Noch oft habe ich später, 
namentlich in den Urwäldern von Sumatra, mit Vergnügen dieses 
Wasser aus den Czssws-Strängen getrunken und mich daran 
gelabt.“ 

Ich habe mich auf Java von der Richtigkeit dieser Tatsache 
überzeugt und die Erscheinung wissenschaftlich verfolgt. Auch 
meinen eingeborenen Begleitern war die Erscheinung wohl be- 
kannt, und nach meinen eigenen Erfahrungen kann es keinem 
Zweifel unterliegen, daß man tatsächlich die Lianenstämme des 
Urwaldes dazu benützen kann, um mit dem daraus sich ergießenden 
Wasser den Durst zu stillen. Sorgt man dafür — was übrigens 
gewöhnlich nicht notwendig ist — daß aus der aufgeschnittenen 
Rinde nicht verunreinigende Bestandteile, wie Milchsaft, Narz usw. 
in den Wasserstrom hineingelangen, so erhält man ein außer- 
‘ordentlich reines, von Bakterien freies Trinkwasser. Ich habe 
einige Male solches Lianenwasser getrunken und mich damit öfters 
im Urwald gelabt. Es wäre wünschenswert, daß die wasser- 
spendenden Lianen mehr bekannt würden, da keimfreies, reines 
Wasser, zumal im tropischen Urwald, eine sehr begehrenswerte 
Substanz ist, die vor mancherlei Krankheit behüten kann. Wenn 


1) Mohnike, O., Blicke auf das Pflanzen- und Tierleben in niederländischen 
Malayenländern. Münster 1883, S. 289. 


—.175 


man davon liest, wie oft Tropenreisende mit Wassermangel zu 
kämpfen haben und sich nicht selten in lianenreichen Gegenden 
mit einem Wasser voll Schlamm und Unrat begnügen müssen, 
so muß man sehr bedauern, daß solchen Reisenden die Lianen 
als Trink wasserquelle nicht bekannt waren. 

Wenn man einen etwa 5 cm dicken Stamm einer Liane 
mittels eines javanischen Hackmessers rasch durchschneidet, so 
fließt in der Regel weder aus der unteren noch aus der oberen 
Schnittfläche Wasser heraus. Sobald man aber in einer beträcht- 
lichen Entfernung, am besten !/),—2 m über der 
‚Schnittfläche, den Stamm neuerdings durchhackt 
und dann das abgetrennte Stammstück lotrecht 
hält, so strömt Wasser in mehr oder minder großen 
Mengen, nicht selten in überraschend großen 
Quantitäten, aus der unteren Schnittfläche hervor. 
Ein in der angegebenen Weise abgehacktes Zweig- 
stück von Uncarıa acıda ab — siehe Fig. 35 — 
von etwa 3 m Länge und 5 cm Dicke, gab 590 ccm 
Saft, gerade genug, um einen Durstigen zu er- 
frischen. Diese Art der Trinkquelle entdeckt zu 
haben, ist ein Verdienst der tropischen Naturvölker. 


Das Geschlechtsleben der Pflanzen. 

Es ist auffallend, daß das Geschlechtsleben 
oder die Sexualität der Pflanzen erst am Ende des 
ı7. Jahrhunderts von wissenschaftlicher Seite, und Fig. 35. Frisch ab- 
zwar von Camerarius, Professor an der Uni- ee 
versität in Tübingen, durch gründliche Beobach- stammes, aus dem 


tungen und Versuche festgestellt wurde. Er zeigte, an es 
daß der Fruchtknoten mit dem Griffel das weib- hervorströmt. 
liche Organ und der Staubbeutel oder die An- 

there das männliche Organ darstellt. Auch fand cr, daß, wenn 
man bei Rıcınus, wo die männlichen Blüten von den weiblichen 
auf derselben Pflanze getrennt sind, die Antheren, bevor sie sich 
öffneten, beseitigte, man nur taube, d.h. nur samenlose Früchte 
erhielt. Obwohl die verschiedenen Experimente von Camerarius 
die Sexualität bei Pflanzen außer Zweifel stellten, bedurfte es 
dennoch längerer Zeit, bis seine Anschauungen zur Geltung kamen. 
Mit Rücksicht auf die so späte wissenschaftliche Begründung des 
pflanzlichen Geschlechtslebens muß es wieder unsere Verwunde- 


= 176 —— 


rung erregen, daß schon zu Herodots Zeiten die Babylonier 
männliche und weibliche Dattelpalmen unterschieden und daß 
man schon in uralten Zeiten blühende Zweige der männlichen 
Dattelbäume in der Krone der weiblichen Bäume aufhing, um 
Früchte zu erzielen. Es fällt dann der Blütenstaub auf die weib- 
lichen Blüten und befruchtet sie. 

Auch sprechen unsere Bauern heute noch wie in alten Zeiten, 
wenn sie die weibliche Hanfpflanze bezeichnen wollen, von der 
Henne und, wenn sie die männliche bezeichnen, von dem Hahn. 
Obwohl die Naturvölker von dem eigentlichen Befruchtungsakt 
der Pflanze keine richtige, ja vielfach eine ganz falsche Vorstellung 
hatten, so scheinen sie doch wenigstens bei den getrennt-ge- 
schlechtigen, bei den sogenannten zweihäusigen Pflanzen eine 
Ahnung davon gehabt zu haben, daß hier eine Art Sexualität 
vorliegen dürfte. 


Der Getreiderost und seine Beziehung zur Berberitze. 

Eine Art Vorahnung bekundete der Naturmensch auch in 
der Frage nach dem Zusammenhang zwischen dem Gretreiderost 
und dem Sauerdorn oder der Berberitze (Berberıs vulgarıs). Unter 
Getreiderost versteht man eine überaus häufige Krankheit der 
Gräser, insbesondere unserer Gretreidepflanzen. Sie wird durch 
den Pilz Puccınıa graminıs hervorgerufen. Er erscheint haupt- 
sächlich an der Oberseite des Blattes in Form rostroter, pulveriger, 
länglicher oder strichförmiger Häufchen, die die Oberhaut durch- 
brechen. Diesen Pilz hat man früher Uredo genannt, und seine 
einzelligen Sporen werden auch heute noch als Uredosporen be- 
zeichnet. Später entstehen aus demselben Pilz zweizellige anders- 
gestaltete Sporen, die die Aufgabe haben, den Pilz zu überwintern, 
und Teleutosporen heißen. Merkwürdigerweise entwickeln sich 
in der Natur diese Teleutosporen nicht auf den Gräsern weiter, 
sondern auf den Blättern der Berberitze. Hier erzeugen sie auf 
der Unterseite der Blätter polsterartig verdickte, gelbe Pusteln, 
auf denen kleine orangegelbe Becherchen, die Äcidien, entstehen. 
In diesen werden die Äcidiosporen erzeugt. Man hat dieses 
Stadium früher für eine eigene Pilzgattung gehalten und Äczdıuım 
genannt. Wenn die Äcidiosporen auf die Blätter der Getreide- 
pflanzen gelangen, so keimen sie darauf und erzeugen wieder den 
(retreiderost. Der Entwicklungskreis des Getreiderostpilzes ist 
also recht kompliziert. Er umfaßt das Uredostadium mit den 


— 277 ee 


Teleutosporen auf den Gräsern und das Äcidiumstadium auf 
dem Sauerdorn. Mit dem Generationswechsel ist also auch ein 
Wirtswechsel verknüpft. Was hat das aber alles — so wird 
vielleicht mancher von Ihnen schon fragen — mit unserem Thema 
zu tun? Es wird Sie nun sicher überraschen zu hören, daß lange 
bevor man die Entwicklungsgeschichte des Getreiderostes kannte 
und bevor man wußte, daß das Uredo- und Teleutosporenstadium 
mit dem Äcidium der Berberitze entwicklungsgeschichtlich zu- 
sammenhängt, von den Landleuten immer und immer wieder be- 
hauptet wurde, daß zwischen dem Getreiderost und der Berberitze 
eine Beziehung bestehe und daß der Gretreiderost um so häufiger 
in einer Gegend auftrete, je häufiger der Sauerdorn daselbst vor- 
komme. Diese landläufige Ansicht wurde vielfach bekämpft, bis 
die wissenschaftlichen Untersuchungen die einfachen, lediglich auf 
aufmerksame Beobachtung in der Natur fußenden Ansichten des 
Landmannes auf das glänzendste bestätigten. Seither wird auch 
allenthalben empfohlen, Berberitzen in der Nähe von Getreide- 
feldern nicht zu dulden. Und seitdem die Sauerdornsträucher in 
Dänemark gesetzlich ausgerottet sind; ist das frühzeitige und ge- 
fährliche Auftreten des genannten: Rostes sehr selten geworden. 
Mit der Erklärung des Krieges gegen die Berberitze wird jetzt 
von Seite der Wissenschaft einer Anschauung das Wort geredet, 
die im Volke schon seit langem gang und gäbe war. 


Die Hülsenfrüctler (Leguminosen) als Stickstoffsammler, 


Wie die scharfe Beobachtung des Praktikers wissenschaft- 
liche Entdeckungen vorbereiten kann, zeigt auch die Lehre von 
der Stickstoffassimilation der Leguminosen. Schon im Altertum 
war es, wie von einzelnen Schriftstellern berichtet wird, bekannt, 
daß, wenn auf einem Felde Luzerne oder Wicke kultiviert worden 
ist, eine Düngung dann überflüssig erscheint. Die praktischen 
Landwirte machten die Beobachtung, daß die Nachfrucht auf 
solchen Feldern, das Getreide, so gedeiht, als ob vorher gedüngt 
worden wäre. Später erkannte man, besonders unter dem Ein- 
flusse der Lehre Liebigs, daß es sich hierbei um eine Verbesse- 
rung des Bodens durch Stickstoffanreicherung handelt, und man 
fing an, alle zu den Leguminosen gehörigen Schmetterlingsblütler, 
die Lupine, Erbse, Bohne, Wicke, Linse und andere als Stick- 
stoffsammler zu bezeichnen, im Gegensatz zu den Getreide- 


arten, der Kartoffel und der Rübe, von denen man wußte, daß 
Molisch, Populäre biologisehe Vorträge. 2. Aufl, 12 


— 178 x 


sie einen Boden rasch seines Stickstoffs berauben und bei fort- 
gesetztem Anbau immer wieder Stickstoffdüngung ' erfordern. 
Stickstoffzehrer wurden sie deshalb genannt. Im Jahre 1883 
erschien eine bedeutungsvolle Schrift des Rittergutsbesitzers 
Schultz-Lupitz, in der der Beweis geliefert wurde, daß die 
Leguminosen deshalb als bodenbereichernde Pflanzen anzusehen 
sind, weil sie dem Boden Stickstoff zuführen. Er hatte selbst 
durch ı5 Jahre hintereinander auf seinen Feldern mit Kainit, also 
ohne Stickstoffdüngung Lupinen gezogen und trotzdem wurde der 
Boden nicht nur stickstoffärmer, sondern sogar reicher. Dies mußte 
natürlich auch die Aufmerksamkeit der wissenschaftlichen Kreise 
erregen, und im Jahre 1886 brachten die ausgezeichneten Arbeiten 
Hellriegels und Wilfahrts insofern die ersehnte Erklärung, 
als sie zeigten, daß die Leguminosen an ihren Wurzeln kleine, 
von bestimmten Bakterien bewohnte Knöllchen tragen, die die 
Pflanzen befähigen, freien Stickstoff zu binden und zu assimilieren. 

Entnimmt man dem Boden eine Kleepflanze, eine Bohne, 
Wicke, Linse oder irgendeine andere Leguminose, so bemerkt 
man an den Wurzeln eigentümliche Knöllchen, je nach der 
Pflanzenart verschieden in Größe und Gestalt. In den Zellen 
dieser Knöllchen entdeckte Woronin ı8606 Bakterien, später 
wurden diese auch außerhalb der Pflanze gezüchtet und gleich- 
zeitig wurde gezeigt, daß die Knöllchen nur dann entstehen, wenn 
die Bakterien Gelegenheit haben, die Wurzeln zu besiedeln. In 
sterilisierten Böden entstehen die Knöllchen nicht. Die schon 
erwähnten Untersuchungen Hellriegels zeigten dann, daß die 
Leguminosen an sich nicht die Fähigkeit haben, den freien Stick- 
stoff zu assimilieren, wohl aber im Verein mit bestimmten Bak- 
terienarten des Bodens, die sich in ihren Wurzelknöllchen an- 
siedeln. Obwohl man heute über die Frage, wie die Leguminosen 
dieses Kunststück fertig bringen, so gut wie nichts weiß, kann 
an: der Tatsache der Assimilation von freiem atmosphärischen 
Stickstoff durch die Hülsenfrüchtler nicht mehr gezweifelt werden. 
Es ist in hohem Grade bemerkenswert, daß auch die praktischen 
Erfahrungen in alter Zeit der Wissenschaft wertvolle Fingerzeige 
gegeben haben. 


Die Festigkeit der Bastfasern. 


Unter den für den Menschen bedeutungsvollen Nutzpflanzen 
stehen die Gespinstpflanzen in erster Reihe. Sie liefern den Natur- 


völkern .seit Jahrtausenden das Rohmaterial für Kleider, Binden 
und Seile. Wir wissen heute dank. den grundlegenden Unter- 
suchungen von Schwendener, daß in der höheren Pflanze Zellen 
vorkommen, die sich durch: eine ganz außerordentliche Festigkeit 
auszeichnen und zweifellos die Aufgabe haben, der Festigkeit der 
Pflanze zu dienen, so wie die Knochen in unserem Körper. Es 
sind das die Holz-, Kollenchym- und Bastzellen. Merkwürdigerweise 
erscheinen ’diese Zellen in der Pflanze genau so angeordnet, wie 
es ein theoretisch und praktisch geschulter Ingenieur mit Rück- 
sicht auf: die Lehren der Mechanik tun würde. Die Bastzellen 
haben oft ein Tragvermögen, das dem des Schmiedeeisens gleich- 
kommt, und der Bast mancher Pflanzen ist sogar bezüglich der 
Festigkeit der guter Stahlsorten ebenbürtig. Diese hochinteressanten 
Erfahrungen moderner Wissenschaft stehen im Einklang mit ur- 
alten Erfahrungen der Naturvölker, die seit langem aus dem Stengel 
verschiedener Pflanzen (Lein, Hanf usw.) gerade die Bastzellen 
aufgespürt und daraus Binden und Seile gefertigt haben. Nun 
zeichnen sich gerade die aus Bastfasern gemachten Seile durch 
großes Tragvermögen aus, der Naturmensch muß also die große 
Festigkeit der Bastfasern schon frühzeitig erkannt haben. 


Auch der ganze Garten- und Obstbau beruht großenteils auf 
alter Erfahrung. Das Veredeln, Okulieren, der Baumschnitt, die 
Zucht von Form- und Spalierbäumen, die Vermehrung durch Steck- 
linge, die Zucht von Edelsorten, die Düngung und viele andere 
im Obst- und Gartenbau angewendete Verfahren und Kunstgriffe 
reichen vielfach bis ins graue Altertum zurück und wurden nicht 
in der Stube der Gelehrten entdeckt. 


Ganz ähnliche Betrachtungen, wie ich sie in meinem heutigen 
Vortrage für das botanische Gebiet angestellt habe, ließen sich 
auch für das der Zoologie, Mineralogie, Chemie und Physik an- 
stellen und man würde dabei zu ganz ähnlichen Schlußfolgerungen 
gelangen. Überall würden wir dem feinen Spürsinn des Natur- 
menschen begegnen. Aber trotz dieser natürlichen Begabung 
würde es der Mensch nicht über eine gewisse Stufe der Erkenntnis 
gebracht haben, wenn er, auf einer gewissen Kulturhöhe angelangt, 
nicht angefangen hätte, Wissenschaft zu treiben, d.h. methodisch 


. die Erscheinungen der Umwelt zu prüfen. Die Methoden in Ver- 
12* 


— 180 — 


bindung mit glücklich ersonnenen Hypothesen sind es vor allem, 
die die Naturwissenschaften auf eine so erstaunliche Höhe gebracht 
haben. Durch sinnreiche Methoden und höchst empfindliche Appa- 
rate wurden unsere Sinne verfeinert, der ganze sensible Apparat 
sozusagen mit neuen Sinnesorganen ausgerüstet, und mit solchem 
wissenschaftlichen Rüstzeug gelangt der moderne Forscher zu den 
wunderbaren, oft verblüffenden Entdeckungen der Neuzeit, ja auf 
einzelnen (rebieten haben wir es so weit gebracht, daß sich die 
Wissenschaft erkühnen kann, Entdeckungen vorauszusagen. Auf 
solcher Höhe angelangt, soll der moderne Forscher auf .die wert- 
volle Pionierarbeit des Naturmenschen nicht vergessen, eingedenk 
der schönen Worte Goethes: 


„Selbst erfinden ist schön, doch glücklich von andern Gefundenes 
Fröhlich erkannt und geschätzt, nennst Du das weniger Dein ?“* 


XI 


Der Scheintod der Pflanze’). 


„Die organische Maschine stirbt also nicht jedes 
mal, wenn sie vollkommen stille steht, so wenig wie 
die Uhr jedesmal zerbricht, wenn das Pendel nicht 
mehr schwingt.‘ Preyer. 

I. Tritt der Tod momentan ein ? 

Im Kreise der Laien erscheint vielfach die Meinung verbreitet, 
es sei in jedem einzelnen Falle leicht, rasch zu entscheiden, ob ein 
Tier oder eine Pflanze lebt oder tot ist. Auch glaubt man, es sei 
leicht möglich, den Zeitpunkt genau festzustellen, in welchem der 
Tod eintritt. Stirbt eine berühmte Persönlichkeit, ein Kaiser oder 
König, so pflegt man die Zeit des Eintrittes des Todes auf die 
Minute anzugeben, und diese Tatsache erweckt im Laien den Ge- 
danken, daß der Tod momentan eintritt und daß zwischen Leben 
und Tod eine scharfe Grenze besteht. 

Gewöhnlich bezeichnet man einen Menschen dann als tot, 
wenn die Atmung dauernd stille steht. Ist das der Fall, 
so konstatiert und bescheinigt der Arzt den eingetretenen Tod. 
Doch ist das eigentlich nur eine konventionelle Vereinbarung, in 
Wirklichkeit kann bei dem „toten“ Menschen noch manches leben. 
Wird ein Mensch enthauptet oder gehenkt, so stellt der Arzt nach 
durchgeführter Hinrichtung den Tod fest. Allein wird einige 
Minuten nach der amtlichen Feststellung des Todes der „tote“ 
Mensch seziert, so zucken die Muskeln beim Durchschneiden zu- 
sammen, die Gedärme kriechen in lebhafter peristaltischer Bewe- 
gung durcheinander und bei Eröffnung des Herzbeutels beginnt 
das Herz in Berührung mit dem Sauerstoff der Luft von neuem 
mehrere Minuten, ja bis zu einer Viertelstunde zu pulsieren. Kommt 
es zum Stillstand, so genügt ein Nadelstich, um eine oder mchrere 

!) Vortrag, gehalten am 9. Dezember 1914 im Vereine zur Verbreitung natur- 


wissenschaftlicher Kenntnisse in Wien. Im Verlage dieses Vereins 1915 zuerst er- 
schienen. 


— ı82 — 


Herzpulsationen auszulösen. 2—4 Stunden nach dem „Tode“ tritt 
auf Reizung der Nerven Zuckung der zugehörigen Muskeln ein. 

Kubialkot) gelang es sogar, in Herzen von Kinderleichen 
Pulsationen der Vorhöfe und Herzohren bis 30 Stunden nach dem 
„Lode“ zu erzielen, indem er sie mit Ringerscher Lösung durch- 
strömte. Das die innere Oberfläche der Luftwege, des Kehlkopfes, 
der Luftröhre und der Bronchien auskleidende Flimmerepithel 
zeigt seine rhythmische Schlagbewegung an der Leiche noch tage- 
lang nach dem Stillstand des Herzens in ausgezeichneter Weise. 
Die Flimmerepithelbewegung konnte an der Schleimhaut eines 
operierten Nasenpolypen, wenn die Aufbewahrung bei 4—6° C 
stattfand, ı2, ı4, ja in einem Falle ı8 Tage nach der Operation 
beobachtet werden (Busse), wie ich einem interessanten Artikel 
Pütters?) entnehme. 

Auch die farblosen Blutkörperchen und die Spermatozoiden 
des Menschen können "lange sÜDeREBERTN, Analoge Tatsachen 
bietet auch die Pflanze. 

Georginen pflegen schon beim ersten stärkeren Herbstfrost 
zu erfrieren. Sowie die Sonne die gefrorenen Blätter trifft, tauen 
sie auf, schwärzen sich und hängen schlaff von den Zweigen herab. 
Jeder wird das Blatt nach seinem Aussehen als tot. bezeichnen. 
Als ich jedoch vor Jahren solche erfrorene Blätter mikroskopisch 
untersuchte®), fand ich allerdings fast alle Zellen abgestorben, allein 
die Schließzellen der auf der Unterseite des Blattes in großer Zahl 
befindlichen Spaltöffnungen erwiesen sich in der Mehrzahl als 
lebend. Die Schließzellen sind gegen Kälte und andere schädliche 
Einflüsse viel widerstandsfähiger als die anderen Blattzellen. Wenn 
wir also ein solches erfrorenes Blatt als tot bezeichnen, so ist dies 
nur zum Teil richtig, eigentlich können wir nur sagen, ein: der- 
artiges Blatt ist als Ganzes nicht mehr lebensfähig und zum größten 
Teil tot. 

Der Tod braucht daher ein Be nicht durch Be: durch 
momentan zu erfassen, er schreitet allmählich vor. 


l) Kubialko, Zentralblatt für Physiologie, Bd. 16, 1902, S. 330. 

2). Pütter, A., Die Chronologie des Zelltodes bei Warmblütern. Die Natur- 
wissenschaften . 1914, S. 628. 

3) Über den Scheintod der Tiere vergleiche hatpkeachliekt W.Preyer, Natur- 
wissenschaftliche Tatsachen und Probleme, Berlin 1880, S. ı;: Verworn, M., Er 
meine Physiologie, Jena 1897, S. 129. 

*) Molisch, H., Untersuchungen über das Erfrieren der Pflanzen, TR am Ss. 30. 


= 183 en 
II. Der Begriff des Scheintodes. 


Sowie es Schwierigkeiten bereitet, genau den Zeitpunkt für 
den Eintritt des Todes bei einem höheren Lebewesen anzugeben, 
so ist es in vielen Fällen auch nicht leicht, durch bloßes Ansehen 
und ohne genauere Prüfung zu entscheiden, ob ein Lebewesen, 
ein Gewebe oder eine Zelle lebt oder tot ist. 

Ein lufttrockenes Getreidekorn, das hier am Tische liegt, 
verrät keinerlei Lebenserscheinungen. Es wächst nicht, es assimi- 
liert nicht, es bewegt sich nicht, kurz, es gibt kein Lebenszeichen 
von sich. Erst wenn es, in feuchte Erde und auch sonst unter 
günstige Wachtumsbedingungen gebracht, keimt, Wurzel, Stengel 
und Blätter bildet, dann kann ich sagen: Dieses Gretreidekorn war 
nicht tot, sondern lebend. Im trockenen Zustand aber unterscheidet 
es sich, soweit es das Auge beurteilen kann, nicht von einem toten. 

Ein Lebewesen, gleichgültig ob Pflanze oder Tier, das 
keine merkbaren Lebenszeichen von sich gibt, aber doch 
lebensfähig ist, bezeichnet man als scheintot. Das Ge- 
treidekorn, dem, obwohl es keine Lebenszeichen aufweist, doch 
die Fähigkeit zum Leben, zum Keimen innewohnt, ist scheintot. 
Erst wenn es die Lebensfähigkeit einbüßt, ist es tot. 


III. Lebensreaktionen. 

Für den Physiologen erscheint es in vielen Fällen von großer 
Wichtigkeit zu wissen, ob eine Zelle lebt oder tot ist. Häufig 
wird auch die Entscheidung darüber keine Schwierigkeiten bieten, 
z. B. wenn man in der betreffenden Zelle Plasmaströmung oder 
Kernteilung vor sich gehen sieht. Aber so auffallende Lebens- 
. erscheinungen lassen sich nur in den seltensten Fällen feststellen, 
und daher hat man von verschiedenen Seiten gewisse Methoden, 
sogenannte Lebensreaktionen empfohlen, die es wenigstens 
sehr häufig ermöglichen, in zweifelhaften Fällen Lebendes vom 
Toten zu unterscheiden und von denen vier hier angeführt 
werden sollen. 

ı. Eines der besten Mittel, um sich vom Leben einer Pflanzen- 
zelle zu überzeugen, ist die Plasmolyse. Wird eine lebende 
Zelle, z. B. eine Oberhautzelle des Blattes von Zradescantia oder 
eine Moosblattzelle in eine ıoprozentige Kochsalzlösung gelegt, so 
wird der. Zelle Wasser entzogen, das Plasma hebt sich, wie dies 
in der Fig. 36 ersichtlich ist, von der Zellhaut ab, schrumpft und 
ballt sich in der Zelle zusammen. Dieses Abheben des Plasmas 


— 184 — 


von der Wand infolge wasserentziehender Mittel nennt man Plasmo- 
lyse. Eine Zelle, bei der sich Plasmolyse hervorrufen läßt, wird 
als lebend angesprochen, denn tote Zellen zeigen diese Erschei- 
nung nicht. Obwohl diese Lebensreaktion ganz ausgezeichnete 
Dienste leistet, läßt sie doch nicht selten im Stiche, weil die Zelle 
entweder zu klein oder ihr Hohlraum zu schmal oder mit Reserve- 
stoffen so vollgepfropft ist, daß eine Schrumpfung gar nicht recht 
eintreten kann. 
2. Auch elektrische Induktionsschläge können zum Nach- 
weis des Lebens herangezogen werden. Das lebende Protoplasma 
zieht sich auf solche Schläge momentan zu- 
sammen oder es wird in seinem Bau zer- 
stört. Diese Methode liefert aber im Ver- 
gleich zur Plasmolyse viel weniger gute 
Resultate, weil sie in vielen Fällen versagt. 
3. Loew und Bokorny!) haben die 
“ Silberreaktion als Mittel für unsere 
Zwecke empfohlen. Sie fanden, daß lebende 
Zellen in ihrem Innern aus sehr verdünnter 
schwach alkalischer Silberlösung Silber re- 
duzieren. Werden lebende Zellen von ‚S%zro- 
gyra, Zygnema oder anderen Pflanzen in 
eine verdünnte alkalische: Silberlösung für 
6—ı2 Stunden gebracht, so schwärzt sich 
Fig. 36. Vier Zellen aus das Plasma infolge der eingetretenen Silber- 
einem Moosblatt (Mmum). eduktion. Getötete Zellen geben diese 


Nach Behandlung mit Kochsalz- ? x ; \ 
lösung zieht sıch das Plasma von Reaktion nicht und deshalb erblicken die 


hr a Men ee beiden Forscher darin eine brauchbare 

Lebensreaktion. Leider gelingt die Reaktion, 
wie die beiden Genannten selbst schon gefunden haben, nicht mit 
allen lebenden Zellen, und daher ist die Anwendbarkeit dieser 
Reaktion auch nur beschränkt. 

4. Das lebende Plasma hat die Fähigkeit, gewisse Farb- 
stoffe, z.B. den im Pflanzenreich so weit verbreiteten blauen 
violetten oder roten Farbstoff vieler Blüten, das Anthokyan nich 
durchzulassen, während das tote ihn nicht bloß durchtreten 
läßt, sondern auch speichert. Man kann sich leicht davon durch 
folgendes Experiment überzeugen. Ich schneide aus einer leben- 


!) Loew, O., und Bokorny, Th., Die chemische Kraftquelle im lebenden 
Protoplasma, München 1882, 


den roten Salatrübe zwei gleich große Würfel heraus und lege 
den einen sofort in ein Glas Wasser, den zweiten aber erst, nach- 
dem er in einem Luftbad bei 60° C getötet wurde. In dem ersten 
Gefäß, wo die lebende Rübe liegt, tritt der Farbstoff nicht aus, 
das Wasser bleibt ganz farblos, in dem zweiten aber, wo sich die 
abgetötete Rübe befindet, kommt der Farbstoff aus dem Gewebe 
reichlich heraus und färbt das Wasser stark rot. 


Auch diese Eigentümlichkeit des Plasmas, im lebenden Zu- 
stande für gewisse Stoffe undurchlässig zu sein, kann man als 
Lebensreaktion benützen. 


Wenn man von keiner dieser Methoden einen allgemeinen 
Gebrauch machen kann, so wird man trachten müssen, sich nicht 
mit einer Lebensreaktion zu begnügen, sondern möglichst viele 
heranzuziehen und miteinander zu kombinieren, um zu einer halb- 
wegs sichern Entscheidung zu gelangen. 


Die sicherste Probe auf Leben liegt wohl in der Feststellung 
der Weiterentwicklung. Entwickelt sich eine Zelle, ein Gewebe 
oder ein Keim weiter, dann kann an seinem Leben und seiner 
Lebensfähigkeit nicht gezweifelt werden. 


4. Vorkommen des Scheintodes. 


Eines der bekanntesten Beispiele für Scheintod gibt das 
Bärentierchen Macrobrotus Hufelandır! ab. Dieses milbenartige, 
zu den Tardigraden gehörige Tier lebt gewöhnlich in Moosrasen 
und da diese sich auch häufig auf Schindeldächern vorfinden, so 
gelangen sie von dort auch in Dachrinnen, können hier zurück- 
bleiben und in den eingetrockneten Resten des Staubes leicht ge- 
funden werden. Diese Bärentierchen sind in der Natur häufig 
dem Austrocknen ausgesetzt, stellen ihre Bewegungen mehr und 
mehr ein und schrumpfen schließlich zu einem winzigen Klümp- 
chen, das keine Lebenserscheinungen mehr verrät, zusammen. In 
diesem Zustande, in diesem Scheintod kann das Tierchen lange 
Zeit verharren; wenn es aber nach einem Regen wieder Grelegen- 
heit hat, Wasser aufzunehmen, beginnt es sich zu strecken und 
zu recken und nimmt seine gewöhnliche Lebenstätigkeit wieder auf. 

Ähnlich wie die Bärentierchen verhalten sich auch die zu 
den Würmern (Nematoden) gehörigen Kleisterälchen, die in kranken 
Weizenkörnern leben, viele Infusorien, Flagellaten und zahlreiche 
Rädertierchen. 


— 136 — 


Einen ganz besonders interessanten Fall von Scheintod stellen 
gewisse Rädertierchen (Callıdına) dar, die in den Blattröhrchen 
eines auf Baumstämmen häufig vorkommenden Lebermooses 
Frullanıa dılatata leben. In den wie Kappen aussehenden Blatt- 
öhrchen halten sich mit Vorliebe die Rädertierchen Calhdına 
symbrotica und €. Zertgebri auf, wahrscheinlich weil sie hier günstige 
Ernährungsbedingungen finden. Trocknet das Moos aus, so ver- 
fallen die Tierchen in den Scheintod; sowie die Moosrasen aber 
vom herabrieselnden Regenwasser befeuchtet werden, erwachen 
die vorher geschrumpften Rädertierchen zu neuem Leben und 
lassen gleich darauf ihre Räderorgane lebhaft spielen. Solche 
Rädertierchen, die jahrelang mit dem Moos in einem Herbar 
lagen, können nach Befeuchtung mit einem Tropfen Wasser aus 
ihrem latenten Leben wieder zu aktivem zurückkehren. Das 
Pflanzenleben bietet eine reiche Fülle von Scheintodbeispielen!), 
von denen einige der wichtigsten und interessantesten hier be- 
sprochen oder erwähnt werden sollen. 

Lebermoose. Manche dem Austrocknen in der Natur häufig 
unterworfene Lebermoose erhalten sich im trockenen Zustande 
lange am Leben. Schröder beobachtete, daß Corsınıa marchan- 
tıordes, das 7 Monate im Herbar aufbewahrt war, unter normale 
Verhältnisse gebracht, wieder weiter wuchs. 

Laubmoose. In weit höherem Grade als bei Lebermoosen 
erscheint die Austrocknungsfähigkeit bei Laubmoosen ausgebildet. 
Sie kommt hauptsächlich jenen Laubmoosen zu, die in der Natur 
auf trockenen Standorten vorkommen. und die sich daher dem 
Wechsel von Benetzung und Austrocknung angepaßt haben. Solche 
Moose sind außerordentlich lebenszäh.. So ertrug eine auf einem 
Stück Kalktuff gewachsene Darbula ungurculata über zwanzig 
Wochen Lufttrockenheit und durch Schwefelsäure noch verstärkte 
Trockenheit. Nach dem Anfeuchten erwiesen sich alle*Zellen als 
lebend, und die Stämmchen wuchsen weiter. 

Im allgemeinen kann man sagen, daß nach Schröder auch 
die an extreme: Austrocknung gewöhnten Arten nach einigen 
Jahren — die äußerste Grenze sind .; Jahre — abgesehen von 
ihren Sporen absterben. Diese aber können noch viel länger im 


!) Schröder, G., Über die Austrocknungsfähigkeit der Pflanzen. Arbeiten des 
Tübinger Institutes, II. Bd., 1886, S. ı. Vgl. auch Irmscher, E., Über die Resistenz 
der Laubmoose gegen Austrocknen und Kälte. Pringsheims Jahrb. f. wiss. Bot. 1912, 
Bd:250, 52387. 


— 187 23 


Scheintod verharren. So fand W. Schimper, daß Moossporen, 
die 5o Jahre im Herbar gelegen hatten, ebenso keimten, als wenn 
sie von frischen Pflanzen genommen worden wären. 

Algen. Während viele Algen das Austrocknen überhaupt 
‚nicht vertragen, zeichnen sich andere gerade dadurch aus. Die 
letzteren findet man besonders in der Familie der Palmellaceen. 
Der den grünen Anflug an der Nordwestseite vieler Baumstämme 
bildende Pleurococcus vulgarıs erwies sich nach 20 Wochen langem, 
scharfem Trocknen als lebend. | 

Pilze. Viele Bakterien ertragen das Austrocknen nicht, 
andere in hohem Grade. Erstaunlich lange können gewisse: Erd- 
bakterien in Trockenstarre verharren, um dann wieder zu neuem 
Leben zu erwachen. -» 

Nestler!), der in einwandfreier Weise aus einem sehr alten 
Moosherbar der den Moosrasen anhaftenden Erde Bakterien ent- 
nahm und auf ihre Lebensfähigkeit prüfte, kam zu dem interessanten 
Ergebnis, „daß einige sporenbildende Bakterien — Bacıllus vul- 
gatus, B. mycordes und B. subtılıs — eine jahrzehntelange Aus- 
trocknung bei gewöhnlicher Temperatur vertragen und sich durch 
mindestens 92 Jahre lebensfähig erhalten können.“ 

Die Austrocknung des Vegetationskörpers höherer Pilze ist 
gerade nicht häufig, hingegen gibt es viele Sporen, die diese Eig- 
nung in hohem Grade besitzen. Brefeld erhielt aus 6 Jahre 
alten Sporen von dem Schimmelpilz Aspergıllus Aavus nach dem 
Auskeimen neue Pflänzchen. 

V. Liebenberg untersuchte die Sporen von Brandpilzen, 
die verschieden lange im Herbar trocken aufbewahrt worden waren. 
„Erhalten war die Keimkraft der Sporen noch bei Zzlletıa carıes 
nach 8'/, bei Usiilago carbo nach 7'/, bei Usztilago Kolaczkıt, 
Cramer! und destruens nach 53'/, bei Ustilago Tulasneı nach 
61/, Jahren und scheint es nicht zweifelhaft zu sein, daß diese 
Zeiträume noch verlängert werden können, ohne daß dadurch die 
Keimkraft dieser Sporen wesentlich beeinträchtigt wird?).‘“ 

Samen. So wie die Austrocknungsfähigkeit bis zur völligen 
Lufttrockenheit bei blütenlosen Pflanzen ohne Einbuße der Lebens- 
fähigkeit ganz besonders bei Sporen zutage tritt, so findet sich 
diese Eigenschaft bei den Blütenpflanzen nur mehr in ausgezeich- 


I) Nestler, A., Zur Kenntnis der Lebensdauer der Bakterien. Ber. d. deutschen 
bot. Ges. 1910, Bd.:28;:S._7:.:: ; 
2) Zitiert nach-Schröder, ]. c., S. 35. 


— 188 — 


neter Weise ausgebildet bei den Samen. Diese verhalten sich aber 
darin sehr verschieden. 

So keimen nach den Untersuchungen von Hildebrand die 
Samen von Sauerklee, Oxalis rubella und O.lancifolia und deren 
Verwandten gleich nach dem Aufspringen der Frucht und werden 
durch Austrocknen getötet. 

Die Keimungsfähigkeit der Weidensamen bleibt nur wenige 
Tage erhalten. Aber abgesehen von diesen und einigen anderen 
Fällen behalten die meisten Samen ihre Keimfähigkeit jahrelang bei. 

Genaue einschlägige Versuche über Getreidefrüchte ver- 
danken wir Burgerstein!). Darnach keimen die Früchte von 
Gerste, Weizen und Hafer nach zehnjähriger Aufbewahrung (mit 
Papier umhüllt in einer Schublade) noch zu etwa 70—90°/,, während 
beim Roggen die Keimkraft nach ıo Jahren erlischt. Andere 
Samen bleiben noch viel länger keimungsfähig; es gehören hierher 
die Samen vieler Schmetterlingsblütler (Papilionaceen), kürbisartiger 
Pflanzen (Cucurbitaceen), ferner die vom Liebesapfel, Zichorie 
und Raps. 

Die längste Keimfähigkeitsdauer kommt, soweit bekannt, den 
Samen der bekannten Sinnpflanze Mimosa pudıca zu. Diese 
können noch nach sechzigjährigem Scheintod wieder aufleben und 
keimen. Die Samen von Cassıa biapsularıs sogar noch nach 
85 Jahren. | 

Allerdings wird in der Literatur heute noch manchmal hervor- 
gehoben, daß aus altägyptischen Mumiengräbern stammender 
Weizen, dem also ein mehrtausendjähriges Alter zukommt, noch 
keimfähig sei. Allein solche Angaben entbehren der tatsächlichen 
Grundlagen und sind durch verschiedene Beobachtungen längst 
widerlegt. 

So teilte Münter?) am ıo. Mai 1847 in der Gesellschaf 
naturforschender Freunde mit, daß Weizen und sechszeilige Gerste 
aus ägyptischen Mumien ihre Keimkraft völlig eingebüßt hat. 

„Ich brachte aus Theben“ — schreibt Unger?) über Mumien- 
weizen — „in einer wohl verschlossenen Tonflasche eine ziemliche 

!) Burgerstein, A., Beobachtungen über die Keimkraftdauer von ein- bis zehn- 
jährigen Getreidesamen. Verhandlungen d. k. k. zool.-bot. Ges. in Wien, Jahrg. 1895. 

2) Münter, Berliner Archiv 116, Regensburger Flora 30 (1847), S. 478. Zitiert 
nach Kochs, siehe weiter unten. 

3) Unger, F., Botanische Streifzüge auf dem Gebiete der Kulturgeschichte. 
Sitzungsber. d. kais. Akad. d. Wissensch. in Wien, math.-naturw. Kl., Bd. 38, Jahrg. 
1859, S. 99. ig 


BE 89 _. 


Menge nach Europa. Die am besten und vollsten erscheinenden 
Körner hatte Herr Direktor Schott die Güte anzubauen, sie keimten 
jedoch nicht, ungeachtet aller darauf verwendeten Sorgfalt.“ Und 
an einer anderen Stelle!): „Ich schließe hieran noch die Bemerkung, 
daß ich wie früher schon einmal mit Gerstenkörnern aus Mumien- 
gräbern, nun abermals mit einigen dieser Samen, die mir am besten 
erhalten schienen, den Versuch machte, sie auf ihre Keimfähigkeit 
zu untersuchen. Es fand dies sowohl mit Weizen als mit Phalaris 
paradoxa statt. Der Erfolg war derselbe: selbst unter die günstig- 
sten Verhältnisse gebracht, trat statt der Entwicklung nur 
Fäulnis ein.“ 

Schließlich sei noch auf die einschlägigen Erfahrungen Witt- 
macks hingewiesen, über die er bemerkt: „Die Versuche, welche 
ich mit Mumienweizen anstellte, der in einem Sarkophage aus der 
griechischen Epoche im alten Memphis gefunden war und den 
das landwirtschaftliche Museum vom Kommissär der ägyptischen 
Regierung auf der Pariser Ausstellung ı876 Dr. Figar Bey, also 
sicher echt, erhalten hatte, mißlangen trotz aller Vorsicht unter 
den mannigfachsten Modifikationen vollständig. Die ursprünglich 
schon braunen Samen, von mumienartigerın Geruch, zergingen zu- 
letzt wie Lehm im Wasser. Ähnlich verhielt es sich mit den 
Samen der Mumiengerste?).“ 

Die vorstehenden Angaben haben das alte, immer wieder 
von neuem aufgetischte Märchen von der Keimung altägyptischen 
Mumienweizens zunichte gemacht. Wenn derlei Experimente 
wirklich glückten, so handelte es sich nicht um echten alten, 
sondern um unterschobenen frischen Weizen, der den Reisenden 
gegen gute Bezahlung von Betrügern auch heute noch ange- 
boten wird. . 

Es ist schon oft bemerkt worden, daß an einem bestimmten 
Orte mit einer plötzlichen Veränderung der Bodenoberfläche sich 
auch rasch die Zusammensetzung der Pflanzendecke ändert. Wenn 
in einem Walde, auf Äckern oder Weiden eine tiefere Umgrabung 
erfolgt, so erscheinen oft Pflanzen, die sich früher hier nicht oder 
nicht in so großer Zahl befanden. Woher stammen sie’? Man 
könnte der Meinung sein, daß die Samen durch Wind, Wasser, 
Tiere oder den Menschen hierher verschleppt wurden oder daß 
die Samen in der Erde ruhten und nun durch das Umgraben 


) Derselbe: Ebenda, 54. Bd., I. Abt., Jahrg. 1866, S. 56. 
?2) Wittmack, L., Gras- und Kleesamen. Berlin 1873, S. 15. 


——. DO Zen 


unter günstige Keimungsbedingungen gebracht wurden. Genaue 
Versuche von Peter!) haben geiehrt, daß das letztere der Fall ist. 
Er entnahm mitten im Walde unter besonderen Vorsichten einer 
pflanzenlosen quadratischen Stelle von 30 cm Seitenlänge den 
ganzen Boden bis 8 cm tief, dann eine ebenso tiefe Lage und 
schließlich noch ein drittes Mal wieder so eine tiefe Schichte und 
beobachtete im Gewächshause, ob und welche. Pflanzen auf den 
drei Bodenschichten erschienen. Alle untersuchten Waldböden 
enthielten verborgene lebende Pflanzenkeime, „ruhende“ Samen, 
die, als der Boden gelockert, befeuchtet und belichtet wurde, sich _ 
oft bis zur Samenbildung weiter entwickelten. Bodenproben aus 
Wäldern, die seit jeher Wald waren, lieferten nur Waldpflanzen 
(Erdbeere, Himbeere, Tollkirsche usw.), Proben aus gepflanzten 
Beständen, auf ehemaligem Acker- oder Weideland ergaben, von. 
vereinzelten Waldpflanzen abgesehen, vorwiegend Acker- .oder. 
Weidepflanzen (Täschelkraut, Hirtentasche, Ackersenf, Hartheu, 
Wegerich usw.). 

Solche Resultate wurden mit Böden aus gepflanzten Wäldern, 
deren Ausforstung vor 20--46 Jahren erfolgt-war, gewonnen, und‘ 
daraus: schließt Peter, daß die noch keimfähigen Samen etwa 
ebenso lange in der Erde ruhten und sich lebensfähig er- 
hielten. 

Über die Ursache dieses langen Scheintodes im Boden spricht 
sich Peter nicht ‚aus, es erscheint mir aber möglich, daß der 
Boden einen konservierenden Einfluß auf die Samen ausübt. Der 
Gegenstand würde eine spezielle Untersuchung verdienen. 


V. Die völlige, zeitweise Unterbrechung des Lebens. 

Der Scheintod der Samen, Sporen, Bakterien und anderer 
Einzelliger wird in der Regel durch Austrocknen herbeigeführt, 
aber die Lebenserscheinungen können auch noch durch andere 
Faktoren, z. B. durch niedere Temperatur unterbunden werden. 
Viele Pflanzen können beinhart gefrieren, ja manche, wie unsere 
hochalpinen Gewächse oder die Nadelhölzer Sibiriens, verbleiben 
im vollständig gefrorenen Zustande monatelang, ohne daß sie 
dabei ihr Leben einbüßen. Sobald die Temperatur genügend hoch 
ansteigt, treten die Lebenserscheinungen wieder auf. Abgesehen 


!) Peter, A., Kulturversuche mit ruhenden Samen. Nachrichten von der kgl. 


Ges. d. Wissensch. zu Göttingen 1893, S._ 671. 


— 191 — 


davon, daß beim Gefrieren infolge der niederen Temperatur die 
chemischen Vorgänge auf ein Minimum herabgesetzt werden, ist 
mit der Eisbildung in der Pflanze auch ein kolossaler Wasserent- 
zug verknüpft, der gleichfalls zu einer Hemmung des aktiven 
Lebens -führt!). 

Es entsteht nun die Frage, ob während des Scheintodes, sei 
es durch Austrocknen, sei es durch Gefrieren, sei es durch beides, 
die Lebenserscheinungen vollständig unterbrochen sind oder ob 
eine Spur Leben, eine vita .minima übrig -bleibt. 

Kochs?) hat diese Frage aufgeworfen und, um sie zu ent- 
scheiden, sich bemüht, trockne keimfähige Samen an der Atmung 
völlig zu behindern, indem er sie in luftleeren, mit Phosphorsäure- 
anhydrid versetzten Röhren längere Zeit trocknete und dann in 
einer zugeschmolzenen Vakuumröhre aufbewahrte, die mit einer 
Geißlerschen Röhre verbunden war, wie sie zur spektroskopischen 
Untersuchung der Gase benützt zu werden pflegt. Eine genaue 
Prüfung ergab nun, daß nach Monaten keine Spur von Kohlen- 
säure gebildet wurde. Und dennoch keimten die Samen, wenn 
sie unter günstige Bedingungen gebracht worden waren. Daraus 
schließt Kochs, „daß die so behandelten Samen bis auf etwaige 
innere Umlagerungen scheintot waren“, 

. Während er bei entwickelten Tieren und Pflanzen einen 
wirklichen Scheintod leugnet, gibt er ihn für Sporen und Samen zu.. 

Von Wichtigkeit für unsere Frage erscheinen besonders die 
neueren Untersuchungen von Becquerel®). Er trocknete, um die 
Erhaltung der Keimfähigkeit bei Schimmelpilzsporen zu prüfen, 
die Sporen von Mucor Mucedo, M. racemosus, Rhızopus niger, 
‚Aspergillus glaucus u.a. zunächst in kleinen, sterilisierten Glas- 
röhren bei Gegenwart von Ätzbaryt ı4 Tage lang. bei 350.6 
Hierauf wurden die Röhren luftleer gemacht und zugeschmolzen. 
Die Röhren wurden dann vom Februar 1908 bis Mai 1909 auf-, 
bewahrt und im Februar 1909 3 Wochen der Temperatur der 
flüssigen Luft (— 180° C) und hierauf 77 Stunden der Temperatur 
des flüssigen Wasserstoffs (—235° C) ausgesetzt. Am g. Mai 1909 


1) Molisch, %.]® c. S. 138 

?2) Kochs, W., Kann die Kontinuität der Lebensvorgänge zeitweilig völlig unter-" 
brochen werden? Biolog. Zbl. 1890, Bd. 10, S. 673. oe 

®) Becquerel, P., Experimentaluntersuchungen über das latente Leben der Sporen 
der Mucorineen und Ascomyceten. Comptes rendus 1910, t. 150, p. 1437—1439. Re 
feriert in der Naturw. Rundschau 1910, S. 434. 


=. 192 —— 


wurden dann unter genauen Vorsichtsmaßregeln zur Verhinderung 
des Anfliegens fremder Keime die Sporen herausgenommen und 
auf sterile Nährmedien geimpft. Schon nach ı6 Stunden keimten 
alle Sporen der Mucorineen und innerhalb dreier Tage auch die 
Sporen der genannten anderen Schimmelpilze. Analoge Versuche!) 
mit Samen führten zu ähnlichen Ergebnissen. 


Becquerel schließt aus seinen Versuchen, daß bei Samen 
und Sporen das Leben unter den von ihm geschaffenen Bedin- 
gungen: Trockenheit, Luftleere und abnorm niedere Temperatur 
nicht etwa bloß verlangsamt, sondern völlig unterbrochen ist. 


Nach diesen Experimenten wird man wohl zugeben müssen, 
daß unter künstlichen Bedingungen nahezu sicher bei ge- 
wissen Samen und Sporen ein wirklicher, echter Schein- 
tod eintritt, daß also das Leben vollständig unterbrochen 
und nach längerer Zeit wieder in Gang gesetzt werden 
kann. 


Wenn es einmal gelingen sollte, Samen, Bakterien und Sporen 
bis auf den absoluten Nullpunkt, d. h. auf —273° C abzukühlen, 
wo jede Bewegung der Moleküle aufhört und damit auch jede 
chemische Reaktion unterbrochen wird, so wird, vorausgesetzt, 
daß auch dann die Sporen und Samen noch keimen, was mir sehr 
wahrscheinlich ist, die eben gezogene Schlußfolgerung nur noch 
an Sicherheit gewinnen. 


Sowie eine Lokomotive durch eine einfache Hebelbewegung 
zum vollständigen Stillstand und durch eine entgegengesetzte wieder 
in Tätigkeit gebracht werden kann; sowie der Strahl eines Spring- 
brunnens durch das Auf- und Absperren eines Hahnes momentan 
losgelassen oder abgestellt wird; oder sowie eine Kerze durch 
Anzünden zur Verbrennung, durch Auslöschen wieder zu chemischer 
Ruhe gelangt, so kann auch das Lebensrad in gewissen Fällen 
auf Monate, ja Jahre unterbrochen und dann wieder m Betrieb 
gesetzt werden. 


Vom aktiven Leben, von höchster Lebensfülle bis zum wirk- 
lichen Scheintod gibt es tausende Übergänge. Der sprossende, 
blühende und fruchtende Baum erscheint uns in vollem Leben, 
allein wenn er im Herbste seine Blätter abgeworfen und den Win- 
ter blattlos überdauert, macht er den Eindruck des Starren, Schein- 


!) Becquerel, P., Sur la suspension momentane&e de la vie chez certaines graines. 
Comptes rendus, Paris 1909, t. 148, p. 1052. 


toten, und trotzdem ist der das Leben bildende Stoffwechsel nicht 
unterbunden, sondern nur äußerst verlangsamt. Erst durch künst- 
liche Eingriffe, wie wir sie eben geschildert haben, kann der 
Stoffwechsel bei Samen, Sporen und anderen Zellen vollständig 
unterbrochen und das Leben, wie die Bewegung einer Maschine 
durch einen Hebelgriff, vollends aufgehalten werden. 

In der Natur aber finden in der Bakterienzelle, in der Spore 
und im Samen, wenn sie scheintot sind, doch kleine chemische 
Veränderungen statt, die bei hinreichender Dauer sich summieren 
und zu nicht mehr gutzumachenden Störungen und schließlich vom 
bloßen Scheintod zum wirklichen Tode führen. 

Welcher Art diese Änderungen sind, ist vorläufig unbekannt. 
Man wird wohl kaum mit der Annahme fehlgehen, daß es sich 
hier um chemische Vorgänge handelt und daß die Eiweißkörper 
und Fermente, die im Lebewesen eine so vorherrschende Rolle 
spielen, mit dem Alter der Zelle chemisch -physikalische Ände- 
rungen erleiden, die es ihnen unmöglich machen, auch weiterhin 
das Leben zu unterhalten. 


Molisch, Populäre biologische Vorträge. 2. Aufl. 13 


XI. 


Die Verwertung des Abnormen 
und Pathologischen in der Pflanzenkultur). 


I. Einleitung. 

Wer heute eine moderne Gartenbauausstellung durchwandert 
und in kleinem Raume. die. herrlichen Blumen, die vielfarbigen 
Blattpflanzen und die verschiedenen Gemüserassen in üppigster 
Kultur vor sich sieht, der wird sich des Staunens kaum erwehren 
können. Aber er wird nicht nur staunen, sondern er wird beim 
Anblick vieler dieser Herrlichkeiten zweifellos auch einen ästhe- 
tischen Genuß empfinden, obwohl zahlreiche Objekte, die unsere 
Bewunderung und unser Gefallen erregen, abnormer oder sogar 
pathologischer Natur sind. Daß es sich hier aber in vielen Fällen 
um Abnormes und Krankhaftes handelt, kommt den meisten, die 
über solche Dinge nicht unterrichtet sind und sich darüber nicht 
den Kopf zerbrechen, gar nicht zum Bewußtsein. 


In der Tat spielt die Verwertung des Abnormen und Patho- 
logischen in der Pflanzenkultur eine sehr bedeutende Rolle. Dies 
näher zu begründen, soll die Aufgabe meines heutigen Vor- 
trages sein. 

Bevor ich darauf näher eingehe, will ich zunächst ausein- 
andersetzen, was man unter „abnorm“ und „pathologisch* wersteht. 

Abnorm ist das, was von der Norm oder Regel ab- 
weicht. Wenn wir auf einem Kleefelde unter vielen tausenden 
dreiblättrigen Kleeblättern ein vierblättriges finden, so nennen 
wir dieses ein abnormes Kleeblatt, weil es eben von den gewöhn- 
lichen Kleeblättern abweicht. 


I) Vortrag, gehalten am ı5. Dezember 1915 im Vereine zur Verbreitung natur- 
wissenschaftlicher Kenntnisse in Wien. Im Verlage dieses Vereins 1916 zuerst er- 


schienen. 


Ist „abnorm“ und „pathologisch“ identisch? Nein. Etwas 
Abnormes kann pathologisch, muß es aber nicht sein. Das Ab- 
norme wird erst dann pathalogisch, wenn es der Pflanze 
schadet, sei es ihrer Entwicklung, sei es ihren Leistungen, ihrer 
Lebensdauer, ihrer Selbsterhaltung usw. Das vierblättrige Klee- 
blatt betrachte ich als abnorm, aber nicht als pathologisch, denn 
selbst wenn wir eine Kleerasse züchten, die nur Blätter mit je 
4 Fiederblättchen erzeugt — und eine solche Rasse gibt es bereits —, 
so werden wir keinerlei Schädigungen, die durch die Eigenschaft 
„Vierblättrigkeit“ hervorgerufen werden, erweisen können. Ja man 
könnte sich sogar vorstellen, daß die vierblättrige Rasse einen 
Vorteil der normalen gegenüber voraus hat, weil die Blattober- 
fläche des vierblättrigen Blattes größer ist und daher stärker assi- 
milieren kann. 

Die gefüllten Blüten aber sind nicht bloß abnorm, sondern 
auch pathologisch. 

Die Füllung der Blüten kann auf verschiedene Weise zustande 
kommen, sehr häufig dadurch, daß die Staubblätter und mitunter 
sogar auch die Fruchtblätter sich in Blumenblätter umwandeln. 
Eine normale Rosenblüte hat nur 5 Blumenblätter, eine gefüllte 
aber 20—30 und mehr. Bei manchen gefüllten Blüten, z. B. bei 
Levkojen (Maithiola), sind alle Staubblätter und Fruchtblätter in 
Blumenblätter umgewandelt, daher solche Blüten keine Früchte 
und Samen hervorbringen können. Pflanzen dieser Art bleiben 
unfruchtbar und würden, sich selbst überlassen, alsbald aussterben 
müssen. . Die Füllung ist also nicht nur eine abnorme, sondern 
auch eine pathologische Erscheinung, denn sie gefährdet, indem 
sie zur Unfruchtbarkeit führt, die Erhaltung der Art. 

Der Gegenstand wird noch viel klarer werden, wenn ich das 
Gesagte durch eine Reihe von Beispielen näher ausführe und . 
weiter begründe. 


II. Beispiele für die Verwertung des Abnormen und Pathologischen. 
ı. Die Panaschierung der Pflanze. 

Unter unseren Kulturpflanzen gibt es zahlreiche, die nicht 
rein grüne, sondern mehr oder minder gescheckte Blätter haben. 
Die Blätter sind entweder weißgrün gebändert oder weiß gerändert 
oder weißgrün oder gelbgrün gescheckt; in allen diesen Fällen 
ist das Chlorophyll oder Blattgrün nicht gleichmäßig über die 
ganze Fläche des Blattes verteilt, sondern stellenweise gar nicht 

13* 


ga 


oder nur mangelhaft ausgebildet. Man nennt solche Pflanzen 
panaschiert, und die Gärtner fügen ihrer Artbezeichnung noch die 
Worte „Jollis varıegatıs‘“ bei. 

Panaschierte Gewächse entstehen plötzlich als Varietäten aus 
unbekannten Gründen aus den grünen Arten und können bisweilen 
aus Samen oder gewöhnlich. durch Stecklinge fortgepflanzt 
werden. 

Wir besitzen bereits von zahlreichen Gehölzen (Ahorn, Buche, 
Buchs, Kornelkirsche, Pfaffenhütchen, Holunder, Ulme, Aucuba usw.) . 
und von vielen krautigen Pflanzen (Pelargonium, Panıcum, Phalarıs, 
Aspıdistra, Abutilon, Tradescantıa, Selaginella usw.) panaschierte 
Formen, und die Japaner und Chinesen haben seit jeher solche 
Variationen mit Vorliebe kultiviert, ja ein nicht geringer Bruch- 
teil panaschierter Formen, die gegenwärtig in Europa gezogen 
werden, wurden uns aus dem „Lande der aufgehenden Sonne“ 
übermittelt. 

Der grüne Farbstoff der Blätter, das Chlorophyll, spielt bei 
der Ernährung der Pflanze, und zwar speziell bei der Assimilation 
der Kohlensäure, eine ungemein wichtige Rolle. Nur das grüne 
Blatt oder, genauer gesagt, nur die grüne, chlorophylihaltige Zelle 
vermag im Sonnenlichte Kohlensäure aufzunehmen und daraus 
unter Abscheidung von Sauerstoff organische Substanz gewöhn- 
lich in Form von Zucker und Stärke zu bereiten. Hat ein Blatt 
daher an mehr oder minder großen Stellen das Chlorophyll ein- 
gebüßt, so wird es weniger assimilieren und daher für die Er- 
nährung weniger beitragen als ein normal grünes. Das ist ja 
auch der Grund, warum panaschierte Pflanzen im allgemeinen 
viel langsamer wachsen als die grünen gleicher Art, von denen 
sie abstammen. Es kommt auch vor, daß einzelne Sprosse 
an panaschierten Gewächsen gar kein Chlorophyll enthalten und 
daher rein weiß sind. Solche Zweige, als Stecklinge gezogen, 
können sich wegen des fehlenden Blattgrüns nicht mehr selb- 
‚ständig ernähren und gehen, sobald die Reservestoffe aufgebraucht 
sind, zugrunde. Bei der Panaschüre müssen wir zwei Fälle unter- 
scheiden, die voneinander wesentlich abweichen. Die eine Art, 
welche wohl die meisten Panaschierungen umfaßt, beruht auf ganz 
unbekannten Ursachen, ist meist samenbeständig und nicht in- 
fektiös. Neben dieser Art gibt es eine andere, die nicht samen- 
beständig ist und durch Pfropfung auf rein grüne, gesunde Pflanzen 
übertragen werden kann. i 


Eines der bekanntesten Beispiele der letzteren Art der Pana- 
schierung geben die Malvaceen ab, insbesondere Abutılon Thompsoni. 

Wenn auf eine rein grüne Adutrlon-Art ein Sproß oder auch 
nur ein Blatt der gelbgrün gescheckten Form gepfropft wird, so 
bleiben zwar die schon vorhandenen Blätter der Unterlage grün, 
aber die nach eingetretener Verwachsung sich aus den Knospen 
neu entwickelnden Blätter werden panaschiert. 

Man nimmt heute allgemein an, daß in dem panaschierten 
Abutılon ein Giftstoff, ein Virus, vorhanden ist, der auf die gesunde 
Pflanze übertragen wird, sie ansteckt und panaschiert macht. 

Die infektiöse Panaschüre wurde in letzter Zeit auch für 
Cytisus laburnum, Sorbus, Ptelea, Fraxinus, Evonymus und Zıgus- 
Zrum von E. Baur mit Sicherheit festgestellt?). 

Der Gärtner züchtet daher durch Propfung eine ausgesprochene 
Krankheit und auch, wenn er die nicht infektiöse Panaschierung 
entweder durch Samen oder durch die Stecklinge weiter züchtet, 
stellt er etwas Pathologisches, der Pflanze Schädliches in den 
Dienst der Kultur. 


2. Das Etiolement oder die Vergeilung der Pflanze. 

Für die meisten grünen Pflanzen ist das Licht zur normalen 
Entwicklung unbedingt notwendig. Kartoffelknollen, die im fin- 
steren Keller austreiben, bilden bekanntlich überverlängerte, elfen- 
beinweiße Triebe mit kleinen gelben Blättchen. 

Zieht man Bohnen vergleichsweise im Lichte und im Finstern, 
so bilden die Lichtkeimlinge normale, gedrungene Stengel und 
große grüne Blätter, die Finsterkeimlinge hingegen entwickeln 
überaus lange Triebe und verkümmerte, gelbe Blätter. Dadurch 
erhalten die bei Abschluß von Licht gezogenen Pflanzen ein eigen- 
artiges, unnatürliches Aussehen, das man mit dem Ausdruck 
Etiolement oder Vergeilung bezeichnet. 

Im Finstern bildet sich kein Chlorophyll. Da aber dieser 
Farbstoff, wie wir vorhin gehört haben, für.die Ernährung der 
Pflanze durch Kohlensäure von fundamentaler Bedeutung ist und 
ohne Chlorophyll keine Neubildung von organischer Substanz statt- 
findet, so zehrt die Pflanze im Finstern von ihren Reservestoffen 
und geht, sobald diese aufgebraucht sind, langsam dem’ Hunger- 
tode entgegen. 


!) Baur, E., Pfropfbastarde. Biol. Zbl. 1910, S. 514; derselbe, Ber. der 
deutsch. bot. Ges. I9O6, 1907, 1908. 


IR. 198 —— 


Trotzdem macht der Gärtner von dem Etiolement zum 
Schaden der Pflanze und zu seinem eigenen Nutzen häufig Ge- 
brauch, besonders in der Gemüsekultur. Verschiedene unserer 
(remüsearten werden, beim Abschluß von Licht kultiviert, nicht 
nur bleich, sondern auch äußerst zart, weich und schmackhaft und 
das entspricht den Wünschen des kaufenden Publikums. Ich will 
dies durch einige Beispiele näher begründen. 

„Die im Frühjahr aus dem Boden kommenden Spargel- 
sprosse (Asparagus offcınalıs) werden gleich nach ihrem Er- 
scheinen mit Tonglocken bedeckt, um sie vor Licht zu schützen. 
So kultiviert, etiolieren sie vollständig, werden lang, bleich und so 
weich, daß man sie gekocht ganz verspeisen kann. 

Bei dem Endiviensalat (Czchorum Endivia) wird ’ die 
Blattmasse, sobald sie ziemlich entwickelt und das ‚Herz‘ gut aus- 
gebildet ist, an zwei oder drei Stellen mit Bast fest zusammen- 
gebunden. Hierdurch werden die inneren Blätter infolge des 
Lichtmangels gebleicht, das Gewebe erreicht einen hohen Grad 
von Zartheit und Weichheit und damit ist der Zweck der Prozedur 
erreicht. 

Ähnlich verfährt man auch mit dem Römersalat (Lactuca 
satıva var. romana), ausgezeichnet durch längliche, stark gerippte, 
sich meistens nicht zum Kopfe zusammenschließende Blätter und 
mit den Blattstielen und Blattrippen der Cardy (Cymara Scolymus). 

Von der Sellerie (Afrum graveolens) gebraucht man nicht 
bloß die Wurzelknollen, sondern von gewissen Sorten auch die 
langen und breiten Blattstiele, die wegen ihres milden, aromati- 
schen Geschmackes geschätzt werden. Je fleischiger und zarter 
diese Blattstiele sind, desto höher im Werte stehen sie. Indem 
man die Blattstiele mit Stroh zusammenbindet und die Stauden 
ı5—2o cm hoch behäufelt, erhält man durch Vergeilung Blattstiele 
von den gewünschten Eigenschaften. In England bedient man 
sich zu diesem Zwecke auch ı5 cm weiter und 30 cm langer 
Drainröhren, die, sobald man sie im Boden befestigt und die 
Blätter durchgezogen hat, mit Erde gefüllt werden. 

Im Laufe der Zeit haben die Gärtner durch künsiehe Aus- 
lese Rassen von Gemüse gezüchtet, die das Etiolement gewisser- 
maßen an sich selbst normal vollziehen. Der Kopfsalat (Zaciuca 
satıva var. capıtata), bekanntlich dadurch ausgezeichnet, daß die 
Blätter, sich gegenseitig bedeckend, zu einem mehr oder minder 
festen Kopfe (Häuptel) zusammenschließen, ist ein glänzendes Bei- 


spiel dafür. Die den Kopf bildenden Blätter verdunkeln sich in- 
folge ihrer Lage gegenseitig und werden hierdurch, weil halb 
etioliert, zart und bleich. Ein anderes Beispiel ist der Kopfkohl 
(Brassica oleracea var. capıtata) mit den verschiedenen Sorten des 
Krautes. Die Züchtung hat es bei einzelnen Rassen so weit ge- 
bracht, daß die den Kopf bildenden Blätter fast ganz weiß sind!).“ 

Die eigentümliche Lage der jüngeren Blätter beim Kopfkohl, 
Kraut und Häuptelsalat ist ganz abnorm und widerspricht völlig 
der Funktion der Blätter. Das Blatt ist als Ernährungsorgan auf 
das Licht angewiesen. Nun verdunkeln sich die Blätter, soweit 
sie den „Kopf“ bilden, gegenseitig so stark, daß sie ihrer natür- 
lichen Aufgabe, Kohlensäure zu assimilieren, zum großen Teil ent- 
zogen werden, und gerade wegen dieser Abnormität werden die 
genannten Gemüsearten seit Jahrhunderten aufs eifrigste kultiviert. 


3. Trauerbäume. 


Jedermann weiß, daß die Hauptachse der Bäume gewöhnlich 
lotrecht steht. Der Hauptstamm einer Fichte wendet sich kerzen- 
gerade nach aufwärts und die Hauptwurzel nach abwärts; beide 
stehen im Sinne des Lotes also vertikal. Dies gilt nicht bloß für 
unsere Gegenden, sondern für jeden Punkt der Erdoberfläche. 
Überall steht die Hauptachse der Bäume vertikal, und die Ursache 
dieser zwar lange bekannten, aber erst vor etwa 100 Jahren auf- 
geklärten Erscheinung ist die Schwerkraft. 

Merkwürdigerweise sind unter unseren Bäumen im Laufe 
der Zeit auch Varietäten aufgetreten, deren Zweige das Bestreben 
haben, nicht nach aufwärts, sondern gegen alle Erwartung nach 
abwärts zu wachsen. Dies ist bekanntlich bei den in Parkanlagen 
und auf Friedhöfen so häufig verwendeten Trauerbäumen der Fall. 
Man kennt solche Rassen von der Birke, Buche, Esche, Pappel, 
Ulme, Sophore, Weide, Caragana und anderen. 

Die Trauerformen entstehen als sprungweise auftretende Varia- 
tionen der normal wachsenden Mutterarten, sei es, daß ein einzelner 
Zweig am Baume, sei es, daß ein Sämling unter tausenden nor- 
malen die Abweichung zeigt. 

Obwohl die Trauerbäume ihren Hängewuchs manchmal auch 
durch den Samen vererben, macht der Grärtner dennoch davon 


!) Molisch, H., Pflanzenphysiologie als Theorie der Gärtnerei. 4. Aufl. 
jenar 7927, 3.130, 


= ie200,,— 


keinen Gebrauch, sondern pfropft zum Zwecke der Fortpflanzung 
ein Auge oder einen Sproß auf den Stamm einer normalen Form. 
Wenn er nicht so vorgehen, sondern die Trauerform entweder aus 
Samen oder aus Stecklingen ziehen würde, so bekäme er eine 
niedrige Pflanze, deren Äste sich bald zur Erde beugen und dann 
auf ihr liegend weiterwachsen würden. In einem solchen Falle 
würde man deutlich erkennen, daß die Natur, die sonst in hohem 
Grade zweckmäßig arbeitet, hier etwas sehr Unzweckmäßiges ge- 
schaffen hat. Die 
auf dem Boden 
liegenden Zweige 
würden bald von 
anderen Pflanzen 
überwuchert, be- 
schattet werden und 
so im Kampfe ums 
Dasein unterliegen. 
Trauerbäume müß- 
ten, sich selbst über- 
lassen, alsbald aus- 
sterben und ver- 
schwinden und 
können nur durch 
die Fürsorge des 
Gärtners durch 
Pfropfung erhalten 
und vor dem Unter- 
Fig. 37. gange gerettet wer- 
den. Obwohl also 
die Trauerbäume mit Rücksicht auf die Selbsterhaltung der Rasse 
als etwas höchst Unzweckmäßiges angesehen werden milssen, ent- 
sprechen sie doch dem Kulturzweck des Menschen. Er fühlt sich 
bei ihrem Anblick auch ästhetisch befriedigt und sieht in ihnen 
ein Symbol der Trauer. 


4. Die japanischen Zwergbäumchen. 

Die Gärtnerei, Land- und Forstwirtschaft arbeitet darauf 
hinaus, die in Kultur befindlichen Pflanzen tunlichst gut zu er- 
nähren, um möglichst üppig wachsende, reichblühende und stark 
fruchtende Individuen zu gewinnen. 


—u 0 1 — 


Im Gegensatz hierzu strebt man bei den japanischen Zwerg- 
bäumchen auffallenderweise das Gegenteil an; man sucht nicht 
eine üppige, sondern eine recht ausgehungerte und wenn möglich 
auch gleichzeitig verkrüppelte Pflanze zu erziehen. 

Der Japaner ist ein großer Blumenfreund. Selbst der Ärmste 
zieht auf kleinstem Raume, auf dem Fensterbrett oder in einer 
Tonschale ein paar Gewächse, ja auf einem Quadratmeter Boden- 
fläche wird oft ein Gärtchen en miniature mit Bäumchen, Beeten, 
Bächen, Teichen, Brücken, Wegen und Laternen angelegt. Diese 
Freude an Kleinem mag den Japaner 
vielleicht auch dahin geführt haben, 
Mittel und Wege zu ersinnen, eine 
Pflanze zum Zwerge zu machen. So 
haben die Japaner es dahin gebracht, 
Kirsch-, Ahorn-, Pflaumen-, Eichen-, 
Kaki- und Nadelholzbäumchen viele 
Jahrzehnte in kleinen Blumentöpfen in 
 Zwergform zu ziehen; 100—200 Jahre 
alte Zwergbäumchen von ı Meter Höhe 
sind in Japan, wie ich mich selbst in 
Kioto, Nikko und Yokohama über- 
zeugte, etwas Grewöhnliches. Je älter 
der Zwerg und je kleiner, desto wert- 
voller erscheint er in den Augen der 
Japaner. 

Die Fig. 37 stellt das Zwergbäum- 
chen einer Föhrenart, das ein sehr hohes 
Alter erreicht hat, dar, obwohl es zeit- 
lebens im Blumentopf stand und kaum 
ı Meter Höhe erreicht hat. 

Die Fig. 38 ist ein Beispiel eines 
zwergigen und mißgestalteten Föhrenbäumchens. Die Wurzeln 
wurden allmählich immer mehr von Erde entblößt, so daß das 
Bäumchen schließlich wie auf Stelzen steht und von seinen eigenen 
Wurzeln getragen wird. Einen groteskeren Krüppel in Baum- 
gestalt kann man sich kaum vorstellen. 

Um Zwergbäumchen heranzuziehen, pflanzt man möglichst 
kleine Samen in winzige Blumentöpfe, die festgestampfte und nähr- 
stoffarme Erde enthalten. Begossen wird nur gerade so viel, als 
unbedingt notwendig ist. Nebenbei bedient man sich noch ver- 


ii 202 


schiedener Kunstgriffe,. um das Wachstum und die Entwicklung 
tunlichst zu verlangsamen. Man entfernt die Hauptwurzel, köpft 
die Hautachse, ersetzt sie durch eine Nebenachse, schneidet die 
Zweige häufig zurück, biegt, dreht, ringelt sie, entblößt die Wurzeln 
zum Teil von Erde und macht sie, wie dies auch aus der Fig. 38 
zu ersehen ist, gewissermaßen zum Stamm. 


Durch planmäßiges Hungernlassen gelangt man schließlich 
zu den sonderbaren Zwergen, die das Auge des Japaners seit 
Jahrhunderten erfreuen. Hunger und Durst werden hier zu Kultur- 
faktoren, und das Pathologische wird hier zum Ziel gärtnerischer 
Fertigkeit. 


5. Die Fasziation oder Verbänderung. 


Während wir im vorhergehenden Abschnitt eine Erscheinung 
kennen lernten, die auf mangelhafter Ernährung beruht, soll nun- 
mehr ein Phänomen besprochen werden, das durch Überernährung 
begünstigt wird: die Verbänderung oder Fasziation. 


Es kommt mitunter vor, daß ein unter normalen Verhältnissen 
stets zylindrisch gebauter Stengel infolge mächtiger Verbreiterung 
der Endknospe bandförmig ausgebildet ist. Blatt- und Blüten- 
organe erscheinen dabei oft vermehrt und regellos verschoben. 


Die Verbänderung wird verhältnismäßig oft bei Korbblütlern 
z. B. beim Löwenzahn (7araxacum) und Chrysanthemum, ferner 
beim Spargel, bei der Schachblume, bei verschiedenen Grehölzen, 
z. B. bei Erlen, Weiden, Eschen, Holunder, Föhren und anderen 
beobachtet. Der verbreiterte Zweig macht häufig den Eindruck, 
als ob mehrere Zweige miteinander verwachsen wären, es handelt 
sich aber in der Regel nicht um eine Verwachsung, sondern um 
einen Zweig, dessen Spitze (Vegetationspunkt) nicht, wie dies ge- 
wöhnlich der Fall ist, kegelförmig, sondern kammartig flach ist. 
Die eigentliche Ursache der Verbänderung kennt man nicht, 
doch dürfte die Überernährung dabei entweder als Ursache oder 
als Begleiterscheinung eine Rolle spielen, denn es gelingt mit- 
unter, aus Knospen durch plötzliche Zufuhr großer Mengen pla- 
stischer Stoffe verbänderte Zweige zu erhalten. Wenn man bei 
jungen Keimlingen der Feuerbohne (Phraseolus multiflorus) oder 
der Saubohne (Vrera Faba) den Keimstengel (das Epikotyl) kappt, 
so treiben die Achselknospen der Keimblätter aus und entwickeln 
dann wenigstens die erste Zeit hindurch infolge der plötzlichen 
Nahrungszufuhr verbänderte Sprosse. 


Die Verbänderung läßt sich durch Pfropfen (Erle, Holunder 
usw.) und bei dem Hahnenkamm, Celosia crıstata, sogar durch 
Samen fortpflanzen. 

Die Celos:a, eine einjährige Amarantacee aus Ostindien, zeigt 
die Verbänderung, und zwar am Blütensproß in typischer Form, 
und gerade wegen dieser Eigentümlichkeit wurde der Hahnen- 
kamm zu einer beliebten Zierpflanze. Es gibt bereits zahlreiche 
Spielarten davon; der hahnenkammartige Blütenstand ist bald flach, 
gefaltet oder gekraust und seine Farbe bald blutrot, amarantrot, 
purpurn, violett oder bunt. Wir sehen hier eine ausgesprochene 
Mißbildung in den herrlichsten Farben prangend und diese haben 
zweifellos beigetragen, diese Abnormität in Kultur zu nehmen. 


6. Die Jungfernfrüchtigkeit oder Parthenokarpie. 


Wenn aus einer Eizelle ein Embryo entstehen soll, so bedarf 
es der Befruchtung. In seltenen Fällen kann aber auch ohne den 
Einfluß einer männlichen Geschlechtszelle ein Embryo zustande 
kommen — eine Erscheinung, die man als Jungferngeburt oder 
Parthenogenese bezeichnet. Sie wurde bei Farnen, Marsilia-Arten, 
Wickstroemia, Antennarıa, Alchemilla und noch anderen Pflanzen 
beobachtet. 

Es ist nun in hohem Grade interessant, daß sich auch 
Früchte ohne vorhergehende Befruchtung zu normaler Größe ent- 
wickeln können, allerdings ohne keimfähige Samen. Diese Er- 
scheinung, die man bereits für Gurken, Bananen, manche Stachel- 
beersorten, Birnen, Äpfel und die kernlose Mispel kennt, wird 
Parthenokarpie oder Jungfernfrüchtigkeit genannt!). 

Durch die Untersuchungen von H. Müller-Thurgau, insbe- 
sondere aber von Ewert, der als erster das weitverbreitete Vor- 
kommen der Jungfernfrüchtigkeit für verschiedene Äpfel- und 
Birnensorten nachwies, wurde unsere Kenntnis parthenokarper 
Pflanzen bedeutend vermehrt. 

Bei manchen Birnen- und Apfelrassen besteht eine besondere 
Neigung, auch ohne Befruchtung Früchte zu bilden. So ist es bei 
der Apfelsorte „Cellini“ und der Birnensorte „Clairgeau“. 

Die Fig. 39 zeigt den Apfel „Cellini“, rechts als Jungfern- 
frucht, links als normale, durch Befruchtung gewonnene Frucht. 


!) Vgl. darüber: Molisch, H., Pflanzenphysiologie, 1. c. S. 268. Hier auch 
die einschlägige Literatur. 


Der reife, kernlose Celliniapfel — die Jungfernfrucht — ist 
im allgemeinen höher gebaut, hat eine tiefere Kelchhöhle und 
eine verschmälerte Kernkammer im Vergleich zu dem normalen, 
durch Befruchtung hervorgegangenen Apfel. \ 

Welche praktische Bedeutung hat nun die Erscheinung der 
Parthenokarpie für die Obstkultur? Die Ansichten sind darüber 
geteilt. Müller-Thurgau verspricht sich für den praktischen Obst- 
bau nicht viel, Ewert hingegen hält die Sache für sehr aussichts- 


un ig. 39. Apfel Cellini. I Normale Frucht, durch Befruchtung (Fremdbestäubung) 
gewonnen. Kernhaus und Samen gut ausgebildet. II Jungfernfrucht, ohne Befruchtung 
gewonnen. Kernhaus verengt, kernlos.. Nach Ewert. nv 


reich. Ich selbst habe mich darüber folgendermaßen ausge- 
sprochen: „Von vornherein würde es der Mensch freudig begrüßen, 
wenn es gelänge, kernlose Kirschen, Mispeln, Trauben, Äpfel, 
Birnen und andere Früchte zu züchten. Dies würde einen Triumph 
der Obstkultur bedeuten. Bei der Banane ist dieses ideale Ziel 
erreicht, denn abgesehen von der Fruchtschale ist die ganze. 
Frucht genießbar, sie zerschmilzt förmlich zwischen Zunge und 
Gaumen. Beim Apfel und der Birne aber sind wir vom Ideal 


noch etwas weit entfernt. Die Amerikaner haben zwar die Kern- 
losigkeit des „Spencerapfels“ geschäftlich auszunutzen versucht, allein 
sie hatten doch nicht den gewünschten Erfolg, weil mit den Samen 
noch nicht das bei dem Genuß unangenehme, pergamentartige 
Kernhaus verschwunden ist. Bei der Birne steht die Sache schon 
insofern günstiger, weil das Kernhaus weicher ist, weniger stört 
und bei Jungfernfrüchten mitunter ganz fehlt. Ewert hofft bei 
Birnen durch systematische Züchtung schließlich nicht nur zu kern- 
losen, sondern auch zu kernhauslosen Früchten zu kommen und 
durch Kreuzung von Rassen, die zur Jungfernfrüchtigkeit neigen, 
schließlich die Kernlosigkeit dauernd zu fixieren. 

Noch mehr wäre es natürlich zu begrüßen, auch beim Stein- 
obst Kern und Stein allmählich zum Verschwinden zu bringen, 
ein Ideal, das noch in weiter Ferne liegt. Die vom Amerikaner 
Burbank gezüchtete sogenannte kernlose Pflaume enthält leider 
noch einen weichen Stein mit einem gut entwickelten Samen. 

Die Apfel- und Birnblüten würden, wenn das Wetter trüb 
und regnerisch ist, der Bienenflug unterbleibt und die Bestäubung 
daher nicht stattfindet, keine Früchte ansetzen. Sind die Sorten 
aber jungfernfrüchtig, so bedarf es keiner Befruchtung und doch 
entstehen Früchte. Das ist für die Obstzucht zweifellos ein 
Vorteil!).“ 

Jedenfalls werden schon jetzt gewisse Obstsorten, die partheno- 
karpische Neigungen bekunden, mit Vorliebe kultiviert. Für den 
Menschen bedeuten sie einen Vorteil, obwohl die Jungfernfrüchtig- 
keit für die Selbsterhaltung der Pflanze verderblich ist und ohne 
die Hilfe des Züchters zum Aussterben der Sorte führen muß. 


” 


7. Die Durchwachsung. 


Bei Rosen kann man zuweilen die Beobachtung machen, 
daß aus der Mitte der Blüte eine zweite hervorwächst, indem sich 
die Blütenachse fortsetzt. Diese Erscheinung — Durchwachsung 
oder Prolifikation genannt — findet sich nicht nur bei der Rose, 
sondern auch bei anderen Pflanzen vor, bei der Nelke, Ranunkel, 
Primel u.a. ja es gibt sogar zwei Pflanzenrassen, die, weil sie 
Durchwachsung regelmäßig zeigen, eben wegen dieser Eigentüm- 
lichkeit in Kultur genommen worden sind. Es ist dies eine Rasse 
von Arabis alpına?) und Reseda odorata. 


1) Molisch, H., l.c. S. 272. 
2) Gartenflora, Jahrg. 51. 


— 206 — 


Arabıs alpıina var. flore pleno zeichnet sich dadurch aus, daß 
aus der Blüte regelmäßig noch eine zweite, ja mitunter eine dritte, 
in seltenen Fällen sogar noch eine vierte hervorsproßt, so daß eine 
kleine Kette von Blüten entsteht. Hand in Hand damit kann 
auch eine Vermehrung der Blumenblätter und eine Entartung der 
weiblichen und männlichen Organe erfolgen und dies ist der 
Grund, warum diese Pflanze keine tauglichen Samen hervorbringt 
und immer wieder durch Stecklinge vermehrt werden muß. 

Etwas ganz ähnliches, nur noch in bedeutend verstärktem 
Maße, hat man an einer Rasse der Reseda odorata festgestellt'). 
Diese Sorte, genannt Reseda odorata var. 
prolifera ‚alba, trat plötzlich unter nor- 
malen Sämlingen in einer englischen 
Gärtnerei auf und fiel durch ihre mehr- 
fach durchwachsenen Blüten auf. Die 
Achsenspitze jeder Blüte wächst hier 
zu einer neuen Blüte aus, und indem 
sich dieser Vorgang mehrmals wieder- 
holen kann, stehen die Blüten wie die 
Perlen in einer Kette aneinander ge- 
reiht. Dazu kommt, daß aus einer Blüte 
oft zwei Sprosse entspringen, die regel- 
mäßig wieder Blütendurchwachsungen 
zeigen, und dieser Umstand führt schließ- 
lich zur Ausbildung eines oft fußlangen, 
rispenartigen Blütenstandes, von dem 
ein Zweig in der nebenstehenden Fig. 40 
abgebildet ist. Auch diese Pflanze bleibt 
unfruchtbar und wird durch Stecklinge 
vermehrt, 


117. 


Es wäre nicht schwer, die angeführten Beispiele noch be- 
deutend zu vermehren, allein ich glaube, daß das Gesagte völlig 
genügen wird, zu beweisen, daß das Abnorme und Pathologische 
tatsächlich in der Pflanzenkultur eine große Rolle spielt. Zum 
Schaden der Pflanze und zum Nutzen des Menschen. Bei unseren 


!) Henslow, G., Note on a Proliferous Mignonette. The Journ. of the Linn. 
Society, Botany, Vol. XIX, 1882, p. 214— 216. i 


Betrachtungen muß man scharf unterscheiden zwischen den Be- 
dürfnissen der Pflanze und denen des Menschen. Der Mensch 
fragt bei der Kultur und Züchtung der Pflanzen nicht darnach, 
ob die Heranzüchtung einer bestimmten Eigenschaft einer Pflanze 
nützt oder schadet, denn in der Regel ist der rein egoistische 
Standpunkt maßgebend. 


Sein Vorteil entscheidet. Grenau so ist es ja auch bei der 
Tierzucht. Ja hier geht der Egoismus so weit, daß der Mensch 
selbst vor der Grausamkeit nicht zurückschreckt und die Tiere 
verstümmelt, Funden Ohren und Schwanz abschneidet, die Tiere 
durch Mästung krank macht, sie entmannt, Singvögel blendet oder 
die Tiere sonstwie schädigt, alles nur, um seine egoistischen Ziele 
zu befriedigen. — Merkwürdig ist, daß den meisten Menschen 
das Abnorme und Krankhafte an vielen unserer Kultur- und Zier- 
pflanzen gar nicht zum Bewußtsein kommt und daß sie das für 
die Pflanze Pathologische sogar schön finden. 


Man kann auch gar nicht behaupten, daß unsere in herr- 
lichen Farben prangenden, köstlich duftenden Rosen wegen ihrer 
Füllung unschön sind. Im Gegenteil, sie haben den Menschen 
seit jeher entzückt. Das, was den Menschen an den Rosen ästhe- 
tisch befriedigt, ist ja gerade bis zur höchsten Vollendung groß 
gezüchtet worden. Goethe hatte nicht so ganz unrecht, als er, 
gegen den Mißbrauch des Schlagwortes „krankhaft“ sich wendend, 
voll Unmut ausrief: „Das ist Überspannung, krankhaftes Wesen, 
heißt es da, als wenn Überspannung, Krankheit nicht auch ein 
Zustand der Natur wäre.“ 


Die gefüllte Rose, der aromatisch duftende, saftfleischige 
Calvilleapfel, der melancholisch wirkende Trauerbaum lehrt uns, 
daß die Natur auch auf dem Wege des Pathologischen zum 
Schönen gelangen kann. 


Nicht nur das Schöne, sondern auch das Absonderliche, ja 
Groteske kann Gegenstand der Kultur werden, wie die japanischen 
Zwergbäumchen und Formbäume zeigen. Wenn auch die Zwerg- 
bäumchen unserem Geschmacke nicht entsprechen, so dürfen wir 
die Japaner deshalb nicht allzu scharf kritisieren, denn das Ab- 
norme, Pathologische und Groteske hat in der Kultur, Kunst und 
Literatur zu allen Zeiten bei allen Völkern sowohl bei den Wilden 
als auch bei den höchststehenden Kulturvölkern eine sehr be- 
deutende Rolle gespielt. 


— 2089 — 


Losgelöst vom Menschen, erscheint die Kulturpflanze in 
vielen Fällen nicht veredelt in ihrem Sinne, sondern dekadent 
und dem Aussterben näher gebracht. Und Unger hatte voll- 
ständig recht, wenn er sagte: „Die Kulturpflanze ist also nur für 
den Menschen ein veredeltes Wesen, an und für sich nicht, — im 
Gegenteil von ihrer normalen, lebenskräftigen Höhe herunter- 
gestiegen und unedler geworden. Wir verehren in ihr keineswegs 
den großen Gesetzgeber der Natur, sondern das selbstgeschaffene 
goldene Kalb!).“ 


I) Unger, Fr., Über die physiologische Bedeutung der Pflanzenkultur. Wien 1860. 


XI. 


Biologie des atmosphärischen Staubes 
(Aöroplankton)). 


Vor 53 Jahren hielt der berühmte österreichische Geologe 
Eduard Suess in diesem Vereine einen gehaltvollen Vortrag 
„Über den Staub Wiens und den sogenannten Wiener Sandstein®“). 
Ihm war es dabei hauptsächlich darum zu tun, zu zeigen, daß 
dieser Sandstein wegen seiner leichten Zersetzlichkeit die Haupt- 
quelle des über Wien so reichlich fallenden Staubes ist und nicht 
so sehr das Wiener Granitpflaster. 


Ich habe mir heute eine andere Aufgabe gestellt. Nicht die 
mineralischen Bestandteile, sondern das Leben im atmosphärischen 
Staube, seine Keime und die Beziehungen zu den Menschen sollen 
uns beschäftigen. 


Wenn man durch ein kleines Loch eines Fensterladens ein 
Bündel direkter Sonnenstrahlen in ein finsteres Zimmer leitet, so 
sieht man im Strahle Millionen von Sonnenstäubchen, bei ruhiger 
Luft sich langsam bewegend, bei bewegter in raschem Wirbeltanz. 
Die weitaus überwiegende Mehrzahl dieser Stäubchen besteht nach 
meinen Erfahrungen aus Nebeltröpfchen, eine sehr große Menge 
aus mineralischen Teilchen, eine geringere aus Gewebeteilchen 
von Pflanzen, Tierhaaren, Ruß, Stärkekörnchen und, was von 
besonderer Wichtigkeit ist, aus Bakterien, Sproßpilzen, Kiesel- 
algen oder Diatomeen und Pollenkörnern. So wie man die im 
Wasser schwebenden Organismen als Hydroplankton bezeichnet, 


!) Vortrag, gehalten den 6. Dezember 1916 im Vereine zur Verbreitung natur- 
wissenschaftlicher Kenntnisse in Wien. Im Verlage dieses Vereins 1917 zuerst er- 
schienen. 

?) Suess, E., Verein z. Verbr. naturw. Kenntn. in Wien, Jahrg. 1863/64, 
Wien 1865, S. 269. 

Molisch, Populäre biologische Vorträge. 2. Aufl. 14 


I ae — 


so kann man die in der Luft schwebenden passend als A&öro- 
plankton!) zusammenfassen. 

Die Anwesenheit von niederen Lebewesen und Keimen von 
solchen in der Luft hat man früher nicht gekannt, erst durch die 
wichtigen Untersuchungen Pasteurs wurde die für die Frage der 
Urzeugung und für die moderne Hygiene so wichtige Tatsache 
festgestellt, daß in der atmosphärischen Luft sich stets Keime der 
verschiedensten Art .vorfinden, die sich in eingetrocknetem Zu- 
stande lange lebend erhalten und sich, wenn auf günstigen Boden 
fallend, weiter entwickeln und ins Unendliche vermehren können. 

Pasteur hat große Mengen Luft durch Schießbaumwolle 
filtriert, diese in Äther gelöst und den Rückstand schließlich 
mikroskopisch geprüft. In diesem Rest befanden sich neben 
vielen mineralischen Stäubchen auch zahlreiche Mikroorganismen. 
In sehr einfacher Weise kann man heute die Anwesenheit lebender 
Keime in der Atmosphäre durch folgende Methode nachweisen. 


Einfangen der Keime. 

Man beschickt eine Reihe von übereinander klappbaren Doppel- 
schalen, sogenannten Petrischalen, mit einem bei gewöhnlicher Tem- 
peratur starren, für Bakterien, Schimmel- oder Hefepilze günstigen 
Nährsubstrat und sorgt dafür, daß im Innern der Schale alles frei 
von lebenden Keimen ist. Dann setzt man, indem man die Schale 
öffnet, ihren Inhalt 5—ı5 Minuten lang der atmosphärischen Luft 
aus, schließt hierauf die Schale und bringt sie schließlich an einen 
für die Entwicklung günstigen, finsteren und warmen Ort. Nach 
einigen Tagen beobachtet man, daß aus den eingefallenen Keimen 
sich Kolonien gebildet haben, und aus ihrer Zahl und ihrem Aus- . 
sehen kann man einen Schluß auf die Menge und die Art der in 
der Luft vorhandenen Keime ziehen‘). 

Es ist interessant, solche Versuche vergleichend zy machen, 
z. B. mit der Luft in einem feuchten Gewächshaus, im Wohn- 
zimmer, auf dem Dache eines Großstadthauses, im Walde, über 
dem Meere, im Tale oder auf einem Bergesgipfel. Schon durch 
solche rohen Versuche kann man sich, vorausgesetzt, daß man in 


!) Molisch, H., Vortrag über „A&roplankton“. Mitteilungen des naturwissen- 
schaftlichen Vereines der Universität Wien 1912, S. 8. 

?) Nestler, A., Städtische Anlagen und Stadtluft. Sammlung gemeinnütziger 
Vorträge des deutschen Vereines zur Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse in Prag, 
Nov. 1905, S. I53. 


—— ZI I 


den vergleichenden Experimenten stets dasselbe Nährstoffmedium 
verwendet und dieses gleichlange Zeit der atmosphärischen Luft, 
am besten ruhiger Luft, aussetzt, eine beiläufige Vorstellung von 
‘ dem Aöroplankton machen. 

Die Fig. 4ı zeigt eine Petrischale, die 5 Minuten in der Luft 
eines feuchten, warmen Gewächshauses im Wiener pflanzenphysio- 
logischen Institut ausgesetzt wurde. Die Zahl der Kolonien, die 
sich in diesem Versuche ausbildeten, ist eine auffallend geringe. 
Dies darf nicht wundernehmen, da in einem solchen Gewächs- 
hause der Fußboden, 
die inneren Fenster- 
teile, die Parapete 
ungemein feucht sind 
und ‘die Luft‘ mit 
Wasserdampf ziem- 
lich gesättigt' er- 
scheint. In solcher 
Luft gibt es sehr 
wenig Staub und da- 
her auch sehr wenig 
Keime. Solche Luft 
ist sehr rein. 

DieFig.42 zeigt 
denselben Versuch, 
jedoch mit der Luft 
eines Hörsaales des- 
selben Institutes. Die 
Zahl der hier aufge- 


Fig. 41. Petrischale, die 5 Minuten der Luft eines 
: Gewächshauses ausgesetzt worden war. Nachher haben sich 
kommenen Kolonien 2 Bakterien- und 2 Schimmelpilzkolonien entwickelt. Orig. 


erscheint viel größer, 
weil die Luft in einem Hörsaale viel mehr Staub und daher auch 


viel mehr Keime enthält. 

Die Fig. 43 endlich zeigt eine Schale, die ebensolange wie 
die Schalen ı und 2 der Luft in einer der verkehrsreichsten Straßen 
Wiens, der Alserstraße, ausgesetzt wurde. In dieser Schale haben 
.sich eine Unzahl von Kolonien entwickelt, ein Beweis, daß die 
Straßenluft viele lebende Keime birgt. 

Es muß jedoch bemerkt werden, daß sich nicht alle Keime, 
die auffliegen, auch entwickeln, weil ein bestimmtes Nährsubstrat 


nicht für alle Mikroorganismen taugt. Bakterien lieben im allge- 
14* 


A 


meinen ein alkalisch reagierendes, Schimmel- und Hefepilze ein 
saures Substrat. Auch die Zusammensetzung des Nährmediums 
spielt eine wichtige Rolle. Arbeitet man mit Brühe von Kartoffeln, 
gelben Rüben, Zitronen oder Fleisch, so erhält man oft sehr ver- 
schiedene Pilze, weil es eben auf die Zusammensetzung des Mediums 
sehr ankommt. Bonnier‘) und seine Mitarbeiter erhielten bei ver- 
gleichenden Versuchen mit der Luft eines Hochwaldes auf Bouillon 
der gelben Rübe 1804, der Zuckerrübe 336, der Topinambur 204 
und der Zitrone o Kolonien von Schimmelpilzen. 

Grenauer wer- 
den die Versuche, 
wenn man anstatt der 
Petrischalen Röhren 
verwendet, deren 
Innenwand mit Nähr- 
gelatine oder Nähr- 
agar ausgekleidet ist 
und durch die man 
dann ein bestimm- 
tes Luftvolum sehr 
langsam durchsaugt 
und die Kolonienzahl 
stets auf dieselbe 
Luftmenge bezieht. 

Derlei Unter- 
suchungen sind, ab- 
gesehen vom rein 


Fig. 42. Petrischale, die 5 Minuten der Luft eines Hör- : > 
saales der Wiener Universität ausgesetzt worden war. Nach- wissenschaftlichen 
her haben sich über 20 Bakterienkolonien gebildet. Orig. Gesichtspunkte, auch 


von dem der prakti- 
schen Hygiene, Medizin und der Gärungsindustrie von graßem Inter- 
esse. Daher hat man schon frühzeitig dem atmosphärischen Staub 
große Aufmerksamkeit geschenkt. Ehrenberg hat sich schon im 
Jahre 1830 mit den im Staub von Berlin vorhandenen Organismen be- 
schäftigt. Der Botaniker F. Unger‘) hat den Staub von Graz, P.Mi- 


1) Bonnier, G., Matruchot, L., et Combes, R., Sur la dissemination des 
germes de champignons dans l’atmosphere. Societe nation. d’agriculture de France, Paris 
1911. Extrait du bulletin de seances, n° de Mars. 

°®) Unger, F., Mikroskopische Untersuchung des Staubes von Graz. Sitzungs- 


quel!) den von Montsouris und Paris, K. Saito?) den von Tokio in 
Japan, A. Hansen?) den von Carlsberg’in Dänemark, Selander‘) 
den der Festung Vaxholm, Nestler’) den von Prag und G. Bon- 
nier den von verschiedenen Orten in Frankreich untersucht. 

Meiner Meinung nach sollte jede größere Stadt nicht bloß 
eine genaue biologische Prüfung des Trinkwassers, sondern auch 
eine solche des atmosphärischen Staubes veranlassen, weil das in 
mehrfacher Beziehung und nicht zuletzt auch in hygienischer von 
Bedeutung ist. 

Schon jetzt las- 
sen sich einige inter- 
essante Ergebnisse 
aus solchen Studien 
ableiten. 


Zahl der Keime 
in Abhängigkeit von 
äußeren Umständen. 


Die Menge der 
in der atmosphäri- 
schen Luft befind- 
lichen Stäubchen ist 
enorm. Nach Aitken 
enthält ı ccm atmo- 
sphärischer Luft nach 
einem ergiebigen 
Regen noch durch- 


Fig. 43. Petrischale, die 5 Minuten in einer der verkehrs- 
schnittlich 3200, bei reichstenStraßen Wiens exponiert worden war. Es haben sich 


klarem Wetter aber nachher eine Unzahl von Bakterienkolonien gebildet. Orig. 


130 000 Staubteil- 


berichte der kais. Akademie der Wissenschaften in Wien, math.-naturw. Kl., 1849, 
IN Bd.,S. 230. 

!) Miquel, P., Les organismes vivants de l’atmosph£re, Paris 1883. 

?2) Saito, K., Untersuchungen über die atmosphärischen Pilzkeime. Journ. of 
the college of science university Tokyo, Japan, I. u. II. Mitteilungen 1904 und 1908. 

®) Hansen, A., Recherches sur les organismes etc. Ref. im Bot. Zbl. 1882, 
NE Sa7. 

*) Selander, N. E., Luftuntersuchung bei der Festung Vaxholm. Sv. Vet. Ak. 
Bih., Band 13, 1888, Nr. 9. Ref. in Just., Bot. Jahresber. 1888, I, S. 231. 

°) H. Molisch, Vortrag über „Aeroplankton“. Mitteilungen des naturwissen- 
schaftlichen Vereines der Universität Wien 1912, S. 8. 


chen; aus der Mitte eines Zimmers entnommen, ergab ı. ccm 
ı 860000 und aus der Deckenhöhe sogar 5420000 Teilchen. 
Selbstverständlich machen die lebenden Keime unter dem Heer 
der Staubpartikelchen nur einen sehr kleinen Bruchteil aus. Mac 
Fadyen!)untersuchte die Londoner Luft auf Staub- und Bakterien- 
gehalt und fand pro ı ccm 300000—500000 Staubteilchen. Auf 
38300000 Staubpartikelchen im Freien und auf 184000000 in der 
Zimmerluft kam erst ı Bakterium. 

Die Zahl der Mikroben unterliegt je nach den äußeren Um- 
ständen großen quantitativen und qualitativen Schwankungen. 
Schon Miquels Untersuchungen haben für die Luft von Paris er- 
geben, daß sowohl die Zahl der Individuen als auch die Zahl der 
Arten in der Luft wechselt, so zwar, daß die Keimzahl der Schimmel- 
pilze in warmen und feuchten Jahreszeiten am größten, in kalten 
und trockenen hingegen am geringsten ist. Saito führte ein ganzes 
Jahr statistische Untersuchungen über die in der Luft von Tokio 
enthaltenen Schimmelpilzkeime und Bakterien aus und konnte 
Miquels Ergebnisse mehrfach bestätigen. Gartenluft enthielt in den 
warmen und feuchten Jahreszeiten, besonders im Juli, die zahl- 
reichsten Schimmelpilzkeime, in den kalten und trockenen Zeiten 
dagegen viel weniger, die wenigsten im März. Straßenluft verhält 
sich ähnlich, doch kommen darin mehr lebende Schimmelpilzkeime 
vor als in der Gartenluft. Bakterienkeime hingegen nehmen bei 
kaltem und feuchtem Wetter ab. 

Die Regenmenge beeinflußt bei sonst gleichen meteorolo- 
gischen Verhältnissen die Monatsmittel der Keime. Starker Regen- 
und Schneefall reinigt die Luft und vermindert die Keimzahl. 

Wind bringt oft eine große Zahl von Keimen herbei. 

Während die Luft am Meeresstrande noch viele Keime führt, 
erreicht die Keimzahl über dem Meere ein Minimum. 

Mit zunehmender Höhe nimmt die Zahl der Sftaubkörnchen 
und Keime ab. Doch ist die Verteilung durchaus keine gleich- 
mäßige, da sie vielfach durch auf- und absteigende Luftströmungen 
beeinflußt wird. Da z.B. Luftströmungen im Sommer höher auf- 
steigen als im Winter, ist auch die obere Keimgrenze im Sommer 
höher. Sie liegt zu dieser Zeit bei etwa 3000 m Höhe, im Winter 
hingegen bei 1700 m. Daß die Keimzahl mit der vertikalen Er- 
hebung abnimmt, geht auch aus Bonniers Untersuchungen deutlich 


!) Fadyen, A. Mac, Bakteria and dust in air. Transactions of prevent. medic. 
I. ser. London 1897. p. 142. Ref. in Botan. Jahresber., Jahrg. 1898, I, S. 75. 


hervor. Die Bakterien nehmen mit der Höhe rascher ab als die 
Schimmelpilzkeime. So konnten pro 50 1 Luft bei schönem Wetter 
im Monat August 1909 nachgewiesen werden in 


Meter Höhe Schimmelpilze Bakterien 
260 226 4ı 
1020 184 2 
1125 170 o 
2190 64 o 


Sogar in frisch fallendem Schnee, der unter allen Vorsichten auf dem 
Pic du Midi der Pyrenäen 2860 m hoch aseptisch aufgefangen 
wurde, konnten zahlreiche lebende Keime festgestellt werden. 
Nach Bonnier beeinflußt auch die Art der Umgebung in hohem 
Grade die Zahl der Keime in der Luft. So war die Waldluft stets 
reicher an Mikroorganismen als die Luft an felsigen Orten, die 
von Gehölzen nicht bedeckt waren. 

So z.B. betrug die Zahl der Keime am 22. August ıg0g bei 
trockenem Wetter pro 5o 1 Luft 


Schimmelpilze Bakterien 
Tem vome Walde tree. 55 4 
am W.aldrander nn al. 88 8 
mitten im Walde . . . & 3200 13 


Dieses Resultat ist auffallend, weil gerade die Waldluft so viel 
Keime enthält und wir besonders die Waldluft für relativ staub- 
arm halten. Bonnier gibt keine Erklärung dafür. Seine Beobach- 
tung, als richtig vorausgesetzt, könnte man sich so erklären, 
daß zwar die absolute Staubmenge im Walde verhältnismäßig 
gering, die Zahl der Keime aber relativ sehr groß ist. Dies 
wäre aber auch begreiflich, wenn man bedenkt, daß in dem faulenden, 
auf dem Waldboden liegenden Laub und in dem Waldhumus eine 
Unmasse von Schimmelpilzen und Bakterien haust, die von hier 
aus durch den Wind leicht in die Waldluft gelangen können. 

Die Zahl der Arten von Mikroorganismen im atmo- 
sphärischen Staube ist sehr groß. Am reichlichsten traten in Saitos 
Untersuchungen von Schimmelpilzen ziemlich häufig auf: Clado- 
sporium herbarum, Penıcıllum glaucum, Eptcoccum purpurascens, 
darnach Asfergrllus glaucus, A. nıdulans, Catenularıa fulıginea, 
Mucor racemosus, Rhızopus nıgrıcans, Macrosporium cladosporrordes, 
Montha-Arten und seltener Mucor Mucedo, Dematıum pullans, 
Botrytis cınerea, Verticıllium glaucum, Fusarium roseum u. a. 

Von Bakterien konnten im ganzen 72 Arten aus dem Luft- 
staub von Tokio isoliert werden, darunter sogar 18 neue. 


— 216 — 


Die häufigsten Bakterien waren: Dacıllus subtulıs, B. vulgatus, 
B. mycoides, Sarcına candıda, S. aurantiaca, Mhrcrococcus luteus 
und J/. roseus, ferner zahlreiche andere Arten, die roten und gelben 
Farbstoff bilden. 

Die meisten dieser Schimmelpilze und Bakterien sind wohl 
unschädlich, denn wären sie für den Menschen gesundheitsschäd- 
lich, so wäre das Menschengeschlecht schon längst ausgestorben. 
Dennoch wissen wir nur zu genau, daß der lange Aufenthalt in 
stauberfüllter Luft schädlich wirkt. Die scharfkantigen, splitterigen, 
mineralischen Bestandteile des Staubes greifen die Lunge mecha- 
nisch an, reizen die Schleimhäute und rufen Katarrhe und Husten 
hervor. Derartig gereizte Schleimhäute können, besonders bei 
sonstiger günstiger Disposition, einen gedeihlichen Boden für den 
Tuberkelbazillus abgeben, der sich wohl häufig auch im atmo- 
sphärischen Staube befindet. Daß noch andere krankheiterregende 
Bakterien, z. B. Cholera und Typhus durch die Luft verbreitet 
werden können, möchte wohl niemand bezweifeln. 


Andere organisierte Bestandteile. 

Abgesehen von Pilzkeimen gibt es aber noch andere zelluläre 
Objekte im atmosphärischen Staub, die unser Interesse zu erregen 
vermögen.. Von der Anwesenheit solcher Partikelchen kann man 
sich leicht überzeugen, wenn man eine kleine Glasplatte mit einem 
Glyzerintropfen versieht und dann der atmosphärischen Luft, sei 
es im Zimmer, vor dem Fenster, in der Straße, im Garten oder 
sonstwo, Minuten, Stunden oder Tage lang aussetzt. Das Glyzerin 
hat die angenehme Eigenschaft, daß es nicht verdampft und alle 
anfliegenden Staubkörnchen durch seine etwas klebrige Beschaffen- 
heit festhält. In solchen Glyzerintropfen findet man oft, zumal 
wenn man sie der Stadtluft aussetzt, nach einiger Zeit Rußteilchen, 
Stücke von Baumwoll-, Leinen- und Schafwollfasern, die zumeist 
von unseren Kleidern herrühren, ferner Stärkekörnchen, Fetzen 
von Pflanzengeweben, Pflanzenhaare, Kieselalgen und, was ich be- 
sonders hervorheben möchte, Blütenstaub. 

Man betrachte die Fig. 44. Sie stellt einen Teil der Ober- 
fläche eines Glyzerintropfens dar, der eine Stunde mitten in der 
Stadt der atmosphärischen Luft ausgesetzt wurde. Er zeigt, welche 
gröberen Staubpartikelchen eingefangen wurden: 

r Rußteilchen. An solchen ist in der Stadtluft, wo tausende. 
Rauchfänge und Fabrikschlote in Tätigkeit sind, kein Mangel. 


Wieviel davon zu Boden fällt, läßt sich im Winter nach einem 
Schneefall leicht beobachten. Der Schnee wird vom Ruß bald 
grau und schwärzlich. Ferner sieht man in der Figur: d eine 
Baumwollfaser, / eine Leinenfaser und s eine Schafwollfaser. 
Diese Fasern rühren großenteils von unseren Kleidern her, die 
im Gebrauche und beim Abbürsten beständig Fasern verlieren. 
Überdies sehen wir Stärkekörnchen s, die aus der Küche, aus 
Mühlen und aus mit Mehlsäcken beladenen Wagen, die durch die 
Straßen fahren, herrühren mögen, » zeigt uns einen winzigen 
Nadelholzfetzen und 7 ein Gewebefragment einer Getreidespelze, 
vielleicht aus dem 
zerstäubten Kot eines 
Zugtieres her- 

rührend, 5/ einen 
Blattfetzen, £ ein 
Nadelholzpollenkorn, 
sp Sporen und s/einen 
Mineralsplitter. 


Blütenstaub 
oder Pollen. Zu 
gewissen Zeiten ent- 
hält der Staub ge- 
wisse Bestandteile in 
bedeutenden Men- 
gen! Um dies’ zu 

veranschaulichen, 
will ich hier ein 


kleines Erlebnis ein- Fig. 44. Glyzerintropfen mit verschiedenen angeflogenen 
Staubpartikelchen. Nach Nestler. 


flechten, das zu einer 
interessanten Beobachtung führte. Ich saß eines Tages — es 
war am 25. Mai 1904 — im Gartenhäuschen meines Ver- 
suchsgartens in Prag an einem Tische und bemerkte, daß die 
Tischoberfläche mit einem äußerst feinen gelben Staubpulver be- 
deckt war. Mit der Lupe erkannte ich sofort an der charakteri- 
stischen Gestalt der gelben Stäubchen, daß es sich um den Blüten- 
staub von Nadelhölzern handelte. Die mikroskopische Betrachtung 
bestätigte den Lupenbefund. Der Pollen mußte, da ich wußte, 
daß ich tags zuvor den Tisch sauber abgewischt hatte, kurz vorher 
niedergefallen sein. Mich interessierte sofort die Frage, ob solcher 
Pollenregen nur kurze Zeit, nur zu gewissen Tageszeiten, längere 


— 218 — 


Zeit oder nur bei bestimmter Windrichtung erfolgt, und ich be- 
gann gleich darauf systematisch die gestellten Fragen zu ver- 
folgen. 

Schon der erste Glyzerintropfen, den ich der Luft im Garten 
oder vor dem Fenster meines Arbeitszimmers aussetzte, zeigte, 
daß sich schon nach ganz kurzer Zeit im Tropfen mehrere Pollen 
von der Föhre und der Fichte nachweisen ließen. Bereits nach 
5 Minuten konnte ich ı—ıo Pollenkörner einfangen. Die Fig. 45 
zeigt einen Teil eines Tropfens, der mehrere Stunden zu dieser 
Zeit vor dem Fenster der Luft exponiert war. Dieselben Resultate 
erhielt ich auch in 
der näheren und wei- 
teren Umgebung von 
Prag. Dieser Nadel- 
holzpollen war in 
größerer Menge bis 
etwa 15. Juni nach- 
zuweisen. Während 
dieser Zeit muß die 
Luft in und um Prag 
— und dasselbe gilt, 
wie ich später fest- 
stellte, auch für die 
Luft von Wien — 
durch etwa 3 Wochen 

buchstäblich von 

Billionen Pollenkör- 
Fig. 45. Glyzerintropfen mit angeflogenen Pollen- nern der Nadelhölzer 

körnern von Nadelhölzern. Orig. erfüll. sen Bl reg- 
nete förmlich Pollen. Das ist die Zeit der Blüte der Koniferen. 
Die Nadelhölzer erzeugen bekanntlich wie viele ande?e Pflanzen 
mit stäubendem Pollen überaus große Mengen Blütenstaub, der vom 
Winde leicht fortgetragen wird und an fernen Orten später nieder- 
fällt. Die Bauern sagen dann, es habe „Schwefel“ geregnet. Um 
die Mitte Juni hört das Blühen der Nadelhölzer auf und damit 
verschwindet der Nadelholzpollen auch in der Luft. An seine 
Stelle tritt aber, sowie die Roggen- und Weizenfelder zu blühen 
beginnen, der Pollen der Getreidearten; die Luft bleibt durch 2 
bis 3 Wochen damit erfüllt, wird aber wieder davon gereinigt, 
sobald das Getreide zu blühen aufgehört hat. 


Er E 

Heufieber. Zur Zeit, wenn die Luft mit dem Blütenstaub 
der Gräser, insbesondere aber mit dem vom Roggen /‚Secale cereale) 
erfüllt ist, leiden viele Menschen an einer mit Niesen, Husten und 
reichlicher Absonderung von Nasenschleim verbundenen Krank- 
heit, die als „Heufieber“, „Heuschnupfen“ oder als „Bostocksche 
Krankheit“ bezeichnet wird, weil der Londoner Arzt Bostock!) 
zuerst die Aufmerksamkeit darauf gelenkt hat. 

Die Heufieberkranken haben ein Gefühl der Hitze und 
leiden an einer Schwellung in den Augen, verbunden mit Rötung, 
Jucken, Tränenträufeln, Niesanfällen, Nasenschleimabsonderung, 

Brustbeklemmen, 

Atembeschwerden, 
profusen Schweißaus- 
brüchen und großer 
Mattigkeit. 

Es ist dies eine 
von jenen Krankhei- 
ten, an der man zwar 
nicht stirbt, die aber 
trotzdem sehr lästigist. 
Ich selbst leide seit 
etwa 6 Jahren dar- 
unter. 

Regelmäßig gegen 
Ende Mai stellt sich 
die Krankheit ein; sie 
hältetwa 2—3 Wochen 
an, sie kann sich 
aber auch später bemerkbar machen, wenn Gelegenheit zur Ein- 
atmung von Graspollen geboten wird. So befiel mich das Heu- 
fieber im August ıgı4 in Seeboden am Millstättersee, als ich 
meine Sommerferien in einer Villa verbrachte, die an ein blühendes 
Maisfeld grenzte. 

Dunbar?), dem wir eine interessante Schrift über das Heu- 
fieber verdanken, hat die bisherige Literatur einer kritischen 
Prüfung unterzogen und auf Grund zahlreicher neuer Versuche 
gezeigt, daß alle Umstände auf den Gräserblütenstaub als Ursache. 


Fig. 46. 


1) Bostock, J., Medico-chirurg. Transactions, Vol. X, I, S. 161. 
2) Dunbar, Zur Ursache und spezifischen Heilung des Heufiebers. München 
und Berlin 1903. Aus d. staatl. hygien. Institut in Hamburg. 


u ZANDER 


des Heufiebers hinweisen. Die Krankheit tritt gewöhnlich in der 
Zeit von Ende Mai bis Mitte Juli auf, am häufigsten, wenn der 
Patient sich in der Nähe von blühenden Kornfeldern bewegt. 
Dunbar, der selbst an dem Heufieber litt, sagt von einer Eisen- 
bahnfahrt: „Beim Durchfahren von Kornfeldern traten bei geöff- 
netem Kupeefenster sofort die beschriebenen Symptome seitens 
der Augen und der Nasenschleimhäute auf, die sich unter unauf- 
hörlichem Niesen bald so weit steigerten, daß fieberhaftes Gefühl 
und völlige Abgespanntheit eintrat. Sobald der Zug durch Wal- 
dungen oder Heideflächen fuhr, trat eine Linderung der Sym- 
ptome ein. Wenn man aber wieder in die Nähe von Kornfeldern 
oder Wiesen kam, 
verschlimmerte sich 
der Zustand An 
einzelnen Regen- 
tagen wurden Anfälle 
selbst beim Passieren 
blühender Korn- 
felder und Wiesen bei 
geöffnetem Kupee- 
fenster nicht aus- 
gelöst. Sobald die 
Sonne aber wieder 


Fig. 497. Schwellung des linken Armes und der ” £ ich 
linken Hand infolge von Einspritzung von Roggen- schien, zeigte sic 


pollengift. Nach Dunbar. innerhalb weniger 
Stunden die Luft mit 


der irritierenden Substanz wieder erfüllt“ (S. 11 —ı2). 

Ich selbst habe an mir ähnliche Erfahrungen gemacht. Stets 
wurde mein Heuschnupfen heftiger, löste Tränen, intensives Niesen 
und Nasenschleimabsonderung aus, sobald ich im Sonnenscheine 
an blühenden Roggenfeldern oder Wiesen vorbeiging. "* 

Dunbar hat, indem er bei Personen, die der Krankheit zu- 
gänglich, also nicht immun waren, Roggenpollen entweder auf die 
Augenbindehaut oder in die Nase brachte oder einatmen ließ, so- 
fort alle charakteristischen Erscheinungen des Heufiebers hervor- 
rufen können. Die Fig. 46 zeigt das Aussehen der Roggenpollen. 
Das in den Roggenpollenkörnern vorhandene Heufiebergift läßt 
sich mit physiologischer Kochsalzlösung oder mit Blutserum aus- 
ziehen und mit Alkohol fällen. Wird dieser Niederschlag auf 
Heufieberpatienten verimpft, z. B. unter die Haut des Armes ein- 


==. 2217 —= 


gespritzt, so löst er alsbald die charakteristischen Symptome des 
Heufiebers aus und außerdem eine bedeutende Anschwellung und 
Entstellung des betreffenden Armes (Fig. 47). Mit der Erkenntnis, 
daß das Heufieber auf die Einwirkung des Roggenpollens zurück- 
zuführen ist, steht auch die Tatsache im Einklang, daß man sich 
vor dem Heuschnupfen dadurch bewahren oder ihn rasch loswerden 
kann, indem man sich zur kritischen Zeit beständig in geschlossenem 
Zimmer oder in einer Gegend aufhält, die frei von Graspollen ist, 
z. B. auf Helgoland. 

Von vornherein war auch mit der Möglichkeit zu rechnen, 
daß nicht nur der Roggenpollen, sondern auch der anderer Gräser 
und der noch anderer Familien Heufieber hervorrufen könnte. 
Dunbar hat auch diese Frage geprüft. Von ı8 untersuchten 
Gräserarten erwiesen sich alle ohne Ausnahme wirksam, 
hingegen alle anderen, die nicht zu den Gramineen ge- 
hören, als unwirksam. 

Bei dieser Gelegenheit möchte ich auf eine Tatsache auf- 
merksam machen, die vielleicht für den Mediziner von Wert ist. 
Ich habe schon durch 7 Jahre die Beobachtung gemacht, daß ich 
und auch andere Personen bereits um den ıo. Mai an Heu- 
schnupfen litten, wenn die Getreidefelder der Umgebung noch 
nicht blühten und Roggenpollen in der Luft noch fast gar nicht 
nachweisbar war. Wohl war aber zu dieser Zeit die Luft mit dem 
Pollen der Koniferen dicht erfüllt. Wenn das Heufieber auf die 
Einwirkung des Grasblütenstaubes zurückzuführen ist — und daran 
ist ja jetzt nicht mehr zu zweifeln —, so könnte im Mai der Pollen 
der Frühjahrsgräser oder vielleicht auch der der Koniferen daran 
schuld sein. Leider hat Dunbar gerade den Pollen der Nadel- 
hölzerf nicht in seine Untersuchungen einbezogen. Ich möchte 
daher diese Gelegenheit benützen, die Aufmerksamkeit der Ärzte 
speziell auf den Koniferenpollen zu lenken, denn es wäre nicht 
unmöglich, daß auch dieser Blütenstaub Heufieber veranlassen 
könnte. 

Dunbar stellt es als sehr wahrscheinlich hin, daß die in den 
Pollenzellen des Roggens vorkommenden Stärkekörnchen das 
Heufiebergift repräsentieren oder wenigstens enthalten. Dies er- 
scheint mir nicht wahrscheinlich, da wir die Stärke, obwohl sie 
zu den verbreitetsten Stoffen in der Planzenwelt zählt, niemals 
als Gift kennen gelernt haben. Ferner gibt es, abgesehen von 
den Gräsern, zahlreiche Pollen, die reichlich Stärke enthalten und 


a 


doch keinen Heuschnupfen hervorrufen. Da das Roggenpollen- 
gift nicht kristallisiert und auch sonst keine charakteristischen 
mikrochemischen Reaktionen gibt, so müssen wir uns vorläufig 
damit bescheiden zu sagen: Wir kennen die Natur des Pollen- 
giftes derzeit noch nicht. 


Platanenhusten. In der Zeit von Mitte Mai bis Mitte 
Juni trifft man im atmosphärischen Staub häufig sternartig ver- 
zweigte Haare der Platane, die die Veranlassung zu Husten und 
Augenentzündungen geben können. Ich will darüber einiges mit- 
teilen, weil die Tatsache, obwohl seit langem sichergestellt, selbst 
in Medizinerkreisen vielfach unbekannt geblieben ist und in Hand- 
büchern der Hygiene nicht berührt wird. 


Der „Schwäbische Merkur“ vom 24. Februar und 23. März 
ı888 brachte mehrere Aufsätze, wonach die Schädlichkeit der 
Platane schon den Ärzten des Altertums bekannt war. Diese 
wurde in neuerer Zeit mehrfach bestätigt, ja in der Schweiz und 
im Elsaß wurde sogar ein behördliches Verbot der Anpflanzung 
in der Nähe von Schulen und Krankenhäusern erlassen. Als 
Ursache der Schädlichkeit werden die auf den Blättern als feiner 
Wollfilz (Platanenstaub) erzeugten Haare, nach einigen Angaben 
auch die Fruchthaare bezeichnet. 

Wie ich aus einem Artikel der „Gartenflora“!) entnehme, 
soll der „Platanenhusten“ schon Dioscorides bekannt gewesen sein, 
und Galenus sagt wörtlich: „Man hat sich zu hüten vor dem 
Staube von den Platanenblättern, weil er, durch den Atem ein- 
gezogen, die Luftröhre belästigt, indem er sie stark austrocknet 
und rauh macht und die Stimme schädigt, wie er denn auch dem 
Gesicht und Gehör schadet, wenn er in die Augen oder Ohren 
hineingerät.“ 

Und Dioscorides sagt im 107. Kapitel seiner „Materia medica“ 
über die Platane: „Der Staub der Blätter und der KügelChen ver- 
letzt, wenn er auffällt, Gehör und Gesicht.“ Die Blätter der 
Platane, und zwar sowohl die von ?. orıentalıs als auch die von 
P. occidentalıs, erzeugen ober- und unterseits einen rostfarbigen 
Wollfilz, der sich aus sternartigen oder baumartig verzweigten 
Haaren zusammensetzt (Fig. 48). Von diesem wolligen Überzug 
bleiben die Blätter in ihrer Jugend bis etwa Mitte Mai bedeckt, 
dann aber wird er nach und nach abgestoßen, wodurch eine große 


!) Gartenflora, 27. Jahrg., S. 187, Berlin 1888. 


7 


— 223 —. 


Menge dieses „Platanenstaubes“ in die Luft kommt. Die Haupt- 
menge fällt in der zweiten Hälfte Mai bis etwa Mitte Juni ab. 
Zweige, die zu dieser Zeit im Zimmer hingestellt werden, lassen 
den Abfall besonders bei Erschütterung leicht erkennen. Wenn 
nun diese Haare mit der atmosphärischen Luft eingeatmet werden, 
so können sie, zumal sie mit zahlreichen Spitzen besetzt sind und 
sich leicht zu kleinen Flöckchen zusammenballen, die Atmungs- 
organe und Schleimhäute reizen und dadurch Husten und Ent- 
zündungen hervorrufen. 

Drude!) äußert sich über die Frage der Gesundheitsschäd- 
lichkeit der Platane auf Grund seiner botanischen Untersuchungen 
in folgender Weise: 
„Fine wirkliche Ge- 
fährdung der Ge- 
sundheit kann aber 
meiner Meinung naclı 
nur dann eintreten, 
wenn besonders emp- 
findlichke Menschen 
große Mengen dieses 
‚Platanenstaubes‘ ein- 
atmen oder sich, wie 
es bei gärtnerischen 
Arbeiten in Alleen 

geschehen kann, 
größere Ballen der 
Sternhaarflöckchen 
in die Augen reiben. 
Es sollte daher das Fig. 48. Platanenhaare, miteinander verankert. Orig. 


Arbeiten an Platanen 

und unter dichten Platanengruppen in der genannten ‚Flugzeit der 
Flöckchen‘ von gärtnerischer Seite eingestellt und auch sonst 
dafür gesorgt werden, daß die Rolle der Platanen durch weise 
Beschränkung auf günstige Plätze eine ungefährdete für Park- 
anlagen und Stadtalleen bleibt.“ Die im Herbste reifenden Früchte, 
die zu kugeligen Fruchtständen angeordnet sind, sind von Borsten- 
haaren umhüllt, die sich im Frühjahr in großer Menge ablösen 
und in die Luft gelangen. Ob auch diese Haare gesundheits- 


l) Drude, O., Der Haarfilz der Platanenblätter und seine vermutete Gesund- 
heitsschädlichkeit. Ebenda, 28. Jahrg. S. 393, Berlin 1889. 


— 224 — 


schädlich wirken, weiß ich nicht, doch scheint es mir mit Rücksicht mwf 
ihre Größe nicht sehr wahrscheinlich, da sie alsbald zu Boden fallen. 

Bei diesem Sachverhalt wird es sich in Zukunft empfehlen, 
Platanen in Gärten und in Parkanlagen der Städte nicht anzu- 
pflanzen, zumal ja an anderen schönen und ganz unschädlichen 
Baumarten gerade kein Mangel ist. 

Staubregen. Von Zeit zu Zeit fallen aus der Atmosphäre 
größere Mengen von Staub, die zumeist eine rötliche Farbe haben. 
Solche Staubregen hat besonders Ehrenberg!) von den ältesten 
Zeiten bis zu den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts re- 
gistriert, auf ihre Zusammensetzung mikroskopisch geprüft und 
darin eine Menge Mikroorganismen, insbesondere Kieselalgen und 
Protozoön (Urtiere) verschiedener Art nachgewiesen. Woher diese 
Staubregen kommen, weiß man nicht; die vielfach geäußerte Ver- 
mutung, daß ein Teil kosmischen Ursprungs sei, erscheint nicht 
wahrscheinlich. 

Es sei erwähnt, daß sich am 14. Oktober 1885 in Klagenfurt 
in Kärnten ein solcher Staubfall?) erreignete, über den F. Seeland 
sich folgendermaßen äußert: „Es war ein Gußregen, der ganz 
ähnlich prasselte wie bei einem Graupelfall und mich aus dem 
Schlafe weckte. Der Türmer, welcher auf dem äußeren Gange 
des Klagenfurter Stadtpfarrturmes die Feuerwache hält, hat ihn 
beobachtet und mir über den Schlammregen zur Nachtzeit be- 
richtet. Leider hat er am ı5. morgens den putzpulverähnlichen 
Staub, der den Gang und das Gitter bedeckte, abgekehrt. 

„Als ich auf den Turm kam, um mich von der Sache zu 
überzeugen, war in den Eisenvertiefungen des Ganggitters und 
in den Falznuten der Blechdächer Klagenfurts von dem gelben 
Staub, ungeachtet des vielen nachfolgenden Regens, noch ziemlich 
viel zu sehen. ... . Ich sammelte Muster des Staubes, der höchst 
fein und von gelber, ockerähnlicher Farbe ist. Es ist.das genau 
derselbe Staub, welchen uns am 253. Februar 1879 ein Südoststurm 
über Lesina herauf, wo er auch beobachtet wurde, nach Klagen- 
furt brachte und welcher damals den massenhaft fallenden Schnee 
rot färbte. Seine Heimat ist vermutlich die Wüste Sahara.“ 

M. Schuster?) hat diesen Staub besonders nach der minera- 


!) Ehrenberg, Übersicht der seit 1847 fortgesetzten Untersuchungen über das 
von der Atmosphäre unsichtbar getragene, reiche organische Leben. Abhandl. der kgl. 
Akad. d. Wissensch. zu Berlin 1871, S. ı. 

?) Schuster, M., Resultate der Untersuchung des nach dem Schlammregen vom 


logischen Seite genau untersucht und ich selbst konnte darin ver- 
hältnismäßig häufig Diatomeen, Pflanzenhaare und vegetabilische 
Gewebebruchstücke nachweisen. 

Mitunter werden durch Orkane bei Gewitterregen ganz 
sonderbare Objekte, z. B. die Wurzelknöllchen vom feigwurzeligen 
Hahnenfuß, Ranunculus ficarıa, auf weite Strecken davongeführt 
und dann irgendwo zum Staunen der Bevölkerung abgesetzt. Es 
ist das der sogenannte „Kartoffelregen“. Zum besseren Verständnis 
sei erwähnt, daß diese Frühlingspflanze nach dem Blühen ihre 
Blätter alsbald vertrocknen und ihre Knöllchen, zumal bei trockenem 
Wetter, über dem Erdboden erscheinen läßt, so daß sie vom Winde 
leicht erfaßt werden können. 

Als ich Gymnasiast in Brünn war, fielen nach einem heftigen, 
vom Sturme begleiteten Gewitterregen in einem Teile der Stadt 
ziemliche Mengen Samen vom Johannisbrot (Boxhörndeln), Cera- 
fonıa 'sılıgua, nieder. Woher die Samen, die wohl zweifellos 
irgendwo angehäuft waren und vom Sturme erfaßt wurden, her- 
rührten, konnte nicht festgestellt werden. 

Kosmische Keime. Die Astrophysiker schätzen die Dicke 
der atmosphärischen Hülle auf 100—400 Kilometer. Wenn wir 
auch wissen, daß die Zahl der Staubteilchen mit der vertikalen 
Erhebung im allgemeinen abnimmt, so dürften doch aller Wahr- 
scheinlichkeit nach Keime von der Größe der Bakterien durch 
Luftströmungen bis zu der äußersten Grenze der Atmosphäre ge- 
langen. Ob auch über diese Grenze hinaus in den Kosmos? Oder 
sollte der Weltenraum vielleicht selbst von Keimen durchsetzt 
sein? Sicheres wissen wir darüber nicht. Der schwedische Physiko- 
chemiker S. Arrhenius!) nimmt, um die Frage nach der Herkunft 
des Lebens auf unserem Planeten zu erklären, tatsächlich an, daß 
der Kosmos seit Ewigkeit her von überaus kleinen schwebenden 
Keimen durchsetzt sei, die, vom Strahlungsdruck des Lichtes ge- 
trieben, zufällig auf einen Weltkörper gelangen und zum Aus- 
gangspunkt einer neuen Lebewelt werden können. Ausführlicher 
habe ich mich darüber in meinem Vortrag: „Über den Ursprung 
des Lebens“?) geäußert und den ganz hypothetischen Charakter 
der gemachten Annahme betont. 


14. Oktober 1885 in Klagenfurt gesammelten Staubes. Sitzungsber. der kais. Akademie 
d. Wissensch. in Wien, 1886, I. Abt., S. 81. 
!) Arrhenius, S., Das Werden der Welten. Leipzig 1908, S. 191. 
2) Molisch, H., Über den Ursprung des Lebens. Dieses Buch S. 130. 
Molisch, Populäre biologische Vorträge. 2. Aufl. 15 


— 226 — 


So haben unsere Betrachtungen uns wieder gelehrt, daß das 
Leben auch dort seinen Einzug gehalten hat, wo wir es von vorn- 
herein gar nicht vermuten würden. So wie der Polarforscher 
sogar in der Region des ewigen Eises eine Fülle von Leben ent- 
deckte; so wie der Tiefseeforscher in den tiefsten Tiefen des 
Ozeans, wo kein Lichtstrahl mehr eindringt und pechschwarze 
Nacht herrscht, eine neue, eigenartige Tierwelt fand: so hat das 
mit dem Mikroskop bewaffnete Auge des Biologen auch in der 
Atmosphäre eine reiche Kleinwelt nachgewiesen, die in Form 
von Keimen bis zu den äußersten Grenzen des Luftgürtels, ja 
vielleicht sogar über diesen hinaus, den Raum durchsetzt. 


XIV. 


Die Wärmeentwicklung der Pflanze). 


1. Die Atmung. 


Der Schleier, der über dem Geheimnis des Lebens liegt, ist 
noch ziemlich dicht. Aber je tiefer man in das Getriebe des Lebens 
eindringt,. desto deutlicher zeigt sich immer mehr und mehr, daß 
ein grundsätzlicher Unterschied zwischen Pflanze und Tier nicht 
besteht — auch nicht in der Atmung. Wenn das Tier atmet, so 
nimmt es Sauerstoff auf und verbrennt damit organische Substanz 
zu Kohlensäure und Wasser. Heute kann man noch in manchen 
Büchern lesen, daß der Pflanze angeblich eine umgekehrte Atmung 
zukomme: während das Tier bei der Atmung Sauerstoff aufnimmt 
und Kohlensäure abgibt, soll die Pflanze umgekehrt Kohlensäure 
aufnehmen: und Sauerstoff entbinden. Dies beruht auf einem Irr- 
tum. Die Pflanze atmet so wie das Tier, aber in der grünen 
Pflanze geht während der Belichtung noch ein anderer Prozeß, 
die Kohlensäure-Assimilation, vor sich und diese ist durch einen 
der Atmung entgegengesetzten Gaswechsel charakterisiert. Die 
Kohlensäure- Assimilation geht nur in den grünen Teilen der 
Pflanze und nur im Lichte vor sich. Die Atmung hingegen spielt 
sich in jedem Teil der Pflanze ab, gleichgültig ob beleuchtet oder 
verdunkelt, gleichgültig ob grün oder nicht grün. Zwei einfache 
Versuche sollen uns darüber belehren, daß die Pflanze bei der 
Atmung Sauerstoff verbraucht und Kohlensäure entwickelt. 

Versuch I. Ich nehme zwei Glaszylinder — Fig.4g — und 
fülle den einen mit einer Handvoll keimender Erbsensamen, den 
andern lasse ich leer. Beide werden durch gut eingeriebene Glas- 
stöpsel von der äußeren atmosphärischen Luft abgeschlossen und 


l) Vortrag, gehalten am ı2. Dezember 1917 im Vereine zur Verbreitung natur- 
wissenschaftlicher Kenntnisse in Wien. Im Verlage dieses Vereines 1918 zuerst er- 
schienen. 


15* 


— 228. — 


in einem warmen Zimmer finster aufgestellt. Taucht man nach 
etwa 24 Stunden in das Erbsengefäß ein brennendes Kerzchen, 
so erlischt es sogleich, aber in den leeren Kontrollzylinder einge- 
führt, brennt es dauernd weiter. Das Erlöschen des Kerzchens in 
dem ersten erfolgt, weil die keimenden Erbsen den in dem ab- 
gesperrten Luftraum vorhandenen Sauerstoff verbraucht haben. 
Damit ist aber jenes Glas, das die Verbrennung unterhält, entfernt. 
Versuch II. Um den Beweis zu liefern, daß bei der Atmung 
Kohlensäure entwickelt wird, genügt es, wieder zwei gleiche Glas- 
zylinder zu nehmen, beide mit etwas klarer Ätzkalklösung zu 
füllen und den einen mit einem 
lebenden, beblätterten Sproß, z.B. 
des Flieders oder der Linde, so 
zu versehen, daß der Sproß sich 
über der Kalklösung befindet. 
Der zweite Zylinder dient zur 
Kontrolle. Schon nach einigen 
Stunden, sicher nach einem Tage, 
hat sich die früher klare Ätzkalk- 
lösung in dem (sefäße mit dem 
Sproß infolge der Bildung von 
Kohlensäure, beziehungsweise 
von kohlensaurem Kalk, getrübt, 
während in dem Kontrollgefäß 
ohne Zweig die Flüssigkeit sich 
klar erhalten hat, da keine Kohlen- 
säure gebildet wurde. 
Fig. 49. Verbrauch des Sauerstoffs bei ä u a a 
der Atmung. (Original.) ist bei verschiedenen Grewächsen 
sehr verschieden. Kakteen, Haus- 
wurz, überhaupt Pflanzen, die man wegen ihrer fleischigen oder 
dicklichen Blätter oder Stämme als Fettpflanzen oder Sukkulente 
bezeichnet, und Schattenpflanzen atmen schwach oder mäßig. Pilze, 
Keimlinge und Blüten dagegen atmen stark. Nimmt man die Menge 
der gebildeten Kohlensäure, bezogen auf das Frischgewicht, als 
Maß für die Intensität der Atmung an, so läßt sich leicht erkennen, 
daß keimende Samen oder rasch wachsende und sich vermehrende 
Pilze ebenso oder noch intensiver atmen als der Mensch. 
Wenn die Atmung einen Oxydationsvorgang, also eine Ver- 
brennung darstellt, dann muß dabei Wärme entstehen. Dem 


scheint aber die gewöhnliche Erfahrung zu widersprechen, denn 
wenn man im Waldesschatten die Blätter berührt, so erscheinen 
sie nicht wärmer als die Luft der Umgebung, sondern eher kühler. 
Der Grund liegt darin, daß die durch die Atmung erzeugte Wärme 
durch zwei Vorgänge wieder rasch entführt wird: durch die 
Wärmeausstrahlung und die Transpiration. 

Jeder Körper strahlt Wärme aus, und zwar um so mehr, je 
größer seine Oberfläche ist. Die der Pflanze ist meistens sehr 
groß, die Blätter sind ja zumeist flächenartig entwickelt und des- 
halb geben sie die Wärme auch leicht ab. 

Wärme entführend wirkt auch die Transpiration, d. i. die 
Abgabe von Wasser in Form von Dampf durch die Oberfläche 
der Pflanze. Legt man auf den Handteller einen Tropfen einer 
rasch verdampfenden Flüssigkeit, z. B. Alkohol oder Äther, so hat 
man sofort die Empfindung der Kälte. Zur Umwandlung von 
Flüssigkeit in Dampf ist eben Wärme notwendig und diese liefert 
die Hand, daher die Empfindung der Kälte. Wenn nun ein Blatt 
Wasser verdampft, so wird ihm gleichfalls Wärme entzogen; es 
bildet sich Verdunstungskälte und diese bewirkt zusammen mit 
der Wärmeausstrahlung, daß die in der Pflanze erzeugte Atmungs- 
wärme nicht zum Vorschein kommt. Ja die Verdunstungskälte 
läßt die Pflanze sogar häufig kühler erscheinen als die Luft der 
nächsten Umgebung. Sorgt man aber dafür, daß die beiden wärme- 
entziehenden Erscheinungen nahezu oder völlig ausgeschlossen 
werden, so ist es leicht, auch die Wärmeentwicklung der Pflanze 
mit Sicherheit zu erweisen, Stark atmende Blüten, Keimlinge und 
auch frische Laubblätter eignen sich ganz besonders zu Versuchen 
über Selbsterwärmung. 


2. Die Selbsterwärmung von Laubblättern. 


Die Atmungsgröße der Blätter hat man lange Zeit unter- 
schätzt, aber ich!) konnte mich überzeugen, daß gerade die Laub- 
blätter vieler Gewächse sich stark zu erwärmen vermögen, wofern 
die Versuche in folgender Weise angestellt werden: 

Ein Weidenkorb. von etwa 4o cm Höhe und 30 cm mittlerer 
Breite wird mit frisch gepflückten Blättern, z.B. von der Hain- 
buche, Birne oder der falschen Akazie, gefüllt, was etwa einem 


ı) Molisch, H., Über hochgradige Selbsterwärmung lebender Laubblätter. 
Botanische Zeitung, 1908, S. 211. 


— 230 — 


Frischgewicht von 3—5 Kilogramm Blätter gleichkommt. Die 
obere freie Korbfläche wird mit Pappendeckel bedeckt, ein Thermo- 
meter mitten in die Blattmasse eingeführt, der Korb in eine Holz- 
kiste gestellt und der Raum zwischen Kiste und Korb mit einem 
schlechten Wärmeleiter, mit Holzwolle ausgefüllt. Um die Wärme- 
ausstrahlung und Wärmeleitung möglichst zu verhindern, wird 
das Granze noch mit einem Tuche mehrfach umhüllt. 

Unter diesen Umständen erwärmen sich die Blätter vieler 
Gehölze schon innerhalb eines Tages sehr bedeutend, oft bis zur 
oberen Temperaturgrenze des Lebens, wie folgende Tabelle zeigt: 


Tsıff- Temperatur- 
Frisch gepflückte Blätter von temperatur Peg Be 
nm 0C in dC 
Pirus comMMmUnzSs: (Bine) Er. wn 15 59 27 
Carpinus betulus (Hainbuche) . . . 23 51,5 15 
Robinia pseudacacia (Akazie) . . . 24 5I 13 
Tglen. sp ul Tändel... Ser Ver ait tor 18 50,8 27,5 
Juglans vegia (Walnuß)  . » .. >. 15 49,7 4355 
Salixz capvrea (Sahlweid) . -. .... 15 47;1 22 
Cytisus laburnum (Goldregen) . . . 18 45,6 18,5 
Vitis vinifera (Weinstock). . . ... *7 4353 28 


Einen genaueren Einblick in den Verlauf des Temperatur- 
anstieges gibt der folgende mit den Blättern der Hainbuche an- 
gestellte Versuch. (Siehe Tabelle auf nächster Seite.) 

Beginn des Experiments am 27. Juni 1907, Ende am ı1. Juli 
1907. Frischgewicht der Blätter 3,5 kg. 

Die Tabellen zeigen, daß die Blätter sich schon innerhalb 
verhältnismäßig kurzer Zeit, nämlich innerhalb 9 Stunden, von 22° 
auf 43,9° und innerhalb ı5 Stunden auf 51,50 erwärmten; daß 
dann während der nächsten 37 Stunden wieder ein langsames Ab- 
fallen der Temperatur auf 33,70 zu verzeichnen war und daß hierauf 
die Temperatur wieder zu einem zweiten, aber etwas kleineren 
Maximum von 47,2° anstieg, um schließlich wieder nach und nach 
fast bis zur Lufttemperatur zu sinken. Es kommt also zu zwei 
Gipfelpunkten der Temperatur 51,5 und 47,2. Das erste Maxi- 
mum ist auf Rechnung der Atmung der lebenden Blätter zu 
setzen. Dabei erwärmen sich die Blätter so hochgradig, daß sie 
in der von ihnen selbst erzeugten Wärme absterben. Nach dem 
Eintritt des Todes hört die Atmung auf und die Temperatur sinkt. 


a al, 
Bel de 5#| 5° 
Datum R = = Ö Datum s# | 8 Ö 
l 
| 
27. VI.’ zhp.m 23.102 1. VII, 6hp.m. 24,5 | 46,9 
Zr, 23 25 Io’, 24,5:| 47,2 
+ 23 28 2. VII. 4h.a.m. 245 [47 
Ga 23 30 Br 24,5 | 46,8 
7 ” 23 33»7 10 ” 24,5 46,5 
RER 23 35,5 ıh p. m. 24,5 | 46,2 
BE 23 35»7 Ss 24,5 45,9 
10 ” 23 41,4 9 ” 24,5 45,1 
IR 23 43,9 BRIF, Zu a 24. 023,2 
28.VI. 5ha.m. 22,5 | 51,5 NEE 24 41,9 
ER 2251 598 ıh p. m. 24 41,6 
Bei 22 50 Gr 23 40,7 
N. 22 49,2 eccas 23 40 
ro ' Aare DAS.B 10; 3% 23 39,8 
1 I RE | 22 46,8 4 VERSCRa.m, 22 36 
zh p. m. | 2 44,6 Fos. z 22 35 
5 22 43 I2  „» 22 345 
a 22 141,6 6h p. m. 22 32,2 
Ehe 22 40,7 GABEL. ch’a-ım)n . A a ei 
Ph 22 39,9 ıh p. m. 27,5 | 30,1 
Re 22 38 RR 21,5 29,5, 
29. VI. 5zha.m. 22 34,9 30: 21,5 | 29 
Eu 22 34 6. VII. sh a. m. 23 29 
Sn 22 34 24 &. 23 28,9 
zo, 22 33:9 ıoh p. m. 23 29,3 
ıh p.m. 226 6.33,7 7. VII. 6ha.m. 23,5 |. 29,3 
Age 22.,5:.1438,3 6h p. m. 23,5 | 29 
30. VI. ırLh a. m. 22,5 | 394 rose 23,5 | 28,8 
Bay iz 22,5 | 39,6 8. VII. aha.m. 23 28,6 
ıh p.m. 22,5 | 40,1 6h p. m. 23 26,9 
Sa 22,5 12227 ONE 23 26,7 
I. VII. ah a. m. 23,3 | 43:9 9. VII. sha.m. 23 26,7 
60%, 23,37 1002,2 zb p.m. 23 26,4 
83» 23,3 | 447 I 22, 26,3 
ss 23,3 NAS2 10. VII. sha.m 22,5 28 
KEN. 655 23,5 WARE zb p.m. 22,5 | 25,6 
BALn . 23,5 | 46 SE VII. Se Sum. 22,5 | 25,6 
2hp. m. 24,1 | 46,7 gEp.m 22,5 02553 
5» 24,5 | 46,8 


Auf der toten Blattmasse beginnen sich nun die Bakterien und 
Schimmelpilzkeime, die auf den Blättern in spärlicher Zahl vor- 
handen waren und auf der toten organischen Substanz außer- 
ordentlich günstige Entwicklungsbedingungen finden, rasch zu ver- 
mehren. Das Heer der neuentstandenen Kleinwesen atmet sehr 
intensiv und entwickelt bei der Atmung so viel Wärme, daß die 
Temperatur wieder zu steigen beginnt und sich schließlich bis 
zum zweiten Maximum erhebt. Damit ist auch der Höhepunkt in 
der Entwicklung der Mikroorganismen erreicht, und sowie diese 
zurückzugehen beginnt, sinkt auch 
wieder die Temperatur. 

Steckt man in eine derartig er- 
hitzte Blattmasse die Hand, so fühlt 
man die Wärme sofort, und legt man 
Kakaobutter, welche einen niedrigen 
Schmelzpunkt hat, hinein, so schmilzt 
sie alsbald. Die überaus große Selbst- 
erhitzung lebender Blätter läßt sich 
auch durch einen hübschen Schul- 
versuch einem größeren Zuhörerkreis 
veranschaulichen, indem man Äther 
durch die Blattwärme zum Sieden 
bringt. Man bedient sich zu diesem 
Zwecke des in der nebenstehenden 
Figur 5o abgebildeten go cm langen 
Glasrohres, das unten geschlossen, 
oben ballonartig aufgeblasen und zum 
Fig. 50. Versuch: Das Sieden des Teil mit durch Alkannım gefarbremn 
Äthers durch die von den Blättern oder Ather gefüllt ist. Wird die bis etwa 
a name zu einem Drittel gefüllte Glasröhre 

Glasrohr mit gefärbtem Äther. mit ihrem geschlossenen Ehde in die 

Blattmasse, deren Temperatur etwa 

45°—50° oder darüber ist, eingesenkt, so fängt der Äther, dessen 

Siedepunkt bei 35,5° liegt, alsbald zu sieden an, was von einem 

großen Auditorium auf ziemliche Entfernung hin deutlich gesehen 
werden kann. 

Die Blätter verschiedener Pflanzen verhalten sich bezüglich 
der Selbsterwärmung recht verschieden. Stark erwärmen sich die 
in der Tabelle auf Seite 230 genannten, schwach hingegen die von 
Canna, Tradescantıa vırıdıs, Bergenia, die des Epheus, der Tanne 


und des Krautkopfes. 


Desgleichen zeigen auch die Knollen der 


Kartoffel, die Birnen- und Ligusterfrüchte nur geringe Erwärmung. 


3. Die Selbsterwärmung in Dewar- 
Gefäßen. 

Die vorher beschriebene Methode 
des Nachweises der Wärmebildung von 
Blättern in einem von schlechten Wärme- 
leitern umgebenen Korbe läßt an Ein- 
fachheit und Sicherheit nichts zu wün- 
schen übrig. Sie hat aber auch eine 
große Schattenseite: sie erfordert viel 
Material. Um 3—5 Kilogramm frischer 
Blätter zu beschaffen, benötigt man 
schon ein ansehnliches Bäumchen oder 
einen großen Strauch. Es sei daher 
darauf aufmerksam gemacht, daß die 
als Thermoflaschen so vielfach verwen- 
deten Dewar-Gefäße ein ausgezeichnetes 
Mittel an die Hand geben, um die Selbst- 
erhitzung von wenig (100— 150 Gramm) 
Blättern, Blüten oder Samen in eleganter 
Weisezudemonstrierent). Ein Dewar-Ge- 
fäß (Fig. 5 ı) ist ein doppelwandiges, zylin- 
drisches Glasgefäß, dessen äußerer Hohl- 
raum möglichst ausgepumpt ist. Seine in- 
nere Oberfläche ist zur Verminderung der 
Wärmeausstrahlung versilbert. Wird der 
innere Hohlraum des Dewar-Gefäßes — 
dasselbe wurde seinem Erfinder, dem 
bekannten englischen Chemiker Dewar 
zu Ehren benannt — mit einer heißen 
oder kalten Substanz gefüllt, so behält 
diese ihre Temperatur längere Zeit so 
ziemlich bei, da durch den luftfreien 
Mantel die Wärme fast nicht oder nur 
äußerst langsam abgeleitet wird. Die 
im Handel befindlichen Thermoflaschen, 


Fig. 51. Dewar-Gefäß im Durch- 

schnitt mit Vakuummantel a und 

innerem Hohlraum. Stark ver- 
kleinert. 


Fig. 52. Dewar-Gefäß montiert, 

um die Selbsterwärmung‘ von 

Pflanzen zu zeigen. Stark ver- 

kleinert. D Glasgefäß mit leerge- 

pumptem Hohlmantel m, T Ther- 

mometer, 5 Baumwolle, 7 Holz- 
fuß. (Original.) 


1) Molisch, H., Über die Selbsterwärmung von Pflanzen in Dewar-Gefäßen. 


Zeitschrift für Botanik, 6. Jahrg., 1914, S. 305—335. 


dazu bestimmt, Speisen und Getränke warm oder kalt zu erhalten, 
sind im wesentlichen Dewar-(refäße. 


Die von mir verwendeten Dewar-Gläser ruhen in einer Holz- 
hülse. Unmittelbar vor Beginn des Versuchs werden die Pflanzen 
gesammelt und frisch (nicht naß!) eingefüllt. Auf die Pflanzen 
kommt eine kreisrunde, genau in das Gefäß passende Scheibe von 
Glimmer, um die Transpiration möglichst zu verringern, und da- 
rauf eine 2—4 cm hohe Schicht Baumwolle. Schließlich wird ein 
feingeteiltes Thermometer so eingeführt, daß der Quecksilberbe- 
hälter etwa in die Mitte der Pflanzenmasse zu liegen kommt: 
Fig. 532». Ob man nun mit Laubblättern oder mit Blüten arbeitet, 
stets tritt schon innerhalb eines Tages eine bedeutende Wärme- 
entwicklung ein, und zwar ergeben sich, wie bei den früher ge- 
schilderten Korbversuchen, wieder zwei Gipfelpunkte der Tempe- 
ratur, wovon der eine wieder auf Rechnung der Atmung der 
Blätter oder Blüten und der andere auf die Atmung der Bak- 
terien und Schimmelpilze, die sich auf den schließlich in ihrer 
hohen Eigenwärme abgestorbenen Pflanzenteilen entwickeln, zu 
stellen ist. | 


Die folgende Tabelle gibt die Endresultate verschiedener 
Versuche mit Blüten in übersichtlicher Zusammenstellung: 


I _ = A | oo 4 | J oO 
ES |s28<| P<>|gäse 
seta, |SE, sljeseega 
Bass SEE W: Be Sa 
Name EB % < v5 | Sa EZ Se =! 
Se EUdsı „EHER ges 
er anze =525 De a3 8 s’sE 
„se. a|l32e2 . jee 22a 
re Se HH (Ha | ge 
TE. des. Bs55 Asse 
25 Ms = mn" 
Chrysanthemum leucanthemum . 47:3 29,5 56,6 39,6 
DIAUCUSBCRTOR Fr ee 46,9 28,9 55 38,8 
Trifolium pratense. . . . . 47 28 55 38 
Achillea millefolium . . . . 43,6 25 52,8 337 
Anthcmis IDemSis "I En 41,6 20,2 48 28,1 
Pa ns, 2 208 45 24,5 — — 
Philadelphus coronarius . . . 40,1 16,1 47 25 
Rosa (Gartenhybrid) . . . . 40,4 18,5 37,6 15,5 
Clematis vitalba . . » » . .» 45,4 23,4 50 29 
Calendula offieinalis . ». .» - 36,4 15,4 40 18,5 
INymp haea alba a Wa 27,4 8,3 —— — 


4. Die Selbsterwärmung gewisser Blüten und Blütenstände. 

Obwohl man gewöhnlich in der Natur von der Wärmeent- 
wicklung höherer Pflanzen nichts merkt, gibt es doch einige Fälle, 
in denen Pflanzen soviel Wärme bilden, daß man sie mit der 
Hand direkt fühlt. Die erste Nachricht darüber verdanken wir 
dem Zoologen und Naturphilosophen Lamarck, der bereits im 
Jahre 1777 die Tatsache feststellte, daß sich die blühenden Kolben 
von Arum ılalıcum warm anfühlen. Diese 
höchst auffallende und interessante Erscheinung 
ist aber nicht auf die erwähnte Aroidee be- 
schränkt, sondern wurde später noch für Arun 
maculatum, einein unseren Auen viel verbreitete 
Pflanze, Colocasıa odora und Phulodendron 
Pinnatıfıdum, nachgewiesen. Die ziemlich großen 
Blütenstände der Pandanaceen, Scitamineen, Cy- 
cadeen und die der Palmen entwickeln gleich- 
falls bedeutende Wärmemengen. Durch die 
Untersuchungen von G. Kraus!) wurde die Er- 
scheinung genau studiert. Bei Arwn ztalicum 
wurde im Vergleich zur umgebenden Luft eine 
Temperaturhebung bis zu 17,6° C beobachtet, 
und wenn fünf Kolben zusammengelegt und 
mit einem Tuch umgeben werden, so kann die 
Temperatur auf 51,3° ansteigen bei einer Luft- 
temperatur von 15,4°. 

Es gibt eine aus Indien stammende Aroidee, 
Sauromatum guttatuwm, deren Knollen die merk- 
würdige Eigenschaft besitzen, am Tische liegend, SE Ca eye 
. ohne jede Zufuhr von Wasser, sich nicht bloß * Knollen, S Schei- 
frisch zu erhalten, sondern auch den Blüten- een 
kolben auszutreiben (Fig. 53). Dieser besteht Stark verkleinert. 
auseinem auffallend gefärbten, purpurngefleckten reizen 
Scheidenblatt und dem eigentlichen Blütenstand, 
der in seiner unteren Hälfte die weiblichen, darüber die männlichen 
Blüten trägt und in seiner oberen in ein etwa fingerdickes pur- 
purnes Anhängsel übergeht. Wenn das Scheidenblatt sich öffnet, 
kommt das Anhängsel zum Vorschein und erwärmt sich so be- 
deutend, daß man es mit der Hand direkt fühlen kann. In einem 


l) Kraus, G., Über die Blütenwärme bei Arum italicum. Abhandl. d. naturf. 
Ges. zu Halle, Bd. 16, 1883— 1886, ı. Teil, S. 37—76, 2. Teil, S. 259—358. 


„— 236 . 


bestimmten Falle!) setzte die Erwärmung früh morgens um 6 Uhr 
ein, erreichte gegen 8 Uhr oben am Anhängsel ein Maximum von 
34° und fiel dann bis 7 Uhr abends auf die Lufttemperatur herab. 
Am nächsten Tag war die Erwärmung ganz minimal, nur ı° über 
der Temperatur der Luft. Bei anderen Aroideen läßt sich eine 
scharf ausgeprägte Periodizität der Wärmebildung nachweisen. 
So ist nach den Untersuchungen von Leick?) der Temperatur- 
verlauf durch drei Maxima ausgezeichnet. Das am ersten Tage 
sich einstellende Maximum ist das kleinste, das des zweiten Tages 
ist das größte und das des dritten Tages pflegt das des ersten 
Tages nur um ein geringes zu übertreffen. 

Die mächtigen Blütenstände der Cycadeen, Palmen und die 
große Blüte der durch ihre riesigen Schwimmblätter ausgezeichneten 
Vıctoria regia zeigen gegenüber der l.uft eine Temperaturerhöhung 
von 5—ıo° und darüber und bei der Vze/oria-Blüte gibt es sogar 
bestimmte Blütenteile, die sich ganz besonders erwärmen und 
ebenso wie. das Anhängsel des Blütenkolbens gewisser Araceen 
geradezu als Heizkörper bezeichnet werden können. 

Die hochgradige Selbsterwärmung der Araceen, Pandaneen- 
und Palmenblütenstände muß auf den ersten Blick unsere Ver- 
wunderung erregen, da sie im auffallenden Gegensatz zu der 
Tatsache steht, daß die meisten Pflanzen unter gewöhnlichen Um- 
ständen im Schatten keine höhere Temperatur als die Luft be- 
sitzen, da die gebildete Wärme rasch entführt wird. Wie kommt 
es nun, daß gerade gewisse Blütenstände von dieser Regel in so 
auffallender Weise abweichen und daß hier eine Atmung von 
ganz besonders starkem Stoff- und Kraftaufwand einsetzt? 

Nach den Ausführungen von Delpino und Kraus kann es 
wohl keinem Zweifel unterliegen, daß es sich hier um eine 
blütenbiologische Sonderanpassung handelt, die der Begün- 
stigung der Kreuzbefruchtung durch Anlockung von Insekten, ins- 
besondere von Fliegen dient. So wie in anderen Fällen Duft- und 
Farbstoffe der Lockung von Insekten angepaßt erscheinen, ist es 
hier die Wärmebildung. Insekten gehen bekanntlich gerne der 
Wärme nach, Fliegen setzen sich mit besonderer Vorliebe auf 
warme, von der Sonne beschienene Flächen. Daher sehen wir 
verschiedene Fliegenarten zunächst das warme Kolbenende der 


!) Molisch, H., Pflanzenphysiologie als Theorie der Gärtnerei. Jena 1916, S. 116. 
°) Leick, E., Untersuchungen über die Blütenwärme der Araceen. Greifswald 
1910, S. 52. Hier auch ausführliche Literaturangaben. 


Araceen aufsuchen, das dann wie eine Leitstange. die Insekten zu 
den männlichen und weiblichen Blüten führt und sie auf diese 
Weise durch Übertragung des Blütenstaubes die Befruchtung 
vollziehen läßt. Kraus!) faßt diesen Gedanken in die Worte: 
„Und so bin ich denn auch geneigt, in den vorstehenden Fällen 
(es handelt sich um verschiedene Araceen, Cycadeen und Palmen) 
‘die Erwärmung der Blütenstände, wenn nicht überall und ausschließ- 
lich (Palmen?), so doch jedenfalls in hervorragendem Maße als ein 
Anlockungsmittel für Tiere in Anspruch zu nehmen. An sich 
genommen, muß es zweifellos für die Insektenwelt verlockend er- 
scheinen, auffallend warme Stellen des Aufenthaltes zu finden, 
zumal am Abend und Morgen, wo die Temperaturdifferenz zwischen 
Luft und Blüte besonders hervortritt. Auch erscheint es für die 
Pflanze gewiß keine kostspieligere Leistung und Arbeit, eine ge- 
wisse Masse Leibessubstanz in kürzester Zeit einfach zu verbrennen, 
als dieselbe zu ebenso vorübergehendem Gebrauch in höchst kom- 
plizierte, morphologische Gebilde umzugestalten. Einrichtungen 
letzterer Art erspart sich ja die Pflanze ohnehin gerade bei Blüten- 
ständen mit Wärmebildung.“ 


5. Die Selbsterhitzung organischer Abfälle durch Bakterien und 
Schimmelpilze. 

Es ist in hohem Grade merkwürdig, daß die alltäglichsten 
Dinge, die uns auf Schritt und Tritt begegnen und seit uralter 
Zeit bekannt sind, erst verhältnismäßig spät die Aufmerksamkeit 
erregen und aufgeklärt werden. Wie oft hat man gesehen, wie 
Haufen von Pferdemist selbt an kalten Wintertagen so viel Wärme 
entwickeln, daß sie förmlich dampfen! Um sich darüber Rechen- 
schaft zu geben, begnügte man sich zu sagen, daß rein chemische 
Umsetzungen, die im Pferdemist vor sich gehen, die Wärmebildung 
veranlassen. 

Baumwolle. Aufklärend hat bezüglich solcher Erscheinungen 
F. Cohn gewirkt. Als ihm mitgeteilt wurde, daß zu Augsburg in 
Greewächshäusern Beete, mit schmutzigen Baumwollabfällen gefüllt, 
sich bedeutend erhitzen, machte er verschiedene Versuche, um 
über diese Selbsterwärmung ins Klare zu kommen. Er füllte 
einen Kasten mit 3—5 Pfund angefeuchteter schmutziger Baum- 

!) Kraus, G., Physiologisches aus den Tropen. III. Über Blütenwärme bei 


Cycadeen, Palmen und Araceen. — Ann. du jardin bot. de Buitenzorg, Bd. 13, 1896, 
S. 217—275. 


zum 238 — 


wolle und beobachtete, daß, wenn die Wolle vorher durch heißen 
Wasserdampf von lebenden Keimen befreit, d.h. sterilisiert wurde, 
keine Erwärmung eintrat, hingegen eine sehr bedeutende, wofern 
die Sterilisierung unterlassen wurde. Im letzteren Falle „stieg die 
Temperatur sofort, erst langsam, stündlich o,ı°, dann rascher (0,2, 
0,3° in der Stunde); nach 5—6 Stunden rapid (stündlich 2°, 3° bis 
4°); 24—30 Stunden später war das Maximum (67,2% beobachtet)’ 
erreicht; von da ab sank die Temperatur langsam, aber stetig, so 
daß nach etwa 6 Tagen die Masse wieder Lufttemperatur (21 bis 
23°) zeigte.“ Bei der mikroskopischen Untersuchung solcher heiß- 
gewordener Baumwolle zeigte es sich, daß sie ganz durchsetzt von 
unzähligen Bakterien war, die hier auf der schmutzigen, noch mit 
Samenresten und Schmierölen verunreinigten Baumwollmasse höchst 
günstige Entwicklungsbedingungen fanden und infolge intensiver 
Atmung reichlich Wärme erzeugten. Daß Bakterien tatsächlich 
die starke Wärmeentwicklung veranlassen, kann leicht bewiesen 
werden, denn wenn sterile Baumwolle, die keine Spur von Selbst- 
erwärmung zeigte, mit schmutziger, nicht sterilisierter Wolle ge- 
impft und so mit lebenden Bakterien angesteckt wurde, begann 
die Temperatur bald auf etwa 67° zu steigen. 


So sehen wir denn, daß die Selbsterhitzung organischer Ab- 
fälle, z. B. der Baumwolle, nicht eine rein chemische, sondern eine 
biologisch-chemische Erscheinung darstellt, hervorgerufen durch 
Mikroorganismen. 


Heu. Seit langem ist bekannt, daß sich gemähtes Gras, in 
großen Haufen zusammengeschichtet, bald sehr stark erhitzen 
kann. Genaue Angaben darüber verdanken wir Miehet). Er 
zeigte, daß selbst in nicht sehr großen Heuhaufen die Temperatur 
auf etwa 68° steigen kann. Auch hier handelt es sich wieder um 
einen biologisch-chemischen Prozeß. Keimfreies, durch heißes 
Wasser steril gemachtes Heu erhitzt sich nicht. Wird es aber 
mit etwas keimführendem Heu versetzt, so tritt nach kurzer Zeit 
normale Selbsterhitzung ein. Der genannte Forscher hat auch 
die Pilze, die die Erwärmung bedingen, rein kultiviert und darunter 
auch neue gefunden: eine Varietät des sonst im Darm lebenden 
bacıllus coli, Bacıllus calfactor, Thermomyces lanugınosus, Actino- 
myces monosporus, Thermordrum sulfureum und Thermoascus auran- 
fracus. Alle diese Pilze können als wärmeliebende oder thermophile 


!) Miehe, H., Die Selbsterhitzung des Heues. Jena 1907. 


— 239 — 


bezeichnet werden, denn sie leben bei relativ hoher Temperatur; 
ja sie entwickeln sich vielfach erst bei so hohen Wärmegraden, 
bei denen gewöhnliche Pilze oder grüne, saftreiche Pflanzen rasch 
absterben. 

Es ist dies von großem physiologischen Interesse, weil hier 
eine wunderbare Anpassung an extrem hohe Temperaturen vor- 
liegt, wie man sie kaum für möglich halten möchte. Ist hier ein 
besonderes Eiweiß im Plasma vorhanden, das der Koagulation 
oder sonstigen tiefgreifenderen Veränderungen widersteht, oder 
sind hier besondere Schutzeinrichtungen für das Eiweiß getroffen, 
so daß es sich trotz so hoher Temperatur unversehrt erhält? 

Bevor wir die Selbsterhitzung des Heus verlassen, soll hier 
auch ganz kurz der vielbesprochenen Frage nach der Selbstent- 
zündung des Heus gedacht werden, da ja an der Richtigkeit der 
Tatsache wohl nicht mehr zu zweifeln ist. : 

Man hat zu wiederholten Malen die Beobachtung Seh 
daß große Heuhaufen, die die Selbsterwärmung durchgemacht 
haben und noch erhitzt sind, wenn sie plötzlich auseinandergerissen 
. werden, an verschiedenen Stellen zu glimmen und schließlich zu 
brennen anfangen. Die dabei sich abspielenden Vorgänge bedürfen 
noch eines genaueren Studiums, vorläufig läßt sich nur folgendes 
mit großer Wahrscheinlichkeit behaupten. Die Selbsterwärmung 
des feuchten Heus erfolgt durch die Atmung der Mikroorganismen. 
Dabei steigt die Temperatur auf etwa 70° und gleichzeitig erfährt 
die Heumasse durch chemische Prozesse eine Veränderung in 
eine kohlige, poröse Substanz, die beim Auseinanderreißen des 
Heuhaufens, ähnlich wie Platinmoor, den nun reichlich zufließenden 
Sauerstoff der Luft in großer Menge absorbiert, verdichtet ‘und 
sich bis zum Entzünden erhitzt. Die Bakterien selbst haben direkt 
mit dem Selbstentzündungsvorgang nichts zu tun, sie sind nur an 
der Selbsterwärmung des Heus beteiligt, die zur Entzündung noch 
lange nicht ausreicht, und an der Verwandlung des Heus in eine 
kohlige, poröse Masse. Die Selbstentzündung aber beruht auf rein 
physikalisch-chemischen Vorgängen, im besonderen aber auf der 
raschen und intensiven Aufspeicherung von Luftsauerstoff. 

Pferdemist und Gerberlohe. Ähnlich wie Heu verhält 
sich auch Pferdemist. Es ist leicht festzustellen, daß größere 
Pferdedüngerhaufen sich bis 70 und 80° erhitzen können. Auch 
hier sind Kleinwesen, vornehmlich Bakterien und Schimmelpilze, 
von maßgebender Bedeutung. 


Ich habe mir oft Reinkulturen von Mistbakterien verschafft 
und darüber gestaunt, wie solche thermophile Bakterien in dampfen- 
den Nährlösungen, in die man den Finger höchstens nur einen 
Augenblick halten könnte, sich wohl fühlten und in heißen dampfen- 
den Wassertropfen unterm Mikroskop hin und her schossen. 

Die Gärtner bedienen sich der organischen Abfälle, um Mist- 
beete oder Warmbeete im Gewächshause zu heizen. Für die 
letzteren verwenden sie auch mit Vorliebe Gerberlohe, die in den 
Lederfabriken ihre Schuldigkeit bereits getan hat, um damit die 
Beete !/,—ı Meter hoch zu füllen und tropische Pflanzen mit den 
Töpfen einzusenken: Farne, Pandanus, Dracaena,, Freus, Ardısıa, 
Palmen und andere. Die Lohe erhitzt sich infolge der reichlichen 
Entwicklung von Bakterien und Hefen, teilt die Wärme der Blumen- 
topferde und den Wurzeln mit und begünstigt durch diese Boden- 
wärme in hohem ‘Grade das Pflanzenwachstum. 

Ähnlich wie die erwähnten organischen Abfälle können sich 
auch andere Pflanzenobjekte ziemlich erwärmen: Schnupftabak, 
Tabakblätter im Zustande der Fermentation (Gärung), Preßrück- 
stände verschiedenartiger pflanzlicher Objekte u. a. 

Wenn wir die Temperaturen der Pflanze thermometrisch oder 
thermoelektrisch messen, erhalten wir in jedem Falle nur ein Bild 
über die Höhe der Temperatur, über die Wärmemenge aber 
geben solche Beobachtungen keinen Aufschluß. Die bloße An- 
gabe der Temperatur genügt eben nicht, um die Wärmeerschei- 
nungen quantitativ beschreiben zu können. Daher muß es das 
Ziel physiologischer Forschung sein, die Wärme auch der Menge 
nach zu bestimmen. Man versteht bekanntlich unter der Wärme- 
einheit oder einer Kalorie jene Wärmemenge, die notwendig ist, 
ı kg Wasser von 14,5° auf 15,5°, also um ı° zu erwärmen. 

Es hat einen großen Wert, wenn die von der Pflanze ge- 
bildete Wärme in Wärmeeinheiten angegeben wird, Wenn erst 
dann ergibt sich ziffernmäßig eine deutliche Anschauung von dem 
durch das Lebewesen erzeugten Wärmequantum. Nur so läßt sich 
zeigen, ob die in die Pflanze durch die Nahrung eingeführte 
Energie ganz oder nur teilweise als Wärmeenergie erscheint und 
wiesich verschiedene Pflanzen oder verschiedene biologische Gruppen 
in der Wärmeerzeugung quantitativ unterscheiden. 

Es soll nicht verschwiegen werden, daß derartige Beob- 
achtungen erst in geringer Zahl vorliegen und daß sie mit großen 
Schwierigkeiten und häufig auch mit Ungenauigkeiten verbunden 


sind, so daß wir bezüglich der Wärmemessung der Pflanze noch 
am Anfange stehen. Immerhin läßt sich schon jetzt sagen, daß 
die von der rasch wachsenden Pflanze produzierte Wärmemenge 
mit der des höheren Tieres, ja sogar des Menschen, wetteifern 
kann, denn nach Bonniers mit ganz jungen Gerstenkeimlingen 
durchgeführten Versuchen wurde bei ı6° pro Kilo Pflanzensub- 
stanz und pro Stunde eine Wärmemenge von 3,72 Kalorien fest- 
gestellt, während ein erwachsener Mensch unter denselben Ver- 
hältnissen nur 1,4 Kalorien bildet. 


Die Wärme der Pflanze resultiert wohl der Hauptsache nach 
aus der Atmung, und daher dürfen wir uns nicht wundern, daß 
alle jene Umstände, die die Atmung erhöhen oder verringern, wie 
Temperatur, Gifte, Sauerstoff, Verletzung und anderes, auch dem- 
entsprechend die Wärmebildung beeinflussen. Es sei ein in dieser 
Beziehung ganz besonders interessantes Beispiel hier erwähnt. 

Von Böhm!) wurde die Entdeckung gemacht, daß Ver- 
letzungen der Kartoffel eine Steigerung der Atmung und eine 
damit Hand in Hand gehende Steigerung der 'Wärmebildung 
hervorrufen.: Die Atmung geschälter oder mit Einschnitten ver- 
sehener Kartoffeln ist bedeutend intensiver als die unverletzter. 
Ein Beispiel: Kartoffelknollen geben im unversehrten Zustande 
pro Kilo und Stunde 7 mg Kohlensäure ab; werden sie in je vier 
Stücke zerschnitten, so entwickeln sie am ersten Tage nach dem 
Zerschneiden 63 mg, am zweiten Tage 46 mg, am vierten Tage 
ıo mg und am sechsten Tage 7 mg Kohlensäure. 

Später haben Stich und Richards die weite Verbreitung 
dieser Erscheinung nachgewiesen und genauer untersucht. 

Mit dieser Erhöhung der Atmung nach Verletzung geht nun 
auch eine Steigerung der Wärmebildung Hand in Hand. Sie 

kann leicht durch thermoelektrische Messung nachgewiesen 
_ werden. :Die Zunahme beträgt bei der Kartoffel dicht hinter der 
Schnittfläche etwa o,21°, in ıs mm Abstand aber nur 0,05° und 
in 2o mm Entfernung war keine Temperaturerhöhung mehr wahr- 
zunehmen. Dagegen macht sich bei der Küchenzwiebel der wärme- 
steigernde Wundreiz auf viel weitere Strecken geltend. Wir haben 
hier wieder ein schönes Beispiel dafür, wie gleiche Ursachen nicht 


ı) Böhm, J., Über die Respiration der Kartoffel. Botanische Zeitung, 1887,S.671. 
Molisch, Populäre biologische Vorträge. 2. Aufl. 16 


bloß im Menschen und Tier, sondern auch in der Pflanze gleiche 
Wirkungen auslösen, denn es ist ja seit langem bekannt, daß Ver- 
wundung bei Tier und Mensch eine erhöhte Atmung und damit 
zusammenhängend auch eine höhere Körpertemperatur veranlassen 
kann. So hat das Wundfieber des Menschen auch sein Analogon 
in der Pflanze gefunden. 

Je weiter wir in der Geschichte der Biologie zurückblicken, 
desto größer erscheint die Kluft, die zwischen Pflanzen- und Tier- 
reich scheinbar bestand. Je mehr wir uns aber der (regenwart 
nähern, desto mehr Brücken werden über diese Kluft geschlagen 
und endlich werden beide Reiche des Lebens miteinander so ver- 
knüpft, daß die Kluft schon an manchen Stellen verschwindet. Im 
mikroskopischen Bau der Tier- und Pflanzenzelle erkennen wir 
denselben Grundplan, die Grunderscheinungen des Lebens sind 
hier wie dort die gleichen, die Reizbarkeit der lebenden Substanz 
zeigt oft überraschende Ähnlichkeiten und auch der Verbrennungs- 
prozeß, den wir Atmung nennen, ist im wesentlichen derselbe, 
gleichgültig ob er sich im hochentwickelten Menschen, im win- 
zigen Infusor oder in einer duftenden Rose abspielt. 


m 
Über die Herstellung von Photographien 
in einem Laubblatte'). 


Einer der wichtigsten chemischen Vorgänge, der sich im 
grünen, lebenden Laubblatte abspielt, ist die Kohlensäureassimila- 
tion. Im grünen Blatte entsteht aus der Kohlensäure der Luft 
und aus Wasser im Lichte organische Substanz, zumeist in Form 
von Stärke. 

Macht man durch ein Laubblatt, z. B. durch ein Buchen- 
blatt, einen Querschnitt und betrachtet ihn mikroskopisch, so er- 
kennt man, daß die grüne Farbe des Blattes von kleinen grünen 
Körnchen, den Chlorphylikörnern herrührt, die einen großen Teil 
der Blattzellen erfüllen. Die Chlorophylikörner sind für die Er- 
nährung der Pflanzen von größter Wichtigkeit, denn nur in ihnen 
spielt sich die Kohlensäureassimilation ab. Und nur in den be- 
lichteten Chlorophylikörnern entsteht Stärke. 

Das Chlorophylikorn ist — von wenigen Ausnahmen abge- 
sehen — der einzige Ort, wo in der Natur aus rein mineralischer 
Substanz, aus Kohlensäure und Wasser, organische Körper ent- 
stehen. Von diesen leiten sich alle anderen organischen Stoffe 
aus denen die Pflanze besteht, ab; alle nicht grünen Pflanzen und 
Pflanzenteile, alle Tiere und der Mensch sind in ihrer Ernährung 
von dem Kohlensäureassimilationsprozeß abhängig, weil sie ins- 
gesamt wegen Mangel an Chlorophyll nicht imstande sind, orga- 
nische Substanz zu erzeugen. 

Wenn man ein grünes Blatt durch Einhüllen mit schwarzem 
Papier verfinstert, so verschwindet innerhalb ı—2 Tagen alle vor- 
handene Stärke, das Blatt wird entstärkt. Im Lichte bildet es 


1) Vortrag, gehalten in der Plenarversammlung der k. k. Photographischen Gesell- 
schaft in Wien am 10. November 1914. Erschienen in der „Photographischen Korrespon- 


denz“. Wien u. Leipzig. Dez. 1914. 
16* 


wieder Stärke. Legt man auf ein stärkefreies Blatt ein kleines 
Stückchen schwarzes Papier oder Stanniol, setzt das ganze dem 
direkten Sonnenlichte aus, am besten vom Morgen bis Abend, und 
unterwirft man dann das abgeschnittene Blatt der Jodprobe — Stärke 
färbt sich mit Jodlösung blau —, so erscheint das Blatt nach einiger 
Zeit an der Stelle, wo das Papier lag, hell-, an allen übrigen Stellen 
dunkelblau. 

Auf diese Weise läßt sich leicht zeigen, daß nur dort, wo 
das Blatt beleuchtet war, Stärke entsteht, an den unbelichteten 
Stellen aber nicht. Es läßt sich dies noch in anschaulicherer Weise 
demonstrieren, wenn man den eben beschriebenen Versuch mit der 
Abänderung ausführt, daß man das Blatt anstatt mit schwarzem 
Papier mit einer Blechschablone bedeckt, in der Buchstaben, z.B. 
in Form des Wortes „Stärke“, ausgestanzt sind. Das Licht dringt 
dann da, wo die Buchstaben sind, in 
das Blatt ein, nur hier wird Stärke er- 
zeugt, und nach Ausführung der Jod- 
probe erscheint das Wort „Stärke“ in 
blauer Schrift. 

Die Stärkeprobe wird zweckmäßig 
in folgender Weise ausgeführt: Das 
Blatt, in dem die Stärke nachgewiesen 
werden soll, wird abgeschnitten, rasch 
ı—2 Minuten in siedendem Wasser ab- 

Fig. 34. gebrüht, in warmen Alkohol zur Ent- 

fernung des Chlorophylifarbstoffes ein- 

gelegt und dann in verdünnter, bierbrauner Jodtinktur unter- 
getaucht. Wo Stärke war, färbt sich das Blatt blau, und zwar 
entsprechend der Stärkemenge schwarzblau, blau, violett oder lila. 

Ich habe mich vor längerer Zeit überzeugt, daß man zu dem 
eben beschriebenen Versuch einer Blechschablone gar nicht bedarf, 
sondern daß schon ein grobbedrucktes Zeitungspapier genügt, um 
zu zeigen, daß nur im Lichte Stärke entsteht. Die Fig. 54 zeigt 
ein Blatt von. der indianischen Kapuzinerkresse, 7ropaeolum majus, 
auf das ein Stückchen weißes Papier gelegt wurde, auf dem das 
Wort „Hauptfach“ in schwarzen Lettern gedruckt war. Nachdem 
das Blatt mehrere Stunden dem direkten Sonnenlichte ausgesetzt 
war, wurde es vom Mutterstocke abgeschnitten, und als es gleich 
darauf der Jodprobe unterworfen wurde, erschien das Wort „Haupt- 
fach“ hell auf dunklem Grunde. 


Als ich die Buchstaben bei diesem Experimente so überaus 
scharf hervorkommen sah, kam mir der Gedanke, es könnte durch 


passende Versuchsanstellung viel- 
leicht sogar erreichbar sein, im 
Laubblatte mit der Stärkereaktion 
Photographien zu erzeugen. 

Obwohl ich anfangs mit ver- 
schiedenen Schwierigkeiten zu 
kämpfen hatte, waren meine Be- 
mühungen nach Ausmerzung ver- 
schiedener hindernder Umstände 
schließlich von ausgezeichnetem 
Erfolge gekrönt. 

Ein für unser Experiment 
sehr geeignetes Blatt ist das der 
indianischen Kapuzinerkresse, 
Tropaeolum majus. Das Blatt ist 


Fig. 55. 


eben, fast kahl, dünn und eignet sich, weil es nach Entfernung 
des Chlorophylis ganz weiß wird, ausgezeichnet für die Jodprobe. 


Um in einem grünen 
Blatte eine Photographie zu 
erzeugen, verfährt man in fol- 
gender Weise‘): Man legt 
auf ein stärkefreies 77o- 
peeolum-Blatt ein kontrast- 
reiches Negativ dicht auf, 
sorgt dafür, daß das Blatt 
mat den? „Negativ (nicht 
verschoben wird und setzt 
das ganze bei wolken- 
losem Himmel von früh 
bisabend oder wenigstens 
mehrere Stunden dem di- 
rekten Sonnenlichte aus. 
Nachher wird das Blatt 
abgeschnitten und in der 
angegebenen Weise der 


Fig. 56. 


Photographien im Blatte von der Ka- 
puzinerkresse, Tropaeolum majus. Her- 


vorgerufen durch die Jodstärkereaktion. 


Fig. 56 zwei Knaben, Fig. 55 das Bild des 


Verfassers. 


‘) Genaueres über das ganze Verfahren findet man in meiner Abhandlung: „Über 


die Herstellung von Photographien im Laubblatte“. 


Sitzungsberichte der kaiserlichen 


Akademie der Wissenschaften in Wien, 1914. 


er 246 _— 


Jodprobe unterworfen. Schon wenige Minuten nach der 
Behandlung mit Jod taucht, falls der Versuch gelungen ist, 
das Positiv des angewandten Negativs oft mit einer ganz 
überraschenden Schärfe im Blatte auf. Die Figuren 55 
und 56 stellen auf diese Weise hergestellte Photographien dar. 

Eigentlich dient hier das Blatt, falls das Bild mit Hilfe eines 
Negativs hergestellt wurde, als Kopierpapier, allein es ist klar, 
daß im Blatte, wenn es an Stelle einer photographischen Platte in 
der Kamera befestigt wird und von den Strahlen eines beleuch- 
teten Außenobjektes längere Zeit getroffen wird, nach der Ent- 
wicklung mit Jod gleichfalls das entsprechende Bild erscheinen 
würde. Ich bediente mich jedoch lieber gleich des Negativs, da 
das Verfahren bequemer ist und im Blatte gleich das entsprechende 
Positiv erzeugt wird. 

Von vornherein war die Wahrscheinlichkeit, daß Photo- 
graphien von solcher Schärfe im Blatte herauskommen werden, 
nicht sonderlich groß, da ja eine Reihe von Umständen der Klar- 
heit des Bildes entgegenarbeiten: Das Geäder (die Nervatur) des 
Blattes, die verschiedenen Inhaltsstoffe, die Luft zwischen den 
Zellen, die Zerstreuung des Lichtes durch die Blattzellen und 
einiges andere. Trotz dieser im Wege stehenden Hindernisse 
erscheint das Bild doch so deutlich, daß man an dem Bilde sofort 
die zugehörige Person erkennt. 

Derartige Photographien verdienen ein großes wissenschaft- 
liches Interesse, weil sie zeigen, mit welcher Genauigkeit der 
Sonnenstrahl im lebenden Chlorophyllapparat chemisch 
arbeitet, und weil sie ad oculos deutlich dartun, daß die 
Stärke entsprechend der Intensität des Lichtstrahles 
quantitativ entsteht. Denn nur so ist es möglich, daß die 
Lichter und Schatten in ihren Kontrasten und feinen und feinsten 
Übergängen, wie sie eine Photographie erfordert, im Blatte zu- 
tage treten. 

Nach dem Gesagten kann man das Blatt bis zu einem ge- 
wissen Grade als eine photographische Platte auffassen: dem 
empfindlichen Silbersalz entspricht der sensible Chiorophyllapparat, 
dem Silberkorn das Stärkekorn und dem Entwickler das Jod. 


NS: 


Über die Kunst, das Leben der Pflanze 


zu verlängern’). 


I. Die Lebensdauer der Pflanze. 

Von allen Lebewesen weiß nur der Mensch allein, daß ihm 
der Tod bevorsteht. Alle Menschen müssen sterben. Da den 
meisten der Tod als etwas Unwillkommenes, ja vielen geradezu 
als etwas Furchtbares und Schreckliches erscheint, so hat man 
sich bereits von alters her bis auf die neueste Zeit bemüht, Mittel 
und Wege zu finden, das menschliche Leben zu verlängern, um 
den Tod möglichst hinauszuschieben. Der mythische Unsterblich- 
keitstrank der Chinesen, die Lebenselixiere berühmter Zauberer 
und Ärzte, die auf allemeinen und ärztlichen Erfahrungen be- 
ruhende Makrobiotik Hufelands?) und die auf biologische Tat- 
sachen sich stützenden Vorschläge E. Metschnikoffs?) gehören 
hierher. Der Mensch hängt eben an dem Leben, und von dieser 
Sehnsucht nach dem Leben war auch der Dichter und große 
Lebenskünstler Goethe erfüllt, wenn er sagt: 

„Süßes Leben! Schöne freundliche Gewohnheit des Daseins 
und Wirkens! — von dir soll ich scheiden?“ 

Das Problem der Lebensverlängerung des Menschen ist 
also praktisch in Angriff genommen und in neuerer Zeit auch 
wissenschaftlich erörtert worden. 

Merkwürdigerweise wurde aber die Lebensverlängerung der 
Pflanze bisher im Zusammenhange ausführlicher noch nicht be- 


!) Vortrag, gehalten am 15. Januar 1919 im Vereine zur Verbreitung naturwissen- 
schaftlicher Kenntnisse in Wien. Im Verlage dieses Vereines I9gIg zuerst erschienen. 

®) Hufeland, C. W., Makrobiotik oder die Kunst, das menschliche Leben zu 
verlängern. 5. Aufl. Wien 1832. 

®) Metschnikoff, E., Beiträge zu einer optimistischen Weltauffassung. 
München 1908. 


— 243 — 


handelt, in den größeren Werken über Pflanzenphysiologie nimmt 
dieses in allgemein biologischer Hinsicht so wichtige Problem nur 
einen auffallend geringen Raum ein, obwohl darüber bereits 
mancherlei Beobachtungen vorliegen. Bei dieser Sachlage schien 
es mir wünschenswert, dieses interessante Problem auf Grund bisher 
bekannter Tatsachen und eigener Erfahrungen für sich allein in 
einem Vortrage darzustellen und vielleicht der allgemeinen Biologie 
einen kleinen Dienst zu leisten. 


Die Lebensdauer der Pflanze ist, abgesehen von den Ein- 
zelligen, stets beschränkt. Eine Bakterie, die nur aus einer Zelle 
besteht, teilt sich in zwei Hälften, jede Hälfte wächst dann zur 
Größe der ursprünglichen Mutterzelle heran, teilt sich wieder und 
so schreitet die Fortpflanzung unbegrenzt fort, ohne daß eine 
Leiche zurückbleibt. Die Bakterie ist also, um mit Weismann!) 
zu sprechen, unsterblich. 


Anders liegt aber die Sache bei der mehr- und vielzelligen 
oder sagen wir bei der höheren Pflanze, denn ihre Lebensdauer 
erscheint beschränkt und schließlich verfällt sie dem Tode, die eine 
früher, die andere später. Wie in den meisten Erscheinungen des 
Lebens zeigt sich auch in der Länge der Lebensdauer eine große 
Verschiedenheit. Zu den leicht vergänglichen Gewächsen gehören 
viele Pilze. Wird Pferdekot mit einer Glasglocke bedeckt, so 
überzieht er sich schon nach kurzer Zeit mit einem Wald eines 
Schimmelpilzes, der Gattung Mucor, der rasch Fruchtträger er- 
zeugt und dann abstirbt. Ihm folgt alsbald ein anderer höchst 
zierlicher Schimmelpilz, der Pilobolus, der die merkwürdige Eigen- 
schaft hat, seine Sporenbehälter auf viele Zentimeter weit abzu- 
schleudern, und dann zugrunde geht. Die Lebensdauer beider 
Schimmelpilze beträgt nur einige wenige Tage. 

Die Sonnenrose, das Springkraut, das Stiefmütterghen und 
andere sogenannte einjährige Pflanzen leben nur eine Vegetations- 
periode hindurch, andere leben zwei Jahre und endlich gibt es 
(rewächse, die viele, hundert, tausend, ja sogar mehrere tausend 
Jahre leben, mithin ein Alter erreichen, das das des Menschen und 
der langlebigsten Tiere weit übertrifft. 


Als die ersten Forschungsreisenden die Kanarischen Inseln 
im ı5. Jahrhundert entdeckten, fanden sie auf Teneriffa einen 


!) Weismann, A., Über die Dauer des Lebens. Vortrag. Jena 1882. Über 
Leben und Tod. Jena 1884. 


— 249 = 


Drachenblutbaum, den die Eingeborenen wegen seiner Größe und 
seines hohen Alters bewunderten und als Schutzgeist verehrten. 
Diesen Baum sah A. v. Humboldt gegen Ende des ı8. Jahr- 
hunderts. Zu dieser Zeit betrug der Stammumfang ı5 m (Fig. 57). 


Fig. 57. Dracaena draco, der angeblich etwa 6000 Jahre alte Drachenblutbaum 
von Orotava auf Teneriffa. 


(Nach einer Originalzeichnung von J. Selleny.) 


Im Jahre 1868 wurde dieser Baum durch einen heftigen Sturm 
niedergeworfen und für immer vernichtet; da er zu den Einkeim- 
blätterigen oder Monokotylen gehört und daher keine Jahresringe 
besitzt, so ließ sich sein Alter nicht genau bestimmen, er wird 
aber auf mehrere tausend, von einzelnen auf 6000 Jahre geschätzt. 


Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts wurden in Nord- 
amerika die im Yellowstone-Park und in Kalifornien vorkommen- 
den Mammutbäume (Sequoia oder Wellingtonia) entdeckt, die 
wegen ihres Alters und ihrer Größe allgemeine Bewunderung er- 


Fig. 58. Sequoia sempervirens, Mammutbaum, etwa 9 m im Durchmesser und 90 m hoch. 
Der Stamm ist unten hohl und gestattet einem Wagen bequem die Durchfahrt. 


regten. Als ich im Jahre 1898 in Kalifornien weilte, versäumte 
ich nicht, die in der Nähe von Santa Cruz wachsenden Mammut- 
bäume zu besuchen. Da.es sich um eine Sehenswürdigkeit ersten 
Ranges handelt, veranstaltet man in Amerika Ausflüge dahin. Man 
erreicht von San Francisco aus in 31, Eisenbahnstunden die Station 


’ 


„Big Trees“ (Riesenbäume) und betritt nach Zahlung eines Ein- 
trittsgeldes von 25 Zent. einen Wald von Sequoia sempervirens. 
Ich werde, obwohl ich mich an die Baumriesen tropischer Ur- 
wälder bereits vorher gewöhnt hatte, niemals den erhabenen Ein- 
druck vergessen, den der Anblick dieser Baumgiganten auf mich 
ausübte. Man gerät in ein andächtiges Staunen und glaubt 
einen Blick in vorsündflutliche Zeiten zu machen. Die beiden 
Figuren 58 und 59 geben eine beiläufige Vorstellung von den 


Fig. 59. Seguoia sempervirens, Mammutbaum-Querscheibe, etwa 7 m im Durchmesser. 


gewaltigen Dimensionen dieser Baumriesen. Einer von diesen, 
„Greneral Fermont“ genannt, erhebt sich kerzengerade etwa 100 m; 
der unterste Teil des Stammes ist hohl, so daß zehn Personen 
bequem in der Stammhöhle Platz finden. Gleich daneben steht 
noch ein größeres Exemplar, noch höher und breiter, sein Umfang 
mißt 20 m. Durch einzelne solcher hohler Bäume können mit 
Pferden bespannte Wagen bequem durchfahren. Das sind aber 
keineswegs die größten unter diesen Riesengestalten, denn es gibt 


solche, die bis ı4a2 m hoch werden und ein Älter von mehreren 
tausend Jahren erreicht haben. 

Sequoia gigantea wurde im Jahre 1850 von dem englischen 
Botaniker Lobb 5000’ über dem Meere in dem sogenannten 
Mammuthaine im Quellgebiete des Stanislaus und St. Antonio 
(38%.n. Br) entdeckt. Der Stamm mißt durchschnittlich 2 50'— 330’ 
Höhe, bei einem Durchmesser von ı5—30’. Einer, der „Vater 
des Waldes“, war 450’ hoch und hatte am Grunde ı10’ Umfang 
und eine 22 Zoll dicke Rinde. In seinem gestürzten Stamme 
konnte man ı80’ weit hineinreiten und durch ein Astloch wieder 
hervorsteigen. 

Wenn vielleicht die Angabe, daß solche Bäume bis 6000 
Jahre alt werden können, übertrieben sein dürfte, so kann es 
doch auf Grund der Zählung der Jahresringe keinem Zweifel unter- 
worfen sein, daß sie sicher 2000—4000 Jahre ausdauern können. 
In der Größe werden die Sequoien noch von den in Australien 
vorkommenden Eucalyptus-Bäumen übertroffen, denn E.amygdalina 
kann ı5o m Höhe und 30o m Umfang erreichen. 

Vor einem solchen Baumriesen stehend, dürfen wir aber 
nicht glauben, daß alles an ihm so alt ist wie das Individuum 
selbst. Die Vergänglichkeit der Blätter und Blüten spricht schon 
dagegen. Mit Hilfe des Mikroskops läßt sich auch leicht zeigen, 
daß nur ein Bruchteil der Gewebe noch aus. lebenden Zellen 
besteht. Der größte Teil des Holzes setzt sich aus toten Zellen 
zusammen und diese bilden die Hauptmasse des Stammes. Nur 
die äußersten Lagen des Holzes bestehen aus lebenden Zellen. 
Während das Holz allmählich von innen nach außen abstirbt, ist 
es bei der Rinde gerade umgekehrt. Die ältesten Teile befinden 
sich hier außen, die jüngsten innen; von außen schuppt sich die 
Rinde oder die Borke ab und so entledigt sich der Baum des 
alten, unnütz gewordenen Gewebes, während es von innen wieder 
durch neues ersetzt wird. Der alte Baum ist mit einer Ruine 
zu vergleichen, in der nur verhältnismäßig kleine Räume 
bewirtschaftet werden, denn nur ein geringer Bruchteil 
besteht noch aus lebender Masse, der größte Teil ist 
bereits’tot. 

Schließlich stirbt die Pflanze, nachdem sie ein gewisses Alter 
erreicht hat, vollends ab; ob aus inneren Ursachen oder, wie die 
meisten Biologen annehmen, nur aus äußeren, sei an diesem Orte 
nicht weiter berührt. g 


Nach dieser kurzen Abschweifung kehren wir nun wieder 
zum Ausgangspunkt unserer Betrachtungen zurück und fragen: 
Ist es möglich, die Lebensdauer einer Pflanze zu verlängern? Die 
Antwort auf diese Frage lautet bejahend, denn es gibt sehr ver- 
schiedene Mittel, die eine Lebensverlängerung ermöglichen, und 
diese Mittel sind die folgenden. 


II. Die Verlängerung der Lebensdauer. 
ı. Die möglichste Abhaltung aller Schädigungen. 

Wenn von der Lebensverlängerung der Pflanze die Rede 
ist, so kann zweierlei gemeint sein: entweder es handelt sich um 
eine möglichste Hinausschiebung des Todes innerhalb der normalen 
Lebenszeit oder um eine Verlängerung über die normale Dauer 
hinaus. 

Der erste Fall ist von geringerem Interesse, denn es versteht 
sich eigentlich von selbst, daß durch sorgfältige Abwehr von 
Schäden, also durch Gesunderhalten das Leben der Pflanze bis 
zum normalen Ende erhalten werden kann. Schädigungen, die 
die Lebensdauer der Pflanze zu verkürzen geeignet sind, gibt es 
genug. Ich erinnere nur an den Mangel an Nahrung, Licht, 
Wasser, reiner Luft, an die zahllosen Parasiten aus dem Pflanzen- 
und Tierreiche, extreme Kälte und Hitze, an Blitzschlag, Orkane, 
Überschwemmungen und vieles andere. Alle diese Umstände 
können die Lebensdauer verkürzen und ihre Fernhaltung kann sie 
verlängern. In diesem Sinne kann man ebensogut von einer 
Makrobiotik der Pflanze sprechen, wie man seit Hufeland von 
einer Makrobiotik des Menschen redet. 

Aber neben dieser Kunst, die Pflanze innerhalb ihrer normalen 
Lebenszeit bis zu ihrem natürlichen Ende gesund zu erhalten, 
interessiert uns bei weitem mehr diejenige, die darauf abzielt, das 
Leben über die gewöhnliche Dauer auszudehnen, da sie geeignet 
ist, einen tieferen Einblick in verschiedene Erscheinungen des 
Pflanzenlebens, unter anderen auch in den Prozeß des Alterns und 
der Altersschwäche zu gewähren. 


2. Die zeitweise Entziehung unumgänglich notwendiger 
Lebensbedingungen. 

Das aktive Leben vollzieht sich nur dann, wenn bestimmte 

äußere Bedingungen erfüllt sind: Sauerstoff, eine gewisse Tem- 

peratur und Nährstoffe. Fehlt eines dieser Lebenserfordernisse, 


so steht das aktive Leben still und die Pflanze fällt, falls sie diesen 
abnormen Zustand längere Zeit zu überdauern vermag, in den 
Scheintod!). Ein lufttrocken gewordenes Getreidekorn wächst 
nicht, assimiliert nicht, bewegt sich nicht und zeigt auch sonst 
kein Lebenszeichen. Wird es aber in feuchte Erde gesteckt und 
hat es Gelegenheit, bei günstiger Temperatur Wasser aufzunehmen, 
so keimt es, wächst, die daraus entstehende Pflanze blüht, fruchtet 
und stirbt noch im selben Jahre ab. Hätte ich das Korn länger, 
vielleicht mehrere Jahre vor Zufuhr von Wasser behütet, so hätte 
ich das Leben dieses im Samen befindlichen Embryo dement- 
sprechend um Jahre verlängert. Die Keimfähigkeit des Samens 
dauert nur eine gewisse Zeit. So keimen Früchte von Gerste, Hafer 
und Weizen nach ıojähriger trockener Aufbewahrung noch zu 
70 bis go Prozent und die Samen der Sinnpflanze, Mimosa pudica, 
sogar noch nach 60 Jahren. Unter normalen Verhältnissen würde 
der Embryo des Getreidesamens im feuchten Boden seine Ent- 
wicklung alsbald beginnen, im selben Jahre vollenden und als In- 
dividuum sterben. Durch die Verhinderung der Keimung aber 
infolge von Wasserentzug kann die Entwicklung auf Jahre hinaus- 
geschoben und das latente Leben des Embryos um ein Bedeutendes 
verlängert werden. So wie der Gang der Uhr durch Stillhalten 
des Pendels unterbrochen werden kann, ohne daß die Uhr dabei 
zerbricht, so kann auch das Leben fast vollständig sistiert und 
nach längerer Zeit wieder durch Einwirkenlassen der notwendigen 
Lebensbedingungen in Gang gesetzt werden. 

So ist es auch bei zahlreichen Bakterien, Pilzsporen, Moosen, 
Zwiebeln, Brutknospen und Wurzelstöcken. Sie alle können das 
Austrocknen Monate, ja oft viele Jahre vertragen und dann, unter 
günstige Lebensbedingungen versetzt, aus dem Scheintod erwachen 
und ihre Lebensbahn vollenden. 

‚Nach Nestlers?) Untersuchungen können einige sporen- 
bildende Bakterien, Bacillus vulgatus, B. mycoides und B. subtilis, 
eine jahrzehntelange Austrocknung überdauern und sich durch 
mindestens 92 Jahre lebensfähig erhalten. 

So wie durch Wasserentzug kann auch durch Ausschluß 
anderer Grundbedingungen des Lebens die Entwicklung hinaus- 


!) Molisch, H., Der Scheintod der Pflanze. Dieses Buch S. 181. 
®) Nestler, A., Zur Kenntnis der Lebensdauer der Bakterien. Ber. d. deutsch. 
bot. Ges. 1910, Bd. 28, S. 7. 


geschoben werden, z. B. durch Kälte, Sauerstoff- oder Nährstoff- 
mangel. 

Wenn ein Fliederbäumchen im Herbste nach dem Laubfall 
in einen Eiskeller eingestellt und hier bei niederer, knapp über 
dem Eispunkt liegender Temperatur ein ganzes Jahr aufbewahrt 
wird, so wird das Austreiben verhindert, die Vegetation künstlich 
zurückgehalten und die Lebensdauer der in den Knospen einge- 
schlossenen Blütenanlagen, die sich unter normalen Verhältnissen 
schon im Frühjahr entwickelt hätten und nach der Blütezeit in 
einzelnen Teilen wie Blumenkronen und Staubgefäße abgestorben 
wären, bis zu der Zeit verlängert, in der ich das Austreiben durch 
Überführung der Pilanze in günstige Temperatur gestatte. 


In allen diesen Fällen handelt es sich um eine Einschaltung 
einer latenten Lebensperiode in den Entwicklungskreis der Pflanze, 
wodurch das Leben der Pflanze oder einzelner ihrer Teile verlän- 
gert wird. 


3. Die Verhinderung des Blühens und Fruchtens. 


In unseren Gewächshäusern wird häufig eine Pflanze ge- 
zogen, der man den Namen „die hundertjährige Alo&‘ gegeben hat. 
Mit Unrecht, denn sie ist keine Aloe, sondern heißt richtig Agave 
americana und wird gewöhnlich auch nicht 100 Jahre alt. Sie spielt 
in ihrer Heimat Mexiko eine wichtige Rolle, weil sie nach dem 
Ausschneiden der ganz jungen Blütenstandsanlage massenhaft süßen 
Saft aus der Wunde. ausscheidet, der nach durchgemachter Gärung 
das Nationalgetränk der Mexikaner, die „Pulque“, liefert. In 
Mexiko wird die Pflanze nach 8 bis ıo Jahren blühreif, fruchtet 
und stirbt dann ab. In einem für sie ungünstigen Klima aber, 
z.B. an der italienischen, französischen Riviera oder an der dalmati- 
nischen Küste, wo die Pflanze sich akklimatisiert hat, oder in 
unseren mehr nördlichen Gewächshäusern benötigt sie, je nach der 
ihr gebotenen Licht- und Wärmesumme 20, yo bis 50, ja vielleicht 
bis 100 Jahre, bis sie sich anschickt, ihren gewaltigen Blütenstand 
zu entwickeln, zu fruchten und dann abzusterben. Dies ist wohl 
der Grund, warum man ihr den Namen der „ıoojährigen“ ge- 
geben hat. 


Es gibt bekanntlich Pflanzen, die nur einmal in ihrem Leben 
blühen und fruchten und dann ihren Lebenslauf abschließen: Vogel- 
miere, Stellaria media, Ehrenpreis, Veronica hederifolia, Bingel- 
kraut, Mercurialis annua, und dann solche, die zweimal, mehrmals - 


Ze 256 sc 


oder vielmals fruchten, bevor sie dem Tode anheimfallen, wie die 
meisten Gehölze. Die ersteren hat Hildebrand!) die einmal fruch- 
tenden (monokarpischen), die letzteren die mehrmals fruchtenden 
(polykarpischen) genannt. 

Bei den monokarpischen Gewächsen — und dazu gehört auch 
die Agave — tritt nach der Blüten- und Fruchtbildung eine totale 
Erschöpfung ein. In der vor der Blüte der Agave ablaufenden 
Periode werden durch die mächtigen Blätter beständig Baustoffe 
erzeugt, die, sobald die Pflanze ihre endgültige Größe erreicht hat, 
als Reservestoffe für den künftigen, gewaltigen Blütenstand aufge- 
stapelt werden. Bevor nicht die dazu nötige Menge einmagaziniert 
ist, blüht die Pflanze nicht. In ihrer Heimat wird dieses Ziel schon 
verhältnismäßig früh, schon nach 8 bis ıo Jahren, in unseren Ge- 
wächshäusern erst viele Jahre später erreicht, da unter den hier 
obwaltenden ungünstigeren klimatischen Verhältnissen die Assimila- 
tion viel langsamer vor sich geht und daher die für den Blüten- 
und Fruchtstand erforderliche Baustoffmenge erst in viel längerer 
Zeit beschafft werden kann. Mit dem Hinausschieben der 
Blütezeit geht aber Hand in Hand auch die Verlängerung 
des Lebens dieser Pflanze, denn ihr Lebensende ist ja an die 
Fruchtbildung und die damit verbundene gänzliche Erschöpfung 
der Vegetationsorgane geknüpft. Alle jene Umstände, die die 
Blütenbildung hinausziehen, helfen auch mit, das Leben der Agave 
zu verlängern. 

Die in unseren Gärtnereien so häufig gezogene Reseda 
odorata schließt unter den dargebotenen Bedingungen innerhalb 
einer Vegetationsperiode ihren Entwicklungskreis ab. Wird sie 
zeitlich im Frühjahr ausgesät, so kommt sie im Sommer zur Blüte 
und Frucht und stirbt im Herbste ab. Unterdrückt man aber 
die Blütenbildung, so kann man die Pflanze als«Kronen- 
bäumchen 2—3 Jahre am Leben erhalten. Um dies zu be- 
werkstelligen, werden schon bei dem jungen Sämling alle Seiten- 
triebe und eventuell auftauchende Blütenanlagen sofort entfernt. 
Infolgedessen wird der Hauptstengel viel länger als gewöhnlich, 
er kann je nach Wunsch 1/,—2 Meter hoch werden; sobald er 
die gewünschte Höhe erreicht hat, kneipt man den Endsproß ab, 
läßt die Seitentriebe, aber nicht die Blüten, zur Entwicklung 


1) Hildebrand, F., Die Lebensdauer und Vegetationsweise der Pflanzen, ihre 
Ursachen und ihre Entwicklung. Englers Botan. Jahrbuch f. Systematik, Pflanzengeschichte 
*" und Pflanzengeographie. 1882, II. Bd., S. 56 f. 


kommen und fährt damit so lange fort, bis sich eine dicht ver- 
zweigte Krone gebildet hat. Es hängt nun ganz von dem Ex- 
perimentator ab, ob er die Pflanze zur Blüte kommen lassen will 
oder nicht, unterdrückt er die Blütenbildung durch fortgesetztes 
Auskneipen der erscheinenden Knöspchen, so kann das Leben der 
gewöhnlich einjährigen Pflanze auf mehrere Jahre ausgedehnt 
werden. Bei dieser Art der Kultur, die ich oft selbst durchgeführt 
habe, wächst der Stamm beträchtlich in die Dicke, er verholzt 
und paßt sich seiner Aufgabe, die immerhin beträchtliche Krone 
mit Wasser und Nährsalzen zu versehen, nach Möglichkeit an. 


Fig. 60. Lobelia erinus. Verlängerung der Lebensdauer durch Verhinde- 

rung des Blühens. Die Pflanze links starb im August nach dem Blühen vollends 

ab, die Pflanze rechts wurde, um das Blühen zu verhindern, während des Sommers 
zweimal mit der Schere kurz geschoren und war im Dezember noch am Leben. 


Um eine schöne Rasenfläche durch mehrere Jahre zu erhalten, 
ohne neue Samen auszusäen, wird der Rasen bekanntlich mehr- 
mals im Jahre geschoren. Dadurch werden die Gräser, z. B. das 
Raigras, am Blühen verhindert, zum Austreiben neuer Seiten- 
sprosse gezwungen, die wieder, bevor sie zur Blüte gelangen, durch 
Scheren beseitigt werden, und durch dieses fortgesetzte Verfahren 
erreicht man ein viel längeres, mehrjähriges Vegetieren des Rasens. 

Auf ähnliche Weise konnte ich das Leben von Drabda verna, 
Veronica arvensıs, Petunia und Lobelia erinus verlängern. 

Die genannte Lobelia ist eine wegen ihrer massenhaft er- 
zeugten blauen Blüten sehr beliebte Teppichpflanze. Wird die als 
„Kaiser Wilhelm“ bekannte Spielart im Januar gesät, im März 


pikiert und dann ins Freiland übertragen, so blüht sie im Juni bis 
Molisch, Populäre biologische Vorträge. 2. Aufl. 17 


en 258 se 


Juli, wird dann gelb und stirbt ab. Wird sie aber vor der ersten 
Blüte geschoren, so macht sie neue Sprosse, und wenn diese vor 
ihrer Blüte neuerdings geschoren werden, so halten sich solche 
Pflanzen blühend bis zum Herbst. Bei gewissen Lobeliasorten 
läßt sich das Leben auf diese Weise sogar bis über den Winter 
verlängern. Ebenso verhält sich nach meinen Erfahrungen Petunia 
und ich zweifle nicht, daß noch andere einjährige Gewächse durch 
Unterdrückung der Blütenbildung mit der Schere und entsprechende 
Kultur zu zwei- und sogar zu mehrjährigen Pflanzen umgemodelt 
werden könnten. 

In dem zwar alten, aber an Erfahrungen reichen Buche von 
Reichart!) finde ich folgende auf den Wiener Goldlack bezug- 
nehmende Stelle: „Wenn man einen Stock, der von Natur nicht 
zu Seitentrieben geneigt ist, im zweiten Jahre nicht zur Blüte 
kommen läßt, sondern diese immer wieder ausschneidet: so treibt 
er an der Spitze beblätterte Seitenzweige. Läßt man von diesen 
bloß die stärksten stehen und schneidet die Blüte, in die er treiben 
will, ebenfalls aus, indem man bloß den stärksten Trieb an der 
Spitze. fortwachsen läßt, so kann man auf diese Weise einen an- 
sehnlichen Baum ziehen, dem, wenn er im dritten Jahre oder noch 
später blühen soll, die Seitentriebe gelassen werden müssen, welche 
dann mehrere schöne Blütentrauben liefern.“ 

Es gibt eine Reihe von Pflanzen, die gewöhnlich in einer 
Vegetationsperiode ihre Entwicklung abschließen und dann ab- 
sterben. Säet man sie aber im Herbst aus und überwintert sie, 
so blühen sie erst im Jahre nach der Aussaat und werden auf 
diese Weise zu sogenannten zweijährigen Gewächsen. Die Sommer- 
Levkoje (Matthrola), Cinerarıa cruenta, Calceolarıa-Arten und andere 
gehören hierher. 

Also: in all den angeführten Fällen wird durch dig Verzöge- 
rung der Blütenbildung auch das Absterben hintangehalten und 
dadurch das lL.eben verlängert. 


4. Die Verhinderung der Bestäubung und Befruchtung. 


Im Vorhergehenden war stets die Rede von der Lebensver- 
längerung ganzer Individuen, es läßt sich aber leicht zeigen, daß 
auch die Lebensdauer einzelner Organe verkürzt oder verlängert 
werden kann. Durch die Befruchtung .treten an der Blüte Ver- 


t) Reichart, Chr., Land- und Gartenschatz. 6. Aufl., Grätz, 1821, 5. Teil, S. 114. 


änderungen auf, die schließlich zur Ausbildung der Frucht führen. 
Die Eizelle entwickelt sich zum Embryo, die Samenanlage zum 
Samen und das anschwellende Fruchtknotengehäuse zur Frucht- 
wandung. 

Sobald die Blüten ein gewisses Alter. erreicht haben, welken 
sie oder sie werfen Blumenblätter und Staubgefäße ab. Bei den 
Blüten gewisser Pflanzen treten diese Erscheinungen sehr rasch, 
ja manchmal in überraschend kurzer Zeit nach der Bestäubung 
oder Befruchtung ein. Die Dauer der Blüte kann also eine sehr 
verschiedene sein, durch die Bestäubung kann sie verkürzt, 
durch Hinausschiebung der Bestäubung aber verlängert 
werden. 

Oft bemerkt wurde diese Erscheinung bei gewissen Orchideen. 
Cattleya-Blüten welken schon einen Tag nach der Bestäubung 
und trocknen dann ab. Es tritt dies besonders bei solchen Orchi- 
deen auffallend hervor, deren Blüten eine lange Lebensdauer 
haben, wie bei Phalenopsis und anderen. Während unbestäubte 
Blüten ı—2 Monate frisch bleiben, welken bestäubte schon nach 
ı—2 Tagen. Lehrreiche Beispiele fand Fitting!)., Empfängnis- 
fähige Blüten vom Storchschnabel, Geranium pyrenaicum, ent- 
blätterten sich infolge der Bestäubung nach der überraschend 
kurzen Zeit von durchschnittlich ı—ı!/, Stunden, die von Ero- 
dium Manescavi sogar nach 40—60 Minuten. Blüten vom 
Boretsch, Borago, sah Fitting 2!/,—7 Stunden nach der Be- 
stäubung abfallen. 

Andererseits kann aber durch die Befruchtung die Lebens-. 
dauer mancher Organe verlängert werden, so die der Fruchtknoten, 
der Samenanlagen und der Blütenstielee Denn wenn die Blüten 
nicht bestäubt und befruchtet werden, fallen die ganzen Blüten ab. 


5. Die längere Funktionsdauer. 

In manchen Fällen gelingt es, ein Organ über die gewöhn- 
liche Zeit hinaus in Funktion und eben dadurch viel länger am 
Leben zu erhalten, als dies normal der Fall wäre. 

Das Blatt von Begonia rex wird in unseren Gewächshäusern 
gewöhnlich nicht älter als ein Jahr. Es ist mir aber mehrmals 
gelungen, den Blattstiel 2—3 Jahre in folgender Weise vor dem 
Absterben zu bewahren. Ein entwickeltes Blatt mit möglichst 

) Fitting, H., Untersuchungen über die vorzeitige Entblätterung von Blüten. 


Jahrb. f. wissensch. Botanik, 49. Bd. (1g11), S. 187. 
17° 


— 260 — 


langem Blattstiel wird mit der Basis des Stiels in feuchten Sand 
gesteckt und so lange darin belassen, bis er sich bewurzelt hat. 
Sodann wird der Blattsteckling in einen Blumentopf gepflanzt, 
der Blattstiel an einem aufrechten Stäbchen befestigt und dann 
sorgfältig weiter kultiviert. Nach einiger Zeit bilden sich aus der 
Blattspreite Sprosse, einer davon, am besten der, der in der Nähe 
der Einmündung des Blattstiels hervorbricht und gewissermaßen 
den Blattstiel fortsetzt, wird für die weitere Entwicklung aus- 
gewählt, die anderen aber werden entfernt. Unter diesen Ver- 
hältnissen übernimmt der Stiel des Mutterblattes die Rolle des 
Stammes. Der junge Sproß saugt Wasser und Nährsalze empor, 
diese müssen den Blattstiel durchwandern, der Blattstiel wird da- 
durch gut ernährt, leistungsfähig erhalten und bleibt infolgedessen 
viel länger am Leben, als wenn er nur Träger der Blattspreite 
geblieben wäre. Auch Knyt!) hat schon bei derselben Pflanze 
den Stiel eines isolierten Blattes zum Träger eines beblätterten 
Individuums gemacht und überdies gefunden, daß die Leitbündel 
dieses Stieles im Vergleich zu einem normalen Blattstiel wesentlich 
an Umfang zugenommen hatten. 

Derselbe Versuch gelang Winkler?) mit der Scrophulariacee 
Torenia asiatica. Die Blätter dieser beliebten Gewächshauspflanze 
bilden, wenn sie mit ihrem Stiel in feuchten Sand gesteckt werden, 
nach der Bewurzelung alsbald mehrere bis viele Sprosse, die ent- 
weder an der Basis des Blattstiels, an diesem selbst oder an be- 
liebigen Punkten der Blattspreite entstehen können. Werden nun 
alle vorhandenen Sprosse bis auf einen einzigen, auf der Blatt- 
lamina befindlichen entfernt, so gelingt es leicht, den Blattstiel in 
das Verzweigungssystem so einzuschalten, daß er als basales 
Achsenstück des Triebes dient. 

Bei geeigneter Kultur konnte Winkler auf dem Blatte 
dichtbeblätterte buschige Exemplare von 30—4o cm erziehen. Ein 
Individuum trug an Haupt- und Seitenachsen im ganzen 36 wohl- 
ausgebildete Blattpaare und viele Blüten, von denen viele 
mit zahlreichen, gut keimfähigen Samen lieferten. 

Diese interessante Kultur einer verhältnismäßig mächtigen 
Pflanze mit Blüten und Früchten auf einem Blattstiel als Basis 


) Kny, H., Über die Einschaltung des Blattes in das Verzweigungssystem der - 
Pflanze. Naturw. Wochenschr. N. F. Bd. 3, 1904, S. 369— 374. 

2) Winkler, H., Über die Umwandlung des Blattstiels zum Stengel. Jahrb. f. 
wissensch. Botanik. 45. Bd. (1907), Heft ı. 


— 261 — 


führt zu zwei wichtigen Folgeerscheinungen: der Blattstiel erfährt 
weil er in dauernder Funktion erhalten bleibt, eine höchst auf- 
fallende anatomische Umwandlung, er wird zum Stamm, und seine 
Lebensdauer wird weit über das Normale hinaus verlängert. 
Winkler erblickt in der erhöhten Inanspruchnahme der Gefäße 
durch die Wasserleitung die Ursache der vermehrten Kambium- 
tätigkeit und der übernormalen Lebensdauer der benachbarten 
Zellen. 


Wir behandelten :jetzt zwei :Beispiele, an denen Blätter von 
ihrer Blattspreite aus Sprosse zu entwickeln vermögen. Solche 
Fälle sind ziemlich selten. Häufig kommt es aber vor, daß sich 
Blätter bloß bewurzeln, aber keine Sprosse treiben können. Blätter 
von Efeu, Aucuba, Camellia, Piper und anderen entwickeln ein 
starkes Wurzelsystem und, da sie fortwährend assimilieren, die 
Assimilate aber nicht ganz aufbrauchen, so werden sie auffallend 
- dick und werden auch älter, als sie an ihrem natürlichen Orte, 
d. h. im Verbande mit dem Mutterstocke, geworden wären. 
Knight pflanzte Kartoffelblätter im Juli und August in Töpfe 
unter Glas. Sie bildeten Knollen und lebten bis zum Winter. 
Mer konnte Blattstecklinge vom Efeu 4—5z Jahre und Carriere 
ein Blatt der Wachsblume, Hoja carnosa, 7 Jahre am Leben er- 
halten. 


Einen interessanten Fall von verlängerter Lebensdauer be- 
schrieb de Vries!). Ein Blütenstandstiel von Pelargonium zonale 
entwickelte ausnahmsweise an seinem Gipfel eine Laubknospe und 
wurde, obwohl sonst einjährig, dazu bestimmt, jahrelang weiter zu 
leben und ein kräftiges Dickenwachstum zu zeigen. Zu diesem 
Zwecke schnitt de Vries den Stamm unmittelbar über dem An-. 
satz des Stieles ab, kultivierte ihn weiter und konnte ihn 3 Jahre 
am Leben erhalten, also dreimal solange, als er unter nor- 
malen Verhältnissen gelebt hätte. Während dieser ver- 
längerten Lebensdauer wurde der Stiel viel dicker, umgab sich 
ringsum mit Kork und erlitt auch sonst anatomische Veränderungen, 
die es ihm ermöglichten, die Rolle eines Stammes zu spielen. — 
Derselbe Forscher hat auch darauf aufmerksam gemacht, daß 
Gallen, die auf Blütenständen und Blättern vorkommen, infolge _ 
des Nahrungsstromes, dessen sie zu ihrer Entwicklung bedürfen 


!) Vries, H. de, Über abnormale Entstehung sekundärer Gewebe. Jahrb. f. 
wissensch. Botanik. 22. Bd. (1891), S. 35. 


— 262 — 


und den sie aus den benachbarten Teilen an sich reißen, die be- 
fallenen Organe zu erhöhter Tätigkeit und stärkerem Dicken- 
wachstum zwingen. 


Die männlichen Kätzchen der Stieleiche fallen nach dem 
Verblühen alsbald ab. Enthalten die Kätzchen aber Gallen von 
Andricus-Arten (Gallwespen), so bleiben sie viel länger am Leben. 


An den männlichen Kätzchen der Weide (Salix alba) treten 
häufig infolge der Einstiche von Blattläusen und Milben Miß- 
bildungen in Form von Vergrünungen ein. Solche vergrünte 
Kätzchen werden oft ıo cm lang, tragen dicht behaarte Blätter 
und ihre Spindeln, die stark verholzen, fallen nicht ab. 


Die Spindeln männlicher Blütenstände verschiedener Pflanzen 
bleiben, wenn sich zufällig darin auch einzelne weibliche Blüten 
entwickeln und diese befruchtet werden, viel länger am Leben, 
nämlich so lange als die weiblichen Blütenstände, während die 
Achsen normaler männlicher Blütenstände gleich nach der Ver- 
stäubung absterben. So bei Carex, Hopfen, Brennessel, Mais u.a. 
Über einen Sommer reicht die Dauer des Lebens allerdings nicht 
hinaus. 

6. Verschiedenes. 


Schließlich sei angeführt, daß noch durch folgende Kunst- 
griffe das Absterben mancher Pflanzenteile oder ganzer Pflanzen 
einige Zeit hinausgeschoben werden kann. Es gibt Obstbäume, 
die zwar oft blühen und auch mitunter kleine Früchte ansetzen, 
die aber vor der Zeit Blüten und Früchte abwerfen. Werden 
solche Bäume geringelt, d.h. wird am Stamm oder Ast die Rinde 
in Form eines Ringes abgetragen, so werden die in den Blättern 
gebildeten organischen Stoffe bei ihrem Herabwandern an der 
Ringelwunde gestaut, sie können nicht weiter und häufen sich 
daher oberhalb der Wunde an. Dies führt zu einer überaus 
günstigen Ernährung der Blüten und jungen Früchte und ver- 
hindert ihr Abfallen. Hier wirkt die gute Ernährung lebens- 
verlängernd. 

Auch die Pfropfung kann von Einfluß auf die Lebensdauer 
werden. Die Pistazie, Prstacıa vera, erreicht als Sämling ein Alter 
von höchstens ı50 Jahren, auf P. Terebinthus veredelt, ein Alter 
von 200 und auf lentiscus nur eines von etwa 4o Jahren. 

Ein normaler Apfelbaum, Pirus malus, kann 200 Jahre, auf 
Malus paradisiaca gepfropft aber nur ı5— 25 Jahre alt. werden. 


— 263 = 


Durch Versuche von Lindemuth!) wurde auch dargetan, 
daß einjährige Sprosse von Stauden und einjährigen Pflanzen 
durch Verwachsung mit Gehölzen länger lebensfähig erhalten 
werden können. Besonders interessant in dieser Hinsicht war der 
Versuch, .indem er auf den einjährigen, krautigen Stengel der 
Malvacee Modiola caroliniana einen Sproß des ausdauernden 
Abutilon Thompsoni veredelte. Das Abutilon-Reis trieb nach der 
Verwachsung so üppig, daß es bald an die Glasscheiben des Ge- 
wächshauses stieß und wiederholt gekürzt werden mußte. Der 
strauchartige Abutilon lebte im Verbande mit der Modiola, dem 
für gewöhnlich einjährigen Kraute, 3 Jahre und 5 Monate! Die 
Lebensdauer der einjährigen Modiola wurde also um 
etwa 2!/, Jahre erhöht! Es wäre wünschenswert, daß dieser 
Versuch in größerer Zahl wiederholt würde, um festzustellen, ob 
Hand in Hand mit: dieser Verlängerung der Lebenszeit auch ana- 
tomische Veränderungen des Stengels vor sich gehen und ob es 
bei vorsichtiger Kultur nicht gelänge, die einjährige Modiola als 
Pfropfunterlage noch länger am Leben zu erhalten, als es in dem 
geschilderten Versuche der Fali war. 


i III. Rückblick. 

Aus unseren bisherigen Betrachtungen geht zweifellos her- 
vor, daß sich: das Leben der Pflanze und auch das ihrer einzelnen 
Teile in vielen Fällen durch verschiedene Mittel verlängern läßt. 
Und nun wollen wir. uns fragen, welche Ursachen eigentlich zu 
einer Verlängerung des Lebens führen und ob die auf so ver- 
schiedene Weise erzielte Lebensverlängerung sich nicht in letzter 
Linie nur auf einige wenige Ursachen zurückführen läßt. 

Bei. der Ausdehnung des Lebens durch Unterbindung des 
aktiven Lebens, ‚wie sie bei der Versetzung der Pflanze in den 
:Scheintod gegeben ist, liegt wohl die Sache klar; hier wird das 
Leben einfach..auf einige Zeit unterbrochen und durch Wieder- 
'einführung der ausgeschalteten Lebensnotwendigkeit wieder in 
Gang gesetzt. Die aktiv lebende Pflanze gleicht einer gehenden, 
-die scheintote einer aufgezogenen, aber arretierten Uhr. 

Bei nur einmal fruchtenden Pflanzen hängt das Alter, das 
die Pflanze schließlich erreicht, mit der Blütezeit auf das innigste 


') Lindemuth, H., Das Verhalten durch Kopulation verbundener Pflanzen- 
arten. Ber. d.-deutsch.. botan. Ges. - 19. Bd. (1901), S. 526. 


te 


zusammen. Unter normalen Verhältnissen schiebt ein solches Ge- 
wächs die Blüten- und Fruchtbildung so lange hinaus, bis es durch 
die Tätigkeit seiner Blätter einen genügenden Vorrat an plastischen 
Stoffen erzeugt und aufgespeichert hat. Nach der Fruchtbildung 
geht es durch Aufbrauch dieser Reservestoffe zugrunde. 

Wenn man aber die Blütenbildung durch irgendwelche Ein- 
griffe, sei es durch mangelhafte Belichtung, durch bestimmte 
Temperatur, sei es durch größere Feuchtigkeit des Bodens und 
der Luft verhindert, bewahrt man die Pflanze vor dem Tode und 
schiebt ihn hinaus. Sobald sie aber blüht und fruchtet, werden 
die organischen Speicher vollständig ausgeleert und aufgebraucht, 
oft ist damit auch eine Vergilbung der Blätter oder der ganzen 
Pflanze verknüpft, die Chlorophylikörner werden zerstört und ihr 
Eiweiß wandert nach den Samen aus. Der Chlorophylikörner 
nunmehr beraubt, kann das gelbgewordene Blatt nicht mehr normal 
fungieren und als Ernährungsorgan dienen, und daher geht die 
Pflanze nach der Reife der Samen zugrunde. 

Der Fall, daß ein funktionslos gewordenes Organ dem Tode 
verfällt, läßt sich ja auf Schritt und Tritt beobachten. Ein Blatt- 
stiel seiner Spreite beraubt, ein Blütenstiel von seiner Blüte ge- 
trennt, stirbt oder fällt ab; eine Ranke, der es nicht glückt, eine 
Stütze zu fassen, verkümmert, Blätter, die nicht beleuchtet und 
ihrer natürlichen Bestimmung entzogen werden, gehen zugrunde, 
mit anderen Worten: Organe, die ihrer natürlichen Bestimmung 
nicht nachgehen können, sterben früher ab. Wenn aber ihre 
Funktionsdauer durch künstliche Eingriffe über das Normale aus- 
gedehnt oder sogar gesteigert wird, so wird, worauf auch schon 
de Vries aufmerksam gemacht hat, ihr Leben verlängert. So ist 
es bei dem in das Zweigsystem eingeschobenen Blütenstiel, be- 
ziehungsweise Blattstiel von Pelargonium, Begonia, Torenia, bei 
den knospenlosen Blattstecklingen und bei den gallentfagenden 
männlichen Blütenspindeln der Brennessel, des Hopfens und des 
Mais. Und wenn in manchen Fällen mit der Pfropfung einer 
mehrjährigen Pflanze auf eine einjährige (Abutilon auf Modiola) 
die einjährige mehrjährig wird, so handelt es sich auch hier um 
eine dem einjährigen Modiolastengel aufgezwungene Funktions- 
dauer. Das Abutilonreis zieht durch den Stengel der Modiola das 
Wasser und die darin gelösten Mineralsalze hindurch und zwingt. 
ihn, seine Aufgabe länger als gewöhnlich fortzusetzen. 

Mit dieser Steigerung und Verlängerung der Funktion ist 


Pa 265 pen 


auch eine reichlichere Ernährung verknüpft. Eine solche wird 
auch beim Ringeln oberhalb der Ringelwunde in dem Greäste 
erzielt, und durch die Anhäufung von wertvollem plastischen 
Material wird das vorzeitige Abfallen der Früchte verhindert. 

Schlechte Ernährung hingegen verkürzt das Leben, denn 
hungernde Blätter vergilben bald und verfallen einem früh- 
zeitigen Tode. 

In der Kunst, das Leben der Pflanze zu verlängern, stehen 
wir, obwohl bereits mannigfache Erfahrungen vorliegen, allerdings 
erst am Anfange. Je mehr aber die Wissenschaft vorschreitet, 
desto mehr lernen wir durch das Experiment die Pflanze be- 
herrschen, und somit ist begründete Aussicht vorhanden, daß auch 
die Makrobiotik der Gewächse große Fortschritte, aber nur bis 
zu einem bestimmten Grade, machen wird, denn schließlich ver- 
nichtet, abgesehen von den Einzelligen, der Tod auch jedes Pflanzen- 
leben, mag es sich nur um eine nur einen Tag währende Blüte, 
um ein einjähriges Kraut oder um einen mehrtausendjährigen 
Baumriesen handeln. In der auf- und absteigenden Entwicklung 
stellt auch der Tod nur einen Abschnitt dar: Das Ende. Die 
Worte Jakob Grimms in seiner gedankenreichen Rede über 
das Alter: „Alles was begonnen hat, muß auch aufhören, der 
Stab, den du oben fassest, unten geht er zu Ende“, gelten auch 
für die Pflanze. 


XVIL 
Botanische Paradoxa’). 


Ein Säugetier, das einen Entenschnabel hat und Eier legt, 
wie das in Australien einheimische Schnabeltier, in 
paradoxus, erscheint uns sonderbar. 

Ein Kugelkaktus, der keine Blätter bildet und, die Form eines 
runden® Kuchens besitzt, erscheint unter normalen beblätterten 
Pflanzen wie ein Sonderling. 

Wenn Gefäße von verschiedener Gestalt, aber gleicher Höhe 
und gleichgroßem Boden, vollends mit Flüssigkeit gefüllt, trotz 
der ungleichgroßen Flüssigkeitsmengen einen gleichgroßen Boden- 
druck erleiden, so kommt uns dies scheinbar widersinnig vor. — 
In all diesen Fällen beobachten wir Erscheinungen, die von (dem 
Normalen, Grewohnten abweichen oder wider Erwarten aus- 
fallen und die wir als paradox zu bezeichnen pflegen. 

Eine Naturerscheinung restlos aufzuklären, ruft im Forscher 
einen hohen Grad von Befriedigung hervor. Dies ist schon bei 
nach der Norm verlaufenden Phänomenen der Fall, noch mehr 
aber bei den wider die Erwartung ausfallenden, und daher haben 
die paradoxen Dinge seit jeher die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. 

Vor mir liegt W. Hampsons°) Buch „Paradoxes of nature 
and science“, das sich die Aufgabe stellt, jene Erscheinungen, die 
mit der täglichen Erfahrung im Widerspruch zu stehen scheinen 
und die dem Gebiete der Physik, Chemie, Biologie und Physiologie 
angehören, zusammenfassend darzustellen. Botanische Paradoxa 
habe ich aber darin nicht vorgefunden, und so könnte man vielleicht 
auf den Gedanken kommen, daß es in der Botanik überhaupt 
keine Paradoxa gebe. Es ist meines Wissens bisher niemals der 


1) Vortrag, gehalten am Io. Dezember 1919 im Vereine zur Verbreitung natur- 
wissenschaftlicher Kenntnisse in Wien. 
?®, Natur-Paradoxa, bearbeitet von C. Schäffer, 2. Aufl. Leipzig, Berlin ıgıı, 


N 267 — 


Versuch unternommen worden, botanische Versuche vom Stand- 
punkte des Paradoxen zu behandeln. Ich habe mir daher vorge- 
nommen, heute an einer Reihe von Beispielen zu zeigen, daß 
ebenso, wie in der Physik und Chemie, sich auch in.der' Botanik 
Paradoxa finden, die unser größtes Interesse zu erregen im- 
stande sind. 


I. Ist es möglich, durch mehrere Zentimeter dickes Holz das Licht 
der Sonne oder einer Lampe zu sehen ? 

Als im Jahre 1895 Röntgen die nach ihm benannten un- 
sichtbaren Strahlen entdeckte, die das Vermögen haben, undurch- 
sichtige Körper zu durchdringen und auf die photographische 
Platte zu wirken, machte dies, wie nicht anders zu erwarten war, 
allgemeines. Aufsehen. Damals kam ein Physiker zu mir, teilte 
mir, ganz begeistert von der großartigen Entdeckung, die Er- 
gebnisse der Forschungen Röntgens mit und fügte hinzu: „Ja, 
wer hätte gedacht, daß es Strahlen gibt, die dickes Holz, Leder, 
Kleiderstoffe, ja sogar den menschlichen Körper durchsetzen und 
dann noch die photographische Platte beeinflussen.“ Darauf :be- 
merkte ich scherzend: „Nun, was das Holz anbelangt, so zeige ich 
schon seit Jahren in meinen Vorlesungen einen einfachen Schul- 
versuch, der beweist, daß durch 3—8 cm dickes Holz Lichtstrahlen 
durchtreten, ja daß man durch dieses das Licht der Sonne oder 
einer Kerze direkt sehen kann.“ Um meinen etwas erstaunten 
Kollegen von der Richtigkeit des Gesagten zu überzeugen, 
empfahl ich ihm folgenden Versuch: Nimm ein 3—8cm langes 
Stück von einem spanischen Rohr, halte es vor das 
Auge und blicke der Länge nach durch dasselbe nach 
der Sonne oder einer starken künstlichen Lichtquelle. 
Du wirst dann gegen alle Erwartungen eine Art Sieb sehen, durch 
welches das Licht einfällt. 

Der Laie, der den anatomischen Bau des verwendeten Holz- 
stückes nicht kennt, wird von dem Ausfall dieses 'einfachen Ver- 
suches aufs höchste überrascht sein, etwas weniger schon der, der 
mit dem Bau des Objektes vertraut ist. Das spanische Rohr ist 
bekanntlich der Stamm einer Palme (Calamus Rotang) und ist 
von verhältnismäßig breiten Röhrchen, den sogenannten Holz- 
gefäßen auf weite Strecken in gerader Linie durchzogen, so daß 
das Licht ungehindert hindurchtreten und direkt ins Auge ge- 
langen kann. Ein dünner Querschnitt durch das spanische Rohr 


— 268 — 


erscheint, gegen das Licht gehalten, wie ein Sieb, in dem die 
hellen Maschen die Querschnitte der Holzröhren darstellen. 


II. Durch dickes Holz läßt sich Leuchtgas und Tabakrauch 

leicht hindurchblasen. 

Obwohl es bekannt ist, daß die vorhin erwähnten Holzgefäße 
dem Holz eine gewisse Porosität verleihen, muß es doch in hohem 
Grade auffallen, daß man durch dickes Holz Leuchtgas und Rauch 
schon bei schwachem Druck hindurchpressen kann. Verbindet 


Fig. 61. Leuchtgas läßt sich durch ein 20 cm langes spanisches Rohr leiten und 
am Ende des Rohres anzünden. (Original.) 


man einen Gashahn durch ein kurzes Stückchen Kautschuk- 
schlauch luftdicht mit einem ı0—20 cm langen spanischen Rohr 
und öffnet man den Gashahn, so tritt das Leuchtgas durch 
die Holzröhren rasch hindurch und läßt sich am Ende 
des Rohres anzünden. Oder wenn man durch ein ı—2 m 


% 


Fig. 62. Tabakrauch läßt sich durch ein I—2 m langes spanisches Rohr blasen. 
(Original.) 
nn 
langes spanisches Rohr mit den Backen gewaltsam 
Tabakrauch einbläst, so kommt dieser am anderen Ende 
in Wolken hervor. (Fig. 61 und 62.) Für das Gelingen aller 
dieser Versuche ist es notwendig, die Querenden des Rohres mit 
einem sehr scharfen Messer glatt und eben zuzuschneiden. Der 
Versuch mit Tabakrauch gelingt auch sehr gut mit Eichenholz. 
Ich konnte noch durch einen zylindrisch zugehobelten Eichenholz- 
stab von 2 cm Durchmesser und 10—4o cm Länge Rauch von 
Zigarettentabak der Länge nach mit den Backen durchblasen, ein 
Ergebnis, das die Porosität des Holzes und Offensein der Holz- 


— 269 — 


gefäße in ganz besonderem Grade darlegt, da ja der Tabakrauch, 
d. h. das, was wir am Rauche sehen und was uns den Rauch 
sichtbar macht, aus Flüssigkeitströpfchen besteht. Wären die 
Holzröhren in gewissen Zwischenräumen durch geschlossene Quer- 
wände unterbrochen, dann würde weder Leuchtglas noch Rauch 
hindurchtreten, da durch geschlossene Pflanzenhäute sich Gase 
nicht durchpressen lassen und in der Luft schwebende Wasser- 
tröpfchen schon gar nicht. 

All die angeführten Versuche liefern den deutlichen Beweis, 
daß die das Holz durchsetzenden Holzgefäße verhältnismäßig 
weite Röhrchen darstellen, die auf viele Zentimeter offen sind. 


III. Ein im Wasser untergetauchter Sproßgipfel wird welk. 

Jedermann weiß, daß gepflückte, beblätterte Zweige, an der 
Luft liegend, bald welken, mit ihrer Basis aber ins Wasser gestellt, 
lange frisch bleiben. Wenn der Zweig mit seinem unteren Ende 
in Wasser eintaucht, so saugen die in die Luft ragenden Blätter, 
weil sie fortwährend Wasser in Form von Dampf abgeben (trans- 
pirieren), das Wasser nach und erhalten sich auf diese Weise frisch. 
Es muß daher in hohem Grade auffallen, daß unter Umständen 
ein Sproßgipfel, wenn er gezwungen wird, unter Wasser zu 
bleiben, ganz schlaff wird. j 

Sehr schön und sicher gelingt der Versuch nach Wiesner 
mit einem etwa ı—2 m langen, beblätterten Sproß der Weinrebe, 
der Jungfernrebe, der Georgine oder der Kürbispflanze, der vom 
Mutterstocke abgeschnitten wird und dann mit Ausnahme des etwa 
ıo cm langen Sproßgipfels, der ins Wasser taucht, an der Luft 
verbleibt. Bei warmem Wetter, insbesondere im Sonnenschein, 
transpirieren die an der Luft befindlichen Blätter sehr 
stark, saugen Wasser an, entnehmen es, da sie von der 
Wurzel abgetrennt sind, aus dem Stengel und schließlich 
ausdem Sproßgipfelin so starkem Grade, daß auch dieser, 
obwohl unter Wasser befindlich, ganz schlaff und welk 
wird. Er gibt sein Wasser an die transpirierenden Blätter ab, 
kann es aber aus dem ihn umgebenden Wasser nicht ersetzen, da 
seine Oberhaut für eine genügende Wasseraufnahme ungeeignet 
ist. So muß das Sproßende, trotzdem es vom Wasser all- 
seitig umgeben ist, erschlaffen. 

Für gewöhnlich bewegt sich das Wasser im Stamm von 
unten nach aufwärts. Unser Experiment aber zeigt, daß auch das 


Umgekehrte, also ein umgekehrter Saftstrom stattfinden kann, und 
dieser entzieht dem Sproßgipfel das Wasser und macht ihn schlaff. 


IV. Trockenblüter oder „Wunderpflanzen“, die ohne Wurzeln und 
ohne Wasserzufuhr doch blühen. 

In den „Fliegenden Blättern“ erschien im Inseratenteile viele 
Jahre. hindurch eine sonderbare Ankündigung. Sie zeigte eine 
sitzende Buddha-Figur, die in den gefalteten 
Händen eine Knolle hielt, von der berichtet wird, 
daß sie ohne Erde und ohne Wasserzufuhr zu 
treiben und einen mächtigen Blütenstand zu ent- 
wickeln vermag. In der Tat, auf den ersten 
Blick sehr merkwürdig und anscheinend ganz 
rätselhaft, denn man betrachtet es ja als selbst- 
verständlich, daß eine Pflanze, die wachsen und 
zur Blüte gelangen soll, mit Wurzeln versehen 
sein muß oder doch wenigstens von außen mit 
Wasser versehen wird. 

Es handelt sich bei dieser „Wunderpflanze“ 
um die Knolle einer aus dem Himalayagebiete 
stammenden Aroidee, Sauromatum guttatum. 
Die Knolle wird etwa so groß wie eine Kartoffel, 
ist kreisrund, aber unten und oben abgeflacht 
und sanft gewölbt. In der Mitte der oberen 
Knollenfläche ragt eine kegelförmige Knospe 
(Keim) hervor. 

g Im Winter werden die Knollen von Gärt- 
a nern häufig in den Handel gebracht, so daß 
k Knollen, S Sche- man sich mit den Eigentümlichkeiten dieser in 
ee vieler Hinsicht höchst interessanten Pflanze 
Stark verkleinert. vertraut machen kann. in 
an Wird eine solche Knolle X während der 
Wintermonate auf den Schreibtisch eines 

warmen Zimmers gelegt, so entwickelt sich nach und nach aus 
der vorher erwähnten Knospe ein ganz eigenartiger, etwa 
3o cm langer Blütenstand, der dem unseres einheimischen 
Aronstabes in manchen Punkten ähnelt, aber noch viel auf- 
fallender erscheint (Fig. 63). Er besteht aus einem Kolben und 
einem eigenartig gefärbten, purpurgefleckten Scheidenblatt s. Der 
Kolben trägt an seiner von der Scheide dütenartig umschlossenen 


Basis die weiblichen, in einiger Entfernung darüber die männ- 
lichen Blüten und läuft in einen purpurgefärbten, zylindrischen, 
langen Anhang a aus, der sich am Tage des Öffnens der Scheide 
infolge intensiver Atmung bis auf 34°, also so stark erwärmt, daß 
man die Selbsterwärmung schon durch Berührung mit der Hand 
deutlich merkt. (rleichzeitig entwickelt der Blütenstand einen aas- 
artigen Geruch. Diese beiden Umstände, die Wärme und der Ge- 
stank, locken am natürlichen Standorte Kot- und Schmeißfliegen 
an, den Blütenstand zu besuchen, wobei sie, begünstigt von be- 
stimmten Blüteneinrichtungen, auf die hier nicht eingegangen 
werden soll, in die Lage kommen, die Kreuzbefruchtung zu ver- 
mitteln. 

Da ein so ausgiebiges Wachstum, wie es für die Entwicklung 
eines so großen Blütenstandes nötig ist, ohne Wasser kaum möglich 
erscheint, so wird jeder den ganzen Vorgang höchst auffallend 
finden. Die Sache klärt sich aber sofort auf, wenn ich mitteile, 
daß die Knolle nicht bloß ein Stärke-, sondern auch ein 
Wasserreservoir darstellt, aus dem die treibende Pflanze 
ihren Bedarf an Nährstoffen und Wasser deckt. Das die 
Knolle aufbauende Gewebe besteht aus sehr saftreichen Zellen, 
unter anderem gefüllt mit Stärke und Wasser. Der Wassergehalt 
macht ungefähr 80 Prozent aus. Während sich der Blütenstand 
entwickelt, wird der Knolle beständig Wasser entnommen; man 
sieht ihr das auch schon äußerlich an, da sie etwas zusammen- 
schrumpft. 

Bringt man die Knolle nach dem Abblühen in feuchte Erde, 
so bildet sie oben. in der Umgebung des Blütenschaftansatzes 
rasch Wurzeln und entwickelt in der Regel ein einziges großes, 
geteilt schirmartiges Blatt, dessen Stiel eidechsenartig gefleckt er- 
scheint, weshalb die Pflanze auch „Eidechsenpflanze“ genannt wird. 
Das Blatt verbleibt bis zum Herbste, vergilbt, fällt zusammen, und 
die zurückbleibende Knolle vermag im nächsten Winter wieder 
einen neuen Blütenstand zu bilden, vorausgesetzt, daß die Pflanze 
gut ernährt wurde und reichlich direktes Sonnenlicht genossen 
hatte. | | 

Die Tatsache, daß aus einem unterirdischen Organ, sei es 
Knolle oder Zwiebel, ohne äußere Zufuhr von Wasser, Blätter oder 
sogar Blüten hervorkommen, steht nicht vereinzelt da. So ent- 
wickelt der mit Sauromatum. verwandte Amorphophallus Rivieri 
aus der Knolle, an der Luft liegend, einen meterhohen Blüten- 


kolben, die Herbstzeitlose, Colchicum autumnale, manche Liliaceen 
bilden Blüten, die Kartoffelknolle (Solanum tuberosum), der Sauer- 
klee, Oxalis lasiandra, und die Meerzwiebel, Scilla maritima, er- 
zeugen, in der Luft hängend, Blätter und Sprosse. 


V. Einleitung von Wachstum durch Kälte. 

Die alltägliche Erfahrung lehrt, daß das Wachstum durch 
Wärme gefördert wird. Wenn im Frühjahr die Knospen auf- 
brechen und sich zu belaubten Sprossen oder Blüten entwickeln, 
so hängt dies in erster Linie mit der zunehmenden Temperatur in 
dieser Jahreszeit zusammen. Wenn der Gärtner gewisse Pflanzen 
früher zum Blühen oder Fruchten bringen will, so bedient er sich 
dazu warmer Mistbeete oder Gewächshäuser, weil er eben weiß, 
daß die Wärme das Wachstum begünstigt. Nach dieser Sachlage 
erscheint es geradezu paradox, wenn jemand sich anschicken 
würde, das Wachstum der Pflanzen durch Kälte anzuregen. Und 
dennoch ist. dies möglich. Es gibt Gewächse, die ununterbrochen 
wachsen. Die in Gemüse- und Weingärten als lästiges und un- 
ausrottbares Unkraut vorkommende Sternmiere (.Siellarıa medıa) 
gehört hierher. Die aus dem Samen erwachsende Pflanze blüht, 
fruchtet, der aus der Frucht entfallende Same keimt sogleich 
wieder, der Keimling entwickelt sich weiter zur blühenden und 
fruchtenden Pflanze, und käme nicht der Winter, so würde sich 
dieses rhythmische Spiel ununterbrochen fortsetzen. Das ist aber 
nicht bei allen Pflanzen der Fall, denn es gibt viele, die nach 
einer Periode des aktiven Lebens im Wachstum innehalten und 
eine Art Ruhezeit eingehen. Dies gilt z. B. von der Kartoffel. 
Wird im Herbst die erntereife Knolle ausgegraben und sofort unter sehr 
günstige Wachstumsbedingungen gebracht, so keimt sie gewöhn- 
lich nicht, auch nicht im Oktober, vielleicht — es ist dies, bei ver- 
schiedenen Sorten nicht gleich — auch nicht im Dezember; erst 
im Januar und später erfolgt glattes Treiben. Unter normalen 
Verhältnissen geht also die Kartoffelknolle im Herbste eine Ruhe- 
periode ein und erst, wenn diese ausgeklungen ist, stellt sich wieder 
Wachstum ein. — Ganz gegen alle Erwartung ist es aber 
gelungen, die Ruheperiode dadurch aufzuheben, daß 
man die im Herbste ausgegrabenen Kartoffelknollen so- 
fort in einen Eiskeller bringt, wo sie durch ı4 Tage bei 
einer Temperatur von etwa + ı bis 3° C verbleiben. 
Werden sie dann eingepflanzt und ins Warmhaus ge- 


bracht, so treiben sie alsbald aus und, wenn man das-eben 
besprochene Experiment mit Frühkartoffeln macht, so kann man 
durch Auslöschung der Ruheperiode sogar zwei Ernten innerhalb 
eines Jahres gewinnen. 

Wie ist es zu erklären, daß die niedere Temperatur im Keller 
das Wachstum anregt? Die Antwort, die Hermann Müller 
(Thurgau) auf diese Frage gab, lautet ungefähr folgendermaßen: 
In der Kartoffelknolle laufen zwei Vorgänge nebeneinander ab, 
die Atmung und die Verzuckerung der Stärke durch das Ferment 
Diastase. Ist die Temperatur niedrig, so ist die Atmung sehr 
gering, die Zuckerbildung geht aber trotzdem ziemlich rege vor 
sich. Bei der Atmung wird hauptsächlich Zucker verbrannt; wenn 
nun die Atmung infolge der niederen Temperatur herabgesetzt 
wird, so wird zwar Zucker gebildet, aber nur wenig davon ver- 
atmet. Der Zucker häuft sich daher so an, daß die Kartoffel süß 
wird. Mit der Aufnahme des Zuckers wird ein wichtiger Baustoff 
verfügbar und daher vermag die Kartoffel wieder zu keimen und 
Sprosse zu bilden. h 

Auch unsere Holzgewächse sind einer Ruheperiode unter- 
worfen. Unmittelbar nach dem herbstlichen Laubfall treibt eine 
Linde, ein Weinstock oder Kirschbaum unter günstigen Wachs- 
tumsbedingungen nicht. Erst nach einer gewissen Ruheperiode, 
die sich bei manchen Holzgewächsen (Buche) bis zum Februar 
erstrecken kann, erfolgt neues Wachstum. Je länger der Baum 
oder Strauch der Winterkälte ausgesetzt war, desto williger und 
rascher treibt er hernach. Wird ein eingetopftes Fliederbäumchen 
nach dem Laubfall in ein Zimmer gestellt und vor Frost geschützt, 
ein sonst gleiches aber bis etwa Mitte Dezember im Freien be- 
lassen, wo es eine Reihe von Frösten oder noch besser schon 
länger andauernde Kälte genießt, und werden dann beide ins 
Warmhaus gestellt, so treibt der der Kälte ausg’esetzt ge- 
wesene Stock viel früher und gleichmäßiger als der, der 
sich in verhältnismäßig warmem Raume befand. 

Noch viel beweiskräftiger und anschaulicher wird der Versuch, 
wenn er mit einem Grabelzweig zur Zeit des Vorwinters in der 
Weise gemacht wird, daß der eine Ast ins Freie, der andere aber 
ins Gewächshaus reicht. Wenn, sobald der ins Freie ragende 
Zweig reichlich Kälte genossen hat, der ganze Gabelzweig in die ' 
Wärme gebracht wird, dann eilt der Kältezweig dem Wärme- 


zweig im Austreiben und Wachstum weit voraus. 
Molisch, Populäre biologische Vorträge. 2. Aufl. 13 


VI. Eine Pflanze, die erst im Tode duftet. 

Zu den bekanntesten Teppichpflanzen unserer Gärten und 
Parkanlagen gehört die aus Texas stammende, wegen ihrer blauen 
Blüten überaus beliebte Komposite, Ageratum mexicanum. — So- 
lange diese Pflanze lebt, besitzt sie keinen besonderen 
Duft. Wenn sie aber getötet wird, sei es, daß sie vollständig 
vertrocknet oder gefriert, oder in einem Luftbade von etwa 60° C 
kurze Zeit erhitzt wird, so entwickelt sie einen ungemein 
angenehmen Duft nach Kumarin, jenem Stoff, der auch dem 
Waldmeister, Asperulad odorata, dem Ruchgras, Anthoxanthum 
odoratum und dem Weichselrohr, Prunus cerasus, seinen charak- 
teristischen Geruch verleiht. 

Die lebenden Blätter des Ageratum enthalten kein Kumarin, 
sondern dieses entsteht erst nach ihrem Tode. Stoffe, die in der 
lebenden Pflanze räumlich getrennt sind, prallen im Momente des 
Todes und nachher aufeinander und geben zur Bildung neuer Stoffe 
und hier bei Ageratum zur Entstehung von K.umarin Veranlassung, 

Es ist wie mit verschiedenen Säuren und Alkalien, die in 
einem chemischen Laboratorium auf einem Tische stehen. Solange 
die Flüssigkeiten getrennt aufbewahrt werden, bleiben sie als solche 
erhalten; werden sie aber miteinander vermengt, so entstehen 
durch gegenseitige Einwirkung aufeinander neue Reaktionen und 
damit neue Körper. Ähnliches geschieht beim Übergang der Zelle 
vom Leben zum Tode und so können neue Stoffe sich bilden, 
die früher nicht vorhanden waren. Der Fall von Ageratum steht 
nicht vereinzelt da. Ich erinnere daran, daß die ihres köstlichen 
Aromas wegen so hochgeschätzte Vanillefrucht, die ihren Duft 
dem Vanillin verdankt, in erntereifem Zustande, . wie ich mich in 
Vanilleplantagen Javas selbst überzeugt habe, nur einen schwachen, 
kaum bemerkbaren Geruch besitzt, den wunderbaren Vanilleduft 
aber erst nach dem Absterben erhält, indem sich aus einer bisher 
unbekannten Muttersubstanz erst nach dem Tode das köstlich 
duftende Vanillin bildet. — Nun wird man auch verstehen, wie 
es kommt, daß das Heu einen Duft aushaucht, der dem frischen 
Grase noch fehlt oder wenigstens nicht in dem Grade eigentümlich 
ist. Es beruht dies gleichfalls darauf, daß sich in den abgestorbenen 
Gräsern früher voneinander getrennte Stoffe nunmehr mischen, 
neue Reaktionen einleiten und dadurch zur Bildung neuer Stoffe, 
wie Kumarin und anderer, dem Heu eigentümlicher Duftstoffe, 
Veranlassung geben. 


VII. Schneckenkleefrüchte, stundenlang gekocht, keimen teilweise noch. 

Die Früchtchen: vieler Schneckenkleearten (Medicago) bleiben 
mit Hilfe zahlreicher, oft hakenartig gekrümmter Stachelchen in 
* der Wolle vorbeistreifender Schafe hängen. Diese als „Wollkletten“ 
bekannten Früchte verfilzen sich derart mit den Wollfäden, daß 
sie nach der Schafschur mit der exportierten Schafwolle in den 
Handel kommen und dann in der Wollweberei dadurch zu un- 
liebsamen Betriebsstörungen Anlaß geben, daß sie oft ein Zer- 
reißen des Wollfadens verursachen. Die Textilindustrie hat sich 
mit diesem Umstande viel beschäftigt und ist schließlich, um die 
Wolle von den Wollkletten zu befreien, auf das Karbonisierungs- 
verfahren gekommen, das bekanntlich darin besteht, die Wolle 
mit verdünnter Schwefelsäure zu behandeln und die Wollkletten 
dadurch zu zerstören, ohne die Wolle zu schädigen. 

Namentlich die überseeische Wolle enthält viel Wollkletten 
und wird schon nach ihrer Ankunft in Hamburg einer vorläufigen 
Reinigung unterworfen, indem sie mit einer Sodalösung behandelt 
und dann getrocknet wird. Nachher wird sie in der Fabrik ge- 
färbt, wobei sie durch mehr als ı!/, Stunden in siedendem Wasser, 
dem nach und nach größere Mengen von Salmiakgeist, Essig- 
säure, Alizarin-Chromfarben, Schwefelsäure und Chromnatron zu- 
gesetzt werden, verbleibt. Die auf diese Weise gereinigte und 


gefärbte Wolle wird dann getrocknet. — Da geschah es eines 
Tages, daß die Wolle nicht gleich getrocknet wurde, sondern einige 
Tage feucht liegen blieb und — siehe da — die darin verfilzten 


Medicagofrüchtchen keimten, obwohl sie so lange kochten und 
mit verschiedenen Chemikalien behandelt worden waren, massen- 
haft und die jungen Keimlinge hoben sich durch ihre helle Farbe 
von der schwarzgefärbten Wolle in auffallender Weise ab. 


Dieser sonderbare Fall von eigenartiger l.ebenszähigkeit 
bewog den Botaniker Schneider-Orellit), die Widerstandsfähig- 
keit der Medicagosamen gegen Kochhitze zu untersuchen. — Daß 
Samen verschiedener Art eine Temperatur von 100° C in 
trockenem Zustande aushalten, ist lange bekannt und bietet nach 
all unseren Erfahrungen nichts Besonderes. Das Überraschende 
bei den Wollkletten liegt aber darin, daß sie der Siedehitze im 
Wasser widerstehen und daß ihnen auch die dem Wasser zuge: 


I) Schneider-Orelli, D., Versuche über die Widerstandsfähigkeit gewisser 
Nledicago-Samen (Wollkletten) gegen hohe Temperaturen. Flora 1910, S. 305. 
18* 


— 276 — 


setzten Chemikalien nicht schadeten. Der Grund dieser paradoxen 
Erscheinung liegt im Bau der Samenschale, die einem für Wasser 
undurchdringlichen Panzer gleicht. Während andere Samen, z.B. 
die von Erbsen, Bohnen, Roggen, ins Wasser gelegt, dieses rasch 
aufnehmen und quellen, verhalten sich zahlreiche Samen von 
Hülsenfrüchtlern nicht so. Sie quellen häufig nur vereinzelt und 
manche können jahre-, ja manchmal jahrzehntelang im Wasser 
liegen, bevor sie endlich dem Wasser den Eintritt gestatten und 
aufquellen. Ich nenne als Beispiele die Samen der falschen Akazie 
(Robinia pseudacacia), den Christusdorn (Gleditschia triacanthos), 
die Acacia lophanta, den Hornklee (Tetragonobolus siliquosus) u. a. 

Werden solche Samen vorsichtig angefeilt oder verletzt, wie. 
dies beim Rotklee im großen mit Ritzmaschinen geschieht, so 
wird dadurch das Quellungshindernis beseitigt, das Wasser dringt 
durch die verletzte Stelle ein, der Same quillt und keimt. Auch 
durch Behandlung mit heißem Wasser kann der Quellungswider- 
stand beseitigt werden. Beim Stechginster (Ulex europaeus) genügt 
schon eine ı—5 Sekunden währende Einwirkung siedenden 
Wassers, um die Quellung zu ermöglichen. 

Bei Medicagosamen aber ist die Widerstandsfähigkeit gegen 
hohe Wassertemperatur infolge der Härte der Samenschale nach 
Schneider-Orelli eine ganz unerwartete. Es handelt sich um 
die Samen von Medicago hispida, M. arabica und M. minimä. In 
einem bestimmten Versuch wurden ı00 solcher Samen in Wasser 
7‘/, Stunden gekocht. Nach dieser Zeit war ein großer Teil voll- 
ständig verkleistert, also zerstört, etwa 5o waren nur gequollen 
und ein einziger war unverändert. Bei keinem trat Keimung ein. 
Als aber der unveränderte hierauf angefeilt und ins 
Wasser gelegt wurde, keimte er. Die Samen behalten also, 
solange sie ihre Hartschaligkeit bewahren und dem Eindringen 
des heißen Wassers widerstehen, ihre Lebensfähigkeit. Das war 
bei dem einen Samen trotz des 7!/,stündigen Kochens der Fall 
und dieser liefert den Beweis, daß die Natur mit der harten, eigen- 
artig gebauten Schale einen Verschluß des lebenden Samens 
erzielt, der fast ans Wunderbare grenzt. 


VII. Scheinbare Urzeugung. 
Seit den ältesten Zeiten hat die Menschheit die Frage be- 
schäftigt: Wie ist das Leben auf unserer Erde entstanden? Ist es 
durch eine höhere Intelligenz, durch Gott auf der Erde geschaffen 


277 
worden? Oder ist es durch Meteorite von anderen Weltkörpern 
übertragen worden? Oder ist es von selbst aus leblosem Stoff, 
also durch Urzeugung entstanden oder ist es überhaupt nirgends 
und niemals entstanden, sondern von Ewigkeit her gewesen? 

Insbesondere hat die Frage nach der Urzeugung die Natur- 
forscher lange beschäftigt und namentlich die ebenso genauen wie 
einfachen Versuche Pasteurs haben es höchstwahrscheinlich 
gemacht, daß eine Urzeugung derzeit wohl nicht nachweisbar ist. 
Lebendes entwickelt sich nur aus Lebendem. Wo Lebendes ent- 
steht, waren auch früher die dazu gehörigen lebenden Keime schon 
vorhanden. Das geflügelte Wort „omne vivum ex vivo“ kennt 
bisher keine Ausnahme. z 

Diesem Gesetze scheint nun folgender Versuch zu wider- 
sprechen. Werden Glaskölbchen mit Nährlösungen, die sich für 
die Entwicklung von Bakterien, Hefen, Schimmelpilzen oder Infu- 
sorien eignen, beschickt, mit Wattepfropfen verschlossen und ı bis 
2 Stunden gekocht, so entwickeln sich, weil etwa vorhandene 
Keime in der Siedehitze getötet werden, keine Lebewesen und die 
Flüssigkeit bleibt jahrelang steril. Wird aber der Wattepfropf 
auf etwa ı Stunde von dem Kölbchen abgehoben, so daß aus 
dem atmosphärischen Staub lebende Keime hineinfallen können, 
und dann wieder mit der Watte verschlossen, so beginnt sich die 
Nährlösung infolge massenhafter niederer Lebewesen zu trüben. 

Wird dieser Versuch aber mit einem Heuinfus gemacht, d.h. 
wird Heu abgekocht, der Extrakt in Kolben gefüllt und dieser 
mit Watte verschlossen, durch ı Stunde im Sieden erhalten und 
dann bei etwa 30° aufgestellt, so bildet sich nach einigen 
Tagen eine weiße Haut, die aus einer Reinkultur einer 
Bakterie, nämlich des Heubazillus, Bacillus subtilis, 
besteht. 

Dieses von Pouchet herrührende Experiment machte seiner- 
zeit großes Aufsehen, denn es schien auf den ersten Blick nicht 
bloß der Pasteurschen Ansicht zu widersprechen, sondern geradezu 
einen Fall von Urzeugung darzustellen. Es wurde ja der Heu- 
extrakt samt den darin vorhandenen Keimen gekocht und doch 
entwickelte sich darin der Heubazillus.. Durch eine gründliche 
Erforschung der Lebensgeschichte der genannten Bakterie hat 
sich das Rätsel befriedigend aufgeklärt. Der Heubazillus pflanzt 
sich auf zweierlei Weise fort, durch Teilung, wie alle anderen 
Bakterien und durch Dauersporen. Wenn der Heubazillus an 


— 2738 — 


Nahrungsmangel zu leiden beginnt oder dem Austrocknen entgegen- 
geht, so verdichtet sich an einem Ende der Bakterie das Proto- 
plasma zu einem stark lichtbrechenden Kügelchen, zu einer 
Dauerspore und diese ist es, die aus unbekannten 
Gründen eine einstündige Kochhitze erträgt, ohne abge- 
tötet zu werden. Eine solche Widerstandsfähigkeit, die übrigens 
nicht bloß den Dauersporen der Heubakterie, sondern auch denen 
verschiedener anderer Bakterien zukommt, war von vornherein 
nicht wahrscheinlich, weil ja alle unsere Erfahrungen, abgesehen 
von dem schon erwähnten, die Schneckenkleesamen betreffenden 
Fall, dafür sprachen, daß längere Kochhitze alles Lebende ver- 
nichtet. Eine Ausnahme aber bilden die Dauersporen gewisser 
Bakterien, doch ist auch ihre Widerstandsfähigkeit gegen Hitze 
beschränkt, denn bei einer Erhitzung von 1ı50°C finden auch sie 
den Tod. 
Rückblick. 

Alle die angeführten Beispiele liefern den Beweis, daß es 
auch in der Botanik nicht an Paradoxen fehlt; ich behalte mir 
vor, an anderer Stelle noch mehr davon bekanntzumachen. Sie 
alle haben für den Naturfreund etwas ungemein Anziehendes, da 
sie auf den ersten Blick widersinnig erscheinen, bei genauerer 
Betrachtung aber sich den anderen Erfahrungen und Naturgesetzen 
vollends einfügen. Darauf beruht ihr eigentümlicher Reiz, der 
die Aufmerksamkeit immer von neuem auf die Paradoxa lenkt. 
Hätte sich wohl sonst (der paradoxe Trugschluß des griechischen 
Philosophen Zeno „Achilles holt die Schildkröte bei einem Wett- 
lauf nicht ein“, den er 5oo Jahre vor Christus ersonnen hat, bis 
auf den heutigen Tag erhalten können? Und wenn der von 
spielenden Knaben gepeitschte Kreisel nicht umfällt und sich, auf 
seiner Spitze stehend, dreht, als ob es keine Schwerkraft gebe; 
wenn der vom Australneger geworfene Bumerang in weiter 
Schleife zum Ausgangspunkt wieder zurückkehrt; oder wenn der 
einbeinige Invalide Schmerzen im Fuß zu spüren glaubt, den er 
gar nicht mehr besitzt: was verblüfft uns da so gewaltig? Es 
ist der Reiz des Wunderbaren, der jedes Paradoxon umgibt. 


XVII. 


Goethe, Darwin und die Spiraltendenz 
im Pflanzenreiche!). 


Die letzte botanische Arbeit, die Goethe etwa ı Jahr vor 
seinem Tode veröffentlichte, führte den Titel: „Über die Spiral- 
tendenz der Vegetation‘“?). Sie reicht in ihrer Bedeutung keines- 
wegs an seine Schrift „Die Metamorphose der Pflanze“ heran, aber 
sie liefert uns den Beweis, wie Goethe fast bis zu seinem Lebens- 
‚ende Botanik getrieben?) und wie die bedeutenden Ideen, die 
damals in der Morphologie der Pflanze auftauchten, ihn fesselten 
und ihn zu eigenen Untersuchungen anspornten. Wieder war es 
die Morphologie, die ihn anzog. er 

Damals machte die Aufdeckung der geometrischen Verhält- 
nisse der Blattstellung in der Blüte durch v. Martius‘) großes Auit- 
sehen, ja man kann sagen, die schraubige Anordnung der Blätter 
stand damals und kurz nach Goethes Tode im Brennpunkte der 
botanischen Forschung. Da dieser Gegenstand mit unserem Vor- 
tragsthema innig zusammenhängt, muß hier darauf kurz einge- 
gangen werden. 

Bei der Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte in 
München (1827) und Berlin (1828) hat der ausgezeichnete Pflanzen- 
 systematiker v. Martius je einen Vortrag über die Architektonik 
der Blüten gehalten, in denen er unter anderem nachdrücklichst . 
auf die spirale Anordnung der Blütenblätter hinweist. 


!) Auszug eines populären Vortrags, gehalten im Wiener Goethe-Verein am 
17. Mai 1920. 

?) Goethes Werke, II. Abt., 7. Bd. Weimar 1892, Naturw. Schriften 7. Bd. 
Zur Morphologie I. Teil. 

- 3) H.Molisch, Goethe als Naturforscher. Populäre biologische Vorträge. 2. Aufl. 

Jena 1922. S. dieses Buch, S. 1. 

4) v. Martius, Über die Architektonik der Blüten. Isis, Jahrg. 1828, S. 522 
und Jahrg. 1829, S. 333. 


— 280 — 


Die schraubige Anordnung läßt sich unter anderem an den 
Blütenblättern der Polycarpicae beobachten, ja diese Ordnung von 
Blütenpflanzen scheint geradezu durch dieses Merkmal ausgezeich- 
net zu sein. An den großen Blüten der Seerosen (Nymphaeaceen), 
der Magnolien, Ranunculaceen und anderen fällt die einer Schrauben- 
linie folgende Stellung der Perianth-, Staub- und Fruchtblätter 
besonders auf. 

v. Martius hielt diese Verteilung fälschlich für ein sek, 
also für allgemein verbreitet, allein dies war ein Irrtum, denn die 
Stellung der Blütenblätter kann auch sehr oft in Kreisen erfolgen, 
mithin wirtelig sein. Er erläuterte seine Ansicht auch durch ein 
Modell, „worin er auf der Achse mehrere Umläufe befestigt hatte 
und womit er nach den verschiedenen Stellungen und Reduktionen, 
welche er mit den Blättern der Umläufe vornahm, verschiedene 
Pflanzenfamilien darstellt“ (S. 529 d. Jg. 1828). Ein solches Modell 
machte v. Martius Goethe zum Geschenk, es ist dasselbe, das 
sich derzeit im Besitze des Wiener Goethe-Vereins befindet und 
das in einem interessanten Artikel Prof. Zellners!) eingehend be- 
sprochen und auch abgebildet ist. 

Goethe nahm an den einschlägigen Forschungen des Münchener 
Botanikers lebhaften Anteil, er erwähnte auch, daß v. Martius, 
von Berlin kommend, ihm die Spiralstellung der Blütenblätter durch 
Wort und Zeichnungen erläuterte und fügte hinzu: „Die in der 
Isis, Jahrgang 1828 und 1829 abgedruckten Aufsätze wurden mir 
zugänglicher, und die Nachbildung eines an jenem Orte vorge- 
wiesenen Modells ward mir durch die Geneigtheit des Forschers 
und zeigte sich zur Versinnlichung, wie Kelch, Krone und die 
Befruchtungswerkzeuge entstehen, höchst dienlich?).“ 

Wie Goethe über die schraubige Anordnung der Blätter einer 
Blüte, die windenden Pflanzen und den schraubigen, Verlauf 
mancher Pflanzenteile dachte, sei mit seinen eigenen Worten ge- 
geben: „Hat man den Begriff der Metamorphose vollkommen 
gefaßt, so achtet man ferner, um die Ausbildung der Pflanze näher 
zu erkennen, zuerst auf die vertikale Tendenz. Diese ist anzu- 
sehen wie ein geistiger Stab, welcher das Dasein begründet und 
solches auf lange Zeit zu erhalten fähig ist. Dieses Lebensprinzip 


!) J. Zellner, Zur Spiraltendenz der Vegetation. (Mit einem ungedruckten 
Briefe von K. v. Martius an Goethe.) Chronik d. Wiener Goethe -Vereins. 26. Bd 
(1912), S. qı. 

2) Goethes Werke, 1. c. S. 38. 


— 281 — 


manifestiert sich in den Längsfasern, die wir als biegsame Fäden 
zu dem mannigfaltigsten Gebrauch benutzen; es ist dasjenige, was 
bei den Bäumen das Holz macht, was die einjährigen, zweijährigen 
aufrechterhält, ja selbst in rankenden, kriechenden Gewächsen die 
Ausdehnung von Knoten zu Knoten bewirkt. 

Sodann aber haben wir die Spiralrichtung zu beobachten, 
welche sich um jene herumschlingt. Das vertikal aufsteigende 
System bewirkt bei vegetabilischer Bildung das Bestehende, seiner 
Zeit Solideszierende, Verharrende; die Faden bei vorübergehenden 
Pflanzen, den größten Anteil am Holz bei dauernden. 

Das Spiralsystem ist das Fortbildende, Vermehrende, Fr- 
nährende, als solches vorübergehend, sich von jenem gleichsam 
isolierend. Im Übermaß fortwirkend, ist es sehr bald hinfällig, dem 
Verderben ausgesetzt; an jenes angeschlossen, verwachsen beide 
zu einer dauernden Einheit als Holz oder sonstiges Solide!).“ 

Diese Stelle zeigt so recht, wie sehr Goethe im Banne der 
Naturphilosophie Hegels und Schellings stand, und wie hier 
das Tatsächliche in ein rein spekulatives Gewand gekleidet wird, 
das nicht mehr fern von Mystik liegt und im einzelnen auch an 
Unklarheit grenzt. 

Den Gipfelpunkt des Phantastischen erreicht wohl die luftige 
Spekulation, wenn er das vertikal- und spiralstrebende System in 
der lebendigen Pflanze innig verbunden erklärt, jenes als männlich 
und dieses als weiblich ansieht und noch hinzufügt: „So können 
wir uns die ganze Vegetation von der Wurzel auf androgynisch 
insgeheim verbunden vorstellen; worauf denn im Verfolg der Wand- 
lungen des Wachstums die beiden Symptome sich im offenbaren 
Gegensatz auseinander sondern und sich entschieden gegeneinander 
überstellen, um sich in einem höheren Sinne wieder zu vereinigen?).“ 

Mit solchen Gedanken vermag die Wissenschaft nichts an- 
zufangen. Hätte Goethe einfach gesagt, der Stengel wächst verti- 
kal aufwärts und zeigt häufig eine spiralige Anordnung der Blätter 
und nicht selten einen schraubigen Verlauf, so wäre dem Tatsäch- 
lichen Genüge getan, alles andere aber ist Phantasie. 

Ob Goethe unter Spiraltendenz, wie es im Worte liegt, 
ein Streben, also etwas Psychisches gemeint hat, geht aus seiner 
Schrift nicht mit Sicherheit hervor. Hansen?), der sich jahrelang 


1) Goethes Werke, 1. c. S. 39. 
2) Goethes Werke, 1. c. S. 68. 
3) A.Hansen, Goethes Metamorphose der Pflanzen. Gießen 1907, I. Teil(Text), S.319. 


— 282 — 


in Goethes botanische Untersuchungen am meisten liebevoll vertieft 
hat, glaubt bestimmt, daß Goethe unter Tendenz Richtung ver- 
standen hat, in ähnlicher Weise, wie auch der Physiker von dem 
Bestreben der Körper zu fallen oder von ihrer Trägheit spricht, 
ohne an psychische Vorgänge zu denken. So aufgefaßt, können 
wir mit Gooethe tatsächlich von einer Spiraltendenz sprechen, denn 
diese ist in der organischen Natur häufig verwirklicht und darauf 
hat auch Goethe in zahlreichen Beispielen, in denen er sich auf 
einschlägige Angaben von Don, Lindley, Dutrochet, von 
v. Martius und seine eigenen Beobachtungen stützt, hingewiesen. 
So auf die im Stranggewebe der höheren Pflanzen vorhandenen, 
durch schraubige Verdickung ausgezeichneten Spiralgefäße, auf 
die in Schraubenlinien schwingenden Algen (Öscillarien), auf den 
die Stütze schraubig umschlingenden Windling (Convolvulus), auf 
die sich korkzieherartig einrollenden Ranken, auf den Drehwuchs 
der Bäume, auf die schraubige Deckung der Blütenblätter in der 
Knospe, auf die Spiralstellung der Blätter von Pandanus, auf die 
durch Drehung zustande kommende Einseitswendigkeit der Blüten 
von Ophrys spiralis u.a. Er erwähnt ferner die spiralige Drehung der 
Hülsen von Bohnen und Platterbsen beim Austrocknen, die Drehung 
der Fruchtschnäbel vom Storchschnabel, Erodium gruinum, und die 
schraubige Einrollung des weiblichen Blütenstiels der bekannten 
Aquariumpflanze Vallisneria spiralis. 

Wenn Goethe heute die Ergebnisse botanischer Forschung 
in dieser Richtung überblicken könnte, würde er angenehm über- 
rascht sein über das große Tatsachenmaterial, das über die 
Schraubenlinie im Pflanzenreiche vorliegt. Siehe Fig. 64. 

Von den niedersten Gewächsen aufwärts bis zu den höchsten, 
von der einfachen Zelle bis zu kompliziertesten Organen kennen 
wir bereits eine Fülle von Beispielen spiraliger Anordngpg und 
Bewegungen. 

Schon unter den niedersten und kleinsten Pflanzen, unter 
den Bakterien, finden wir solche, die einem schraubig gewundenen 
Faden gleichen. Spirillum und Spirochäte sind solche Schräub- 
chen. Die Samenfäden der Farne, der Cycadeen und die Sperma- 
tozoiden des japanischen Gingkobaums zeigen gleichfalls schrau- 
bige Windungen, obwohl sie ebenfalls nur aus einer Zelle bestehen. 
Die aus Zellfäden bestehende Blaualge Spirulina, die einer Acht 
gleichende Kieselalge Surirella spiralis, das aus schraubig ange- 
ordneten Zellen bestehende Desmidium Swartzii und die gleich 


einer Wendeltreppe 
gestaltete Rotalge 
Vidalia 
verkörpern 'gleich- 
falls die Schrauben- 
linie. Selbst inner- 
halb der Zelle kön- 
nen einzelne Or- 
gane schraubigen 
Verlauf aufweisen 
wie die Chlorophyli- 
körper der Algen 
Spirogyra und Spi- 
rotaenia. 

Es sei ferner an 
die Drehung vieler 
Blätter, wie man sie 
in jedem Gretreide- 


volubilis 


feld leicht beob- 
achten kann, er- 
innert. Zahlreiche 


Grasblätter sind 2- 
bis 3mal gedreht. 
Auch die Blätter 
des . Rohrkolbens 
(Typha), des Kal- 
mus (Acorus), der 
Schwertlilie (Iris) 
u. a. sind häufig 
ı—amal ı80° um 
ihre Achse gedreht. 

Auf eine Fülle 
von Beispielen hat 
Goebel!) in neue- 
sterZeitaufmerksam 
gemacht. Es geht 
daraus hervor, daß 


!) RK. Goebel, Die Ent- 
faltungsbewegungen der 


Pflanzen usw. Jena 1920. 


Fig. 64. Beispiele für das Vorkommen der Schraubenlinie 
im Pfianzenreiche. ı. Spirillum undula, eine Schraubenbak- 
terie. 2. Spirochaete pallida, die Syphilisbakterie. 3. Sperma- 
tozoide eines Farnkrauts. 4. Spermatozoid einer Alge (Chara). 
5. Frucht von Erodium “eicutarium, dem Storchschnabel. 
6. Streifung der Membran von Holzzellen. 7. Chiorophyll- 
band einer Spirogyrazelle. 8. Elaterenzelle aus einer Leber- 
mooskapsel (Marchantia). 9. Spermatozoid einer Cycadee 
(Zamia floridana). 10. Diagramm der ?/, Blattstellung. Die 
Blätter ihrer genetischen Aufeinanderfolge nach mit Zahlen 
versehen. II. Spore von Equisetum mit schraubigen Elateren. 
12. Euglena tripteris. 13. Phacus longicaudus. 14. Schrauben- 
gefäß von Impatiens balsamina. Vergrößerungen bei (I) 1500, 
(2) 2000, (4) 1000, (6) 460, (7) 300, (8) 400, (9) 140, (14) 120 
gezeichnet und dann verkleinert. Die Abb. 3, II, 12, 13 
stark vergrößert. Die Abb. 4, 9, IO frei nach Straßburger, 
ı2 und 13 frei nach France, die übrigen original. 


us 284 au: 


Drehungen und schraubiger Wuchs in der Pflanzenwelt viel häufiger 
vorkommen als man bisher angenommen hat. Er zeigt auch, daß 
diese Drehungen auf einen von vornherein asymmetrischen Bau 
zurückzuführen sind, der dann entweder von selbst oder infolge 
äußerer Kräfte die Drehung oder die Schraube bedingt. Diese 
asymmetrische Struktur spielt bei den Entfaltungsbewegungen der 
Pflanzenorgane eine große Rolle und liegt, wie Goebel mit 
Recht betont, den noch später zu erwähnenden Zirkumnutationen 
zugrunde (S. 233). Kurz nach Goethes. Tode eröffneten die glän- 
zenden Forschungen K.F. Schimpers und Alex. Brauns einen 
tiefen Einblick in die schraubige Anordnung der Blätter an den 
Laubsprossen und schufen damit eine neue Stütze für Goethes 
Ideen von der Spiraltendenz. 

Schon Caesalpin und Bonnet beobachteten, daß die Blätter 
am Stengel in bestimmter Weise angeordnet sind, aber erst K.F. 
Schimper und Alex. Braun blieb es vorbehalten, die gesetz- 


mäßige Verteilung der Blättter in allgemeiner, umfassender Weise 


darzutun. 

Die Blätter stehen am Stengelknoten entweder einzeln, zu 
zweien oder zu mehreren. Im ersteren Falle spricht‘ man von 
wechselständiger, im zweiten von gegenständiger und im letzten 
Falle von wirteliger Blattstellung. 

Die wechselständige Blattstellung zeigt uns die Blätter nicht 
regellos, sondern nach ganz bestimmten Gesetzen angeordnet. 
Man kann sich davon leicht überzeugen, wenn man die Anord- 
nung der Blätter an einem aufrechten Sproß mit allseitig ausge- 
breiteten Blättern in einem Grundriß schematisch einzeichnet, wie 
dies die Abb. 64 (10) versinnlicht. 

In diesem Diagramm entspricht jeder Kreis einem Stengel- 
knoten, an dem je ein Blatt befestigt ist. Bezeichnet "aan das 
Blatt, von dem man ausgeht, mit ı und die gegen den Stamm- 
scheitel folgenden mit 2, 3, 4, 5, 6 usw., so zeigt sich, daß das 
6. Blatt schon wieder über den ersten steht, und daß jedes Blatt 
von dem nächsten um ?/, des Stammumfanges entfernt ist. Dieser 
Winkel, der die Entfernung zweier unmittelbar aufeinander folgen- 
der Blätter angibt, heißt der Divergenzwinkel oder kurz die 
Divergenz. | 

Untersucht man in der freien Natur die Divergenzen verschiede- 
ner Pflanzen, so findet man, daß es deren sehr zahlreiche gibt, am 
häufigsten ‚aber die Reihe 1), 1, °/:®/. hs Zope 


nee ee ee Be 


PSeNEN| 285 RATES 


Sie stehen in einem sehr merkwürdigen Verhältnisse zu- 
einander; denn die Zähler und Nenner jedes dieser Brüche werden 
durch die Summierung der Zähler und Nenner der beiden vorher- 
gehenden gewonnen oder mit anderen Worten: die einzelnen 
Divergenzbrüche entsprechen den Partialwerten eines unendlichen 
Kettenbruches von der Formel 


Werden die Ansatzstellen der im Alter aufeinander folgen- 
den Blätter auf dem kürzesten Wege durch eine Linie miteinander 
verbunden, so erscheinen die Blätter in einer Schraubenlinie 
oder sog. Grundspirale angeordnet. 

Will man wissen, welche Blattstellung an einem Sproß vor- 
kommt, so geht man zweckmäßig von einem bestimmten Blatte 
aus, bezeichnet es mit Null und zählt der Grundspirale folgend, 
bis man zu dem genau über dem Null-Blatt stehenden Blatte ge- 
langt. Die Zahl der Blätter, die man auf diesem Wege begegnet, 
geben den Nenner und die Zahl der dabei vollführten Umläufe 
den Zähler des Divergenzbruches. Die genau übereinander stehen- 
den Blätter stehen in geraden Reihen, Orthostichen genannt. 
Bei !/, Stellung treten 2, bei 13 3 Orthostichen auf, der Nenner 
der Divergenz gibt also auch die Zahl der Orthostichen an. 

Stehen die Blätter sehr dicht nebeneinander, wie die Blätter 
der Hauswurz (Sempervivum), die Blüten der Sonnenrose oder 
die Schuppen des Tannen- oder Föhrenzapfens, so erscheinen 
anstatt der Orthostichen Schraubenlinien, die als Parastichen oder 
Schrägzeilen bezeichnet werden. 

Müssen wir die Ursachen der Schraube in letzter Linie in 
die Struktur der Pflanze und des Plasmas verlegen und damit 
auch zugeben, daß wir eine kausale Erklärung darüber nicht 
geben können, so ist es immerhin möglich, die Bedeutung der 
Spiralrichtung für die Pflanze festzustellen. In vielen Fällen 
bleibt auch dies ein Rätsel, in einigen läßt sich aber doch, ohne 
sich gewagten Spekulationen hinzugeben, der „Zweck“ ermessen. 

Daß die geometrische Anordnung der Bätter in einer 
Schraubenlinie, wie sie in der Hauptreihe der Blattstellung ver- 
wirklicht erscheint, es ermöglicht, unter möglichst geringem Auf- 
wand von Material den Stengel gleichmäßig zu belasten und die 


— 286 — 


Blätter günstigster Beleuchtung auszusetzen, leuchtet wohl ohne 
weiteres ein. Das durch die spiralige Stellung der Blätter am 
Stamme zustande kommende Blattmosaik läßt, namentlich von 
oben betrachtet, die überaus vorteilhafte Verteilung der Blätter, 
die gleichzeitig dem Beschauer einen A Genuß gewährt, 
mit einem Blick erkennen. 

Der Nutzen, den windende il durch das schraubige 
Umwachsen einer Stütze genießen (Fig. 65), liegt auf der Hand. 
Ihr schlaffer Stengel würde ohne Stütze am Boden 
verbleiben, so aber vermag er durch die Schrauben- 
bewegung sich an der Stütze emporzustrecken und 
dem günstigsten Lichte zuzuwenden. Oder wenn die 
Ranke des Weinstocks mit ihrer Spitze kreisende 
Bewegungen vollführt, wächst in hohem Grade die 
Wahrscheinlichkeit, eine Stütze zu erfassen. 

Die Zellhaut einer Pflanzenfaser, die aus 
schraubig angeordneten Fibrillen besteht, wird eine 
größere Festigkeit aufweisen, als eine mit geraden 
Fibrillen, ebenso wie ein gedrehtes Blatt fester sein 
wird als ein ebenso gebautes, aber gerades. 

Daneben gibt es eine Reihe von Fällen, wo.die 
Zweckmäßigkeit der Drehung nicht ohne weiteres 
einleuchtet. Dient z. B. die Einröllung der Schnecken- 
kleefrüchte der besseren Verbreitung oder der Ver- 
ringerung der Oberfläche, oder soll die Öffnung der 

Hülse erschwert werden, wer könnte heute diese 
ee Frage exakt beantworten? 
der Trichter- Im Jahre 1880 bescherte uns Charles Darwin 
winde, Ipomoca cin insbesondere die Pflanzenphysiologen inter- 
purpurea. R 
essierendes Werk: „Das Bewegungsvermäügen der 
Pflanze“!). Diesem Buche liegt eine Idee zugrunde, die die Spiral- 
linie in der Natur wieder von einer neuen Seite beleuchtet. 

Seit langem kennt man eine physiologische Gruppe von 
Pflanzen, die einen aufrechten Stab in einer Schraubenlinie um- 
wachsen und die man als windende bezeichnet. Der Windling, 
die Feuerbohne und der Hopfen gehören hierher. Das Ende des 
wachsenden Sprosses erscheint nach der Seite geneigt und wendet 
sich aus inneren, uns unbekannten Gründen, indem stets eine 


1) Ch. Darwin, The power of movement in plants. London 1880. Deutsche 
Übersetzung von J. V. Carus, Das Bewegungsvermögen der Pflanze. Stuttgart 1881. 


in A — 


De es A re he u ee 


ee A eher ee ee ee Zee ee. a Te 


Zn 287 = 


äußere, aber fortwährend wechselnde Kante stärker wächst als 
die ihr gegenüberliegende im Kreise, oder besser gesagt, weil die 
Spitze sich ja auch verlängert, in einer Schraubenlinie um die 
Stütze herum (Abb. 65). Die Mehrzahl der windenden Pflanzen 
windet nach links, die wenigsten nach rechts (Hopfen) oder bald 
nach rechts oder links. Man spricht von Linkswindern, wenn der 
Sproßgipfel sich im umgekehrten Sinne des Uhrzeigers bewegt, 
im entgegengesetzten Falle von Rechtswindern. 

In Darwins Denkweise spielte der Entwicklungsgedanke 
eine führende Rolle. So auch hier. Er fragte sich, wie ist es 
zu dieser für die windenden Pflanzen so nützlichen, von ihm als 
Zirkumnutation genannten Bewegung gekommen? Trat sie plötz- 
lich in dieser Gruppe von Gewächsen auf oder ist sie nicht viel- 
leicht bei den anderen nicht windenden Pflanzen auch, wenngleich 
mehr versteckt und verschleiert, vorhanden ? Diese Frage wird 
auf Grund zahlreicher und umfassender Versuche von Darwin 
bejaht. Nach ihm zirkumnutiert jeder wachsende Pflanzenteil 
beständig, wenn auch im geringen Maße. Die Wurzel, 
der Stengel und das Blatt vollführen beständig 
kreisende oder schraubige Bewegungen. Gewöhnlich 
sind sie so klein, daß es feinerer Beobachtung bedarf, um sie 
wahrzunehmen. 

Wenn man z. B. an der Spitze eines Kohlkeimlings einen 
Glasfaden schief anklebt und die mit Lack geschwärzte Spitze 
dieses Zeigers, der nun die Bewegung des Stengelchens ziemlich 
vergrößert wiedergibt, beobachtet, auf einer über den Keimling 
horizontal befestigten Glasplatte die jeweilige Lage der Zeiger- 
spitze durch Tuschepunkte markiert und die aufeinander folgen- 
den Punkte durch gerade Linien verbindet, so läßt sich aus dem 
so gewonnenen Diagramm (Fig. 66) erkennen, daß die Stengel- 
spitze unregelmäßige Kreise, Ellipsen oder Spiralen beschreibt, 
also im Sinne von Darwin zirkumnutiert. So wie sich der 
Stengel dieses Kohlkeimlings verhält, so verhält sich jedes 
wachsende Organ. Stellt man sich diese Bewegung an den 
Tausenden von Sprossen, Blättern und Wurzelspitzen eines großen 
Baumes im vergrößerten Maßstab und daher in stärkerer Ge- 
schwindigkeit vor, etwa im Geiste gesehen durch das Mikroskop, 
so gewährt uns ein solcher Baum ein höchst interessantes Bild, 
das weit entfernt ist von jener Ruhe und Starrheit, die der Laie 
der Pflanze im allgemeinen zuzuschreiben geneigt ist. 


— 283 — 


Die Zirkumnutation faßt Darwin als eine der Pflanze in- 
härente Urbewegung auf, von der die anderen als Tropismen und 
Nastien bekannten Bewegungen sich ableiten und durch Modi- 
fikation entstanden sind. 

Schon ein Jahr nach dem Erscheinen von Darwins Werk 
erschien eine kritische Studie Wiesners!), in dem er sich unter 
anderem gegen Darwins Ansicht von der allgemeinen Verbreitung 
der Zirkumnutation als Urbewegung im Pflanzenreiche wendete. 
Nach Wiesner ist, abgesehen von den windenden Pflanzen, die 
von Darwin als 
Zirkumnutation auf- 
gefaßte Bewegung 
eigentlich keine krei- 
sende, sondern eine 
ganz unregelmäßige, 
durch Störungen 
im Längenwachstum 
oder durch kombi- 
nierte . Bewegungen 
verschiedener Art 
hervorgerufen. Essei 
von vornherein nicht 
sehr wahrscheinlich, 
daß die Stamm- oder 
Fig. 66. Quercus (Amerikanische Sp.): Zirkumnutation Wurzelspitze mit 
eines jungen Stammes, an einer horizontalen Glasplatte von mathematischer Ge- 


12,50 p. m., 22. Febr., bis 12,50 p. m., am 24., aufge- nauigkeit in einer 
zeichnet. Bewegung des Lacktropfens zuerst bedeutend, gegen 


Greraden wachse, son- 
dern viel wahrschein- 
licher,daßsieunregel- 
mäßig im Raume um- 
hertaumele, da sich ja das Wachstum eines solchen Organes aus ver- 
schieden großen und eigenartig gebauten Zellen zusammensetzt, 
die, weil fest miteinander verwachsen, beim Wachstum Spannungen 
hervorrufen. Diese werden ruckweise ausgelöst und führen zu 
unregelmäßigen Bewegungen. Auch durch kombinierte Wirkung 
von zwei spontanen und durch äußere Kräfte hervorgerufene 
Bewegungen kann nach Wiesner Zirkumnutation vorgetäuscht 
werden. In vielen Fällen mag die Zirkumnutation, wie Wiesner 


das Ende der Beobachtung nur unbedeutend, im Mittel un- 
gefähr 1omal vergrößert. Nach Darwin. 


!) J. Wiesner, Das Bewegungsvermögen der Pflanzen. Wien 1881. 


— 289 — 


es sich denkt, zustande kommen, und seine Versuche haben cs 
wohl sehr zweifelhaft gemacht, daß die Zirkumnutation eine 
allgemein verbreitete Urbewegung ist. Er hat aber meiner Mei- 
nung nach auch über das Ziel geschossen, wenn er die Zirkum- 
nutation im Sinne Darwins nur den windenden Pflanzen zuschreibt 
und anderen Organen überhaupt nicht. 


Ist es doch bekannt, daß die Ranken vieler Gewächse (Wein- 
stock usw.) echte Zirkumnutation zeigen und habe ich mich doch 
wiederholt überzeugt, daß auch die kreisenden Bewegungen der 
Keimstengel mancher Pflanzen, die in der Natur keine Stütze um- 
fassen und einen geraden Stamm entwickeln, wie z. B. die Sonnen- 
rose, so auffallend sind, daß man sie nicht gut auf bloße Störungen 
des Wachstums zurückführen kann. 


Ob die verschiedenen Bewegungen der Pflanze sich aus der 
Zirkumnutation entwickelt haben, was Darwin behauptet, Wiesner 
aber entschieden bestreitet, soll hier nicht erörtert werden; hier 
sei nur betont, daß die Zirkumnutation, d.h. das Wachstum in einer 
Schraubenlinie im Pflanzenreiche, wenn auch nicht allgemein ver- 
breitet, so doch recht häufig ist. 


So sehen wir denn, daß die Schraube in der Natur tatsächlich 
von den niedersten bis zu den höchsten Gewächsen in der ver- 
schiedensten Art verwirklicht ist. 


Wenn die Geißel einer Bakterie einer Schiffsschraube 
gleich um ihre Achse wirbelt und der Bakterie das Schwimmen 
ermöglicht; wenn die Wimpern eines Gingko-Spermatozoids in 
einer Spirale befestigt erscheinen und eine Schwimmbewegung 
veranlassen; wenn in einer Bastzelle die Zelluloseteilchen der 
Wand in Schraubenlinien angeordnet wurden und dadurch die 
schief verlaufende Streifung veranlassen oder der Hopfen- 
stengel um seine Stütze windet — — immer tritt uns die 
Schraubenlinie in eigenartiger, wechselnder Form von neuem 
entgegen. 

Und so wie die Drehung der Polarisationsebene des Licht- 
strahles durch die Natur und den Bau des Kristalls begründet 
ist, so liegt auch die letzte Ursache all der erwähnten Schrauben 
in der Konstitution der lebenden Substanz und nicht in äußeren 
Verhältnissen. 


Der Goethesche Gedanke von einer Tendenz im Sinne 


eines Strebens zur Spirale kann allerdings nicht angenommen 
Molisch, Populäre biologische Vorträge. 2. Aufl. 18) 


werden, aber sein Hinweis auf das häufige “Vorkommen der 
Spirale in der Vegetation im Sinne einer bestimmten Richtung 
hat in der weiteren Entwicklung der Botanik und durch Dar- 
wins Werk über das Bewegungsvermögen der Pflanze eine 
vielfache Erweiterung erfahren. Und so hat sich wieder gezeigt, 
daß der gottbegnadete Dichter hier noch kurz vor seinem Tode 
seinen Blick auf eine Erscheinung des Pflanzenreichs gelenkt 
hat, die die Botanik noch weiter beschäftigt hat und auch noch 
ferner beschäftigen wird. 


ER. 
Das lebende Reagens’). 


Das Lebewesen, gleichgültig ob Pflanze oder Tier, 
steht als Chemiker noch immer unerreicht da. Daher 
dürfen wir uns nicht wundern, wenn die Organismen, 
als lebende Reagentien verwendet, oft empfindlicher 
reagieren als die leblosen Stoffe der Chemie. 


Ein Rückblick auf die Geschichte der Naturwissenschaften 
lehrt, daß die Forschung zwar unaufhaltsam, aber im allgemeinen 
langsam vorschreitet. Zwar scheint es oft, als ob die Entdeckungen 
Schlag auf Schlag kämen und sich zu gewissen Zeiten häufen 
würden, allein wenn man die geschichtliche Entwicklung einer 
bestimmten Frage für sich betrachtet, so sieht man alsbald, daß 
die Wissenschaft nicht rennt, sondern kriecht. Ihr Fortschritt be- 
ruht hauptsächlich auf guten Hypothesen, Theorien, auf neuen 
Entdeckungen und nicht zuletzt auf neuen Methoden. Die exakten 
Wissenschaften, allen voran die Astronomie, Physik und Chemie 
haben uns im Laufe der Zeit eine so fein ausgearbeitete Methodik 
beschert, daß wir ihr unsere Bewunderung nicht versagen können. 
So, wenn der Physiker uns mit Hilfe der Spektralanalyse lehrt, 
daß die meisten irdischen Elemente auch in der Sonne vorkommen, 
oder wenn er die Temperatur der Sonne, die Lichtgeschwindigkeit, 
die Wellenlänge für Rot, Grün oder Blau mißt oder wenn er 
mit Hilfe elektrischer Wellen drahtlos seine Gedanken mit den 
Antipoden tauscht. So, wenn der Chemiker die stoffliche Zu- 
sammensetzung der Körper bis in die feinsten Einzelheiten er- 
kennt oder wenn er, über das Sichtbare hinaus, die Zahl der 
Atome im Molekel, ihre gegenseitige Bindung, ja sogar ihre 
Stellung im Raume erschließt. Oder wenn er, dem Beispiele 
Wöhlers folgend, organische Substanzen, die das Lebewesen 
erzeugt, aus anorganischen Stoffen aufbaut und Körper wie Indigo, 

!) Vortrag gehalten in der dtatutenmäßigen Jahressitzung der Akademie der 


Wissenschaften in Wien am I. Juni 1921. 


19* 


— 292 — 


Alizarin, Kautschuk, Alkaloide, Flechtenfarbstoffe, Gerbstoffe und 
als Krone des Ganzen die Vorstufen des Eiweißes, die Polypeptide, 
im Glase darstellt. 

Die Glanzleistungen eines Emil Fischer lassen die Hoffnung 
aufkommen, daß selbst die Synthese der Eiweißkörper nur eine 
Frage der Zeit ist, also jener Körper, von denen wir annehmen, 
daß sie einen wesentlichen Teil der lebendigen Substanz aus- 
machen. 

Das modern eingerichtete Laboratorium des Chemikers mit 
seinen verschiedenen Hilfsmitteln und Leistungen flößt uns Be- 
wunderung ein, aber selbst wenn es von dem Geiste eines 
Lavoisier oder Liebig in Bewegung gesetzt und geleitet würde, 
steht es doch weit zurück hinter dem Laboratorium, das uns das 
Lebewesen verkörpert, gleichgültig ob Pflanze, Tier oder Mensch. 

Was der Chemiker oft nur mit Gewaltmitteln, mit starken 
Säuren, Alkalien, unter hohem Druck, bei hoher Temperatur und 
auf mannigfachen Umwegen mühsam zustande bringt, das voll- 
führt ‘das Lebewesen gleich einem Zauberer in verblüffend ein- 
facher Weise. So wird es verständlich, wenn die Physiologie 
uns von Tag zu Tag neue Beweise schafft, daß das Lebewesen 
der Chemie ein wertvoller Helfer geworden ist, dadurch, daß der 
Biologe die Pflanze und das Tier als Mittel zum Nachweis oder 
zur Erzeugung von Stoffen benützt. Es ist keine Übertreibung, 
sondern eine leicht zu beweisende Tatsache, daß die biologische 
Methode in: der chemischen Analyse häufig mit den besten ge- 
wöhnlichen chemischen und physikalischen nicht nur zu wetteifern 
vermag, sondern sie nicht selten an Genauigkeit und Empfindlich- 
keit sogar übertrifft. An Beispielen ist kein Mangel. 

Jede grüne Pflanze zerlegt im Sonnenlichte Kohlensäure, 
bildet daraus organische Substanz, Zucker, Stärke und scheidet 
dabei Sauerstoff aus. Macht man den Versuch mit einer Hand- 
voll Wasserpflanzen in kohlensäurehaltigem Wasser, so sieht man 
die entbundenen Sauerstoffblasen mit freiem Auge aus den Pflanzen 
herausperlen. Man kann das Gas auffangen und einen glimmen- 
den Span darin entzünden. Wenn wir aber den von einer einzigen 
Zelle im Lichte entbundenen Sauerstoff nachweisen wollen, dann 
reichen selbst die besten chemischen Sauerstoffreaktionen nicht 
aus, den aus der Zelle hervorspringenden Sauerstoff zu ‚erkennen. 

Engelmann aber hat uns einen biologischen Weg gewiesen, 
der uns den Nachweis so fabelhaft kleiner Sauerstoffmengen, wie 


Da 45 We 


sie eine einzige grüne Zelle, ja sogar ein einziges Chlorophylikorn 
im Sonnenlichte erzeugt, ermöglicht. Er erinnerte sich, daß es 
bewegliche Bakterien gibt, die mit der merkwürdigen Fähigkeit 
ausgestattet sind, zwischen sauerstoffreichen und sauerstoffarmen 
Orten zu unterscheiden. Erzeugt man unterm Deckglas in einem 
Bakterientropfen ein mikroskopisch kleines Luftbläschen, so sam- 
meln sich die früher gleichmäßig zerstreuten Bakterien alsbald 
um das Bläschen in so dichten Massen an, daß man die 
Ansammlung oft schon mit freiem Auge wahrnimmt. Sobald die 
Bakterien den in der Luftblase vorhandenen Sauerstoff veratmet 
haben, verlassen sie sie und 
schwimmen wieder zu sauer- 
stoffreicheren Orten. Ver- 
wendet man in demselben 
Versuch anstatt des Luft- 
bläschens eine lebende 
chlorophylihaltige Zelle, so 
wandern die Bakterien, so- 
bald die Zelle belichtet wird, 
sofort zu ihr, weil sie im 
Lichte Sauerstoff entbindet 


\ ; : Fig. 67. Cocconema sp., eine Kieselalge, 
(Fig. 67). Wird die Zelle entwickelt im Lichte Sauerstoff und dieser lockt 


schwimmendeBakterien (Spirillum Undula) in großer 


verfinstert, so hört die Sauer- 
Menge an. (Vergr. 300.) 


stofferzeugung auf und die 

Bakterien zerstreuen sich. „Die Empfindlichkeit des Reagens“, sagt 
Engelmann, „ist so groß, daß Sauerstoffmengen von zuverlässig 
weit weniger als einem Hundertbillionstel Milligramm noch bequem 
nachgewiesen werden können, Es ist selbst nicht unwahrschein- 
lich, daß die kleinsten mit Sicherheit nachweisbaren Sauerstoff- 
mengen innerhalb der Grenzen liegen, welche die theoretische 
Physik auf verschiedenen Wegen für das Gewicht des Sauerstoff- 
moleküls zu berechnen gestattet“ (S. 441). 

Annähernd von derselben Feinheit für den biologischen Nach- 
weis geringer Sauerstoffspuren sind die Leuchtbakterien. Sie 
haben als die einzigen unter den Bakterien die Fähigkeit, Licht 
zu entwickeln, jedoch nur bei Gegenwart von Wasser und Sauer- 
stoff. Schon die geringsten Mengen dieses Gases genügen, wie 
insbesondere die Versuche Beijerincks und Molischs bewiesen 
haben, dazu. Füllt man in eine etwa ı m lange, unten geschlossene 
Glasröhre eine Nährlösung mit Leuchtbakterien, so erscheint die 


— 294 ,— 


ganze Flüssigkeitssäule in der Dunkelkammer leuchtend. Einige 
Zeit darauf erlischt das licht, da die Bakterien den in der Flüssig- 
keit gelösten Sauerstoff veratmen. Kehrt man die Röhre nun 
um und sorgt man dafür, daß ein kleines Luftbläschen, sich auf- 
wärts bewegend, die Bakterien wieder mit Sauerstoff versorgt, so - 
beginnt die ganze Flüssigkeit wieder zu leuchten; man glaubt, 
während die Luftblase sich erhebt, eine im Finstern ans auf- 
steigende Rakete zu sehen. 

Oder wenn man eine Glasröhre mit leuchtender Bakterien- 
bouillon füllt, etwas von dem Grereibsel, das man durch Zerquetschen 
eines frischen Kleeblattes mit Wasser erhält, hinzufügt und in der 
Dunkelkammer stehen läßt, o erlischt gleichfalls die anfangs 
leuchtende Flüssigkeitssäule. Zündet man jetzt ein Zündhölz- 
chen an, so beginnen die in der Röhre vorhandenen noch unver- 
sehrten Chlorophylikörner im Licht sofort Sauerstoff zu entbinden 
und dieser freigewordene Sauerstoff, obwohl nur in Spuren vor- 
handen, genügt, um die Leuchtbakterien wieder zur Licht- 
entwicklung zu befähigen. 

An die Seite dieser Beispiele darf auch der biologische Nach- 
weis des Arsens gestellt werden. Gewisse Schimmelpilze und 
Spaltpilze haben, wenn sie auf einer Unterlage wachsen, die ar- 
senige Säure, Arsensäure oder deren Alkalisalze und ein freies 
Kohlehydrat enthält, die auffallende Fähigkeit, nach Knoblauch 
riechende Gase zu entwickeln, darunter eine organische Verbin- 
dung, die sich als Diäthylarsin As H (C,H,), entpuppt hat. 

Gosio hat sich mit Vorteil der Schimmelpilze Penicillium 
crustaceum, Aspergillus glaucus und Mucor mucedo bedient, spätere 
Beobachter erkannten in dem Penicillium brevicaule eine für. den 
Arsennachweis besonders geeignete Art. Zieht man diesen Pilz 
auf Brotscheiben und bringt man in den üppig wachsenden Pilz- | 
rasen ein kleines Stückchen einer arsenhaltigen Tapete, so gibt 
sich schon nach einigen Stunden, spätestens am nächsten Tage, 
ein deutlicher Knoblauchgeruch kund. Diese Probe ist empfind- 
licher als alle anderen Arsenproben, sie gibt noch sichere Ergeb- 
nisse, wo andere im Stich lassen, und läßt noch 0,0001 mg Arsen 
erkennen. 

“In mehrfacher Richtung von großem Interesse sind jene Er- 
scheinungen, die der Botaniker v. Nägeli entdeckte und die er 
als oligodynamische bezeichnete. Wird ein Stück blankes Kupfer 
in ein Glas Wasser, das die lebende Alge Spirogyra enthält, 


gelegt, so stirbt die Alge in kurzer Zeit ab. Diese höchst auffallende 
Tatsache brachte den genannten Forscher auf den Gedanken, nach 
einer noch unbekannten Kraft zu suchen, die vielleicht hier im 
Spiele sein könnte, allein eine planmäßige Verfolgung der in 
Betracht kommenden Umstände führte schließlich zu einer voll- 
ständig befriedigenden Erklärung. Das in reines Wasser, welches 
etwas Sauerstoff und Kohlensäure enthält, gelegte Kupferstück 
ist nicht, wie man erwarten möchte, völlig unlöslich, sondern löst 
sich in außerordentlich kleinen Spuren. Kupfermolekel trennen 
sich von dem Kupferstück ab, wandern in das Wasser, in die 
Alge, endlich zur Glaswand, werden hier festgehalten, und dieser 
Vorgang dauert so lange, bis eine gewisse Sättigung eingetreten 
ist. Die Kupfermengen, um die es sich hier handelt und die die Alge 
töten, sind außerordentlich klein; schon ein Teil Kupfer in 1000 
Millionen Teilen Wasser schadet oder tötet. 

Wie groß die Empfindlichkeit der lebenden Zelle gegen 
Spuren von Kupfer ist, geht wohl schlagend daraus hervor, daß 
ein Glas, in dem eine Kupfermünze einige Zeit lag, seine Gift- 
wirkung noch beibehält, weil Spuren von Kupfer an der Glasfläche 
haften bleiben, die sich dann ablösen und in die Zelle eindringen. 

Nägelis Befunde sind später nicht nur für Kupfer, sondern 
auch für verschiedene andere Metallspuren wie Quecksilber, Silber 
und Blei, sowie für Pflanzen verschiedener Art nachgewiesen worden, 
und ich selbst konnte mich überzeugen, daß Algen bei Kultur in 
Nickelgefäßen sich nicht entwickeln, weil Spuren von Nickel in 
Lösung gehen und die Zellen töten. 

Pasteur gebührt das Verdienst, als erster die biologische 
Methode zur Sonderung schwer trennbarer isomerer Verbindungen 
eingeführt zu haben. Die Weinsäure existiert bekanntlich in vier 
Abarten, von denen die Rechts- und Linksweinsäure optisch aktiv, 
die Traubensäure und Mesoweinsäure aber optisch inaktiv sind. 
Die Traubensäure entsteht unter anderem durch Vermischen von 
Rechts- und Linksweinsäure und kann, wie Pasteur gezeigt hat, 
durch die vegetative Tätigkeit des Pinselschimmels Penicillium glau- 
cum wieder optisch aktiv und gespalten werden, weil der Pilz 
hauptsächlich die Rechtsweinsäure als Nahrung verbraucht, assi- 
miliert, dadurch zum Verschwinden bringt und die Linksweinsäure 
übrig: läßt. 

Auch von der Milchsäure gibt es isomere Formen, die in ihrem 
chemischen Verhalten vollständig übereinstimmen, sich physikalisch 


zen 296 BER 


sehr ähneln, aber optisch unterscheiden: die Rechts- und die Links- 
milchsäure, die die Polarisationsebene ihrem Namen entsprechend 
drehen, und die aus diesen beiden bestehende optisch inaktive 
Gärungsmilchsäure. Penicillium assimiliert, wenn ihm diese geboten 
wird, die Linksmilchsäure und läßt die Rechtsmilchsäure zurück: 
gewisse Bakterien machen es 
umgekehrt. 

Spätere Untersuchungen ver- 
schiedener Forscher zeigten, daß 
nicht bloß Penicillium, sondern 
auch Aspergillus niger und A. 
flavus die Rechtsform der Wein- 
säure mehr angreifen als die 
Linksform und inzwischen wurde 
das ‚biologische Verfahren der 
Spaltung auch für zahlreiche 
andere organische Stoffe mit 
Erfolg benützt, und zwar nicht 
bloß mit Schimmelpilzen, son- 
dern auch mit Hefe- und Spalt- 
pilzen. Die bakteriologische Me- 
thode spielt überhaupt bereits 
eine sehr bedeutungsvolle Rolle 
in der Chemie, wie aus Ome- 
lianskys Schrift deutlich her- 
vorgeht. 

Eine ganz überraschende 
Empfindlichkeit bekundet die 


Fig. 68. Einfluß des Tabakrauches 
auf Bohnenkeimlinge. ( Phaseolus 
vulgaris.) Rechts in reiner Luft; links in 
Luft, der am Beginn des Versuches einmal 


Tabakrauch (3 Zigarettenzüge pro 41% Liter 
Luft) beigemischt wurde. Versuchsdauer II 
Tage. Man beachte die Längen- und Dicken- 
unterschiede der Stengel und die Längen- 
unterschiede der Wurzeln. Der Versuch er- 
folgte bei Abschluß von Licht. 


Pflanze gegenüber Tabakrauch. 
Er übt auf viele Pflanzen einen 
höchst auffallenden schädigen- 
den Einfluß aus. Keimlinge der 


Wicke, Erbse, Bohne, des Kürbis 
und anderer (rewächse nehmen im Tabakrauch ein abnormes Aus- 
sehen an (Fig. 68). Wickenkeimlinge geben darin bei Lichtabschluß 
ihre normale Wachstumsrichtung auf, ihre Stengel wachsen hori- 
zontal oder schief, bleiben kurz, verdicken sich aber bedeutend. 

Die Versuche wurden in der Weise ausgeführt, daß zu den 
unter einer Glasglocke befindlichen Keimlingen (Wasserkulturen) 
einmal etwa drei Züge Tabakrauch eingeblasen wurden. Es genügt 


— 297 — 


auch ein einziger. Ja, noch mehr! Wenn man die Glocke mit 
einer Tabakrauchwolke füllt, mit Wasser absperrt, einen halben 
Tag stehen läßt, dann die Glocke mit reiner Luft füllt und nun 
über die Keimlinge der Wicke stülpt, so genügen die Abdun- 
stungen der auf der inneren Oberfläche des (Glases befindlichen, 
flüchtigen Kondensationsprodukte des Rauches, um den ge- 
schilderten Einfluß in zwar schwacher, aber doch noch deutlich 
merkbarer Form hervorzurufen. 

Aber nicht nur Keimpflanzen, sondern auch viele erwachsene 
Pflanzen werden vom Tabakrauch bedeutend geschädigt. Die krank- 
hafte Entwicklung äußert sich in Verkrümmungen der Blätter, den 
Wucherungen der Rindenporen, in dem oft schon nach 2—3 Tagen 
eintretenden Laubfall und der verminderten Ausbildung des roten 
Farbstoffs. 

Mikroorganismen antworten auf Tabakrauch noch viel auf- 
fallender als höhere Pflanzen, denn Bakterien, Amöben, Flagel- 
laten und Infusorien werden nicht bloß geschädigt, sondern häufig 
schon nach verhältnismäßig kurzer Zeit getötet. Empfindliche 
Amöben sterben schon nach einer halben Stunde, manche Bak- 
terien nach einer Stunde. Die auffallende, vielleicht narkotisierende 
Wirkung des Tabakrauchs läßt sich in besonders auffälliger Weise 
durch folgenden Versuch mit Leuchtbakterien veranschaulichen. 
Ein auf Filtrierpapier ausgebreiteter Tropfen von Leuchtbouillon 
mit Pseudomonas lucifera erlischt, in Tabakrauch gebracht, binnen 
einer 1/,—ı Minute, leuchtet aber gleich darauf, in reines Meer- 
wasser gebracht, nach zwei Minuten wieder auf. Mit der schäd- 
lichen Wirkung des Tabakrauchs hängen auch die bösen Erfah- 
rungen zusammen, die man mit der Kultur von Pflanzen in ver- 
unreinigter Luft, besonders in der sogenannten „Laboratoriumsluft“ 
gemacht hat. (Richter.) 

Die darin als Verunreinigung vorkommenden Gase und Dämpfe, 
wie Spuren von Leuchtgas und verschiedenen Chemikalien, wirken 
ganz ähnlich wie Tabakrauch, und die darüber gemachten Erfah- 
rungen machen es dem Pflanzenphysiologen zur gebieterischen 
Pflicht, seine Versuche in möglichst reiner Luft zu machen, um 
sich vor Irrtümern zu bewahren. Darauf wurde in früherer Zeit 
viel zu wenig geachtet, weil man die Empfindlichkeit des leben- 
den Reagens stark unterschätzt hat. 

Indes nicht nur die Botaniker, auch die Tierphysiologen, 
Pharmakologen und Ärzte machen bereits vielfach Gebrauch von 


— 298 — 


dem biologischen Verfahren, und es ist keinem Zweifel unter- 
worfen, daß das lebende Reagens in den einschlägigen Wissens- 
zweigen in Zukunft noch eine viel bedeutendere Rolle spielen 
wird als jetzt. Fühner hat in einem wertvollen Buche die ein- 
schlägigen Erfahrungen insbesondere darüber, wie das Tier und 
sogar der Mensch als Versuchsobjekt zum Nachweis von Giften 
herangezogen werden kann, gesammelt, bereichert und die Brauch- 
barkeit der biologischen Methode auf diesem Gebiete dargetan. 
Für gewisse Pflanzenstoffe kennen wir überhaupt keine 
chemischen Nachweise; hier setzt das biologische Verfahren mit 
Erfolg ein. Solche Körper sind: das in den Samen von Ricinus 
communis vorkommende höchst giftige Ricin, das in den Pater- 
nostersamen (Abrus precatorius) befindliche Abrin, das Crotin der 
Crotonsamen und das Robin in der Rinde der falschen Akazie. 
Alle haben das Vermögen, die Blutkörperchen bestimmter Tiere 
zu agglutinieren, das heißt zu verkleben oder zusammenzuballen. 
Nach Stillmark wird durch Ricin Kaninchenblut in einer Kon- 
zentration von 1:40000 vollständig, in einer Verdünnung von 
ı:160000 nur noch wenig, Meerschweinchenblut in einer Kon- 
zentration von 1:160000 völlig und in einer von 1:600000 noch 
schwach zusammengeballt.e. Die genannten Gifte zeigen unter- 
einander abgestufte oder besondere Unterschiede, indem sie sich - 
entweder durch die Stärke der Agglutinationswirkung unter- 
scheiden oder nur auf das Blut bestimmter Tiere wirken. 
Manche Gifte rufen Hämolyse der Blutkörperchen hervor, 
das heißt sie verursachen das Austreten des Blutfarbstoffs aus den 
Blutzellen, und diese Erscheinung kann zur Erkennung gewisser 
Blutgifte herangezogen werden. Sie eignet sich besonders zum 
Nachweis der Saponine. Wird die hämolytische Methode unter 
dem Mikroskop ausgeführt, so genügen natürlich schon außer- 
ordentlich kleine Mengen von Saponin zur Hämolyse; gibt die 
Probe ein positives Ergebnis, dann ist zur weiteren Kennzeichnung 
als Saponin seine Entgiftung durch Cholesterin festzustellen. 
Santonin, der wirksame Stoff einer Artemisiaart, der „flores 
cinae“, vertreibt die Spulwürmer aus dem Darm des Menschen, ohne 
die Würmer zu töten. Eines der gebräuchlichsten Bandwurmmittel 
ist ein Auszug aus dem Wurzelstock des Wurmfarns (Aspidium filix 
mas), und zu seiner Wertbestimmung kann mit Vorteil der leicht be- 
schaffbare Regenwurm verwendet werden. Er stirbt schon nach 6 


/ 


bis 8 Stunden, auch wenn ihm nur !/,, mg Filixsäure eingespritzt wird. 


Granz besonders charakteristisch erscheint das Vergiftungsbild, 
das der Frosch nach Vergiftung mit dem zentral erregenden 
Strychnin, Pikrotoxin und Nikotin darbietet. 

Wird der Frosch mit Strychnin vergiftet, so streckt er in- 
folge hervorgerufener Krämpfe seine Hinterbeine gerade in der 
Richtung seiner Längsachse aus. (Fig. 69.) 

Erfolgt die Vergiftung durch Pikrotoxin, so streckt der 
Frosch Vorder- und Hinterbeine mehr oder minder senkrecht zur 
Längsachse von sich. Das Tier stützt sich nicht 
mehr auf seine Vorderbeine und hält seine Hinter- 
„beine vornehmlich in Beugestellung. (Fig. 70.) 


Vergiftet man durch Einspritzung mit Nikotin- 
lösung, so zieht der Frosch schon nach wenigen 
Minuten in sitzender Stellung die Hinterbeine über 
den Rücken in die Höhe, wobei er die Fersen ein- 
ander manchmal bis zur Berührung nähert und die 
Hinterbeine sogar über dem Rücken kreuzt. Keinem 
anderen nahestehenden Gifte kommt eine solche 
Wirkung zu: (Fig. 71.) 

Hier gibt uns das biologische Verfahren durch 
die charakteristischen Stellungen des Frosches Er- 
kennungsmittel für Gifte an die Hand, die selbst- 
verständlich den leblosen Reagentien versagt sind. 


Zahlreiche ähnliche Beispiele könnten noch an- 
geführt werden: So das biologische Verfahren zur _ x 
Wertbestimmung der Digitalisblätter und Digitalis- rn 
präparate am Froschherzen, der Nachweis des über- stellung. Nach 
aus giftigen Aconitins durch Hervorrufung von Herz- ur 

.krämpfen beim Frosche, durch Verkürzung und Starre des Muskels 
und vieles andere. 


Im Grunde genommen beruht ja die ganze Arzneimittellehre 
und die experimentelle Pharmakologie im weitesten Sinne auf 
Reaktionen der Lebewesen gegenüber gewissen Stoffen. Ja, die 
alltägliche Erfahrung bringt es uns gar nicht mehr so recht zum 
Bewußtsein, daß wir selbst auf Schritt und Tritt als lebende Rea- 
gentien wirken. Werden uns doch oft gerade die wichtigsten und 
charakteristischen Eigenschaften der Körper erst bekannt, wenn 
wir sie am eigenen Leibe prüfen. Erst mit Hilfe unseres Ge- 
schmacksinnes stellen wir fest, daß der Zucker, das Glyzerin und 


das Saccharin süß, der Essig sauer, das Strychnin bitter und das 
Kochsalz salzig schmeckt. Der Geruchsinn belehrt uns, daß die 
Rose nach Rosenöl, der Waldmeister nach Cumarin und die Va- 
nillefrucht nach Vanillin 
duftet. 

Der Naturmensch 
hat seine Umgebung, 
die Steine, Pflanzen 
und Tiere mit einem 
förmlichen Raffinement 
mit Hilfe seiner Sinne 
untersucht und so unse- 
re wichtigsten und er- 
probtesten Arzneimittel, 

Rio. 707° Erosch, Pikrotoxinstellung. Gifte und Nahrungs- 

; A mittel entdeckt. Hier 

kam die biologische Methode in ihrer ursprünglichsten Form zu 

allgemeiner Anwendung. Die Umwelt war das Agens, der Mensch 
als Lebewesen das Reagens. 

Einen wahren Triumph feier- 
te das biologische Verfahren auf 
dem (Grebiete der Immunitäts- 
forschung, denn sie beruht in 
letzter Linie auf der prompten 
Reaktion des Lebewesens auf die 
Einführung gewisser Gifte. 

Wird einem für ein Bakterien- 
gift empfänglichen Säugetier eine 
kleine‘ Menge des Giftes (Toxin) 
in die Blutbahn eingespritzt, so- 
erzeugt es ein Gegengift (Anti- 
toxin), und wenn die Impfung 
Fig. 71. Frosch, Nikotinstellung. mehrmals wiederholt wird, so 

Nach Fühner. vermag das Tier schließlich 
Giftmengen schadlos zu ertragen, die am Beginne des Ver- 
suchs tödlich gewesen wären. Das Tier wird auf diese Weise 
künstlich immunisiert. Die Einführung eines pflanzlichen oder 
tierischen körperfremden Stoffes ruft überhaupt die Bildung 
spezifischer Reaktionsprodukte hervor, die derzeit chemisch 
nicht definierbar und vorläufig als Antikörper bezeichnet werden. 


Dazu gehören die Antitoxine, Hämolysine, Agglutinine, Präzi- 
pitine u. a. 

Von besonderer Bedeutung für die Erkennung der Verwandt- 
schaft von Pflanzen und Tieren sind die Präzipitine geworden. 
Wird das Eiweiß einer Pflanze, zum Beispiel einer Erbse, in die 
Blutbahn eines Kaninchens eingeführt, so erhält nach wieder- 
holter Einspritzung das Serum dieses Blutes die besondere Eigen- 
schaft, nur mit dem Erbseneiweiß und seinen nächsten Verwandten, 
den Leguminosen, einen Niederschlag (Präzipitin) zu geben, nicht 
aber mit den im System fernstehenden Pflanzen, den Gräsern. 
Besonders haben Magnus, Friedenthal, Mez und seine 
Schüler die biologische Verwandtschaftsreaktion in den Dienst der 
phylogenetischen Forschung gestellt und man kann wohl, unter 
der Voraussetzung, daß die mit dem neuen Verfahren verbundenen 
Fehlerquellen sorgfältig berücksichtigt werden, jetzt schon sagen, 
daß der serumdiagnostische Versuch bei der Feststellung der Ver- 
wandtschaft der Pflanzen gute Dienste geleistet hat und leisten 
wird, insbesondere auch da, wo die Morphologie infolge von An- 
passung der Gewächse an sehr verschiedene Lebensbedingungen 
oder infolge ‘von Konvergenz bei der Erkennung der Verwandt- 
schaft im Stiche läßt. 

Dasselbe gilt auch vom Tierreich. Auf diesem (rebiete hat 
Uhlenhuth die ersten grundlegenden Versuche gemacht, indem 
er zunächst einen spezifischen Nachweis von Eiereiweiß auf bio- 
logischem Wege erbrachte. Spritzt man Hühnereiereiweiß in die 
Bauchhöhle eines Kaninchens ein, so bilden sich in dem Serum des 
Tieres Stoffe, die bei Zusatz zu Hühnereiereiweiß eine Trübung 
oder einen Niederschlag erzeugen. Diese Reaktion tritt nur mit 
Eieralbumin ein, nicht aber mit den zahlreichen anderen geprüften 
Eiweißarten. Selbst bei einer so großen Verdünnung von ı g 
Eiweiß auf ıoo Liter Wasser fällt die Probe noch positiv aus, 
während die gebräuchlichen chemischen Eiweißreaktionen bei 
einer Verdünnung von ı g Eiweiß auf ı Liter Wasser in der 
Regel schon im Stiche lassen. Demselben Forscher gelang es 
auch, die Eiweißstoffe der verschiedenen Vogeleier — abgesehen 
von denen ganz nah verwandter Vogelarten — voneinander zu 
unterscheiden. 

Noch bedeutungsvoller gestaltete sich die Heranziehung der 
serumdiagnostischen Methode zum experimentellen Nachweis der 
Blutsverwandtschaft zwischen Menschen- und Affengeschlecht. 


Die Abstammung höherer Lebewesen aus niederen gilt wohl 
unter Naturforschern als eine feststehende Tatsache, wenngleich 
auch die Ansichten über das „Wie“ dieser Entwicklung noch 
vielfach geteilt sind. Auch darüber, daß der Mensch als letztes 
Glied der Entwicklungsreihe an die Spitze der Säugetiere zu 
stellen ist und daß er den Affen am nächsten steht, herrscht 
wohl kaum ein Zweifel, denn die Anatomie, Morphologie, Ent- 
wicklungsgeschichte, Paläontologie und Phylogenie weisen alle 
darauf hin. 

Es ist nun von höchstem Interesse, daß durch Uhlenhuth 
ein neuer biologisch-chemischer Beweis für die nahe Verwandt- 
schaft zwischen Menschen und Affen erbracht wurde, der an 
Feinheit wohl nichts zu wünschen übrig läßt. Er geht dabei von 
einem Versuche aus, in dem das Blut eines Kaninchens, dem 
mehrmals Hühnerblut einverleibt wurde, bei Zusatz zu einer 
Hühnerblutlösung einen starken Niederschlag gibt, während alle 
zur Kontrolle verwendeten Blutlösungen der verschiedensten Tiere 
nach Hinzumischen dieses Serums völlig klar blieben. So kann 
man Hühnerblut von allen anderen Blutarten unterscheiden, und 
in analoger Form konnte Schweine-, Hunde-, Katzen- und auch 
Menschenblut erkannt werden — eine Methode, die von ver- 
schiedenen Kulturstaaten in die gerichtsärztliche Praxis eingeführt 
und in der Kriminalistik bereits wertvolle Aufschlüsse gegeben hat. 

Mit diesem Verfahren wurde schließlich von Uhlenhuth der 
wichtige Nachweis geliefert, „daß das Serum eines mit Menschen- 
blut vorbehandelten Kaninchens auch im Affenblut, sonst aber in 
keiner anderen Blutart einen Niederschlag erzeugt“ (S. 84). Damit 
war die Blutsverwandtschaft zwischen Menschen und Affen er- 
wiesen und, wenn man bei Versuchen mit verschiedenen Affen 
die Mengen des Niederschlags in Betracht zieht, so ergibt sich, 
daß der Mensch den Menschenaffen (Orang-Utang, Gorilla, Schim- 
panse) näher steht als den Hundeaffen, Meerkatzen und den Affen 
der neuen Welt, was ja auch sonst mit den auf ganz anderem 
Wege gewonnenen Auffassungen übereinstimmt. 

Zum Schlusse noch die Frage: Wie kommt es, daß uns das 
Lebewesen als chemisches Reagens oft wertvollere Aufschlüsse 
für die chemische Analyse gibt als das leblose Reagens der 
Chemie? 

Betrachten wir zunächst den einfachsten Fall, das einzellige 
Lebewesen, so zeigt eine nähere Überlegung, wie außerordentlich 


— 3053 _— 


günstig schon hier die Verhältnisse für chemische Reaktionen 
liegen. Schon in dem mikroskopisch kleinen Raume der dem 
freiem Auge unsichtbaren Zelle liegt eine große Summe ver- 
schiedener Stoffe bereit, nicht etwa kunterbunt durcheinander 
gemischt, sondern räumlich gesondert, aber doch auf dem Wege 
der Diffusion und Osmose einander zugänglich. Lösungen ver- 
schiedener anorganischer Körper, Säuren, Alkalien, Glykoside, 
Fette, Eiweißkörper, Fermente und noch viele andere Stoffe liegen 
auf einem mikroskopisch kleinen Punkt zusammengedrängt bei- 
sammen und überdies noch durch den kolloidalen Charakter der 
Zelle mit einer riesigen Oberfläche ausgestattet. So wie in einem - 
unsichtbaren Radiumatom eine gewaltige Energiemenge aufge- 
speichert ist, so erscheint hier in dem Mikrokosmos der lebenden 
Zelle ein mikrochemisches Laboratorium von wunderbarer Zu- 
sammensetzung .und Leistungsfähigkeit gegeben. 

Bei dem höheren Organismus kommt noch die chemische 
und Hand in Hand damit die physiologische Arbeitsteilung in 
Betracht; beim Tier treten spezifische Gewebe, Muskel, Nerven 
und Organe auf, die ihrerseits wieder mit so eigenartigen Reiz- 
barkeiten ausgestattet sind, daß das lebende Reagens die Natur 
der Stoffe durch ganz neue, dem leblosen Reagens fehlende 
Ausdrucksmittel verrät: zum Beispiel, wenn der Frosch auf ge- 
wisse Gifte durch ganz bestimmte Stellungen seiner Glieder ant- 
wortet und so ein höchst eigenartiges Vergiftungsbild darbietet; 
wenn das pulsierende Froschherz nach Einführung von Herzgiften, 
wie Digitalin urid Strophantin, stillesteht; wenn das Koffein den 
Skelettmuskel des Frosches in den Zustand der Verkürzung und 
Starre versetzt oder wenn das Atropin, in kleinster Menge 
angewendet, die Pupille des Katzen- und Menschenauges auf- 
fallend erweitert und das Physostigmin, Muskarin und Nikotin 
es verengt. 

In allen diesen Fällen spielt die Reizbarkeit der lebenden 
Substanz eine wichtige Rolle und sie ist es unter anderem, die 
dem Lebewesen in seiner chemischen Reaktionsfähigkeit gegen- 
über der Außenwelt einen so gewaltigen Vorsprung gewährt, daß 
es. die leblosen Reaktionsmittel in vielen Fällen nicht nur über- 
trifft, sondern sogar noch Aufschluß gibt, wo diese völlig ver- 
sagen. 


17 


[977 


in 


6. 


- 


IO. 


II. 


ee 


Literatur. 


. Fischer, E., Untersuchungen über Aminosäuren, Polypeptide und Proteine (1899 


— 1906). Julius Springer, Berlin 1906. Vgl. auch Oppenheim, €.: Handbuch 
d. Biochemie, I. Bd., S. 406. 


. Engelmann, Th. W., Neue Methode zur Untersuchung der Sauerstoffausscheidung 


pflanzlicher und tierischer Organismen. Bot. Ztg., 1881, S. 441. 


. Beijerinck, M. W., Les bacteries lumineuses dans leur rapports avec l’oxygene. 


Extrait des Archives Neerlandaises. T. XXIII, S. 416—427 (1889). 


. Molisch, H., Leuchtende Pflanzen. 2. Aufl.,, Jena ıgı2, S. 125—126. 


— Über Kohlensäure-Assimilationsversuche mittels der Leuchtbakterienmethode. 


Bot. Ztg., 1904. 


. Gosio, B., Arch. Ital. de Biologie, 1892. Bd. ı8, S. 253. Die übrige Literatur 


in F. Lafar’s Handbuch der technischen Mykologie, I. Bd., S. 294—295. 


Nägeli, C. v., Über oligodynamische Erscheinungen in lebenden Zellen. Denk- 
“schrift d. schweizer. naturforschenden Ges. Bd. XXXIH. I. 1893. S. auch Bot. 


Ztor, LIEGT 


. Czapek, F., Biochemie der Pflanzen. 2. Aufl., 1913, Bd. I, S. 178 ff. 


Molisch, H., Die Ernährung der Algen. I. Abhand. Sitzber. d. k. Akad. d. 
Wissensch. in Wien. Mathem.-naturw. Kl. Bd. CIV, Abt. I, 1895, S. 789. 


. Pasteur, L., Compt. rend. de l’Acad. 1858, Bd. 46, S. 615; 1860, Bd. 51, S. 298. 


Vgl. auch Lafar, F.: Handbuch d. techn. Mykologie. I. Bd., S. 430, Jena 
1904— 1907. 
Omeliansky, W., De la methode bacteriologique dans les recherches de chimie, 
Extrait des „Archives des sciences biologiques“. T. XII, Nr. 3, 1906. 
Molisch, H., Über den Einfluß des Tabakrauches auf die Pflanze. I. Teil. 
Sitzber. d. kais. Akad. d. Wissensch. in Wien. Bd. CXX. Abt. I. ıgı1. 


S. 3. I. Teil ebenda, S. 813. 


‚ Richter, ©., Über den Einfluß verunreinigter Luft auf Heliotropismus und Geo- 


tropismus. Ebenda 1906. Bd. 115, S. 265 und ıgı2, Bd. 121, S. 1183. 


. Fühner, H., Nachweis und Bestimmung von Giften auf biologischem Wege. 


Berlin, Wien 1911. 


. Mez,C. u. Gohlke, K., Physiologisch-systematische Untersuchungen über die Ver- 


wandtschaften der Angiospermen. Beitr. z. Biologie d. Pflanzen. XI. Bd., 
1914, S. 155. Vgl. auch das Referat darüber von Magnus, W., Zeitschr. f. 


Botan., 1914. S. 849. 


;: Uhlenhuth, Das biologische Verfahren zur Erkennung und Unterscheidung von 


Menschen- und Tierblut usw. Jena 1905. 


- Autoren-Verzeichnis. 


Abbe 94. 

Apelt 127, 129. 
Aristoteles 130. 
Arrhenius, S. 140, I4I, 225. 
Aschkinaß 146. 
Balthasard 146. 
Bardeleben, K. v. 8. 
Bartels 169. 

Bartetzko 127, 129. 

Bary, de 106. 

"Baumann 146. 

Baur, E. 94, 197. 
Becquerel, P. 142, I9I, 192. 
Beijerink 293. 

Bernard, C. 74. 

Boehm, J. 241. 

Bokorny, Th. 184. 
Bonnet 284. 

Bonnier, G. 212, 213, 241. 
Bostock, J. 219. 

Bouchard 146. 

Braun, A. 284. 

Brücke, E. v. 102. 

Bruyn, de 103. 

Burbank 205. 


Burgerstein, A. 188. 


Caesalpin 284. 
Camerarius 175. 
Carriere 261. 

Caspari 146. 

Caspary 125. 

Gohn, ER. 16,105, 237: 
Combes, R. 212. 
Collon, A. 9ı. 

Curie 144. 

Czapek 304. 


Danysz 146. 
Darwin, Ch. 
bis 289. 


102, 279, 286 


Molisch, Populäre biologische Vorträge. 


Dauphin 147. 
Delpino 236. 
Detmer 121. 
Dioscorides 222. 
Dixon 146. 

Dan 232. 

Dorn 146. 

Dove 130. 
Drude 223. 
Dubois, R. 62. 
Du Bois-Reymond 143. 
Dunbar 219. 
Dusch 132. 
Dutrochet 282. 


Ehrenberg 104, 105, 212, 224. 
Engelmann 292—293. 
Errera, L. 99, 100. 

Ewert 203, 204, 205. 


Fayden, A. Mac 214. 
Fischer, H. W. 129. 
Fischer, E. -292. 
Fitting, H. 259. 
Flammarion 137. 
Friedberger 146. 
Friedenthal 301. 
Frosch 93, 94. 
Fühner 298. 


Gager 148. 

Gaidukov, N. 96, 97, 103, 
104. 

Goebel 283, 284.. 

Goethe, W.v. I, 279. 

Göppert 12I, 125. 

Goldberg 146. 

Goring 87. 

Gosio 294. 

2. Aufl. 


Grimm, J. 265. 
Gruner, P. 144. 


Häckel, E. 100, 135. 
Hampson, W. 266. 
Hansen, A. 213. 281. 
Harvey, N. E. 62. 
Hegel 281. 
Heidenhain, M. 102. 
Helmholtz, H. v. 4, 138, 
140. 
Hellriegel 178. 
Helmont, v. 131. 
Henslov, G. 206. 
Hertwig, ©. 102. 
Hildebrand 188, 256. - 
Hoffmann 146. 
Hooke, R. 131. 


Hufeland, C. W. 247, 253. 


Humboldt, A. v. 64, 249. 
Hunger 95. 


Irmscher 186. 


Jäger 103. 

Jansen 150. 

Johannsen, W. 74, 75, 84. 
Junghuhn 173. 


Kalvin 138, 140. 

Knight 261. 

Kny, L. 260. 

Koch, R. 10. 

Kochs, 191 

Körnicke 146, 147. 
Krausı@r 235, 236,237. 


Kreidl, A. 108. 


Kubialko 182. 


Lamarck 235. 


Lavoisier 292. 


Leeuwenhoek 99, I31, 132. 
20 


Leick, E. 236. 
Liebenberg, V. v. 187. 
Liebig 292. 

Lindley 282. 
Lindemuth 94, 263. 
Lobb 252. 

Loew, O. 184. 

Löffler 93, 94- 
Löwenthal 146. 
London 146. 


Magnus 301. 

Martius, v. 279,-280, 282. 

Matruchot, L. 212. 

Matsamura 47. 

Metschnikoff, E. 247. 

Mer 261. 

Meyer, O.C. 103. 

Mez 127, 128, 301. 

Miehe, H. 238. 

Migula 106. 

Miquel, P. 213. 

Mohnike 174. 

Molisch, H. 20, 69, 75, 84, 
92, 128, 142, 150, 158, 
162,072, 278,182, 101, 
199, 203, 205, 210, 225, 
229, 233, 236, 245, 254, 
279, 293: 

Mouton, H. 91. 

Müller, HB. 74, 
203,0720441273. 

Müller, J. 11. 

Münter 188. 

Myioshi 47. 


1220126, 


Nägeli, C. v. 100—-104, 125, 
135, 136 294, 295. 

Needham 132, 

Nestler, A. 187, 210, 213, 
237 254. 

Neumann, A. 108, 


306 
Newton, J. 9, IO. 
Nocard 93. 


Omeliansky 146, 296. 


Pasteur 133—135, 210,277, 
295. 

Peter, A. 190, 

Pfeffer, W. 126, 128. 

Pfeiffer 93, 146. 

Pflüger 136. 

Pouchet 277. 

Preyer, W. 139, ı81, 182. 

Pritchard 87. 

Pütter, A. 182, 


Queckett, J. 87. 


Radziszewski 61. 
Raehlmann, E. 96, 97. 
Reichart, Chr. 258. 
Reichert, K. 88, 105, 106. 
Treinke,j.2137- 

Richards 241. 

Richter, H.E, 137, 140. 
Richter, ©. 297. 

Röntgen 267. 

Rutherford 145. 

Roux 93, IO2. 


Sachs, J. v- III, 120, 125. 
Saito, K. 213. 
Sales-Guyon de Montliveult 
137: 
Schaffnit 126, 127, 129. 
Schelling 281. | 
Schimper, K. F. 284. 
Schneider-Orelli, D. 275, 
276. 
Schröder, G. 186, 187. 
Schröder 132. 
Schultz-Lupitz 178. 


.————o 


Schulze 132. 
Schuster, M. 224. 
Schwann 132. 
Selander, N. E. 213. 
Siedentopf, H., 86—88, 96. 
Soddy 145. 
Spalanzani 132. 
Spencer 102. 

Stich 241. 
Stillmark 298. 
Stöhr, A. 130. 
Stoklasa 155, 156. 
Sueß, E. 109. 


Theophrast 131. 
Tieghem, v. 106, 
Tschirch, A. 169. 


Uhlenhuth 301, 302. 
Unger, F. 188, 208, 212. 


Valentiner 146. 
Verworn 140, 182, 
Virchow, R. 9. 
Voigtländer 127, 129. 
Vries, H. de 102, 261. 


Wallace, A.R. 21. 
Warming 105. 
Weismann, A. Io2, 248. 
Wiesner, J. [102—104, 143, 
170, 238, 269, 289. 
Wigham 146, 
Wilfarth 178. 
Winkler, F. 155. 
Winkler, H. 260. 
Wittmack, L. 189. 
Woronin 178. 


Zellner 280. 
Zeno 278, 
Zsigmondy, R. 86, 96. 


Seite 4, 


” 


9, 
18, 


19, 


Berichtigungen. 


Zeile ı9 von oben: statt Meta lies Meta- 


13 
4 
“ 


16 


„ 


et 


, 


„ 


unten: 


statt Meterologie lies Meteorologie 
statt Mammuth lies Mammut 

statt schöner Blüten lies: an schönen 

Blüten 

statt Kopfhaare, wie dies sonst in China 
allgemein üblich ist, nicht rasieren, lies: 
Kopfhaare nicht, wie diessonst in China - 
allgemein üblich ist, rasieren. 


statt weise lies weiße 


statt nnd lies und 

statt zadica lies zudıca 
statt Eis lies Wasser 
statt trockne lies trockene 


Im 


3 5185 


B EB RHR RE ; ERBERE 
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